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02 Wesen und Geschichte der Alchemie

Wesen und Geschichte der Alchemie

Franz Sättler  (Dr. Musallam) (1922)

Gemeiniglich wird angenommen, dass die Alchemie eigentlich eine mittelalterliche Wissenschaft sei, und dass man erst nachträglich, um ihr mehr Ansehen und Autorität zu verleihen, versucht habe, ihren Ursprung bis ins hohe Altertum zurückzuführen. Ferner begegnet man oft der Behauptung, dass dieselbe eigentlich von einem Fundamentalirrtum ihren Ausgang genommen, indem die Forscher früherer Zeiten die Abscheidung der Metalle aus ihren Erzen und den Platzwechsel der Metalle, welcher z. B. stattfindet, wenn man ein Stück Eisen in eine Kupfervitriollösung legt, für eine wirkliche Verwandlung angesehen habe. Und drittens scheint man es für ausgemacht zu halten, dass Zweck und Absicht der Alchemie von jeher die Veredlung der Metalle gewesen sei.

Diese sämtlichen drei Annahmen oder Behauptungen sind jedoch irrig, und eine Geschichte der Alchemie, die von solchen Vorurteilen ausgeht, muss naturgemäß ein ganz falsches Bild ergeben. Um sie zu berichtigen, möchte ich vor allem feststellen, dass die Alchemie überhaupt nicht von praktischen, gleichviel ob richtig oder falsch verstandenen Experimenten ausgegangen ist, sondern von theoretischen Erwägungen, ja, ich scheue mich nicht zu sagen: von höheren Eingebungen oder Offenbarungen.

Schon die älteste Naturwissenschaft kennt den Aufbau der gesamten Körperwelt aus vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer, und von dieser Erkenntnis aus wurde auf rein geistigem Wege die nächsthöhere gewonnen, nämlich die, dass jene vier Grundstoffe selbst wieder auf einen letzten, allgemeinen Urstoff sich zurückführen lassen müssten. Und die Erforschung und Gewinnung dieses hypothetischen Urstoffes also, den man, als von den bekannten vier Elementen durchaus verschieden, die fünfte Wesenheit oder Quinta essentia (Quintessenz) nannte, bildete die ursprünglichste und wichtigste Aufgabe der Alchemie. Allerdings musste sich daraus von selbst der Gedanke ergeben, dass man, einmal im Besitz dieses Urstoffes, mit seiner Hilfe, direkt oder auf einem Umweg über die vier Elemente, imstande sein werde, jeden beliebigen Stoff künstlich herzustellen: Mineralien, Metalle und folglich auch Gold.

Diese naturwissenschaftliche Erkenntnis und das, aus ihr von selbst sich ergebende alchemistische Bestreben ist aber, wie gesagt, uralt. Übereinstimmend wird von den Alchemisten berichtet und muss ich hinzufügen, durch die Geheimlehre bestätigt, dass der erste, der sich damit beschäftigte, der erste, der alchimistische Grundsätze im obigen Sinne klar ausgesprochen hat, kein anderer war, als der bereits in den früheren Abhandlungen wiederholt erwähnte Ägypter Thot, der auch unter dem griechischen Namen Hermes Trismegistos, d. h. Hermes der dreimal Größte, bekannt ist. Mit diesem Mann müssen wir nun hier nähere Bekanntschaft machen. Was freilich die abendländische Überlieferung und Geschichtsforschung über ihn zu berichten weiß, ist nicht sehr viel. Der französische Philologe Turnebus schickt seiner Pariser Ausgabe (1554) der sogenannten „Hermetischen Schriften“ die jedoch, wie wir noch sehen werden, sämtlich unecht sind, folgende biographischen Bemerkungen voraus: „Hermes Trismegistos war seiner Herkunft nach ein Ägypter; über seine Eltern aber ist nichts bekannt. Er lebte, wie viele Geschichtsschreiber meinen, vor Pharaos Zeit. Andere, darunter auch Cicero, identifizieren ihn mit dem ägyptischen Thot, der auch ein Zeitgenosse jenes Pharao gewesen sein soll, welcher Annahme ich jedoch aus folgendem Grunde nicht beistimme: Thot soll doch ein ägyptischer König gewesen sein, wie Pharao; dann hätte also Ägypten gleichzeitig zwei Könige haben müssen. Daraus ergibt sich, dass Thot entweder vor oder nach Pharao gelebt haben muss. Nach ihm aber ist er in der Königsliste nicht zu finden. Also muss er vor ihm gelebt haben, d. h. also auch vor Moses. Wie es heißt, soll er sein Vaterland verlassen und die ganze Welt durchwandert haben, der Tugend und der Weisheit nachstrebend. Er soll die Menschen gelehrt haben, an einen Gott zu glauben und diesen als den Schöpfer und Erzeuger alles Seienden zu verehren. Nach seiner Rückkehr in die Heimat habe er dann viele Schriften über die mystische Philosophie und Theologie verfasst, wovon einige an seinen Sohn Tat, andere an seinen Schüler Asklepios gerichtet sind.“

Die nächste Ausgabe der pseudohermetischen Schriften stammt von Franziskus Flussas (Bordeaux 1574), der sich über ihren vermeintlichen Verfasser wie folgt vernehmen lässt: „Johannes Functius bezeugt in seinem Geschichtswerke, dass Hermes Trismegistos 21 Jahre vor der mosaischen Gesetzgebung gelebt habe, zur Zeit des Auszuges der Juden aus Ägypten. Das dürfte allerdings nicht stichhaltig sein. Denn bei den Alten galt es für ausgemacht, dass dieser Hermes deshalb der dreimal Größte genannt werde, weil er nach der Gepflogenheit der Ägypter als größter Philosoph zum Priestertum berufen worden und als oberster Priester zur Königswürde gelangt sei: als Philosoph, Priester und König heißt er also der dreimal Größte. Die Altertumsforscher behaupten übrigens, es habe mehrere des Namens Hermes gegeben; welcher von diesen aber der dreimal Größte gewesen, lasse sich nicht feststellen. Seine eigenen Schriften bezeugen nun, dass er von Uranos und Kronos abstamme; auch wird er als Erfinder der ägyptischen Schrift genannt. Da nun Moses bereits die ägyptische Weisheit gelernt hat, was ohne Schrift schwer möglich wäre, so muss jener wohl vor Moses gelebt haben. Auch könnte er sonst nicht ein Sohn des Kronos sein, denn dieser lebte zur Zeit des Sarug, des Urgroßvaters des Abraham. Daher müsste Hermes Trismegistos ungefähr zu Abrahams Zeiten gelebt haben.“

