Das zwölfte Buch – Schlüssel an Tatium.

Titelblatt der ersten Ausgabe in Deutsch, Hamburg 1706

1. Die gestrige Rede, Aiclepi, habe ich dir zugeeignet, nun ist es billig, dass ich die heutige Tatio zueigne, weil solche auch von den allgemeinen Reden, die zu ihm gesprochen sind, ein kurzer Begriff ist.

2. Lieber Tatius! Gott der Vater und das Gute hat einerlei Natur, oder vielmehr einerlei Wirkung.

3. Denn dies ist der Name der Natur, ihres Abgangs und ihres Anwachsens, welche sind bei den veränderlichen und unveränderlichen, beweglichen und unbeweglichen, das sind göttliche und menschliche Dinge, von welchen jede Besonderheit er will, dass sie sei.

4. Die Wirkung aber in den göttlichen und menschlichen Dingen (wie wir auch gelehrt haben) ist von anders woher, welche Dinge wir hierbei müssen verstehen.

5. Denn seine Wirkung ist sein Wille, und sein Wesen ist Begehren, dass alles sei.

6. Denn was ist Gott und der Vater und das Gute anders, als dass die Dinge, die da noch nicht sind, ins Wesen gestellt werden, ja er ist das Wesen selbst der wesenden Dinge, dieses ist Gott, dieses ist der Vater, dieses ist das Gute, bei welchem nichts anders von andern Dingen gefunden wird.

7. Denn die Welt und die Sonne ist wohl zwar durch Teilhaftigkeit auch ein Vater, aber nicht eine Ursache von gleicher Würde, dass die Tiere das Gute und das Leben haben.

8. Aus diesem will folgen, dass dieselbe ganz und gar von dem Willen des Guten oder Gottes beschlossen werden, weil ohne denselben nichts gesehen noch geboren werden kann. Aber dieser Vater, als die Ursache der Söhne, empfängt die Begierde des Guten, des Samens und der Speise oder der Nahrung durch die Sonne.

9. Denn das Gute ist dasjenige, das da wirkt, welches unmöglich ist, dass es sonst bei einem andern vermag zu sein, als einzig bei dem allein, welcher nichts an sich nimmt, und doch will, dass alles sei.

10. Lieber Taiti, ich sage nicht, dass er es alles macht, denn der es macht, dem mangelt’s öfters, indem er dieses macht, und das Andere nicht macht, an Eigenschaft und Größe, denn die Dinge, welche Größe und Eigenschaft haben, haben auch bisweilen widerwärtige Art.

11. Aber Gott und der Vater und das Gute, von dem alle Dinge sind (wer nur dieselben auf diese Art ansehen kann, denn so will er’s haben, dass es sein soll, und so ist es auch, sowohl um des Seins, als um der Sache wegen, denn alle anderen Dinge sind darum gemacht, weil die Eigenschaft des Guten ist, erkannt zu werden), O Tatius, das ist das Gute.

12. O Vater, du hast uns mit einer guten und allerherrlichsten Betrachtung angefüllt, und das Auge meines Gemütes ist nun von einer solchen Betrachtung beinahe geheiligt worden, denn gleich wie die feurigen Strahlen der Sonne mit ihrem Einscheinen die Augen verfinstern: also macht es nicht das Gesicht eines so guten Wesens, sondern es erleuchtet und vermehrt im Gegenteil das Licht der Augen so viel, als jemand den Einfluss des verständlichen Lichtes kann fassen: denn dasselbe ist subtil und scharf zu durchdringen, und voll von aller Reinheit und Unsterblichkeit.

13. Derjenige, der etwas überflüssig von solchen Gesichten vermag zu fassen, der entschläft oftmals außer dem Leibe in das allerherrlichste Anschauen, welches unsere Voreltern Cälius und Saturnus bekommen haben.

14. Wollte Gott! lieber Vater, dass wir solches auch verlangten!

15. Oh, dass Gott wollte, mein Sohn! Aber jetzt sind wir nicht wohl bequem zu Gesichtern, und können die Augen des Ge¬mütes noch nicht auftun und die unbegreifliche und unverderbliche Herrlichkeit von einem so guten Wesen anschauen.

16. Aber wenn wir nichts mehr von demselben werden haben zu sprechen, alsdann wirst du solches sehen, denn desselben Erkenntnis ist eine göttliche Stille und eine Ruhe aller Sinne.

