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04 Das alchemistische Problem nach dem heutigen Stande der Forschung

Das alchemistische Problem nach dem heutigen Stande der Forschung

Franz Sättler  (Dr. Musallam) (1922)

Moderne Ideen in der mittelalterlichen Alchemie.
Ich weiß nicht, ob es mir in meinem Dialoge mit dem Adepten, in den Anmerkungen zu den Kunstwörtern und in der Auswahl der Stellen aus alchemistischen Werken wirklich wie ich wünschte, gelungen ist, dem geneigten Leser einen so tiefen Einblick in die philosophische Naturauffassung der gelehrten Geister jener Zeit zu verschaffen, dass ihm gewiss geradezu modern anmutende Ideen daraus von selber in die Augen sprangen. Auf jeden Fall will ich nun versuchen, dieselben hier noch einmal besonders hervorzuheben und deutlicher zu machen.

Voranzustellen ist da zweifellos der so wichtige Begriff des „Lebens“, den jene Alchemisten in einem viel weiteren Sinne fassten, als unsere ,,exakten“ Wissenschaftler des verflossenen und zum Teil auch noch des laufenden Jahrhunderts; ihnen bildeten Tier-, Pflanzen- und Mineralreich nur drei verschiedene Stufen in der allbelebten Natur; sie kannten und anerkannten noch nicht die scharfe Scheidung zwischen organischer und anorganischer, zwischen belebter und toter Materie. Tiere und Pflanzen, die wachsen und sich vermehren, tragen den Samen dazu in sich, ergo müssen auch die Metalle „gewachsen“ sein, müssen eine Art Samen enthalten und durch künstliche Nachhilfe hervorgebracht und vermehrt werden können. Man wolle nicht dagegen einwenden, dass wir ja auch Tiere und Pflanzen nicht künstlich hervorbringen können. Dazu sind wir freilich nicht imstande, aber wir können sie züchten und veredeln und mehr wollte auch der Alchemist mit seinem Stein der Weisen nicht erzielen.

Nicht minder interessant ist, dass man, ausgehend von dieser Grundanschauung, schon damals eine Art Entwicklungstheorie für die Mineralien und Metalle ausgebildet hatte; und zwar eine, in der die Eigentümlichkeiten der später für Menschen, Tiere und Pflanzen aufgestellten Darwinschen Theorie und des biogenetischen Grundgesetzes von Häckel vereinigt sind. Laut derselben stellen die Mineralien und Metalle verschieden hoch entwickelte Formen eines Naturreiches dar, an dessen Spitze die Edelsteine und Edelmetalle stehen. Blei und Gold unterscheiden sich also nur dadurch, dass die Entwicklung des Ersten auf einer niedrigeren Stufe unterbrochen worden ist, während das Zweite unter günstigeren Bedingungen sich bis zur Vollkommenheit entwickeln konnte. Diese günstigeren Bedingungen sucht nun die Alchemie künstlich zu schaffen und die Entwicklung von dem Punkte aus fortzusetzen, wo die Natur sie aufgegeben hat.

Zu diesen beiden Absätzen ist zu bemerken, dass die neuesten Forschungen z. B. auf dem Gebiet der Kristallographie, die Entdeckung der flüssigen Kristalle, die sich ganz ähnlich verhalten, wie primitive einzellige Lebewesen, und manche andere, schon viel dazu beigetragen haben, die so lange hartnäckig festgehaltene Überzeugung von der wesentlichen Verschiedenheit des „belebten“ und „unbelebten“ Stoffes zu erschüttern, die Grenze zwischen beiden zu verwischen und der neuen (wie so viele andere neuen Erkenntnisse aber eigentlich uralten) Erkenntnis Bahn zu brechen, dass die Natur aller Dinge nur eine sei und die physiologischen Vorgänge von den chemischen (und diese, möchte ich noch auf eigene Verantwortung hinzufügen, von den mechanischen) sich nicht wesentlich, sondern bloß nach dem Grade ihrer Kompliziertheit unterscheiden. Das soll jedoch nicht etwa dahin zielen, den Begriff des Lebens überhaupt zu entthronen, sondern im Gegenteil ihn zu verallgemeinern und zu vertiefen.

Die alchemistische Entwicklungstheorie setzt nun aber natürlich eine wirkende Urkraft voraus, die diese Entwicklung veranlasst, und einen Urstoff, auf den sie dabei einwirkt, Urkraft und Urstoff, die im philosophischen Sinne nur verschiedene Erscheinungsformen sind, des Einen, allein wirklich Seienden, d. h. der Gottheit, welche die Monisten unserer Tage auf den zweifellos besser klingenden Namen „Substanz“ umgetauft haben. Urkraft und Urstoff sind daher unzertrennlich; sie existieren beide vom Weltenbeginn an, eines durch das andere, insofern, der Stoff ohne die Kraft nicht hätte in die Erscheinung treten, die Kraft aber ohne den Stoff nicht hätte zur Wirksamkeit gelangen können. Der Alchemist, der nach der Materia prima sucht, muss also zugleich die Vis prima im Auge haben; erlangt er jenen, so gebietet er zugleich auch über diese, die, zwar sinnlich nicht wahrnehmbar, aber doch in ihren Wirkungen deutlich erkennbar, in dem Stoffe verborgen ist.

Fassen wir also zunächst den Urstoff näher ins Auge. Der Weg zu demselben ging, nach dem damaligen Stande der Wissenschaft, von den aristotelischen vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer aus, für welche die spätere Chemie nur mehr ein mitleidiges Lächeln übrig hatte. Letzteres jedoch sehr mit Unrecht. Weil die gewöhnliche Erde, das gewöhnliche Wasser, die gewöhnliche Luft und das gewöhnliche Feuer den Anforderungen, die man seit Lavoisier an ein „Element“ stellte (Unzerlegbarkeit durch chemische Mittel), nicht erfüllte, so glaubte man Aristoteles eines naiven Irrtums beschuldigen zu dürfen. In Wirklichkeit verhält sich das aber ganz anders und gilt für die vier aristotelischen Elemente dasselbe, wie für den Sulphur und Merkur der Weisen; es sind gar nicht die gewöhnlichen darunter zu verstehen, sondern vielmehr die Träger dessen, was wir heute die vier „Aggregatzustände“ nennen: des festen, flüssigen, gasförmigen und ätherischen. Und nun wird man gewiss zugeben, dass in dieser Auffassung auch die alchemistischen vier Elemente ganz modern anmuten.

Das Feuer ist demnach der höchste und feinste Zustand der Materie, und sein Wesen äußert sich, wie die Erfahrung lehrte, in Wärme und Licht. Wollte also der Alchemist die Materia prima darstellen, so musste er versuchen, den Rohstoff, mit dem er arbeitete, in den ätherischen Zustand überzuführen und dies konnte nur durch eine konstante, langsam wirkende Wärmezufuhr geschehen. Damit ist Wesen und Zweck jener Arbeit, die man die‘ Sublimation nannte, vollkommen erklärt. Freilich wurde dabei der reine ätherische Zustand niemals erreicht, sondern nur ein angenäherter; denn im reinen ätherischen Zustand ist alle Materie einheitlich und mit dem identisch, was wir als Licht wahrnehmen. So lehrten die Alchemisten und einzelne, besonders kabbalistische Philosophen, und auf diese alte Weisheit sind endlich auch die modernen Forscher wieder zurückgekommen. Moses Maimonides z. B. nennt an einer Stelle seines berühmten Hauptwerkes „More Nebuchini“ die rohe Materie, aus welcher die Körper der sichtbaren Welt bestehen, geradezu „verdunkeltes Licht“. Und der berühmteste Chemiker der Gegenwart, E. Rutherford, stellte, wenn auch allerdings mit der den exakten Wissenschaftler kennzeichnenden Zaghaftigkeit, die Hypothese auf, dass das Licht nicht nur mit dem Urstoff identisch sei, sondern sogar die Auflösung des Stoffes in Kraft darstelle und dass unter gewissen Bedingungen Stoff in Kraft und Kraft in Stoff umgesetzt werden können.

Mich über diesen hochinteressanten Punkt hier ausführlicher zu verbreiten, hieße jedoch, dem Gang der Abhandlung vorgreifen. Diese neuesten Entdeckungen und Hypothesen sind Ergebnisse der Forschungen über Radioaktivität, und bis zu dieser haben wir noch ein gutes Stück Weges vor uns.

