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💥 Webinar (03.11.2021): ERWACHE ODER ERLEIDE - die Positiven Aspekte des Wandels

01 Einleitung

Einleitung

Max Retschlag (1934)

Alchemie – verrufenes Wort, und doch umwoben von geheimnisvollem Schimmer, nichtssagend für die einen, ein leerer Klang, oder mit überlegenem Lächeln abgetan, weckt es anderen im Geiste die Vorstellung versteckter Gewölbe, wo im aufzuckenden Feuerschein seltsamer Öfen dunkle Gestalten mit absonderlichem Gerät hantieren, wo Adepten im Schein des kümmerlichen Öllämpchens über schwere Folianten brütend, die mystisch verschleierten Anweisungen suchen für ihr heimliches Tun, für die Lösung des Welträtsels, für die Ergründung des großen Geheimnisses vom Leben. Längst schon glaubte man sie verschwunden, die Alchemie, jene Kunst, die sich als Wissenschaft gebärdete, die den Menschen alle so heiß begehrten Schätze irdischer Glückseligkeit gewähren wollte, ein langes Leben in steter Jugendfrische und unerschütterlicher Gesundheit, unerschöpflichen Reichtum mit Ansehen und Macht und den sanften, unmerklichen Übergang in das andere Dasein.

Das Zeitalter der Aufklärung hatte sie von der Weltbühne verdrängt, von der Wissenschaft verachtet, verbannte man sie in die Rumpelkammer der Menschheit, dorthin, wo sich in buntem Durcheinander alle die überwundenen Torheiten häufen, Gespensterspuk und Dämonenglaube, Hexenwahn und Teufelskult.

Was ist Alchemie, was sind Alchemisten?
Sucht man die Beantwortung dieser Frage in einem Lexikon, das als Niederschlag derzeitigen Wissens gelten kann, wo wird man dem Sinne nach kurz das folgende finden: Alchemisten waren Leute, deren Bestreben darauf gerichtet war, den Stein der Weisen zu erzeugen. Diese geheimnisvolle Substanz sollte die Eigenschaft haben, die sogenannten unedlen Metalle in edle, das heißt Gold und Silber zu verwandeln, indem davon eine kleine Menge auf ein in Fluss stehendes geringes Metall geworfen wurde. Weiter wurde dieser Substanz die Fähigkeit zugeschrieben, eine Universalpanazee für die menschlichen Krankheiten zu sein, auf den Organismus heilend, stärkend und verjüngend einzuwirken. In der Hauptsache bedeutet Alchemie die Kunst der Metallverwandlung, doch ist den Alchemisten eine derartige Umwandlung niemals gelungen.

Die Alchemie ist ebenso, wie ihr Stein der Weisen gleichbedeutend mit Aberglaube, Unwissenheit und Betrug. Es ist ein vernichtendes Urteil, das damit von berufener Seite über die Alchemie gefällt wird, und es ist maßgebend für die Allgemeinheit. Und doch ist es ein Fehlurteil, das auf Oberflächlichkeit und Unkenntnis beruht. Einmal sind Beweise für gelungene Metallumwandlungen auf Grund geschichtlicher Berichte und einwandfreier Zeugnisse genügend vorhanden. Sie ableugnen, hieße alle beglaubigten geschichtlichen Geschehnisse ableugnen, weil Augenzeugen dafür nicht mehr am Leben sind. Zum anderen aber ist das, was damit verurteilt wird, das, was von der Öffentlichkeit verschwinden musste, nicht die eigentliche, die wahre Alchemie, sondern deren Zerrbild, eine Alchemie, die sich den Namen Alchemie anmaßte und unter ihm ihr Unwesen trieb. Für diese falsche Alchemie gibt es nur ein Ziel, die Metallumwandlung, sie führt weiter ein heimliches Dasein in den Versuchen von Phantasten, und sie ist es, die von Betrügern zu deren Gaunereien benutzt wird.

Heute ist man überall wieder eifrig am Werk, das heißersehnte Ziel der Metallumwandlung zu erreichen. Unter Berücksichtigung moderner Theorien, nach denen radioelektrische Phänomene die Ursache für eine spontane Änderung im Aufbau der Atome und damit auch für die Metallumwandlung sind, glaubt man den Weg gefunden zu haben, der zum Ziele führt, hofft man, der Alchemie ihr großes Geheimnis vom Stein der Weisen entreißen zu können. Die wahre Alchemie kennt weder Rückschritt noch Fortschritt, stets sich gleichbleibend ist sie, die sie war, die sie sein wird.

Alchemistische Schriften und damit die Alchemie wurden im Abendland erst zur Zeit des frühen Mittelalters bekannt. Es waren lateinische Übersetzungen griechisch-arabischer Werke, die das große Meisterwerk der Alchemie behandelten, dessen Beschreibung von theosophischen und philosophischen Betrachtungen umrahmt wurde. In diesen Schriften finden sich nun auch Hinweise auf die Möglichkeit der Metallumwandlung mit Hilfe einer Substanz, die durch das große Werk zu erlangen ist. Bald entstanden Gerüchte von Umwandlungen geringer Metalle in Gold und Silber, die einzelnen geheimnisvollen Adepten gelungen sein sollten. Solche Gerüchte mehrten sich, sie wurden begierig aufgenommen und weiterverbreitet, und sie wurden der Anlass, dass sich seuchenartig ein allgemeines Goldfieber ausbreitete, welches das ganze Mittelalter hindurch anhielt, und das auch heute noch nicht völlig zum Erlöschen kam. Durch eifriges Experimentieren mit allen möglichen und unmöglichen Stoffen, auf die scheinbar in den Schriften der Adepten hingewiesen wurde, suchte man hinter das Geheimnis des in Gold verwandelnden Stoffes zu kommen. Bescheidenere hofften durch ihre Arbeiten wenigstens ein sogenanntes Partikular auffinden zu können, das nur für einige Metalle diese wertvolle Eigenschaft aufweisen sollte, oder ein wirksames Elixier gegen Krankheiten zu entdecken, da nach den Angaben der Adepten das metallumwandelnde Elixier zugleich ein unübertreffliches Heilmittel sein sollte.