17. Denn welcher auf dieselbe Acht hat, der kann nicht auf etwas anderes Acht haben, noch der sie anschaut, etwas anders anschauen, noch auf etwas etwas anders hören, auch seinen Leib ganz nicht bewegen.

18. Denn er ruht entbunden von allen leiblichen Sinnen und Bewegungen, aber das Licht, welches um und um das ganze Gemüt erleuchtet, erleuchtet auch die ganze Seele und nimmt sie auf aus dem Leibe und verwandelt dieselbe ganz und gar in das Wesen Gottes.

19. Denn dies ist möglich, lieber Sohn! Dass die Seele in des Menschen Leib kann vergöttert werden, wenn sie nämlich die Herrlichkeit des Guten ansieht.

20. Was ist das Vergöttern, wie meinst du das, Vater?

21. Eine jede Seele hat ihre Scheidung, lieber Sohn.

22. Aber wie verteilst du weiter ihre Verwandlung?

23. Hast du aus der Hauptrede nicht gehört, dass allein von einer (von der Seele des ganzen Wesens) alle Seelen kommen, welche also in der ganzen Welt umschweben, gleichsam verteilt.

24. Diese Seelen haben viele Verwandlungen, etliche in einen seligen, aber etliche in einen widerwärtigen Stand.

25. Denn welche kriechend sind, die werden in Wässrigkeit verwandelt, die wässrigen in irdische, die irdischen in fliegende, die luftigen in Menschen, aber die menschliche Seele, welche der Unsterblichkeit teilhaftig worden, in Dämonen: dieselben gehen alsdann hernach in die Schar der unwandelbaren Götter.

26. Denn es sind zwei Scharen der Götter, die eine der umwan¬delnden, die andere der unwandelbaren, und dieses ist die allervollkommenste Herrlichkeit der Seelen.

27. Wenn aber die Seele, die in des Menschen Leib ist eingegangen, böse bleibt, so schmeckt dieselbe die Unsterblichkeit nicht, kann auch des guten Wesens nicht teilhaftig werden, sondern sie geht den Rückweg und kehret wiederum in das Kriechende, und das ist die Verdammnis der bösen Seelen.

28. Das Böse der Seelen aber ist die Unerkenntnis; denn welche Seele nichts erkennt von den wesenden Dingen, noch die Natur derselben, noch das Gute, dieselbe ist blind und fällt in des Leibes Leidenschaft, wird ein böser Dämon, erkennt sich selbst nicht, dient fremden und schweren Leibern und trägt den Leib als eine Last, über welche sie nicht herrscht, sondern von derselben beherrscht wird, und das ist das Übel der Seelen.

29. Da hingegen ist die Tugend der Seelen die Erkenntnis: Denn welche erkennt, dieselbe ist gut, selig und ganz göttlich.

30. Wer ist ein solcher?

31. Ein solcher ist der, welcher nicht viel spricht noch viel hört, denn welcher mit zwei Reden beschäftigt ist, lieber Sohn, der fechtet wider den Schatten: Denn Gott und der Vater und das Gute wird weder ausgesprochen noch gehört.

32. Nachdem dieses sich also verhält, so ist in allen wesenden Dingen der Sinn, weil sie ohne denselben nicht können sein.

33. Aber die Erkenntnis ist weit unterschieden von dem Sinn, denn der Sinn ist das Ende der Macht und die Erkenntnis das Ende der Wissenschaft, die Wissenschaft ist eine Gabe Gottes.

34. Denn alle Wissenschaft ist unleiblich, und sie gebraucht das Gemüt zu einem Werkzeug und das Gemüt den Leib, also gehen sie beide in verständliche und materialische Leiber.

35. Denn aus der Gegenstellung und Widerwärtigkeit müssen alle Dinge bestehen, und es ist unmöglich, dass es anders sein kann.

36. Wer ist denn derselbe materialische Gott?

37. Die herrliche Welt, welche dennoch nicht gut ist, denn sie ist materialische und der Leidenschaft unterworfen, ja, das erste der leidenden Dinge und das zweite der wesenden und an sich selbst gebrechlich: auch ist sie einmal geboren, ist aber allezeit.

