Das siebente Buch – Der Becher oder Einheit genannt. An Tatium.

Titelblatt der ersten Ausgabe in Deutsch, Hamburg 1706
1. Der Werkmeister hat die ganze Welt nicht mit Händen gemacht, sondern durch das Wort, derhalben betrachte denselben als gegenwärtig und allezeit seiend und alles machend und als denjenigen, der allein der Einige ist, welcher durch seinen Willen die Dinge gebaut hat.

2. Denn dasselbige ist sein Leib, doch nicht begreiflich, nicht sichtbar, noch abmesslich, noch teilbar, noch einigen andern Leibern gleich; denn er ist weder Feuer, noch Wasser, noch Luft, weder geschaffener Geist, sondern alles kommt von ihm: denn nachdem er gut ist, so hat er solches sich allein zugeeignet.

3. Auch hat er die Erde wollen auszieren, doch mit dem Zierrat seines göttlichen Leibes, und hat den Menschen hinuntergeschickt als ein unsterblich und ein sterbliches Tier.

4. Und der Mensch hat mehr empfangen als die Tiere und die Welt von wegen der Sprache und des Gemütes: Denn er wurde gemacht zu einem Beschauer der Werke Gottes, worüber er sich verwunderte und den Macher erkannte.

5. Die Sprache, o Tati, hat Gott wohl allen Menschen ausgeteilt, aber nicht das Gemüt, nicht darum, dass er einigen abgünstig gewesen sei (denn die Missgunst kommt gar nicht von ihm), sondern gebiert sich hienieden in den gemütlosen Seelen der Menschen.

6. Warum, Vater, hat denn Gott allen das Gemüt nicht mitgeteilt?

7. O Sohn! Er hat dasselbe in der Mitte, als einen Preis der Seelen, wollen vorstellen.

8. Wo hat er denn denselben vorgestellt?

9. Er hat einen Becher mit demselben gefüllt und herniedergesenkt und einen Prediger mitgegeben und demselben befohlen, solches der Seele des Menschen vorzupredigen.

10. Taufe dich, o Seele, die du solches vermagst, in diesem Becher, du, die du glaubst, dass du wiederkommen wirst zu dem, der den Becher niedergesendet hat, du, die du erkennst, zu was am Ende du gemacht bist.

11. Welche nun die Predigt haben verstanden und im Gemüte sind getauft worden, dieselben sind der Erkenntnis teilhaftig und vollkommene Menschen geworden, weil sie das Gemüt haben angenommen.

12. Aber diejenigen, welche die Predigt nicht haben gefasst, die haben wohl die Sprache, aber nicht das Gemüt bekommen, solche wissen nicht, zu was am Ende und von wem sie gemacht oder geschaffen sind.

13. Ihre Sinne, welche gleich sind den Sinnen der unvernünftigen Tiere und aus Entstellnis und Zorn gleichsam vermischt sind, verwundern sich ganz nicht über die Dinge, welche der Beschauung würdig sind, sondern weil sie sich den Lüsten und Begierlichkeiten des Leibes übergeben, so glauben sie, der Mensch sei um deswillen gemacht.

14 Doch soviel von ihnen der Gaben Gottes sind teilhaftig worden, dieselben, o Tati, sind gegen die Sterblichen unsterblich. Sie begreifen mit ihrem Gemüt alle Dinge, die irdischen und die himmlischen und das, was über dem Himmel ist.

15. Wenn sie sich nun auf solche Art selbst erhoben haben, sehen sie das Gute, und wenn sie dasselbe haben gesehen, so schätzen sie ihr Verbleiben hier für Elend und laufen mit Absagung aller Dinge (sowohl der leiblichen als unleiblichen) zu demselben Einen und Einigen.

16. O Tati, dieses ist die Wissenschaft des Gemütes, wenn man die göttlichen Dinge beschaut und Gott versteht, denn dasselbe ist der göttliche Becher.

17. Vater, ich wollte auch wohl gerne getauft werden!

18. Sohn, im Fall du deinen Leib nicht erstlich hassest, so kannst du dich selbst nicht lieb haben, aber sobald du dich selbst wirst geliebt haben, dann wirst du das Gemüt empfangen, und wenn du das Gemüt hast, dann wirst du auch die Wissenschaften empfangen.

19. Vater, wie willst du dieses verstanden haben?

20. Sohn, es ist unmöglich, dass man kann mit beiden zu tun haben, nämlich mit den sterblichen und zugleich auch mit den göttlichen Dingen.