Als dritter mag nun Patricius zu Worte kommen, der 1591 die pseudohermetischen Schriften zu Ferrara herausgab: „Es scheint aber,“ sagt dieser, „Hermes Trismegistos ein Zeitgenosse des Moses gewesen zu sein, nur ein wenig älter. Denn Ersebius schreibt in seiner Geschichte, dass Kath (Tat), des Trismegistos Sohn, zur Zeit des Königs Armäus gelebt habe; das war aber ungefähr 20 Jahre vor Moses Tode.“

Wie stellt sich nun die neuere Geschichtsforschung zu dieser Streitfrage, über welche die ältere so viele einander widersprechende Meinungen zutage gefördert hat? Hier muss vor allem hervorgehoben werden, dass die Unechtheit jener unter dem Namen des Hermes Trismegistos in griechischer Sprache erhaltenen Schriften heute außer jedem Zweifel steht. Selbst als echt angenommen, würden dieselben übrigens nur einen geringfügigen Überrest darstellen, denn ihrer sind im ganzen 14; die wirkliche Zahl seiner Bücher wird aber von den Alten auf rund 40000 angegeben. Das scheint übertrieben, aber unmöglich ist es nicht, wenn man in Betracht zieht, dass, was man in Ägypten „Bücher“ nannte, nur längere oder kürzere Papyrusrollen waren, und wenn man dazu vergleicht, was neuere Vielschreiber, z. B. Hans Sachs, geleistet haben.

Was den wirklichen Ursprung jener pseudohermetischen Schriften anbelangt, die teils Reden des Hermes an Tat oder Asklepios, teils Dialoge zwischen ihm und einer dieser beiden Personen sind und Betrachtungen über die Gottheit als das Alleine, über Seele, Seelenwanderung und Wiederverkörperung u. ä. enthalten, so erkennt der philologisch und philosophisch geschulte Leser auf den ersten Blick, dass es sich hier nicht etwa um Übersetzungen älterer ägyptischer Werke, sondern um griechische Originalschriften aus dem letzten Jahrhundert vor oder aus dem ersten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung handelt, die in nicht einmal besonders geschickter Weise für die neuplatonischen, also pantheistischen Ideen jener Epoche Propaganda machen.

Bezüglich der Person des wirklichen Hermes Trismegistos aber nimmt man jetzt gewöhnlich an, dass derselbe mit jenem Thot identisch sei, dass es also tatsächlich in grauer Vorzeit einen weisen Mann dieses Namens gegeben habe, der den Grund gelegt zu der ägyptischen Wissenschaft und dem ägyptischen Schrifttum und von den späteren Geschlechtern seiner Weisheit wegen zu den Göttern gezählt wurde. An diese Auffassung lässt sich nun ohne weiteres anknüpfen, was die Geheimlehre der Weisen von Bit Nur über Thot oder Hermes Trismegistos berichtet. Es sei mir gestattet, die betreffende Stelle aus dem chaldäischen ,,Sifr Makriun „Buch der Auserwählten“ hier in wörtlicher deutscher Übersetzung wiederzugeben: ,,Im dritten Jahrhundert des ersten Jahrtausends des fünften Äons lebte im Land Mazrun der weise Ta’ut, der vermeintliche Sohn des Königs Naschti und sein Nachfolger. Es hatte ihn aber Nu‘, seine Mutter, des Königs erste Gemahlin, heimlich empfangen im Tempel des Sib. Denn dem Dämon hatte Wohlgefallen ihre Schönheit, dass er sich legte zu ihr. Und Ta’ut wuchs heran und zeichnete sich aus durch Weisheit, und war bald kein Lehrer im Lande, der ihn lehren konnte. Und nach einiger Zeit trieb ihn der Geist, dass er selbst anhub zu lehren. Und sammelte Jünglinge und Jungfrauen um sich, die Edelsten der Edlen. Es war aber ihre Zahl sieben, drei Jünglinge und vier Jungfrauen. Die Jünglinge waren: Imutif, Mut und Faramut; die Jungfrauen: Chasifit, Nahamit, Tafnit und Tamit, sie alle nicht von menschlichen Vätern gezeugt, sondern, gleich Ta’ut, von Dämonen. Und die Jünglinge vereinigten sich mit den Jungfrauen und zeugten Kinder, denen sie ihre Weisheit überlieferten: Ta’ut mit Chasttit, Mut mit Tafnit, Imutif mit Nahamit und Faramut mit Tamit. Und Ta’ut schrieb viele Bücher, darunter ein Buch der Weissagung und ein Buch der Verwandlungen. Und aus dem Buch der Verwandlungen ward herausgenommen die große Formel und eingegraben auf eine Tafel von Smaragd. Und Ta’ut zeugte mit seiner Schwester Chasifit einen Sohn und eine Tochter, Ta’ut und Farfarit, die nach ihm über Ägypten herrschten. Und seines Sohnes Sohn war Manut, der erste König der Reihe …“

Diese für die ägyptische Geschichte hochwichtigen Angaben bedürfen einer eingehenderen Erklärung. Das „Sifr Makriun“, in welchem sie sich finden, stellt eine Art biographisches Lexikon dar und verzeichnet die Begründer und Verbreiter der Geheimlehre von den ältesten Zeiten bis ungefähr 1000 v. u. Z. Die Bearbeitung, in der es uns vorliegt, stammt von Sakkunjatan von Berytos, der uns bereits aus der Broschüre über Chartomantik bekannt ist und für seine mythologischen, historischen u. a. Werke die ältesten und zuverlässigsten Quellen benutzte.