38. Weil denn dieselbe allezeit gebärend ist und allezeit geboren wird, so ist sie die Geburt der Dinge, welche der Eigenschaft und Größe teilhaftig sind, denn sie ist beweglich, jede materialische Bewegung aber ist eine Geburt.

39. Die verständliche Standfestigkeit aber bewegt die materialische Bewegung auf eine solche Weise: Die Welt ist eine Kugel, nämlich das Haupt. Über dem Haupte ist nichts Materialisches, gleichwie unter den Füßen nichts Intellektuelles oder Ständliches ist, sondern es ist alles materialische.

40. Das Gemüt ist das Haupt, das wird auf kugelige Art bewegt, wie das Haupt bewegt wird.

41. Welche Dinge nun nahe bei dem Häutchen von diesem Haupte sind, in welchem die Seele ist, dieselben sind unsterblich, als welche eine Seele haben, die voll Leibes ist, weil der Leib ihnen zur Seele ist gemacht.

42. Aber die Dinge, welche ferne von dem Häutchen entlegen sind, von welchen diejenige sind, die mehr Teil haben an der Seele, solche sind ein Leib.

43. Denn ein jedes Tier, gleichwie dies alles, besteht aus einem materialischen und verständlichen Dinge.

44. Und die Welt ist das erste Tier oder Geschöpf, der Mensch aber das zweite, dennoch unter den sterblichen Tieren das erste, und welches da hat das lebendige Wesen unter allen andern: Derselbe aber ist nicht alleine nicht gut, sondern noch böse dazu, weil er sterblich ist.

45. Die Welt ist auch wohl nicht gut, weil sie beweglich ist, doch gleichwohl nicht böse, weil sie unsterblich ist, aber der Mensch ist böse, weil er beides, beweglich und unsterblich, ist.

46. Die Seele aber der Menschen wird also bewegt, nämlich das Gemüt in der Rede, die Rede in der Seele, die Seele in dem Geist, der Geist in dem Leben.

47. Derselbe Geist, welcher durch die Adern und Lungenpfeifen und durch das Blut durchdringt, bewegt das Tier und trägt einigermaßen dasselbe.

48. Daher kommt es, dass Etliche haben gemeint, dass das Blut selbst die Seele sei, welche denn in der Natur geirrt haben und nicht gewusst, dass vorerst der Geist wiederum in die Seele muss kehren und dass alsdann das Blut zusammenrinnen und die Luftröhren ledig müssen werden und alsdann das Tier vergehen muss, welches denn ist der Tod des Leibes.

49. Alle Dinge hängen allein an einem einigen Anfang, und der Anfang an dem Einen und allein Wesenden. Der Anfang wird bewegt, dass er also wiederum ein Anfang werde, aber das Eine bleibt standfest, und wird nicht bewegt.

50. Also sind ihrer drei, Gott, der Vater, das Gut und die Welt und der Mensch. Gott hat die Welt und die Welt den Menschen: Die Welt wird Gottes Sohn, aber der Mensch gleich als die Geburt der Welt.

51. Der Mensch ist Gott nicht unbekannt, sondern er kennt denselben gar wohl und will auch selbst erkannt sein.

52. Und dies ist einzig und allein des Menschen Heil, wenn er Gott erkennt, es ist die Auffahrt zum Himmel: Hierdurch alleine wird die Seele gut und nicht die eine Zeit gut und die andere Zeit böse, sondern notwendig.

53. Wie ist das zu verstehen, Tris-Megiste?

54. Sohn! Betrachte die Seele eines Kindes, welche von der Auf¬lösung des Leibes noch frei ist, weil der Leib noch klein und noch ganz vollwachsen ist, wie herrlich sie allenthalben anzusehen und mit den Gebrechen des Leibes gar nicht befleckt, beinahe noch an der Seele der Welt hängend.

55. Aber wenn der Leib schwer und die Seele überlästigt wird, zieht er die Seele ab in die Vergessenheit der Geburt, und hat kein Teil mehr an dem herrlichen und guten Wesen, die Vergessenheit demnach ist das Böse.

56. Dasselbe begegnet auch denen, die in den Leib gehen; denn wenn die Seele wiederum in sich selbst geht, so wird der Geist ins Blut zusammengezogen und die Seele in den Geist.

57. Aber das Gemüt, welches von den Überkleidungen ist gereinigt worden und von Natur göttlich ist, bekommt einen feurigen Leib und durchgeht alle Plätze und überlässt die Seele dem Gericht, welches nach ihrem Verdienste ist.