Die Lehre von den Elementen im 19. Jahrhundert.
Wir wollen nun zunächst dort wieder anknüpfen, wo wir am Schluss des 1. Teiles über „Wesen und Geschichte der Alchemie“ stehen geblieben sind.

Dort haben wir gehört, wie Robert Boyle in der Mitte des 17. und nach ihm, im 18. Jahrhundert, Lavoisier die neuere Anschauung von den chemischen Elementen begründeten, die dann durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch Geltung behielt und zu der modernen Lehre von den Molekülen und Atomen ausgebaut wurde. Ihre Entwicklung im Einzelnen zu verfolgen, würde zu weit führen; wir müssen uns schon damit begnügen, sie in ihrer letzten Phase zu betrachten, kurz vor der umwälzenden Entdeckung der Radioaktivität. Denken wir uns eine Probe des früher (wenn auch nur auf Grund eines Missverständnisses der aristotelischen und alchemistischen Lehre) als „Element“ betrachteten Wassers einer fortgesetzten Teilung in immer kleinere und kleinere Tröpfchen unterworfen, so gelangen wir schließlich zu kleinsten Wasserteilchen, die auf mechanischem Wege durchaus nicht weiter teilbar sind. Diese nennen wir Moleküle. Die gleiche Erfahrung machen wir aber auch bei anderen Stoffen: Salz, Glas, Kampfer, Eiweiß etc. Moleküle sind also die kleinsten, mechanisch nicht weiter teilbaren Teilchen der Stoffe.

Greifen wir nun ein solches Wassermolekül heraus und setzen es der Einwirkung des elektrischen Stromes aus, so zerfällt es in drei noch kleinere Teilchen, die aber nicht mehr Wasser und nicht mehr flüssig sind, sondern gasförmig und zwar zwei gleichartig, das dritte von ihnen verschieden. Jene beiden sind Wasserstoff, dieses Sauerstoff. Solche allerkleinsten, auf chemischem Wege erzielten Teilchen die man nun für durchaus nicht mehr weiter zerlegbar hielt, nennen wir Atome. Auf dieselbe Weise lässt sich ein Molekül Salz in 1 Atom Natrium und 1 Atom Chlor, Glas in 2 Atome Kalium, 1 Atom Blei, 6 Atome Silizium und 14 Atome Sauerstoff, Kampfer in 10 Atome Kohlenstoff, 16 Atome Wasserstoff und 1 Atom Sauerstoff, Eiweiß in 72 Atome Kohlenstoff, 112 Atome Wasserstoff, 1 Atom Schwefel, 18 Atome Stickstoff und 22 Atome Sauerstoff zerlegen. Atome sind also die kleinsten, chemisch nicht weiter zerlegbaren Teilchen der Stoffe. Damit war aber zugleich die Einteilung der Stoffe in zwei große Klassen gegeben: zusammengesetzte, deren Moleküle aus verschiedenartigen, und einfache, deren Moleküle aus gleichartigen Atomen bestehen. Jene nannte man chemische Verbindungen, diese hingegen Elemente. Und zwar waren es immer dieselben Elemente: Wasserstoff, Chlor, Blei, Gold etc., die in allen chemischen Verbindungen Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Kalium, Natrium wiederkehrten. In ihnen glaubte man also die Grundstoffe und in den Atomen die Bausteine der Natur entdeckt zu haben. Bald kam auch der Gebrauch von Formeln für die chemischen Verbindungen auf, indem man den Abkürzungen der lateinischen Namen der Elemente die Zahl der Atome beifügte, durch welche sie in ein Molekül des betreffenden Stoffes vertreten sind. Die Formeln lauten z. B. für Salz. NaCl, für Glas: K2PbSi6O14, für Kampfer: C10H16O, für Eiweiß: C72H112SN18O22.

Nun machte die chemische Wissenschaft rasche Fortschritte. Zunächst gelang es, das Gewichtsverhältnis der Atome der verschiedenen Elemente untereinander zu erforschen, indem man, von dem Wasserstoffatom, als dem leichtesten ausgehend, feststellte, wievielmal die Atome der übrigen Elemente schwerer sind als jenes. Die Zahl, welche dieses Vielfache angibt, heißt das Atomgewicht, und man nahm an, dass dieses geradezu das Charakteristikum für das Element bilde und seine chemischen Eigenschaften bestimme. So ist ein Atom Kohlenstoff 12mal, ein Atom Stickstoff 14mal, ein Atom Natrium 23mal, ein Atom Silizium 28mal, ein Atom Schwefel 32mal, ein Atom Chlor 35mal, ein Atom Kalium 39mal, ein Atom Silber 107mal, ein Atom Gold 197mal schwerer als ein Atom Wasserstoff.

Inzwischen war auch die Zahl der vermeintlichen Elemente von Jahr zu Jahr gestiegen. Im Jahre 1903 kannte man ihrer bereits 70, die, nach ihren Atomgewichten geordnet, in der nachstehenden Tabelle verzeichnet sind. Die erste Rubrik enthält die Ordnungszahl, die zweite den im Deutschen gebräuchlichen Namen, die dritte die in den Formeln übliche Abkürzung der lateinischen Bezeichnung und die letzte das Atomgewicht, auf Zehntel reduziert.

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An dieser Aufstellung wird dem Leser vielleicht auffallen, dass manche Elemente doch nicht genau dem ihrem Atomgewicht entsprechenden Platz einnehmen; so müsste z. B. A mit 39,9 hinter K mit 39,1; Co mit 58,9 hinter Ni mit 58,6; Te mit 127,5 hinter J mit 126,9 stehen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Atomgewichte dieser Elemente unrichtig bestimmt waren und man dann, nach ihrer Richtigstellung, die einmal angenommene Reihenfolge nicht mehr ändern wollte. Die Aufstellung dieser Tabelle führte jedoch bald zu einer neuen, wichtigen Entdeckung. Wenn man sie nämlich durchging, indem man zugleich den chemischen Charakter der Elemente untereinander verglich, so stellte sich heraus, dass Elemente mit ziemlich ähnlichen Eigenschaften in regelmäßigen Abständen wiederkehren, z. B. die sogenannten Edelgase Helium (2.), Neon (10.), Argon (18.), Krypton (36.) und Xenon (53.) oder die Schwermetalle Kupfer (29.), Silber (46.) und Gold (64.) u. Ä.

Auf diese Beobachtung gründete Dimitri Mendeiejeff bereits im Jahr 1869 sein periodisches System der Elemente. Allerdings war und blieb dasselbe zunächst noch sehr unvollkommen, aber seine Unvollkommenheiten und Unregelmäßigkeiten waren leicht dadurch zu entschuldigen, dass man eben mit einer ganzen Anzahl noch unbekannter Elemente rechnen musste. Waren diese erst entdeckt und an den gehörigen Stellen eingereiht, so würden sie das Bild in überraschenderweise vervollständigen. Ja man konnte sogar bereits im Vorhinein angeben, wie viele ungefähr und an welchen Stellen diese Elemente fehlen, und wenn man diese Plätze einstweilen freiließ, so ergab sich die auf der graphischen Darstellung des periodischen Systems, in welcher die Elemente auf der Spirale nach ihren Atomgewichten, durch die Radien aber nach ihrer chemischen Verwandtschaft geordnet erscheinen.

Man wird gewiss begreifen, dass die neue Lehre von den Elementen nicht danach angetan war, die Frage nach der Materia prima, nach dem Ur- und Grundstoff der sichtbaren Welt zu beantworten oder wenigstens zum Schweigen zu bringen. Im Gegenteil: je mehr durch fortwährende Neuentdeckungen die Zahl der vermeintlichen Elemente anwuchs, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass sie wirklich die Grundstoffe und ihre Atome die letzten Bausteine der Natur bilden sollten. Lediglich von dieser Erwägung ausgehend hatte daher bereits im Jahre 1815 der englische Arzt W. Prout eine neue Hypothese aufgestellt, laut welcher der Wasserstoff, als das Element mit dem kleinsten Atomgewicht, die Urmaterie darstellen und alle Atome der schwereren Elemente aus mehreren ganzen Wasserstoffatomen zusammengesetzt sein sollten. Ob und inwieweit sich die Prout’sche Hypothese in der Folge bewährte, werden wir alsbald sehen.