Was nun zunächst die Zeitangabe: ,,im dritten Jahrhundert des ersten Jahrtausends des fünften Äons“ betrifft, so wissen wir, dass damit das 47. Jahrhundert v. u. Z. gemeint ist. Denn der V. Äon, auch der „Äon des Anderen“ genannt, beginnt mit dem Jahre 5000 v. u. Z. und mit ihm die eigentliche Geschichte. Denn was vorher gewesen, das goldene Zeitalter unter Adonis und Dido, ist dem menschlichen Erinnerungsvermögen entrückt. Der Name, Mazrun“ (hebr. Mizraim, arab. Masr) aber bezeichnet das Land Ägypten.

Nun sind wir bekanntlich, was die älteste ägyptische Königsgeschichte anbelangt, noch immer auf Herodot und Manetho angewiesen, deren Angaben sich zum Teil widersprechen: beide nennen als ersten König des sogenannten alten Reiches Menes, aber nach Manetho müsste derselbe um 5800, nach Herodot um 3500 v. u. Z. gelebt haben, ja neuere Geschichtsforscher, die jene beiden miteinander in Einklang zu bringen suchen, schwanken sogar zwischen 6500 und 2000. Durch das „Sifr Makriun“ wird diese Streitfrage endgültig entschieden, denn es heißt von Ta’ut ausdrücklich: „seines Sohnes Sohn war Manut (Menes), der erste König der Reihe (d. h. des überlieferten Königsverzeichnisses) …“ Demnach muss Menes um 4600 v. u. Z. gelebt haben.

Kehren wir nun zur Biographie des Ta’ut zurück. Seine Mutter war Nu‘, die Gattin und vermutlich zugleich Schwester (denn im alten Ägypten war, besonders in den königlichen Familien, die Geschwisterehe üblich) des Königs Naschti. Aber der letztere war nur der vermeintliche Vater des Ta’ut; als sein wirklicher Erzeuger wird der Dämon Sib genannt, der dem phönizischen Chazur, dem griechischen Kronos entspricht, so dass also die früher zitierte Angabe des pseudohermetischen Buches „Der Schlüssel“ dadurch bestätigt wird. Der Ausdruck: „des Königs erste Gemahlin“ scheint darauf hinzudeuten, dass König Naschti ihrer mehrere hatte. Die weiter unten aufgezählten Namen der Jünger und Jüngerinnen des Weisen sind gleichfalls in der Geschichte überliefert; sie lauten dort: Imuteph, Mui, Phannuti; Chaseph, Nehimen, Taphne und Tme, und bilden, zusammen mit Thot selber, den Zyklus der acht sogenannten „irdischen Gottheiten“, der Begründer von Kunst und Wissenschaft, der Ordner des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. Jmuteph wird übrigens in der Tat mit dem griechischen Asklepios identifiziert.

Was uns jedoch hier am meisten interessiert, sind die Sätze in der zweiten Hälfte des biographischen Artikels: „Und Ta’ut schrieb viele Bücher, darunter ein Buch der Weissagung und ein Buch der Verwandlungen“. Und sollten wir ja noch zweifeln, dass unter dem „Buch der Verwandlungen“ eine Abhandlung über die Verwandlungen der Stoffe, also ein alchemistisches Werk zu verstehen sei, so gibt uns der nächste Satz hierüber klaren Aufschluss: „Aus dem Buch der Verwandlungen ward herausgenommen die große Formel (Waswasa kabira) und eingegraben auf eine Tafel von Smaragd (Lich Izmargad).“

Diese Tafel von Smaragd, Tabula Smaragdina, spielt nämlich in der alchemistischen Überlieferung eine wichtige Rolle. Sie wird schon von den ältesten Alchemisten erwähnt und dem Hermes Trismegistos zugeschrieben, die auf ihr eingegrabene Formel auch immer wieder zitiert, aber ihre Echtheit blieb solange fraglich, bis bekannt wurde, dass das Original im Museum von Bit Nur noch vorhanden ist. Ich will hier auch gleich ihren Wortlaut geben, lateinisch und deutsch, so, wie er in alchemistischen Werken gewöhnlich angeführt wird: Verum est, certum et verissimum, quod est superius, naturam habet inferioris et ascendens naturam descendentis. Conjungas unica via et dispositione. Sol rubens est eius cuningii pater et alba Luna mater; tertius succedit, lit gubernator, ignis Cra sum lac subtile et hoc spissum reddito. Ad hunc modum gloriam habes huius mundi.

Wahr ist, sicher und ganz gewiss: das Obere hat die Natur des Unteren und das Aufsteigende die Natur des Absteigenden. Verbinde es auf einigem Wege und durch Verteilung. Die rötliche Sonne ist jener Ehe Vater und der weiße Mond die Mutter; drittens kommt hinzu, als Herrscher, das Feuer. Das Grobe mache fein und verdicke es wieder. So wirst du haben den Ruhm dieser Welt.

Dies also ist der überlieferte Wortlaut, welcher jedoch von der Originalinschrift auf der Smaragdtafel beträchtlich abweicht. Wir werden später diese selbst kennen lernen und die Abweichungen feststellen. Aber gerade der eine Satz, der in beiden Texten fast wörtlich übereinstimmt: „Das Untere hat die Natur des Oberen und das Obere die Natur des Unteren“ gerade dieser hat den Erklärern allezeit die meisten Schwierigkeiten bereitet. Wir werden im vierten Kapitel sehen, dass derjenige, der ihn zuerst niedergeschrieben, bereits einen so tiefen Einblick in die Struktur der Materie besessen haben muss, wie er uns, nach einem langen Umhertappen im Dunkeln, erst durch die allerneuesten chemischen Forschungsergebnisse, besonders auf dem Gebiete der Radioaktivität, wieder eröffnet wurde.