21. Denn dieweil da zwei Wesen sind (nämlich ein leibliches und ein unleibliches, in welchen das Sterbliche und das Göttliche ist), so steht demjenigen, der da wählen will, die Wahl von Einem frei, denn beide vermag er nicht.

22. Wo demnach die Erwählung des Einen geschieht, allda offenbart das Eine, welches verlassen wird, die Wirkung des Anderen.

23. Darum gereicht die Erwählung des Besten demjenigen, der es erwählt, nicht allein zu großer Herrlichkeit, also dass dieselbe den Menschen vergöttert, sondern sie weist auch, wie man Gott soll selig dienen.

24. Aber die Erwählung des Geringeren verdirbt wohl den Menschen, aber sie treibt ihn nicht zu Gott, und nicht allein dieses, sondern wie eine Pracht in ihrem besten Lauf verschwindet: Also können dieselben auch nicht wirken, sondern werden mehr und mehr verwickelt; aber auf eine solche Weise zeigen sich diejenigen nur als ein Aufzug in der Welt, welche von den leiblichen Wollüsten verrückt werden.

25. Weil denn solches sich also verhält, o Tati! so haben wir das, was von Gott kommt, aber das, was von uns kommt, muss darauf folgen und nicht zurückbleiben, denn Gott ist keine Ursache des Bösen, sondern wir sind es, die wir das Böse über das Gute erheben.

26. Du siehst, o Sohn! Wie viel Leiber wir passieren müssen, wie viel Scharen von Dämonen und den Begriff und den Lauf der Sterne, auf dass wir zu dem einen und einigen Gott kommen mögen.

27. Denn das Gute ist ohne Grund, ohne Schranken und ohne Ende, auch hat es vor sich selbst keinen Anfang.

28. Uns dünkt wohl, als ob die Erkenntnis einen Anfang hätte, es hat aber die Erkenntnis vor sich selbst keinen Anfang, sondern sie gibt uns den Anfang von dem, das man erkannt: Lasst uns deshalb den Anfang angreifen und hurtig alles durchwandeln.

29. Denn es fällt sehr schwer, das Gewohnte und das Gegenwärtige zu verlassen und zu dem Alten und Ersten wieder zurückzukehren, denn man lässt sich alleine gefallen, was sichtbar ist, was unsichtbar ist, dasselbe wird schwerlich geglaubt.

30. Nun aber ist das Böse sichtbar und das Gute vor dem Sichtbaren verborgen, denn es hat weder Gestalt noch Figur, und darum ist es allein sich selbst gleich, allen anderen Dingen aber ungleich.

31. Denn es ist unmöglich, dass etwas Unleibliches in ein leiblich Ding offenbar werde: solches ist der Unterschied zwischen Gleich und Ungleich, und das Ungleiche hat keine Gemeinschaft mit dem Gleichen.

32. Nachdem die Einheit denn der Anfang und Wurzel von allen Dingen ist, so ist dieselbe auch in allen Dingen als eine Wurzel und Anfang, ohne den Anfang ist nichts, der Anfang aber ist auch niemals anders als aus sich selbst. Denn der Anfang gebiert die anderen Dinge, und dieser Anfang ist von keinem andern Anfang geboren.

33. Deshalb, weil die Einheit der Anfang ist, so begreift dieselbe alle Zahlen und wird von keiner begriffen; sie gebiert alle Zahlen und wird von keiner andern Zahl geboren.

34. Alles, was demnach geboren ist, ist unvollkommen, kann zerteilt werden und ab- und zunehmen, aber was vollkommen ist, bei dem ist keines von jenen.

35. Und was da wächst, das wächst von der Einheit und wird verzehrt von seiner eigenen Schwachheit, wenn es nicht mehr mächtig ist, die Einheit anzunehmen oder zu fassen.

36. Dies Bild Gottes, o Tati, ist dir nun vorgemalt, soviel es hat sein können, wirst du es fleißig beschauen, und mit den Augen des Herzens verstehen, glaub mir, mein Sohn, du wirst den Weg zu den Dingen, die da oben sind, finden, oder es wird dich das Bild vielmehr dahin leiten.

37. Denn dieses Bild hat die besondere Eigenschaft, dass es solche (die um dasselbe anzuschauen kommen) ergreift und an sich zieht, wie der Magnet-Stein das Eisen an sich zieht.