Die Entdeckung der Radioaktivität und ihre Folgen.
Bereits vor mehreren Jahrzehnten hatte der französische Physiker Becquerel festgestellt, dass Präparate aus dem schwersten aller Elemente, dem Uran (A. G. 238.2) drei wichtige Eigentümlichkeiten besitzen, nämlich 1. die photographische Platte zu schwärzen, 2. fluoreszierende Substanzen zum Aufleuchten zu bringen und 3. die umgebende Luft elektrisch leitend zu machen. Weitere Untersuchungen durch Herrn und Frau Curie ergaben, dass jene Wirkungen auf eine unsichtbare Strahlung zurückzuführen seien, die hauptsächlich von einem in den, Uransalzen enthaltenen, bisher unbekannten Element ausgehen, welches man daher Radium benannte. Ferner wurde festgestellt, dass dieses Radium nicht weniger als dreierlei Strahlen aussende, welche man als Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlen bezeichnete und von denen die beiden ersteren stofflicher Natur, d. h. abgeschleuderte minimale Teilchen seien, die letzteren hingegen Ätherschwingungen, ähnlich den Lichtstrahlen, aber von viel geringerer Wellenlänge. Uns interessieren hier nur die Alpha- und Beta-Strahlen. Jene sind elektrisch-positiv geladene Teilchen, die sich mit einer Geschwindigkeit von 15 bis 20000 km in der Sekunde, diese elektrisch-negativ geladene Teilten, die sich mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 300 000 km in der Sekunde durch den Raum bewegen. Beide Arten von Strahlen vermögen feste Substanzen zu durchdringen, und zwar die Beta-Strahlen infolge ihrer größeren Geschwindigkeit in viel höherem Maße als die Alpha-Strahlen.

Soweit der Sachbefund. Aber nun die Folgerungen aus demselben! Diese erschienen gleich auf den ersten Blick als umwälzende, das ganze künstliche Gebäude der bisherigen Chemie in seinen Grundfesten erschütternde! Man überlege nur einmal: wären die von dem Radium ausgestrahlten Teilchen Atome gewesen (die man doch bisher für die kleinsten möglichen Stoffteilchen gehalten hatte), so hätte z. B. ein Gramm Radium infolge der ununterbrochenen Ausstrahlung binnen kürzester Zeit verschwinden müssen. Das war aber eben nicht der Fall. Vielmehr zeigte sich, selbst nach Jahren, noch nicht der geringste messbare Gewichtsverlust. Hierfür gab es nur eine Erklärung: die von dem Radium abgeschleuderten Stoffteilchen mussten noch unendlich kleiner sein als die Atome!

Also waren die Atome doch nicht die allerkleinsten Stoffteilchen? Nicht unteilbar und einfach, sondern vielfach zusammengesetzt? Dann stand es wahrlich schlecht um die Lehre von den „Elementen“ als den Grundstoffen der Natur! Denn darüber konnte man sich unmöglich einer Täuschung hingeben: wenn ein Stoff, wie das Radium, fortwährend solche Teilchen aus sich ausstrahlte, so musste dieser Vorgang von einer Veränderung des Wesens des Stoffes begleitet sein, musste einen Zerfall oder gar eine Umwandlung desselben bedeuten.

Zerfall und Umwandlung der „Elemente“.
Nun erfolgten weitere Feststellungen und Entdeckungen Schlag auf Schlag. Im Einzelnen darauf einzugehen, ist hier begreiflicherweise schlechthin unmöglich. Wir müssen uns begnügen, nur die wichtigsten Ergebnisse der übrigens noch lange nicht abgeschlossenen Forschungen auf diesem Gebiete kurz in zwei Hauptpunkte zusammenzufassen.

Zunächst zeigte sich, dass nicht nur das Radium solche Strahlungserscheinungen aufweist, sondern noch eine ganze Reihe anderer, teils bereits von früher bekannter, teils erst im Verlaufe der Radiumforschung aufgefundener ,,Elemente“, dass ferner diese natürlichen Vorgänge sich auf keine Weise künstlich hervorrufen, unterbrechen oder sonstwie beeinflussen ließen und dass sie tatsächlich nichts anderes darstellen, als den Zerfall des betreffenden Elementes, aus welchem ein neues hervorgeht, das selbst wieder nach kürzerer oder längerer ,,Lebensdauer“ auf dieselbe Weise in ein weiteres umgewandelt wird, usf. Von den bereits vorher bekannten Elementen (der Tabelle von 1903) wurden als radioaktiv oder Produkte radioaktiver Vorgänge erkannt: Kalium, Rubidium, Thallium, Blei, Thorium und Uran; neu hinzu waren gekommen oder kamen noch: Radium (A. G. 225.9), die sogenannte Radiumemanation (222), Polonium (210), Mesothorium (228), Aktinium (226), Protaktinium (230), Jonium (230) u.a. Ihrer Strahlung nach unterscheiden sich diese Stoffe in Alpha-Strahlen und Beta-Strahlen, ihre „Lebensdauer“ schwankt zwischen 100 Milliarden Jahren (Thorium) und ein Billionstel Sekunde (Thorium C“) Halbwertszeit, wobei man unter Halbwertszeit denjenigen Zeitraum zu verstehen hat, während dessen jeweils die Hälfte der zu seinem Beginn vorhandenen Anzahl von Atomen zerfällt. Was nun das Verwandtschaftsverhältnis, den natürlichen Zusammenhang und die Entwicklung des einen aus dem ändern dieser Elemente anbetrifft, so gibt darüber die umstehende Tabelle Aufschluss.

Diese Tabelle, welche dem Laien, zumal wegen der vielen noch unbekannten Elementbezeichnungen nicht so ohne weiteres verständlich sein mag, besagt Folgendes:
Den einen Ausgangspunkt bildet das Uran (A. G. 238). Dieses, zum Unterschied von einem späteren, ihm chemisch ganz gleichen Entwicklungsprodukt als U1 bezeichnet, wird zunächst durch Alpha-Strahlung (Halbwertszeit 45 Milliarden Jahre) zu Uran X1 (234), dieses durch Beta-Strahlung (Hwz. 24 Tage) zu Uran X2 (234) und dieses wieder durch Beta-Strahlung (Hwz. 1-15 Minuten) zu Uran 2. Nun aber teilt sich die Reihe in zwei Zweige: ein Teil der Alpha-Strahlung (Hwz. 20 Millionen Jahre) liefert das Jonium (230), der andere das Uran Y (230).

Verfolgen wir nun zuerst die Jonium-Reihe weiter: Aus dem Jonium wird durch Alpha-Strahlung (Hwz. 100000 Jahre) das Radium (226), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 1600 Jahre) die sogenannte Radium-Emanation (222), aus dieser durch Alpha-Strahlung (Hwz. 3.81 Tage) das Radium A (2.8), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 3 Minuten) das Radium B (214), und aus diesem durch ß-Strahlung (Hwz. 27 Minuten) das Radium C (214).

Hier teilt sich nun die Reihe abermals: es bildet nämlich das RaC einerseits durch Alpha-Strahlung (Hwz. 19.5 Minuten) das Radium C“ (210), andererseits durch Beta-Strahlung das Radium C‘ (214), welch letzteres wieder durch Alpha-Strahlung (Hwz. 1 Zehnmillionstel Sekunde) das Radium D (210), dieses durch Beta-Strahlung (Hwz. 16 Jahre) das Radium E (210), dieses durch Beta-Strahlung (Hwz. 5 Tage) das Radium F (211)), und dieses endlich durch Alpha-Strahlung (Hwz. 138 Tage) das Radium G oder Radiumblei (206) bildet.
Nun zur Uran Y-Reihe: Aus dem Uran Y wird durch ß-Strahlung (Hwz. 25 Stunden) das Protaktinium (230), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 100000 Jahre) das Aktinium (226), aus diesem durch Beta-Strahlung (Hwz. 20 Jahre) das Radioaktinium (226), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 19 Tage) das Aktinium X (222), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 11.5) Tage) die sogenannte Aktinium-Emanation (218), aus dieser durch Alpha-Strahlung (Hwz. 3.9 Sekunden) das Aktinium A (214), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 0.002 Sekunden) das Aktinium B (210), und aus diesem durch Beta-Strahlung (Hwz. 36 Minuten) das Aktinium C (210).