Ferner darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch in der Grundauffassung jener Inschrift gemeiniglich ein Missverständnis obwaltete: man nahm sie als eine Art Rezept für die Bereitung des Steins der Weisen oder der Universaltinktur, und nicht für das, was sie wirklich ist: eine magische Verwandlungsformel. Die Chakimim des Bit Nur haben sie richtiger verstanden, was schon daraus hervorgeht, dass sie in der chaldäischen Übersetzung der Biographie des Ta’ut sie eine „Waswasa“ nennen und sie auch in das „Sifr Waswasat“ (Sammlung der Zauberformeln) aufgenommen haben. Im Chaldäischen heißt nämlich waswas „flüstern“; Waswasa ist also eigentlich etwas Geflüstertes und dient zur Bezeichnung der magischen Sprache, weil diese meist mit halblauter Stimme hergesagt werden. Und nun glaube ich unseren Hermes Trismegistos ausführlich genug behandelt zu haben. Ich konnte mich über ihn jedoch unmöglich kürzer fassen, da er tatsächlich der Begründer der Alchemie und seine Tabula Smaragdina im wörtlichsten Sinn der Grundstein des ganzen Gebäudes ist.

Mit Recht wird also die Alchemie als eine altägyptische Wissenschaft bezeichnet. Wenn man nun freilich auch ihren Namen von Chemie, der alten einheimischen Bezeichnung Ägyptens herzuleiten sucht, so geht man entschieden zu weit. Ich gebe der anderen Ableitung den Vorzug, der zufolge der Name Alchemie aus dem arabischen Artikel al- und dem griechischen Worte „Saft“ oder „die Lehre von den Säften“, zusammengesetzt ist. In Ägypten wurde die Alchemie von den Priestern bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts u. Z. gepflegt, das ist, von Hermes Trismegistos an gerechnet, ein Zeitraum von fast fünfeinhalb Jahrtausenden. Dann erfolgte der Einfall der Araber und die Vernichtung der großen Bibliothek von Alexandria. Glücklicherweise besaßen die Eroberer einen gewissen Sinn für Naturwissenschaft und schämten sich nicht, auf diesem Gebiet von den Ägyptern zu lernen. Und so sehen wir bald nach der Gründung des Chalifates in Spanien daselbst bedeutende Gelehrte auch mit der Alchemie beschäftigt: der arabische Arzt Abu Mus a Dschabir as-Sufi, gewöhnlich Geber genannt, war es, der auf Grund eingehender Versuche zuerst behauptete, dass sämtliche Metalle aus Schwefel und Quecksilber bestehen und sich untereinander nur durch die Mengenverhältnisse dieser beiden Stoffe unterscheiden, wodurch das alchimistische Problem zu einem einfachen Mischungsproblem würde, das sich durch Schmelzen, Destillieren, Sublimieren und ähnliche Verfahren müsste lösen lassen. Leider hat diese Geberische Theorie in der Folge mehr Unheil als Segen gestiftet, weil man sie missverstand. Der arabische Gelehrte meinte nämlich mit ,,Schwefel“ und „Quecksilber“‚ gar nicht die uns unter diesen Namen bekannten Stoffe, sondern die chemischen Träger der Verbrennbarkeit und Schmelzbarkeit, was auch von den kundigen Alchemisten unermüdlich wiederholt und betont wird: ,,Dieser solarische und lunarische Wunder-Sulphur ist zwar in allen Geschöpfen als ihre Seele zu finden, aber nur die wahren Weisen verstehen solchen von dem groben und unreinen zu scheiden“ (G. v. Welling, Opus magocabalisticum, 1735); ,,Und also kommt auch das gemeine Quecksilber nicht in unser Werk; von diesem ist unser Merkur ganz verschieden. Der unsere ist ein Geist und Same der Metalle …“ (F. S. F. Melvolodemet, Non plus ultra veritatis, 1751). Gebers Name verdient aber nicht nur in der Alchemie, sondern auch in deren Tochterwissenschaft, der Chemie, einen Ehrenplatz. War er doch der erste, der die Herstellungsarten verschiedener Säuren fand und ausführlich beschrieb: er gewann Schwefelsäure durch Destillation des Alauns, Salzsäure durch Destillation des Salpeters mit Vitriol und stellte Königswasser aus Salpetersäure und Salmiak her.

Von Spanien aus verbreitete sich die Alchemie dann allmählich über ganz Europa. In Deutschland trat bereits im 11. Jahrhundert ein geschickter Alchemist auf: Paulus, ein getaufter Jude, der für den Erzbischof Adalbert von Bremen arbeitete und angab, dass er die Kunst, Kupfer in Gold zu verwandeln, in Griechenland erlernt habe. Im 13. Jahrhundert gibt es auch in Frankreich, Italien und England bereits Pflegestätten der Alchemie und zahlreiche ,,Adepten“ (so nannten sich die Eingeweihten) zu zahlreich, als dass sie hier alle auch nur erwähnt werden könnten. Wir müssen uns darauf beschränken, nur einige wenige, eben die glanzvollsten Namen der schier endlosen internationalen Liste herauszugreifen. Allerdings traten aber auch viele Abenteurer auf, welche die Alchemie nur als Vorwand benutzten, bei der damals allgemein herrschenden Goldgier leichtgläubige Leute zu betrügen. Dadurch musste natürlich die wirkliche Wissenschaft der Eingeweihten allmählich in Verruf kommen. Wenn man aber heutzutage so weit geht, mit Hinweis auf diese bedauerlichen Erscheinungen ihr jegliche Glaubwürdigkeit überhaupt abzusprechen, zu leugnen, dass es jemals einen wirklichen Adepten gegeben habe und zu behaupten, dass alle, die darüber so ausführlich gelehrt und geschrieben haben, nur entweder Betrüger oder Betrogene gewesen seien und alle die zum Teil sehr wohlbezeugten Verwandlungen unedler Metalle in Gold nur entweder auf Taschenspielerei oder auf Selbsttäuschung beruht haben, so bedarf das eigentlich kaum einer ernsthaften Widerlegung.