58. Wie sagst du das, Vater? Wird das Gemüt von der Seele und die Seele von dem Geist abgesondert? Hast du nicht gesagt, dass die Seele des Gemütes und der Geist der Seele Bekleidung und Überzug sei?

59. Lieber Sohn! Der da hört, derselbe muss mit dem, der da spricht, einerlei Verstand haben und mit ihm gleichstimmig sein, ja noch ein schärferes Gehör haben, als die Stimme des Sprechenden ist.

60. Die Bereitung dieser Bekleidung, geliebter Sohn, geschieht im irdischen Leibe. Denn es ist unmöglich, dass das Gemüt sich selbst nackend durch sich selbst in den irdischen Leib stelle.

61. Denn es ist nicht möglich, dass ein irdischer Leib eine so große Unsterblichkeit tragen, noch dass ein gebrechlicher Leib eine solche Kraft dulden kann.

62. Darum denn hat das Gemüt die Seele angenommen, gleich als eine Umzäunung: Die Seele aber (welche selbst auch göttlich ist) gebraucht den Geist als ihren Diener, und der Geist regiert das Tier.

63. Deshalb, wenn das Gemüt aus dem irdischen Leibe ist entwichen, so zieht es alsbald seinen eigenen feurigen Rock an, welchen es nicht könnte dem irdischen Leib anziehen.

64. Denn die Erde erträgt das Feuer nicht, zumal auch die ganze Erde von einem kleinen Funken verbrennt; daher ist es auch, dass das Wasser die Erde umringt, gleich als eine Festung und Mauer, welche gegen die Flamme des Feuers gesetzt ist.

65. Also hat nun das Gemüt, welches das allergeschwindeste ist und geschwinder als alle Elemente, das Feuer zu seinem Leibe.

66. Denn wenn das Gemüt der Werkmeister ist aller Dinge, so gebraucht es zu seiner Wirkung das Feuer gleich als ein Werkzeug; das Gemüt alles Wesens gebraucht das selbige zur Auswirkung aller Dinge, das Gemüt des Menschen aber alleine zur Auswirkung der irdischen Dinge.

67. Denn wenn das irdische Gemüt von dem Feuer entblößt ist, so vermag es keine göttliche Wirkung zu wirken, weil es menschlich ist in seiner Wirkung.

68. Die menschliche Seele (aber nicht alle, sondern die gottselige) ist dennoch dämonisch oder göttlich.

69. Eine solche Seele, die den Kampf der Gottseligkeit hat ge¬kämpft, dieselbe wird demzufolge, wenn sie aus dem Leib geschieden, entweder ein Gemüt oder Gott.

70. Der Kampf der Gottseligkeit aber ist: Gott erkennen und keinem Menschen Unrecht tun, und die Seele, welche also ist, die wird zu einem Gemüt.

71. Aber die gottlose Seele bleibt in ihrem eigenen Wesen und peinigt sich selbst und sucht für sich einen irdischen Leib, darin sie gehen mag, nämlich den Menschen.

72. Denn einen andern Leib kann eine menschliche Seele nicht fassen, die Gerechtigkeit lässt es auch nicht zu, dass eine menschliche Seele sollte in ein unvernünftiges Tier kommen: denn Gottes Gesetze befreien die menschliche Seele von einer so großen Schande.

73. Vater, wie wird denn die menschliche Seele gepeinigt, und welches ist die größte Peinigung der menschlichen Seele?

74. Die Gottlosigkeit, lieber Sohn! Denn welches Feuer hat so eine große Flamme, als die Gottlosigkeit die Seele beschädigt?

75. Oder siehst du nicht, wie groß das Übel sei, welches die gott¬lose Seele leidet, welche da ruft und schreit: ich brenne, das Feuer verschlingt mich, ich weiß nicht, was ich sprechen, was ich tun soll; ich unseliger Dämon werde ganz verzehrt von dem Jammer, der mich umzingelt; ich Elende kann weder sehen noch hören! Dies sind die Klagen von einer gepeinigten Seele.

76. Nicht so, gleich wie du, lieber Sohn, und der gemeine Mann meint, dass nämlich die Seele, wenn sie aus dem Leibe scheidet, in ein unvernünftig Tier eingeht, welches die größte Irrung ist, sondern die Seele wird auf eine sogestalte Weise gepeinigt.