Hier teilt sich nun die Reihe abermals: es bildet nämlich das AcC einerseits durch Alpha-Strahlung (Hwz 2.15 Minuten) das Aktinium C‘ (206), andererseits durch Beta-Strahlung das Aktinium C“ (210), welch letzteres wieder durch Alpha-Strahlung (Hwz. 0.005 Sekunden) das Aktinium D oder Aktiniumblei (206) bildet.

Den anderen Ausgangspunkt bildet das Thorium (A. G. 232). Diese Reihe verläuft folgendermaßen: Aus dem Thorium wird durch Alpha-Strahlung (Hwz. 150 Milliarden Jahre) das Mesothorium 1 (228), aus diesem durch Beta-Strahlung (Hwz. 6.7 Jahre) das Mesothorium 2 (228), aus diesem durch Beta-Strahlung (Hwz 6.2 Stunden) das Radiothorium (228), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. l.9 Jahre) das Thorium X (224), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 3.7 Tage) die sogenannte Thorium-Emanation (220), aus dieser durch Alpha-Strahlung (Hwz. 54 Sekunden) das Thorium A (216), aus diesem durch Alpha-Strahlung (Hwz. 0.14 Sekunden) das Thorium B (212), und aus diesem durch Beta-Strahlung (Hwz. 10.6 Stunden) das Thorium C (212). Hier spaltet sich nun auch diese Reihe: es bildet nämlich das ThC einerseits durch Alpha-Strahlung (Hwz. 61 Minuten) das Thorium C‘ (208), andererseits durch Beta-Strahlung das Thorium C“ (212), welch letzteres wieder durch Alpha-Strahlung (Hwz. 1 Billionstel Sekunde) das Thorium D oder Thoriumblei (208) bildet.

Betrachtet man diese ganze Aufstellung aufmerksam, so wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, dass der ganze langwierige Prozess nichts anderes darstellt, als einen dreifachen Weg der natürlichen Umwandlung des Urans, bzw. des Thoriums in Blei, wovon der eine über das Radium, der andere über das Aktinium und der dritte über das Mesothorium führt. Ferner wird sich aber noch eine ganze Reihe anderer Beobachtungen ergehen. Vor allein lehrt eine Vergleichung der Atomgewichte, dass jede Alpha-Umwandlung (d. h. jede Umwandlung unter Ausstrahlung von Alpha-Teilchen) eine Verminderung des Atomgewichtes um 4 Einheiten zur Folge hat, während nach den Beta-Umwandlungen (d.h. nach den Umwandlungen unter Ausstrahlung von Beta-Teilchen) das Atomgewicht unverändert bleibt. Nimmt man sich aber gar die Mühe, die sämtlichen, im Verlaufe des Umwandlungsprozesses zum Vorschein kommenden „Elemente“ (wir können sie ja eigentlich nur noch scherzweise so nennen) in die ihnen nach ihrem Atomgewicht und chemischen Charakter gebührenden Stellen des periodischen Systems einzutragen, so findet man, dass jedes durch Alpha-Umwandlung entstandene zwei Gruppen vor, jedes durch Beta-Umwandlung entstandene eine Gruppe hinter seiner Muttersubstanz zu stehen kommt.

Am interessantesten aber ist das Endergebnis in der Sache. Seit unvordenklichen Zeiten ist der Menschheit das Blei bekannt, und als Boyle dieses Metall für ein Element erklärte und Lavoisier sein Atomgewicht auf 207.2 bestimmte, da ließ sich die Chemie noch nicht im entferntesten träumen, was sie heute, schmerzlich berührt, zugeben muss: dass nämlich dieses „Element“ Blei, wie wir es im Haushalt der Natur finden, in Wirklichkeit eine Mischung aus drei verschiedenen Bleiarten und das gefundene Atomgewicht 207.2 nur eine Art Mittelwert aus den jenen drei Bleiarten zukommenden Atomgewichten 206, 206 und 208 ist. Hieraus ergaben sich nun als weitere unausweichliche Folgerungen, vor allem, dass Stoffe von verschiedenem Atomgewicht dennoch die gleichen chemischen Eigenschaften aufweisen können, so dass sie durch die gewöhnlichen chemischen Methoden sich gar nicht aussondern lassen und ihnen mithin dieselbe Stelle im periodischen System zugewiesen werden muss. Solche Elemente, wie RaG, AcD und ThD, nennt man Isotope. Sie können nur mit Hilfe des Röntgenspektrums (durch die sogenannten Kanalstrahlen auf eine photographische Platte projiziert) unterschieden werden.

Und nun konnte oder vielmehr musste man auch wieder auf die Prout’sche Hypothese zurückkommen. Prout hatte, wie man sich noch erinnern wird, behauptet, dass der Wasserstoff die Urmaterie sei und alle Atomgewichte sich als ganze Vielfache seines Atomgewichtes darstellen müssten. Letzteres war aber leider nicht der Fall. Um z.B. beim Blei zu bleiben: das Atomgewicht des Wasserstoffes ist 1.008, das des gewöhnlichen Bleis 207.2; nach der Prout’schen Hypothese müsste also 207*2 = n* l.008 sein, wobei n eine ganze Zahl bedeutet. Dividiert man aber 207,2 durch 1.008, so ergibt sich keine ganze Zahl; es bleiben Bruchteile, die zu groß sind, als dass sie auf Rechnung der Ungenauigkeit der Atomgewichte gesetzt werden könnten. Mit einem Schlag aber ändert sich die Sache, sobald man weiß, dass das Blei, und vermutet, dass auch noch zahlreiche andere Stoffe „Mischelemente“ (dieser Name, der eine so hübsche Contradictio in adiecto enthält, stammt von dem deutschen Professor Paneth) und ihre Atomgewichte folglich nur Mittelzahlen sind; denn dann bleibt immer noch die Möglichkeit offen, dass die Atomgewichte der die Mischung zusammensetzenden Stoffe der Prout’schen Hypothese genügen.

Die bisher betrachteten Vorgänge des Zerfalles und der Umwandlung der ,,Elemente“ waren natürliche, die sich, wie ausdrücklich bemerkt, durch keinen Eingriff des Chemikers beeinflussen ließen. Aber vielfache Experimente führten schließlich doch zu einem Erfolg, der auch die künstliche Zerlegung vorläufig eines Elementes außer Frage stellte. Im Jahre 1919 erschien eine Publikation Rutherfords, worin dieser große Gelehrte berichtete, dass es ihm gelungen sei, mittels Durchschießen von Alpha-Teilchen des Radiums durch Stickstoff Wasserstoff und Helium zu erhalten. Nun hat Wasserstoff bekanntlich das Atomgewicht 1, Helium 4, Stickstoff 14. Daraus ergab sich also für Stickstoff die Zusammensetzung N = 3 He + 2 H = (3 X 4) + 2 = 14. In Worten: ein Stickstoffatom besteht aus 3 Helium- und 2 Wasserstoffatomen. Leider ist die Umkehrung des Verfahrens, d. h. die künstliche Zusammensetzung von Wasserstoff- und Heliumatomen zu Stickstoff bisher noch nicht gelungen.

Immerhin führte diese Entdeckung alsbald zu einer Erweiterung der Prout’schen Hypothese, indem man nunmehr zu der Annahme neigte, dass nicht Wasserstoff allein, sondern Wasserstoff und Helium die allen Elementen zugrunde liegenden Urstoffe seien. Das ist wohl aber nur wieder einmal der in der exakten Wissenschaft so beliebte Schuss übers Ziel hinaus. Was bei dem Ganzen in Frage steht und seit Jahrtausenden in Frage stand, sind nicht Urstoffe in der Mehrzahl, sondern der Urstoff. Wenn wir von einem „Urstoff“ sprechen, so können wir logischerweise dabei keine Vielheit zulassen. Es scheint sich also hier die Erfahrung wiederholen zu sollen, die bereits einmal mit den erst 30, dann 60, dann 80 gewöhnlichen Elementen gemacht worden ist: zum Wasserstoff und Helium werden mit der Zeit noch andere solcher „Urstoffe“ hinzu entdeckt werden, bis man sich vor ihrer Menge der Ansicht nicht länger wird verschließen können, dass auch sie noch nicht Urstoffe der Natur sind, sondern dass hinter ihnen der wahre Urstoff erst noch zu suchen ist. Und wenn es auch gelänge, die Wiederkehr von Wasserstoff und Heliumatomen in vielen der bisherigen „Elemente“ nachzuweisen, so ist damit noch nichts gewonnen: kehrt doch z. B. auch die chemische Verbindung SO4 in vielen Formeln wieder (H2SO4 = Schwefelsäure, FeSO4 = Eisenvitriol, CuSO4 = Kupfervitriol) und doch hat man sie, da ihre Zusammensetzung aus Schwefel (S) und Sauerstoff (0) schon bekannt war, niemals als einen Grundstoff aufgefasst.