Gleich der erste Name, der hier genannt werden soll, der des Albertus Magnus, verdient unser volles Vertrauen. Dieser Mann, der mit gewaltigem Geiste das Gesamtwissen seiner Zeit beherrschte und daher auch ,,Doctor universalis“ genannt wurde, stammt aus dem Geschlecht der Grafen von Bollstädt und ist im Jahre 1193 zu Lauingen in Schwaben geboren. Er studierte in Padua, lehrte nachher an den Klosterschulen zu Köln, Hildesheim, Freiburg, Regensburg, Straßburg, lebte eine zeitlang in Paris, wurde 1254 Provinzial des Dominikanerordens in Deutschland und war 1260 bis 1262 Bischof von Regensburg. Seit 1262 lebte er wieder in Köln, ausschließlich wissenschaftlichen Forschungen sich widmend, und starb daselbst am 15. November 1280. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit Philosophie, Medizin und Alchemie. In der Philosophie trug er viel zur Ausbreitung der aristotelischen Lehren bei und seine wunderbaren Erfolge als Arzt brachten ihn sogar in den Geruch der Zauberei.

Seine alchemistischen Anschauungen stimmten so ziemlich mit denen Gebers überein, nur dass er als Bestandteile der Metalle außer Schwefel und Quecksilber auch noch das Wasser anführt (worunter natürlich ebenfalls nicht das gewöhnliche Wasser, sondern der Träger der Flüssigkeit als Elementareigenschaft zu verstehen ist) und annahm, im Schwefel seien alle vier aristotelischen Elemente (Erde, Wasser, Feuer und Luft), im Quecksilber hingegen nur Wasser und Erde enthalten.

Sein berühmtester Zeitgenosse in England ist Roger Bacon, geboren 1214 zu Ilchester in der Grafschaft Somerset. Er studierte in Oxford und erlangte in Paris den theologischen Doktortitel. Hierauf vollzog er seinen Eintritt in den Franziskanerorden und hielt Vorlesungen an der Oxforder Universität mit solchem Erfolge, dass man ihn den „Doctor mirabilis“ nannte. Auch ihm war keine der damaligen Wissenschaften fremd, seinen vorzüglichsten Eifer verwandte er jedoch auf die Physik und die Alchemie und war unermüdlich im Experimentieren. Er erfand Vergrößerungsgläser und soll auch, lange vor Berthold Schwarz, bereits das Schießpulver und vor Brandt (siehe weiter unten) den Phosphor gekannt haben. Seine Überzeugung von der Möglichkeit der Verwandlung der Metalle und der Existenz des Steines der Weisen und der Universaltinktur war unerschütterlich. Infolge seiner freien, der damaligen Zeit voraneilenden Ideen und seines Auftretens gegen die herrschende Mönchsverderbnis konnte es nicht fehlen, dass er beim Papst verleumdet und auf Jahre eingekerkert wurde. Er starb zu Oxford am 11. Juni 1294.

Es folgt nun Arnoldus de Villanova, um 1235 in der Provence geboren, der ein abenteuerlich bewegtes Leben führte. Sein Hauptverdienst war die Herstellung und Anwendung neuer chemischer Präparate zu Heilzwecken, darunter auch des sogenannten ,,trinkbaren Goldes“ (lat. Aqua auri oder Aurum potabile).

Einen Wendepunkt in der alchimistischen Forschung bedeutet das Auftreten des Raimundus Lullus. Dieser ist im Jahr 1234 zu Palma auf der Insel Mallorca geboren. Nachdem er lange am aragonischen Hofe ein leichtsinniges Leben geführt, ergriff ihn plötzlich die Reue und er begann, sich eifrig den Studien zu widmen. Er unternahm weite Reisen, die ihn auch mit Roger Bacon und Arnoldus de Villa nova zusammenführten, deren Schüler er wurde. Er beschloss sein Leben mit dem Märtyrertode in Tunis 1315, wohin er sich als Missionar begeben hatte, um die Mohammedaner zum Christentum zu bekehren. Bezeichnend für sein alchimistisches Selbstbewusstsein ist der Ausspruch: „Mare tingerem, si Mercurius esset. Das Meer wollte ich in Gold verwandeln, wenn es Quecksilber wäre.“ Die Summe seiner Studien und Versuche hat er in einem Werke niedergelegt, betitelt: „Apertorium de compositione lapidis philosophorum“. Er war der erste, der die Alchemie, welche nach ihrer Verpflanzung aus der ägyptischen Heimat allmählich zu einer profanen Wissenschaft geworden war, wieder in mystisch-religiöse Bahnen lenkte und darauf hinwies, dass zur Vollbringung des großen Werkes Retorten und Schmelztiegel allein nicht ausreichen, sondern dass es auch der Anrufung höherer Mächte bedürfe. Die Chemie verdankt ihm die Destillation des Weingeistes, das Hirschhornsalz und die Gewinnung eines ätherischen Öles aus den Blättern des Rosmarins.

Wir kommen nun zu Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, geboren 1487 zu Köln als Nachkomme eines ursprünglich ritterlichen Geschlechtes. Er war einer der originellsten Charaktere des 16. Jahrhunderts. Sieben Jahre diente er als Soldat Kaiser Maximilians I. in Italien, dann erst wandte er sich dem Studium der klassischen Sprachen, der Medizin und Philosophie zu und lehrte bereits 1509 als Professor der Philosophie in Dole (Frankreich), 1510 in Köln. Im folgenden Jahr hielt er in Pavia Vorlesungen über Hermes Trismegistos, 1518 war er in Metz, nachher in Freiburg und Genf und 1524 als Arzt in Lyon. Als Leibarzt der Mutter Franz‘ I. in Ungnade gefallen, folgte er einem Ruf zu Margarete von Österreich nach Flandern, die seine Ernennung zum kaiserlichen Historiographen erwirkte. Seine Schrift ,,De incertitudine scientiarum“ erweckte ihm jedoch viele Feinde und sein Buch „De philosophia occulta“, worin er die Magie für die erhabenste aller Wissenschaften erklärte und sich als ausgezeichneten Kenner der Kabbalah erwies, brachte ihn vollends in den Verruf der Zauberei. Er musste flüchten und starb 1535 im Spital zu Grenoble. Das Werk über die okkulte Philosophie enthält auch seine alchemistischen Anschauungen.