Viele der Großen des Reiches, durch Kriege, Prunkliebe und andere kostspielige Gewohnheiten gezwungen, nach immer neuen und ergiebigen Einnahmequellen Ausschau zu halten, widmeten sich mit Eifer dieser vielversprechenden Kunst. Ihnen nach tat es das Volk, Edelmann, Bürger und Bauer, von denen viele durch die kostspieligen Versuche verarmten und auch völlig an den Bettelstab gebracht wurden.

Auch in der damaligen Zeit gab es unternehmende Leute, spekulative Köpfe mit elastischem Gewissen, die es verstanden, „die Konjunktur auszunutzen“. Sie gaben sich den Anschein erfahrener Alchemisten, und wussten durch geheimnisvolles Gebaren, durch phantasiereiche Erzählungen mit allerlei mystisch scheinendem Unsinn Aberglaube, Unkenntnis und Goldgier ihrer Zeitgenossen auszubeuten. Anfangs waren sie vereinzelt, bald aber tauchten überall derartige „Alchemisten“ auf. Sie verkauften unfehlbare Rezepte für die golderzeugende Tinktur, die sie auf die sonderbarste und geheimnisvollste Weise erlangt haben wollten, die selbst auszuarbeiten sie aus allen möglichen Gründen verhindert waren, oder deren Wert die Geschickteren von ihnen wohl auch mit Hilfe von Taschenspielerkünsten erwiesen. Andere ließen sich von größeren und kleineren Herren in Sold nehmen, wobei sie es meisterhaft verstanden, ein angenehmes Leben zu führen, einen nicht zu geringen Teil des angeblich zu ihren Arbeiten nötigen Goldes und Silbers in ihre Tasche fließen zu lassen, und die nach Erfolg Begierigen durch immer neue und verblüffende Ausreden und Schwindeleien hinzuhalten. Das planlose Experimentieren nannte man ebenso, wie die betrügerischen Manipulationen fälschlicherweise Alchemie, die Betrüger hießen Alchemisten, ihre Gehilfen Laboranten, und der unberechtigten Benennung ist es zu danken, dass man noch heute unter Alchemie jene angebliche Goldmacherkunst versteht, der das Odium der Gaukelei und des Betruges anhaftet.

Wohl wehrten sich die wahren Eingeweihten in die hohe Kunst der Alchemie, die Adepten, gegen solchen Missbrauch des Namens Alchemie (Adept, vom lateinischen adipisci, ist einer, der das höchste Ziel der Alchemie erreichte). So schrieb Alexander von Suchten: „Derentwegen sind wir nicht Goldmacher, sondern Arzt, so wir Alchimisten brauchen, den armen Kranken und der Barmherzigkeit willen, damit zu dienen von GOTT verordnet, dass wir deren große Not betrachten, und angelegen sein lassen. Dass die göttliche Kunst der Alchemie von bösen Buben, deren jetzt die Welt voll ist, Betrug und Arglistigkeit wegen, damit sie hoch und niedriges Standes Personen ansetzen, in großen Verachtung geraten ist, als wäre diese GOTTES Gab allein Trügerei, was geht das uns an ? Es ist uns leid, dass man das missbraucht, was uns zur Wiederbringung und Erhaltung des Menschen Gesundheit von GOTT geoffenbart worden.“

Die Erfindung der Buchdruckerkunst ermöglichte es, Werke über die Alchemie, die Vordern als Handschriften sehr kostbar waren, verhältnismäßig wohlfeil und in größeren Mengen zu verbreiten. Die Werke fanden überall sehr guten Absatz, und so entstand bald eine umfangreiche Alchemistische Literatur, die hauptsächlich den Kern der Alchemie, das große Werk, zum Inhalt hatte. Das eingehende Studium dieser Werke, soweit sie noch vorhanden sind, lässt erkennen, dass ihre Verfasser zum großen Teil Eingeweihte gewesen sind, und dass vom sechszehnten bis achtzehnten Jahrhundert eine beträchtliche Anzahl solcher Kenner gelebt haben muss.

Während aber die frühen Alchemistischen Schriften bei allen gebotenen Umschreibungen in ihrer Ausdrucksweise verhältnismäßig einfach sind, werden die späteren immer verworrener und schwerverständlicher; obwohl auch bei diesen vielfach ein wahrer Kern erkennbar ist. Man kann wohl nicht mit Unrecht daraus schließen, dass diese Schreibweise eine absichtliche war, ebenso wie auch die zunehmende Menge solcher Schriften nicht allein in dem guten Absatz ihre Erklärung findet. Auffallend ist weiter, dass in allen den einschlägigen Schriften die Metallverwandlung als das Wesentliche erscheint, und dies sollte wohl auf eine falsche Fährte führen, während das andere die Menge vom vergeblichen Experimentieren abschrecken sollte, um dem Missbrauch der Alchemie und ihres Namens eine Ende zu machen.