Mikroastronomie und Makrochemie.
War man einmal so weit, dass man die sogenannten Elemente als zusammengesetzte Stoffe erkannt hatte, so war damit auch der Wahn von der Unteilbarkeit des Atoms zerstört, denn die willkürliche Zerlegung eines Stoffes wie Stickstoff war doch nur durch gewaltsame Zertrümmerung seiner Atome möglich. Damit trat nun aber die Frage nach dem Bau der Atome in den Vordergrund, die nicht so leicht zu lösen war und der man nur Schritt vor Schritt beizukommen vermochte. Wir müssen hier abermals darauf verzichten, den ganzen Weg mitzumachen, und uns mit einer übersichtlichen Darstellung der Ergebnisse begnügen, die ihren Ausdruck in der Rutherford’schen Elektronentheorie finden.

Nach derselben besteht jedes Atom aus einem elektrisch-positiv geladenen Kern, der von einer bestimmten Anzahl negativer „Elektronen“ umgeben ist. Die positive Ladung des Kernes ist gleich der Summe der negativen Ladungen der Elektronen, so dass das ganze Gebilde also (im normalen Zustand) elektrisch-neutral ist. Die Anzahl der Elektronen nun, von welcher der Kern umgeben ist, und mithin auch die Anzahl der positiven Einheitsladungen des letzteren, entspricht aber genau der Stellenzahl des betreffenden Elementes im periodischen System, das heißt: beim Wasserstoff ist der Atomkern mit der elektrischen Krafteinheit positiv geladen und hat 1 negatives Elektron bei sich, beim Helium ist der Atomkern mit 2 elektrischen Krafteinheiten positiv geladen und hat 2 negative Elektronen bei sich, Lithium 3 positive Krafteinheiten und 3 negative Elektronen usf. Da nun bekanntlich + und – geladene Körper einander anziehen, die Forschungen aber einen gewissen Abstand der Elektronen vom Kern des Atoms ergaben, so blieb nur die Annahme übrig, dass sie sich mit großer Geschwindigkeit um denselben herumbewegen, wobei die Zentrifugalkraft der elektrischen Anziehung das Gleichgewicht hält. Hieran knüpft der deutsche Professor Fajans wörtlich folgenden für einen exakten Wissenschaftler charakteristischen Ausspruch: „Ein Atom ist somit in gewisser Hinsicht mit einem kleinen Sonnensystem vergleichbar.“ Der Mann besitzt also nicht den Mut, zu sagen: „Ein Atom ist ein Sonnensystem im kleinen“ trotzdem ihm die Forschungsergebnisse natürlich bekannt sind, welche diesen Schluss geradezu erzwingen.

Hierher gehört vor allem die Feststellung der Größenverhältnisse eines Atoms: die Durchschnittsgröße des Kerns beträgt ungefähr 1 Billionstel Millimeter, der Abstand der äußersten Elektronen von ihm ungefähr 1 Milliardstel Millimeter; das entspricht aber vollkommen dem Verhältnis unseres Sonnendurchmessers zum Abstande des Neptun. Ferner: die Bahnen, welche die Elektronen als Planeten um den Atomkern als Sonne beschreiben, sind Ellipsen wie bei unserem Planeten, ja auch) ihre Bewegung lassen sich sogar die bekannten Keplerschen Gesetze anwenden, welche besagen, erstens, dass der Zentralkörper in dem einen Brennpunkt dieser Ellipsen steht, zweitens, dass die Quadrate der Umlaufszeiten sich verhalten wie die Kuben der Entfernungen von der Sonne und drittens, dass die Radii vectores (oder Leitstrahlen, d. h. die Verbindungslinien zwischen den Planeten und der Sonne) in gleichen Zeiten gleiche Flächenräume bestreichen.

Selbstverständlich besteht der Atomkern nicht immer nur aus einem Körper, ebenso, wie ja auch nicht immer nur eine Sonne im Mittelpunkt eines Planetensystems steht. Bei unserem Sonnensystem ist das zufällig so, aber wir kennen andere im Weltraum, bei denen zwei oder drei Sonnen, oft von verschiedener Farbe, im Mittelpunkt stehen. Die Astronomie kennt heute Hunderte von sogenannten „Doppelsternen“, und von den Dreifachen bildet das merkwürdigste Beispiel das Sonnensystem y im Sternbild der Andromeda, von dessen drei Fixsternen der eine blau, der andere grün und der dritte orangefarben ist.

Unklar ist den Chemikern noch, ob beim Vorhandensein von mehreren Elektronen in einem Atom diese alle sich in gleicher Entfernung vom Kern, also hintereinander auf derselben Kreislinie oder Ellipse bewegen oder, wie die Planeten unseres Sonnensystems, in verschiedener Entfernung auf konzentrischen Bahnen. Möglicherweise kommen beide Arten vor; auch wissen wir ja noch zu wenig von dem Bau anderer Sonnensysteme, um behaupten zu können, dass die Planetenordnung des unsrigen die allgemein gültige sei.

Jedes Atom stellt also ein Sonnensystem im Kleinen dar. Bei dieser Erkenntnis dürfen wir aber nicht stehen bleiben. Wenn wir freilich bedenken, welche Überwindung schon diese den Herrn Professor gekostet hat, so werden wir uns, was ihre Verfolgung bis in die äußersten Konsequenzen anbelangt, von ihm und seinesgleichen nicht allzu viel versprechen. Wir selbst aber, die solche Vorurteile nicht kennen, dürfen ruhig unserem gesunden Denkvermögen, auf welches es hier allein ankommt, freien Lauf lassen. Und das führt uns zu folgenden Schlüssen. Wenn also ein Atom wirklich ein Sonnensystem im Kleinen (ein „Mikrosonnensystem“) ist, dann kann umgekehrt ein Sonnensystem nichts anderes sein als ein Atom im Großen (ein „Makroatom“). Atome aber existieren nicht für sich allein, sondern sind die Bausteine, aus denen sich die Moleküle der uns bekannten Stoffarten zusammensetzen, Folglich müssen auch die Makroatome, d. h. unser und die übrigen uns bekannten oder nicht bekannten Sonnensysteme „Makromoleküle“ einer der unsrigen übergeordneten Stoffform bilden. Und die astronomischen Beobachtungen bestätigen diesen Schluss: unser Sonnensystem, so lehren sie uns, gehört mit unzähligen anderen zu dem sogenannten Milchstraßensystem, das ein ähnliches Gebilde ist, wie die anderweitig“ im Himmelsraum gesichteten Sternhaufen, ein späterer Entwicklungszustand der spiraligen Sternnebel. Unser Milchstraßensystem und die anderen Sternhaufen (und Sternnebel) sind also die Moleküle jener der unseren übergeordneten Stoffform. Da aber, wie wir aus unserer Welt wissen, die Moleküle Körper bilden, so müssen auch jene „Makromoleküle“ Körper einer übergeordneten Welt bilden, der man den Namen „Suprawelt“ gegeben hat.

Und nun wollen wir einmal den umgekehrten Weg einschlagen. Versetzen wir uns im Geist auf einen solchen „Mikroplaneten“, d.h. auf ein Elektron unserer Stoffordnung, und halten wir ein wenig Umschau. Die exakten Wissenschaftler zweifeln bekanntlich noch immer, ob außer der Erde auch noch andere Planeten unseres Sonnensystems oder gar die Planeten anderer Sonnensysteme von lebenden Wesen, unseren Pflanzen, Tieren und Menschen entsprechend, bewohnt seien. Wir, die wir, wie gesagt, keine wissenschaftlichen Vorurteile zu hegen brauchen, werden uns nicht wundern, auch auf dem Elektron als „Mikroplaneten“ lebende Wesen anzutreffen. Vielleicht werden sie ein wenig anders aussehen als auf der Erde, vielleicht wird uns auch die Landschaft, in die wir uns hineinversetzt sehen, fremdartig anmuten, aber wie auf der Erde, so finden wir auch dort Tiere, Pflanzen und Mineralien, und wenn wir die letzteren chemisch untersuchen, so entdecken wir, dass sie, ganz wie die unsrigen, aus Molekülen, diese aus Atomen und diese wieder aus Elektronen bestehen. Dieser Welt unter der unsrigen hat man den Namen „Infrawelt“ gegeben.