Gleichfalls der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehört Basilius Valentinus an. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Er war am Oberrhein geboren, bereiste einen großen Teil Europas und lebte als Benediktinermönch im Peterskloster zu Erfurt. Er war ein überzeugter Alchemist, zugleich aber eifrig darauf bedacht, die medizinische Chemie weiter auszubauen. Er schrieb ein eigenes Werk über Darstellung und Eigenschaften einer Anzahl von Antimonverbindungen, die er zu Heilzwecken empfiehlt. Außer diesem Buche, ,,Triumphwagen des Antimonii“ betitelt, hinterließ er noch zahlreiche Schriften, die erst im 17. Jahrhundert durch den Ratsherrn Thölde in Frankenhausen herausgegeben wurden. Die Lehre Gebers von den Bestandteilen der Metalle, die er „Metallsamen“ nannte, erweiterte er, indem er zu Schwefel und Quecksilber noch das Salz als Träger der Feuerbeständigkeit und des Starren hinzufügte. Sein Zeitgenosse, aber noch ungleich berühmter, ist Theophrastus Paracelsus, dessen eigentlicher Name Philippus Aureolus Bombastus von Hohenheim lautet. Er wurde 1493 zu Maria Einsiedeln in Kärnten als Sohn eines Arztes geboren. Jahrelang war er Zögling des Abtes Tritheim, führte dann als fahrender Schüler und Feldarzt ein unstetes Leben und machte weite Reisen durch ganz Europa, ja bis nach Afrika und Asien. Im Besitz ausgezeichneter medizinischer, überhaupt naturwissenschaftlicher Kenntnisse lehrte er 1526 bis 1527 als Professor in Basel. Er verachtete die von den alten Römern und den Arabern überkommene Heilkunde mit ihren komplizierten Mixturen, Klystier und Aderlass und suchte eine mehr naturgemäße zu begründen, indem er das Vertrauen auf die Heilkraft des Körpers festigte und die Arzneien vereinfachte.

Die nochmals von Hahnemann wieder aufgenommene und populär gemachte Homöopathie ist eigentlich von Paracelsus erfunden worden. Großartig ist auch seine Philosophie mit ihrer Auffassung der Natur als höchsten Lebewesens und des Menschen als Mikrokosmus. Alles in der Natur, so lehrt er, beruht auf dem Selbsterhaltungstrieb. Seine alchemistischen Forschungen führten ihn zur Entdeckung des Zinks. Er starb 1537 zu Salzburg.

Nicht unerwähnt darf an dieser Stelle auch der Name des Hamburger Alchemisten Brandt bleiben, der im Jahre 1669 bei dem Versuch, ein Goldelixier aus Harn herzustellen, den Phosphor entdeckte. Andere Namen schließen sich ihm würdig an: Libavius, der Brüsseler Arzt van Helmont, ferner J. R. Glauber, der Entdecker des schwefelsauren Natrons (sal mirabile, Glaubersalz), Robert Boyle u. v. a., die allmählich den Übergang von der Alchemie zur Chemie anbahnten.

Ein echter und bedeutender Alchemist war auch noch Johann Konrad Dippel (1673 – 1734) aus Hessen, ein Mann von umfassendem Geist und gründlichem Wissen. Er hatte Theologie, Arzneiwissenschaft und Rechte studiert. Ursprünglich orthodoxer Protestant, ging er später zu den Pietisten über. Er ist der Erfinder des Berliner Blau’s und des animalischen Öles. Nach seiner Lehre ist Gott die Seele der Welt und die Welt der Leib Gottes, das göttliche Wesen selbst aber von einer Licht- und Feuermaterie umgeben, in welcher der Same der ganzen Körperwelt liegt. Die einzelnen Geister sind nur Funken aus derselben. Die Naturkräfte personifizierte er und nahm in allen drei Naturreichen einen sogenannten „Goldsamen“ an, den er auszuziehen und für sich darzustellen bemüht war. Dippel führte gleichfalls ein sehr unstetes Leben; bald an Höfen mit Gunst aufgenommen, bald verfolgt, endete er in Armut.

So hatte also im 15., 16. und 17. Jahrhundert die Alchemie stetig an Verbreitung gewonnen und damit musste allerdings ihr Verfall Hand in Hand gehen. Die Zahl der würdigen Adepten, deren aufrichtiges und uneigennütziges Bestreben war, den Spuren der Natur nachzugehen und im Werden und den Wandlungen des Stoffes ihre tiefsten Geheimnisse zu ergründen, ward immer geringer und die Zahl der Glücksjäger, die mittels des Steines der Weisen auf mühelose Art Reichtümer zu gewinnen hofften, immer größer. Dazu gesellte sich eine unübersehbare Schar ausgesprochener Betrüger. Die ,,Auri sacra fames die verfluchte Goldgier“ hatte alle Welt ergriffen, Bürger und Bauern, Mönche und Soldaten und nicht zuletzt auch die weltlichen und geistigen Fürsten, denen für ihre kostspieligen kriegerischen Unternehmungen und verschwenderische Hofhaltung eine solche nie versiegende Goldquelle hochwillkommen gewesen wäre. Kaiser, Könige und Fürsten hatten ihre Hofalchemisten und viel Geld wurde damals auf die Einrichtung alchemistischer Laboratorien ausgegeben, in der Erwartung, noch mehr Geld wieder dafür hereinzubekommen. Und in einzelnen wenigen Fällen wurde diese Erwartung denn auch nicht enttäuscht. Dies festzustellen, ist wichtig gegenüber der oft wiederholten Behauptung, dass die Herstellung des Steines der Weisen niemals wirklich gelungen und alles, was darüber geschrieben wurde, Unsinn sei.

Kaiser Rudolf II., der selbst ein Adept war, und mit dessen Unterstützung zahlreiche Alchemisten in Prag arbeiteten (in kleinen Häuschen unterhalb der Burg, die man heute noch als Sehenswürdigkeit zeigt), verbrachte einen großen Teil seines Lebens im Laboratorium, damit beschäftigt, Projektionen auszuführen, d. h. durch Aufwerfen kleiner Teilchen des Steines der Weisen auf geschmolzenes Metall dessen Transmutation in Edelmetall zu bewirken. Bei seinem Tod hinterließ er denn auch nicht weniger als 85 Zentner Gold und 60 Zentner Silber.
Kaiser Leopolds I. Hofalchemist war ein Augustinermönch namens Sayier, der Gold in Mengen herstellte, aus welchem 1657 Dukaten mit folgender Aufschrift geprägt wurden: „Aus Wenzel Sayiers Pulvers Macht bin ich von Zinn zu Gold gebracht.“

Auch Kaiser Ferdinand II. war durch einen Alchemisten in den Besitz des Steines der Weisen gelangt, mittels dessen er eigenhändig zweieinhalb Pfund Quecksilber in Gold verwandelte. Eine aus diesem Gold geprägte Medaille war noch 1797 in Wien vorhanden.

