Die Weisheits-Religion

Franz Hartmann (1888)

Franz Hartmann

Franz Hartmann war u.a. auch Mitglied der Rosenkreuzer. Er beschreibt in diesem Text seine Sichtweise der geistigen Gesetze, oder auch hermetischen Gesetze, die auf den griechischen Gott Hermes zurückgehen. Wie oben so unten, wie innen so außen, wie im Großen so im Kleinen. Franz Hartmann vertritt den Standpunkt, dass dies auf die Herrschaft des Geistes über die Materie zurückzuführen sei, und der Mensch sich selbst als den Schöpfer in seiner eigenen kleinen Welt und Gott als den Schöpfer im Weltall erkennen solle.

 

„Nimm die Binde von Deinem Auge, zerreiße die Sklavenkette, ergreife die Fackel der Vernunft, und durchleuchte die finsteren Gewölbe der Geheimnisse.“ (Karl von Eckartshausen)
Wenn ein Affenpinscher erstaunlichere Kunststücke machen kann als ein Hofhund, so kommt dies nicht davon her, dass der erstere eine größere Weisheit erzeugen kann als der letztere, sondern dass der Affenpinscher eine zu solcher Abrichtung geeignetere Organisation besitzt als der Hofhund. Auch das Menschentier kann abgerichtet werden und erlangt oft einen hohen Grad an Dressur, indem eine Menge von Kenntnissen in sein Gehirn aufgestapelt werden. Wie aber der Affenpinscher aus sich selbst keine Kunststücke erfindet sondern sie ihm erst von jemandem beigebracht werden müssen, und wie der Gelehrte nichts weiß, als was man ihm gelehrt hat, so hat auch der Weise keine andere Erkenntnis als diejenige, welche er nicht selber erfunden, sondern welche durch die Offenbarung der Wahrheit in seinem Innern zu seiner Erkenntnis geworden ist. Dass es eine solche innerliche Erkenntnis gibt, die aus keiner Überlieferung herrührt und nicht aus angenommenen Theorien und Schlussfolgerungen zusammengesetzt ist, sondern auf nichts anderem, als auf sich selber, d.h. auf eigener Erfahrung und Erkenntnis beruht, davon wissen nur wenige und nur wenige können es begreifen. Deshalb glauben auch die Alltagskritiker, welche zu den Werken der alten Weisen langwierige und komplizierte Kommentare schreiben, dass die Lehren der Weisen schlau und ausgeklügelte Theorien enthalten, und sie beschimpfen die Weisen, indem sie sie wegen ihrer Schlauheit und Spitzenfindigkeit loben. Wenn es aber auch heutzutage viele Gelehrte aber wenige Weise gibt, so ist doch die Wahrheit ewig und unerschaffen und immer dieselbe, und es hat zu allen Zeiten einzelne und begabte und „begnadete“ Menschen gegeben, in denen die Wahrheit offenbar wurde und welche dadurch befähigt wurden, sie zu verkünden. Aus dieser direkten Erkenntnis, welche, weil sie von oben kommt, auch göttliche Inspiration genannt wird, entsprang der Weisheitsreligion oder „Theosophie“, welche auch in dem alten Ägypten bekannt war und in den Tempeln der Isis gelehrt wurde. Ehe wir daher in unserer Erzählung weitergehen, welche, insofern sie sich auf die Erlebnisse eines einzelnen Menschen bezieht, nur geringen Wert hat, wird es angezeigt sein, einen Blick auf den Grundriss dieser Lehre zu werfen, wenn es auch unmöglich ist, in wenigen Worten eine Wahrheit zu beschreiben, welche die ganze Welt umfasst. Auch Jehosua Ben Pandira lernte mehr durch das Aufblühen des eigenen Verständnisses, als durch äußerlichen Unterricht, wenn auch der letztere dazu beitrug, die Wolken des Irrtums zu zerstreuen, welche das Licht hinderten, seinen Verstand zu erleuchten. Je mehr er Reinheit der Seele erlangte, umso mehr konnte sich die Wahrheit in seinem Herzen wiederspiegeln. So wie die Lotusknospe sich unter dem wärmenden Einfluss des Sonnenlichtes zur Blüte und Blume entfaltet, so belebte sich seine Seele durch die Macht der allumfassenden Liebe und das Licht der göttlichen Weisheit erleuchtete seinen Verstand. Er sah in seinem eigenen Innern die Vorgänge, welche sich durch alle Ewigkeit im großen Ganzen des Universums abspielen. Er kannte sich selbst als den Schöpfer in seiner kleinen eigenen Welt und Gott als den Schöpfer im Weltall. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass er selbst in seinem Innern in ungestörter Ruhe bleiben und dennoch Welten von Gedankenbildern in seiner Seele erschaffen konnte, ohne davon bewegt zur werden, obgleich er selbst der Beweger von seinen Schöpfungen war, und er erkannte, dass es im Großen ist wie im Kleinen, und wie oben weil das Untere ein Miniaturbild des Oberen ist. Je mehr sich sein Geist über die Welt der irdischen Formen erhob und an Größe zunahm, umso weiter erstreckte sich seine geistige Wahrnehmung, und er konnte nicht nur mit dem Auge der Phantasie, sondern mit dem Auge des Geistes die Tiefen des Weltalls durchdringen. Da fand er nirgends den Tod, wohl aber einen beständigen Wechsel der Formen; die Erscheinungen veränderten sich, die Tätigkeit des Lebens offenbarte sich auf verschiedenartige Weise, aber das Leben selbst blieb stets was es ewiglich war. Er sah dieses Leben im Spiegel der ganzen Natur und erkannte deshalb die Welt als ein lebendes Wesen, in welchem unzählige kleinere Welten entstanden und vergingen, und er begriff, dass, wie jede Welt ihre bestimmte Periode des Wachens und des Schlafens hat, es auch für die große Welt Perioden der Tätigkeit und Perioden der Untätigkeit gibt. Er sah, das jedes Mal auf eine Periode des Wachens, welche durch unzählige Zeiträume dauert, eine „Schöpfungsnacht“ von ähnlicher Dauer folgt, während welcher alle Dinge ins Nichtoffenbare eingehen und in Gott ruhen, so wie die Gedanken im Menschen ruhen, wenn er nicht denkt, ohne dass der Mensch deshalb sein Wissen verliert. So sah er, wie die ganze Natur im Ewigen ruht, bis „ im Anfange Gott wieder zum objektiven Dasein erwacht, und durch den endlosen Raum das schöpferische Wort erschallt:
„Es werde Licht!“