Natürlich ist aber mit diesen drei Welten: der unsrigen, der Supra- und der Infrawelt der Inhalt des Universums nicht erschöpft. Denn die aus den Makroatomen zusammengesetzten Körper der Suprawelt gehören selbst wieder einem Elektron einer nächsthöheren Welt an und die Elektronen der Infrawelt sind selbst wieder Weltkörper einer nächsttieferen Welt. Mit einem Wort: es gibt eine unendliche Stufenfolge von Materieformen über der unsrigen und ebenso eine unendliche Stufenfolge von Materieformen unter der unsrigen und alle diese Materiestufen sind gleichartig organisiert nach dem Schema: Körper, Molekül, Atom, Elektron. Daraus ergibt sich nun überraschenderweise, dass die Wissenschaft, die wir Astronomie nennen, nichts anderes ist als die Chemie der Suprawelt oder Makrochemie, und umgekehrt, dass die Wissenschaft, die wir Chemie nennen, nichts anderes ist als die Astronomie der Infrawelt oder Mikroastronomie.

Vermöchten sich nur die Gelehrten erst rückhaltlos auf diesen Standpunkt zu stellen und ihre Forschungen nach diesem Leitgedanken einzurichten, so wäre damit für eine neue, richtigere Weltauffassung schon viel erreicht und die Beschleunigung neuer Erkenntnisse (z. B. dass die Elektrizität die Gravitation der Infrawelt und die Gravitation der unsrigen die Elektrizität der Suprawelt ist) gesichert.

Die folgende Tabelle gibt zu dem vorstehend Gesagten noch eine übersichtliche Zusammenstellung:

Grafik_Alchemie_allgemein_2

An dieser Tabelle wird uns zunächst auffallen, dass sie nur sechs Glieder enthält, während doch, wie wir wissen, in der Natur sonst alles auf Grund der Zahl 7 organisiert ist. In der Tat fehlt auch hier das siebente Glied nicht, wir wollen es aber einstweilen außer Acht lassen, um alsbald an geeigneterer Stelle darauf zurückzukommen.

Auf jeden Fall genügt das bisher Gesagte vollständig, um die rund 5000 Jahre alte Lehre unseres Hermes Trismegistos in einem ganz neuen Licht erscheinen zu lassen und besonders den vielumstrittenen Satz, welchen ich als Motto diesem Abschnitt vorangestellt habe, mit einem Male aufzuklären und in seiner wahren Bedeutung glänzend zu bestätigen: „Verum est, certum et verissimum, superius naturam habet inferioris et inferius naturam superioris.

Wahr ist, sicher und ganz gewiss: das Obere hat die Natur des Unteren und das Untere die Natur des Oberen. Damit wollte der alte ägyptische Weise einen Leitsatz über das aufstellen, was unsere modernen Gelehrten die „Struktur der Materie“ nennen, und auf diese angewandt, passt er denn auch so vortrefflich, als wäre er nicht aus dem Laboratorium eines Alchemisten, der wenige Jahrhunderte nach der Sintflut gelebt, sondern aus dem eines Becquerel, Curie oder Rutherford im 20. Jahrhundert u.Z. hervorgegangen.

„Aber das muss Zufall sein!“, werden die Zweifler sagen. Wie konnte Hermes Trismegistos mit seinen primitiven technischen Hilfsmitteln, die sich vermutlich auf Tiegel, Retorte und Feuerstelle beschränkten, einen so tiefen Einblick in die Struktur der Materie gewinnen, wie er sich uns erst mit Hilfe der Spektralanalyse, der Röntgenstrahlen und des Ultramikroskops endlich erschlossen hat?

Wie er das konnte? Einfach deshalb, weil er außer diesen modernen Hilfsmitteln auch noch etwas anderes nicht hatte: nämlich die Scheuklappen unserer modernen Wissenschaft. Und ferner, weil er doch etwas hatte, was wieder diese entschieden nicht hat: nämlich göttliche Inspiration und, als Abkömmling eines höheren Wesens, übermenschlichen Scharfblick.

Makro- und Mikrokosmos.
Vermöge seines übermenschlichen Scharfblicks und der ihm zuteilwerdenden göttlichen Inspiration hatte also vor fünf Jahrtausenden schon Hermes Trismegistos erkannt, wonach wir heute noch in Blindheit ringen: den Urstoff, die Urkraft und das Urgesetz. Der Urstoff, das ist die Materie in ihrer feinsten Auflösung oder das Licht. Die Urkraft, das ist die Anziehung des Ungleichartigen und Abstoßung des Gleichartigen. Und das Urgesetz, das ist eben das allgemein gültige Analogiegesetz, das uns im vorigen Abschnitt so überzeugend klar wurde. Übrigens glaube ich nicht, dass Hermes Trismegistos viel experimentiert hat; er wird wohl viel mehr gedacht haben.

Unsere heutigen Gelehrten hingegen experimentieren zu viel und denken dabei zu wenig. Sie verlieren sich in Einzelheiten und vergessen dabei, das Ganze im Auge zu behalten. Und so kommt es, dass sie zurzeit, auf einem hochgetürmten, wüsten Haufen von Einzelergebnissen der astronomischen, chemischen, biologischen und physiologischen Forschung thronend, weiter als je davon entfernt sind, sich eine richtige Vorstellung vom Universum zu machen. Dem Altertum waren die Schlagworte vom „Makrokosmos“ und „Mikrokosmos“ ganz geläufig, auch bei den mittelalterlichen Alchemisten waren sie noch gang und gäbe, aber unsere jetzige Zeit vermag damit nichts Rechtes mehr anzufangen.

Was sollten dieselben nun eigentlich besagen? Was heißt das: der Mensch ist ein Mikrokosmos? Dem Wortsinne nach nichts anderes, als dass er, als lebendes Glied des Weltalls, selbst ein Weltall im Kleinen darstellt. Der Ausdruck „Makrokosmos“ bezeichnet dann das große Weltall im Gegensatz zu diesem kleinen. Aber in dieser Naturauffassung liegt noch mehr, als die beiden Ausdrücke wörtlich besagen. Wenn nämlich das Lebewesen Mensch ein Weltall im kleinen oder Mikrokosmos ist, dann muss notwendigerweise der Makrokosmos ein Lebewesen im Großen sein, ja das Größte aller denkbaren Lebewesen und daher (nach dem Beispiel unserer Geheimlehre) richtiger zu bezeichnen als das Megistozoon.

Versuchen wir nun, dem eigenartigen Gedanken näher zu treten: Das Weltall ist ein Lebewesen im Großen. Was ist ein Lebewesen und was verstehen wir unter ,,Leben“? Als Charakteristika des Lebens hat die Wissenschaft das Wachstum, die Vermehrung und den Stoffwechsel bezeichnet, welch letzterer darin besteht, dass das Individuum Nahrung aufnimmt und den „verbrauchten“ Stoff wieder ausscheidet. Der Verbrauch des Stoffes im lebenden Organismus aber stellt sich im Großen und Ganzen als eine Art Verbrennungsprozess dar. In der Tat sind diese Charakteristika des Lebens allen Lebewesen gemein, vom niedrigsten, der Zelle, bis zum höchstentwickelten, dem Menschen, der aus einer Vielheit differenzierter Zellen besteht.