Um dieselbe Zeit hatte das deutsche Reichsgericht den seltsamen Rechtsstreit zwischen einer Gräfin Laßwitz und ihrem Gatten zu entscheiden, in welchem es sich um Folgendes handelte: Die Gräfin hatte eine beträchtliche Menge Silbergeschirr mit in die Ehe gebracht und dieses war ihr nachmals von einem Alchemisten durch die bloße Berührung mit dem Stein der Weisen in Gold verwandelt worden. Die Gräfin bestritt nun das Mitbesitzrecht ihres Gatten an diesem Geschirr nach dessen Verwandlung. Leider wird uns nicht berichtet, auf welche Weise sich das durch sein salomonisches Urteil weltbekannte Reichsgericht aus dieser heiklen Affäre zog.

Unter den Ungläubigen, die im 18. Jahrhundert bereits die Alchemie lächerlich zu machen und die Existenz des Steines der Weisen zu leugnen suchten, war einer der eifrigsten der Professor Crusius an der Universität Halle. Als dieser eines Tages seine gutbesuchte Vorlesung eben wieder mit einer überlegenen Aburteilung jenes „Irrwahnes“ geschlossen hatte, erhob sich ein Fremder, den er niemals zuvor unter seinen Hörern bemerkt hatte, und bat ihn mit höflichen Worten, den Anwesenden eine Transmutation ad oculos demonstrieren zu dürfen. Dieses Angebot ließ sich nicht gut abweisen. Es wurde also Blei in einen Schmelztiegel gebracht und über einer Flamme erhitzt. Sobald dasselbe nun flüssig geworden war, warf der Fremde ein kaum erbsengroßes Stückchen eines gelblichen Körpers hinein und im nächsten Augenblick nahm das geschmolzene Blei die Farbe des Goldes an. Nachdem es wieder erstarrt und abgekühlt war, überzeugte man sich, dass man tatsächlich pures Gold in Händen hatte. Der Fremde aber entfernte sich mit den Worten: ,,Nunc solve mihi hoc aenigma!“ und ließ den Herrn Professor samt seinen Hörern sprachlos zurück.

Dass aber auch der Misserfolg in der Alchemie gelegentlich in anderer Richtung Gutes zeitigte, dafür liefert die bekannte Geschichte des Apothekers Böttger ein Beispiel. Um diesen, der vorgab, schon mit sechzehn Jahren den Stein der Weisen dargestellt zu haben, stritten sich die Höfe von Preußen und Sachsen. Den preußischen Häschern glücklich entronnen, fiel er den sächsischen in die Hände und wurde auf Befehl des Kurfürsten Friedrich August II. auf die Festung Königstein gebracht. Daselbst ließ ihm der Kurfürst, dem gegenüber sich Böttger verpflichtet hatte, Gold herzustellen, ein Laboratorium einrichten. Böttger experimentierte nun verzweifelt drauf los, bis es ihm 1704 gelang, zwar nicht den Stein der Weisen, sondern, das Porzellan zu erzeugen, und zwar zuerst aus dem braunroten Ton der Meißner Gegend das Jaspisporzellan und einige Jahre später auch das weiße. Diese Erfindung, die für Sachsen zu einer Quelle des größten Reichtums wurde, rettete ihn vor der fürstlichen Ungnade und schwerer Strafe.

Mit der Alchemie beschäftigten sich auch die Geheimorden der Illuminaten und der Rosenkreuzer, desgleichen erhoben die beiden berühmtesten Abenteurer des 18. Jahrhunderts, Cagliostro und der Graf von Saint Germain, Anspruch darauf, Adepten zu sein. Ersterer antwortete Lavater, dem bekannten Begründer der Physiognomik, der eigens nach Straßburg gereist war, um den Wundermann zu sehen, auf die Frage, woher er seine Kenntnisse habe und worin seine geheimnisvolle Macht bestehe, mit den bedeutungsvollen Worten: „In verbis, in herbis, in lapidibus.“ Das letzte wichtigere Ereignis in der Geschichte der Alchemie ist die Gründung der ,,Hermetischen Gesellschaft“ durch den Arzt K. A. Kortum, den Verfasser der „Jobsiade“, in Bochum 1810.

Im weiteren Verlaufe des 19. Jahrhunderts erstarb dann das alchimistische Bestreben vollends. Das Geheimnis des Steines der Weisen ging verloren und die Alchemie musste ihrer Tochterwissenschaft, der Chemie, den Platz räumen. Entscheidend für den Sieg der letzteren war die immer kräftiger sich durchsetzende neue Lehre von den ,,Elementen“, deren erster Begründer allerdings ein Alchimist, nämlich der oben bereits genannte Robert Boyle gewesen und die nun von Lavoisier weiter ausgebildet wurde. Nach dieser Lehre gab es nicht, wie Aristoteles behauptet hatte, nur vier sogenannte Elemente (Erde, Wasser, Feuer und Luft), sondern eine größere, vorläufig nicht genau zu bestimmende Anzahl, die als die Grundstoffe, aus denen sich alles Materielle zusammensetzt, nicht weiter zerlegbar sind. Da nun aber zu ihnen auch sämtliche Metalle gehörten, so war es klar, dass von einer Transmutation, für die ja eine Zerlegung in noch einfachere Bestandteile, mit darauffolgender Neuzusammensetzung, die Vorbedingung bildete, keine Rede mehr sein konnte.