Hier bietet sich zunächst nach der einen Seite hin eine verblüffende Analogie: das höchstentwickelte Lebewesen stellt ebenso nur ein Vielfaches des einfachsten Lebewesens dar, wie das höchstentwickelte Element (Uran) nach der Prout’schen Hypothese ein Vielfaches des einfachsten Elementes (des Wasserstoffs). Nach der anderen Seite hin aber eröffnet sich uns wieder eine ganz andere Aussicht. Nehmen wir das einfachste Lebewesen, die Zelle, vor, und untersuchen wir ihre Struktur, so finden wir, dass sie sich aus sehr komplizierten Molekülen zusammensetzt, diese wieder aus den uns bekannten Atomen und diese wieder aus Elektronen. Das lebende Individuum bildet also die Vollendung, in ihm gipfelt die Entwicklung der Materie und zugleich stellt es als Zwischenglied zwischen den Molekülen und Weltkörpern das früher vermisste siebente Glied dar. Es steht in der Mitte der einen Materiestufe, just an der Stelle, wo bei der eigentümlichen Durcheinanderschiebung dieser Materiestufen die nächstuntere und die nächstobere aneinander grenzen. Daraus aber ergibt sich von selbst, wenn wir unsere Tabelle uns sinngemäß nach oben und unten erweitern und die soeben festgestellten Zwischenglieder einschalten, in der unendlichen Stufenfolge der Materie eingeschlossen eine ebenso nach oben und unten unendliche Stufenfolge von Lebewesen. Bezeichnen wir die unserer Welt als Lebewesen schlechthin (Zoen), so müssen wir folgerichtig die der Infrawelt als Kleinlebewesen (Mikrozoen) und die der Suprawelt als Großlebewesen (Makrozoen) bezeichnen.

Wir haben bereits erwähnt, dass die Moleküle der Zellen sich durch ganz besondere Kompliziertheit auszeichnen. Sie sind oft aus vielen Hunderten von Atomen zusammengesetzt. Betrachten wir nun unser Sonnensystem als Makroatom und fragen wir, ob dieses Atom einem einfachen oder komplizierten Makromolekül angehört, so kann die Antwort gar nicht zweifelhaft sein: nicht Hunderte, nicht Tausende, nein, für menschliches Fassungsvermögen unzählige solcher Makroatome bilden das Makromolekül unseres „Milchstraßensystems“. Der Sternhaufen, dem unsere Sonne als Fixstern angehört, ist also, nach seiner Kompliziertheit, ein Molekül einer viel höheren Ordnung, als sie uns in ,,unserer Welt“ bisher bekannt geworden sind. Und dieses Molekül gehört zweifellos einer Zelle an, der Makrozelle eines Makrozoons. Ich glaube es nicht nötig zu haben, diesen Gedankengang weiter zu führen. Der denkfähige, vorurteilsfreie Leser hat ohne Zweifel bereits gemerkt, wohin derselbe leitet, welche Aussichten er eröffnet. Dagegen will ich mir gestatten, meine Ausführungen durch zwei interessante Zitate zu illustrieren.

In dem launigen ,,Tagebuch meiner Reise um die Welt“ berichtet Mark Twain von einem ,,Riesentraum“ (wie er ihn nennt), den er während seines Aufenthaltes in Sidney gehabt: „In Sidney hatte ich einen Riesentraum, den ich einem Missionar erzählte, welcher aus Indien kam und seine Verwandten in Neuseeland besuchen wollte. Mir träumte nämlich, das sichtbare Weltall sei die leibliche Erscheinung Gottes; die großen Himmelskörper, die wir in Entfernung von vielen Millionen Meilen voneinander am Firmament funkeln sehen, seien die Blutkügelchen in seinen Adern und wir und die andern Geschöpfe die Mikroben, durch welche das Blut auf tausendfältige Art belebt wird.“

Eine enge Gedankenverwandtschaft mit diesem ,,Riesentraum“ Mark Twains zeigt auch die Stelle aus Charles Kingsleys Roman ,,Hypatia“, von der ich einige Sätze, worin die Frage aufgeworfen wird, ob die Erde nicht vielleicht ein Lebewesen sei, bereits im zweiten Kapitel meiner Broschüre über Astrologie angeführt habe.

Ich lasse nun hier den Rest folgen, der sich, von diesem Standpunkt aus, mit dem Menschen beschäftigt: „Was sind alle Werke des Menschen als eine Art von Krankheit dieser ungesunden Erdenhaut, und wir nur ein Geschlecht von Flöhen, zwischen ihrem Pelze umherkriechend, den wir Bäume nennen? Wenn ihr übrigens, wie die übrige Welt, zugesteht, dass Flöhe weniger edel sind als wir, weil sie unsere Parasiten sind, so seid ihr verbunden, ebenso wohl zuzugestehen, dass wir weniger edel sind als die Erde, weil wir ihre Parasiten, sind. Dies sieht wahrscheinlicher aus als irgendetwas, was ich seit vielen Tagen gesehen. Und, nebenbei bemerkt, warum sollten nicht Erdbeben, Überschwemmungen und pestartige Krankheiten nur ebenso viele Wege sein, welche das alte, listige Tier, die Erde, benutzt, um sich zu kratzen, wenn die menschlichen Flöhe sie zu arg belästigen?“

Wohlgemerkt, lieber Leser, beide Stellen, sowohl der „Riesentraum“ Mark Twains als auch Kingsleys „Menschenflöhe“ decken sich nicht ganz mit unserer oben entwickelten Naturauffassung, treffen nicht ganz das Richtige. Die Erde ist weder ein „Blutkörperchen in den Adern Gottes“ noch ein „altes, listiges Tier“ und infolgedessen der Mensch weder eine „Mikrobe“ in einem solchen Blutkörperchen noch ein „Parasit“ auf diesem Tier. Aber im Großen und Ganzen treffen beide so ganz unwissenschaftlichen Gedankengänge viel näher ans Ziel, als so manches künstliche philosophische System oder so manche exakt-wissenschaftliche Hypothese. Es sind immerhin bereits Ahnungen der Wahrheit, zwar noch sehr dunkel und unklar, aber doch nicht so ganz unsinnig.

Ich habe in der astrologischen Broschüre, in dem Kapitel „Das Weltbild im Wandel der Zeiten“ bereits Giordano Bruno erwähnt, der vor rund 400 Jahren eine große Gedankentat vollbrachte, indem er mit starker Hand das vermeintliche Himmelsgewölbe durchstieß, welches nach damaliger Anschauung als kristallene Kugel die „ganze Welt“ umgab, und als Erster lehrte, dass der ganze unendliche Raum mit Sonnensystemen erfüllt sei. Über diesen unendlichen, mit Sonnensystemen erfüllten Raum ist nun die Wissenschaft bis heute nicht hinausgekommen. Man wolle es mir nun, bitte, nicht als Hochmut oder Eigendünkel anrechnen, wenn ich jetzt ein ähnliches Verdienst, wie Giordano Bruno hatte, für mich in Anspruch nehme, der ich, als Eingeweihter einer uralten orientalischen Geheimlehre und Sendbote der Meister von Bit Nur, auch diesem „unendlichen, mit Sonnensystemen erfüllten Raum“ zu Leibe rücke. Was hätte ein solcher Raum für einen Sinn und Zweck?

Denken wir uns doch einmal als Mikrolebewesen auf den Mikroweltkörper eines Eiweißmoleküles versetzt, das dem Organismus eines Menschen angehört, selbst als „Mikromensch“ organisiert und in den, den unsrigen analogen, Verhältnissen der Infrawelt lebend, würde uns dann unsere Umgebung auf jener Materiestufe nicht auch als ein „unendlicher, mit Sonnensystemen erfüllter Raum“ erscheinen? Wahrhaftig, die exakte Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen, nein, sie liegt noch in den Windeln, und das Größte an ihr ist der unheimliche Wasserkopf ihrer Einbildung!

Wer freilich mit einer so außergewöhnlichen Botschaft kommt, wie die Lehre ist, welche ich soeben verkündigt habe, der darf auch davor nicht zurückschrecken, ihre äußersten Konsequenzen zu enthüllen. Und welche sind nun, in unserem Falle, die äußersten Konsequenzen? Die Annahme von übergeordneten Materiestufen über der unsrigen, mit übergeordneten Lebewesen über uns, und von untergeordneten Materiestufen unter der unsrigen, mit untergeordneten Lebewesen unter uns, führt letzten Endes zu einer obersten und höchsten Materiestufe, einem obersten und größten Lebewesen einerseits, und zu einer untersten und niedrigsten Materiestufe, einem untersten und kleinsten Lebewesen andrerseits: dem Megistozoon entspricht ein Mikrotatozoon. Oder nicht? Oder geht vielleicht die Stufenleiter der Materie-Sonnen und Lebewesen nach oben und unten ins Unendliche?