Im Gefolge dieser Theorie von den Elementen entwickelte sich dann die moderne Lehre von den Molekülen und Atomen: ein Molekül, das kleinste, auf mechanischem Wege (Pulverisieren, Auflösen in einer Flüssigkeit) nicht weiter teilbare, ein Atom, das kleinste, auf chemischem Wege (Erhitzen, Elektrizität) nicht weiter zerlegbare Stoffteilchen. So hatte die moderne Wissenschaft den Anschluss an die Atomlehre der alten griechischen Philosophen gefunden nur mit dem Unterschiede, dass die kleinsten, unteilbaren Teilchen jener Atomisten alle gleichartig gedacht wurden, während die der neueren Chemie immerhin noch nach den einzelnen Elementen verschieden waren. Bei diesem Punkt angelangt ist uns nun einstweilen Halt geboten. War diese neue Atomtheorie richtig, dann bestand keinerlei Aussicht, dass die Alchemie jemals wieder zum Leben erwachen konnte. Ja noch mehr: dann mussten diejenigen recht behalten, welche den Stein der Weisen für ein Phantasiegebilde erklären und leugnen, dass das alchimistische Meisterstück oder Magisterium magnum, die Transmutation unedler in Edelmetalle jemals in einem alchimistischen Laboratorium wirklich ausgeführt worden sei; dann war Raimundus Lullus mit seinem ,,Mare tingerem “ ein eitler Prahler, Paracelsus ein törichter Tropf, der Gold nicht von irgendeiner beliebigen gelben Masse zu unterscheiden wusste, und Kaiser Rudolf II., Leopold I. und Ferdinand III., die aus solchem Metalle Münzen schlagen ließen, nicht besser als Falschmünzer – von dem deutschen Reichsgericht gar nicht zu reden, das in dem Falle der Gräfin Laßwitz oberflächlich vergoldetes Silbergeschirr für gediegen Gold gehalten und sich mit seinem (wie gesagt leider nicht überlieferten) Urteile unsterblich blamiert hatte.

Wir werden aber im dritten Teil sehen, welche Umwälzungen die neuesten Forschungen seit der Entdeckung der Radioaktivität in der Chemie hervorgerufen haben. Durch sie hat die Lehre von den „Elementen“, die durch länger als zwei Jahrhunderte die Wissenschaft beherrschte, den Todesstoß erhalten und ist, wie so manche andere glorreiche Theorie (z. B. die Newton’sche Gravitations- und die Darwin’sche Entwicklungstheorie) im Begriffe, in der Versenkung zu verschwinden. Seitdem der Nachweis gelungen ist, dass das „Element“ Blei nichts anderes ist als ein Zersetzungsprodukt des Radiums und dass das „Element“ Stickstoff sich in Wasserstoff und Helium zerlegen lässt, ist jener Theorie der letzte Halt geraubt. Die Atomtheorie wurde also von der Elektronentheorie abgelöst und durch diese letztere das alchemistische Problem neuerdings in den Vordergrund gerückt.

Chronologisches Verzeichnis einer Anzahl wichtigerer alchemistischer Werke:

Samuel Baruch: ,,Gabe Gottes“.
Rabbi Abraham Eleazar: ,, Das große Geheimnis“.
Johann von Sternberg: „Gloria Mundi, kleine Paradies-Tafel oder Beschreibung der uralten Wissenschaft Lapidis philosophorum“.
Johann Siebmacher: „Das güldene Vließ“.
Henry Vaughan (Eugenius Philalethes): „Eröffneter Eingang zu des Königs verschlossenem Palast“; „Traktat von der Verwandlung der Metalle“; „Anthroposophia magica“; „Anima magica abscondita“.
Josaphat Friedrich Hautnorton; „Traktat vom philosophischen Salze“.
Johanna Leade (Leonina Constantia): „Sonnenblume der Weisen“.
Dr. Johann Grashofer (Chortolassaeus): „Die Geheimnisse des großen und kleinen Bauers“; „Physica naturalis rotunda“; „Visiones chemicae cabalisticae“.
Benedikt Gutwasser: „Aufrichtiges Glaubensbekenntnis“.
Georg von Welling: „Opus mago-cabalisticum et theosophicum“.
Graf Franciscus Onuphrius de Marsciano: „Hermetische Untersuchung vom Stein der Weisen“; „Hermetisches Sendschreiben an meinen auserwählten Schüler in der Kunst“.
Leonhard von Altenburg: „Delarvatio tincturae philosophorum oder kurze einfältige Erklärung des Lapidis benidicti“.
Hermann Fictuld (Baron Meinstoff): „Hermetica victoria, d. i. Sieg und Triumph des berühmten und doch verachteten Hermaphroditi über die Schar der Patrone des Metall- und Mineralreiches“; „Probierstein“; „Turba philosophorum oder gesammelte Sprüche der Weisen vom Stein der Weisen“; ,,Moses Testament oder die fürstlich-monarchische Rose von Jericho“.
Franz Sebastian Melvolodemet: „Non plus ultra veritatis“.
Johann Ferdinand Frydau: „Sendschreiben an einen hochfürstlichen Prinzen des Deutschen Reiches“; „Licht des Lichtes, das ist Beschreibung und Beleuchtung des Steines der Weisen, wie er ins Naturreich gepflanzt und zu erlangen sei.“
Dydacus Senertus: ,,Kommentar und Sendschreiben an die echten hermetischen Schüler“.
Elias Artista: „Das Geheimnis vom Salz als dem edelsten Wesen der höchsten Wohltat Gottes in dem Reiche der Natur, beides, in seinem Wesen und in seinen Eigenschaften, untersucht“. Eine Neuausgabe dieses wichtigen Werkes, dessen Verfasser ein Rosenkreuzer gewesen, ist im Verlag von E. Barteis, Berlin-Weißensee, erschienen!
C. F. K.: „Das aus der Finsternis von selbst hervorbrechende Licht, in drei italienischen Gesängen, nebst der Auslegung eines französischen Verfassers, vorn Geheimnis des Steins der Weisen“.
Anonym: „Der rechte Weg zur hermetischen Kunst, nebst Anmerkungen über die Irrwege.“; „Hermetisches A. B. C. der echten Weisen alter und neuer Zeiten vom Stein der Weisen“; „Mikrokosmisches Vorspiel eines neuen Himmels und der neuen Erde“.