Es wird dem Leser nicht entgangen sein, dass meine bisherige Ausdrucksweise beide diese einander scheinbar widersprechenden Möglichkeiten offen ließ. Ich habe von einer unendlichen Stufenfolge der Materie gesprochen und daneben doch die Bezeichnung Megistozoon für das Weltall gebraucht. Wie lässt sich nun dieser Widerspruch beseitigen? Zunächst denke ich freilich noch gar nicht ernstlich daran, ihn aus dem Wege zu räumen, sondern ihn im Gegenteile noch zu verschärfen, indem ich erkläre, dass das oberste und größte Lebewesen der unendlichen Stufenleiter zugleich das unterste und kleinste derselben, und dass jedes Lebewesen jeder Materiestufe gleichzeitig dieses Megisto- und Mikrotatozoon ist. Die Lösung dieses Rätsels fällt allerdings nicht mehr ins Gebiet der Astronomie, Chemie oder Biologie, sondern in das der Metaphysik. Hier, an dieser Stelle kann und will ich daher vorläufig‘ nicht mehr geben, als eine orakelhafte Erklärung durch ein Gleichnis: in einem Kreise ist der oberste Punkt zugleich der unterste, und jeder Punkt des Kreises fällt mit diesem obersten und untersten Punkte zusammen, wenn der Radius des Kreises“ 0 wird.

Im Übrigen ist die in diesem Gleichnis verborgene Lösung nicht neu: die Grundidee davon findet derjenige, der dem Gedankenflug eines wirklichen Philosophen zu folgen vermag, bereits in Leibniz‘ Monadologie! Ich kann mich hier, wie gesagt, nicht ausführlicher darüber verbreiten. Die Behandlung der metaphysischen Seite dieses Problems muss einer späteren Abhandlung‘ in einem späteren Band vorbehalten bleiben, in welchem ich die Philosophie der Geheimlehre mit aller nur wünschenswerten Ausführlichkeit darstellen werde. Vielleicht wird mancher meiner Leser meinen, dass ich ohnehin schon nach dieser Seite zu weit gegangen sei, indem ich Begriffe wie „Makro- und Mikrokosmos“, „Megisto- und Mikrotatozoon“ in dieser Broschüre über Alchemie zur Sprache brachte. Indes hatte ich dafür meine guten Gründe. Nicht nur, dass, wie bereits früher hervorgehoben, die Schlagwörter vom Makro- und Mikrokosmos“ unter den Alchemisten selbst gang und gäbe waren, ja diese Auffassung der Natur und des Menschen verleitete sie sogar dazu, die Erzeugung künstlicher Lebewesen zu versuchen und das Problem des „Homunculus“ neben das des „Steines der Weisen“ zu stellen.

Und merkwürdig! Gerade in unserer aufgeklärtesten Zeit, als im Glauben an die Unantastbarkeit der „Elemente“ kein ernster Forscher mehr an die Herstellung des Steines der Weisen dachte, experimentierte man an dem anderen Problem desto eifriger weiter und hoffte, dem künstlichen Eiweiß bald die erste künstliche Zelle, und damit, wenn schon keinen Homunculus, so doch das erste künstliche Lebewesen überhaupt folgen zu lassen. Diese Hoffnung hat sich bisher nicht erfüllt und wird sich auch nicht erfüllen. Warum? Weil zur Erzeugung von Lebewesen mehr gehört als Zusammenfügung von Atomen und Molekülen; weil das belebende Schöpferwort dazu gehört, das unserm Herrn allein bekannt ist und sich daher auch noch in keinem Zauberbuch findet, nicht einmal in dem „Sifr Waswasat“ von Bit Nur.

Das Analogiegesetz.
„Ins Innere der Natur -“
O du Philister!
„Dringt kein erschaffner Geist.“ –
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern!

Auch Goethe, der diese inhaltsvollen Verse geschrieben, war kein exakter Wissenschaftler, aber er war ein Dichter, d.h. er hatte mit unserem Hermes Trismegistos, wenn schon nicht die übermenschliche Herkunft, so doch jenen Funken göttlicher Inspiration gemein, der auf den Geist befruchtender wirkt, als langwierige Fachstudien und Experimente. Immerhin, die Philosophen und Gelehrten, an die Goethe jene Worte gerichtet, waren wenigstens noch bescheidener als unsere heutzutage, diese sagen bekanntlich nicht: „Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist“, sondern bilden sich ein, wirklich hinein zu dringen und würden jeden auslachen, der ihnen die Wahrheit vorhält: dass sie nämlich unmöglich noch tiefer eindringen können, als sie ohnehin schon drin sind! Und dennoch verhält es sich so.

Ihr habt das Ultramikroskop erfunden, um Moleküle sichtbar zu machen, und bedauert nun bloß, dass ihr nicht mit eurem Blick bis zum Elektron vordringen könnt? Aber so seht euch doch um! Ihr lebt ja selber auf einem solchen Elektron. Auf einem Elektron von 40000 Kilometer Umfang, das ihr wahrlich nicht erst durch Linsengläser zu vergrößern braucht.

Ihr wollt das Universum erforschen? Ja, warum schaut ihr denn dann immerfort in das Riesenteleskop? Schaut doch lieber einfach in den Spiegel! Die im vorigen Kapitel dargestellte Weltanschauung bildet also, rund herausgesagt und von aller falschen Bescheidenheit frei, den Gipfel der physischen Naturerkenntnis, über den hinaus es keine Möglichkeiten mehr gibt. Verfolgen wir von diesem Standpunkt aus die Entwicklung und Fortschritte der Wissenschaft durch die wenigen Jahrtausende, die der Zeitraum der menschlichen Geschichte umfasst, so beobachten wir allerdings eine durch unermüdlichen Forscherfleiß erzielte allmähliche Erweiterung des ursprünglich, nach dem Untergang des goldenen Zeitalters, so beschränkten Gesichtskreises, eine allmähliche Erweiterung, deren Marksteine Ptolomäus, Giordano Bruno, Laplace und Rutherford heißen und die heute, wo Astronomie und Chemie einander die Hände reichen, endlich so weit gediehen ist, dass jener Gipfel in den Sichtbereich kam, ihn in freiem Aufschwung zu erklimmen, wird die exakte Wissenschaft niemals wagen. Die ihn aber heute erklimmen, die Eingeweihten der Geheimlehre, die kannten ihn schon vom Anbeginn der Zeiten her und hatten ihn schon erklommen, vor Jahrtausenden, als die unbelehrte Menge noch an das Firmament und den Okeanos glaubte. Diese Wahrheit ist natürlich danach angetan, das Verdienst der Gelehrten einigermaßen zu schmälern: haben sie doch in Wirklichkeit mit all ihren jahrtausendelangen Bemühungen nichts anderes geleistet, als Schritt vor Schritt auf dem Erfahrungswege zu bestätigen, was den Eingeweihten auf dem Wege des abstrakten Denkens und durch übernatürliche Offenbarungen längst bekannt geworden war. Und das Tragischeste dabei ist, dass jetzt, wo sie dicht vor dem Gipfel stehen, wie gesagt, ohne dass sie ihn zu erklimmen wagten, dass jetzt die Stunde bereits nahe ist, wo sie alle ihre Bemühungen als überflüssig erkennen werden, weil mit der Wiederkehr des goldenen Zeitalters dem Menschengeschlecht auch die reine, so lange verdunkelte und auf den steinigen Erfahrungsweg angewiesene Erkenntnis wiederkehren und sich ihnen die nackte Wahrheit von selber offenbaren wird. Und so muss denn dem Eingeweihten, der als Bekenner des rechtmäßigen Weltenherrn jener Erkenntnis schon früher gewürdigt worden, die ganze, jahrtausendelange Forscherarbeit nur als ein müßiger Zeitvertreib während des dunklen Äons des „Anderen“ erscheinen.

Wir haben im vorliegenden Kapitel unserer Abhandlung die Fortschritte der Forscherarbeit an der Hand des wissenschaftlichen Materiales verfolgt. Ich wiederhole aber nochmals und kann es gar nicht oft genug wiederholen, dass die wahren Eingeweihten aller, auch der ältesten Zeiten unseres Äons zu demselben Ziele und bis auf den Gipfel der Erkenntnis gelangt sind, ohne Tele- und Mikroskope, ohne Röntgenapparate etc., lediglich durch tiefdenkendes Sichversenken in das eine, große, allwaltende Urgesetz der Natur: das Analogiegesetz!