77. Wenn das Gemüt einen feurigen Leib bekommt, so wird es geordiniert zu dem Dienste Gottes, wenn aber dasselbe in eine gottlose Seele eingeht, so geißelt es dieselbe mit der Geißel der Sünden.

78. Wenn die gottlose Seele hiermit gegeißelt wird, so wendet sie sich zum Totschlag, zum Schelten, zum Gotteslästern und zu vielerhand Gewalttätigkeiten und zu mehr andern Dingen, wodurch die Menschen beschädigt werden.

79. Aber wenn das Gemüt in eine gottselige Seele ist eingegangen, so führt es dieselbe zu dem Lichte der Erkenntnis; und eine solche Seele wird nimmer matt noch müde, alle Menschen zu rühmen und zu segnen, sie tut ihnen überall Gutes, beides mit Worten und Werken, damit also ihrem Vater nachfolgend.

80. Deshalb, lieber Sohn, müssen wir Gott Dank sagen und bitten, dass wir solch ein gutes Gemüt mögen bekommen.

81. Die Seele geht wohl in ein Vortreffliches, aber es ist unmöglich, dass sie kann in ein Schlechteres gehen; ansonsten ist da wohl eine Gemeinschaft unter den Seelen.

82. Die Seelen der Götter haben Gemeinschaft mit den Seelen der Menschen, die Seelen der Menschen mit den Seelen der unvernünftigen Tiere.

83. Die vortrefflichsten Sorgen für die geringeren, nämlich die Götter (Regenten oder Planeten) für die Menschen, die Menschen für die unvernünftigen Tiere, aber Gott für alle Dinge; denn dieser ist vortrefflicher denn alle Dinge, und alle Dinge geringer als er.

84. Die Welt ist Gott unterworfen, der Mensch der Welt, die unvernünftigen Tiere dem Menschen, aber Gott ist über allem und rund um alle Dinge.

85. Die Strahlen Gottes sind Wirkungen, die Strahlen der Welt sind Naturen, aber die Strahlen der Menschen sind Künste und Wissenschaften.

86. Die Kräfte wirken durch die Welt, und in den Menschen durch die natürlichen Strahlen der Welt, die Naturen durch die Elemente, aber der Mensch durch die Künste und Wissenschaften.

87. Und dies ist das Regiment des ganzen Wesens, welches hängt an der einen Natur, und ist durchdringend bis an das einige Gemüt, über welches nichts Göttliches, nichts mehr Wirkenderes, nichts mehr Vereinigenderes ist.

88. Durch dasselbe ist die Gemeinschaft der Menschen mit den Göttern und der Götter mit den Menschen, das ist der gute Dämon; selig ist die Seele, die von demselben voll ist, aber unselig ist die Seele, die dessen ledig ist.

89. Wie sprichst du wiederum also, lieber Vater?

90. Du musst wissen, lieber Sohn!, dass alle Seelen ein gutes Gemüt haben, denn hiervon ist unsere Rede: nicht von dem Knecht, von welchem wir zuvor haben gesagt, welcher dem Gerichte wird übergeben.

91. Denn die Seele ohne Gemüt kann nichts sprechen, noch etwas tun; denn das Gemüt entfließt öfters aus der Seele und zu der Zeit ist die Seele weder sehend noch hörend, sondern gleich als etwas Unvernünftiges.

92. Und eine so große Gewalt ist bei dem Gemüt; doch hält es sich nicht auf in einer nachlässigen Seele, sondern es verlässt eine solche Seele, die an den Leib ist gebunden und von dem¬selben hinunter wird gezogen.

93. Eine solche Seele, lieber Sohn, hat gar nicht das Gemüt, darum muss man auch einen solchen keinen Menschen nennen.

94. Denn ein Mensch ist ein göttliches Tier und wird mit den unvernünftigen Tieren durchaus nicht verglichen (nämlich mit denen, die auf Erden sind), sondern mit denen, die droben sind und Götter genannt werden.

95. Ja, wenn es erlaubt ist, die Wahrheit freier zu sprechen, so ist derjenige, welcher in Wahrheit ein Mensch ist, auch höher denn denselben, oder sie sind doch ganz und gar an Gewalt einander gleich.

96. Denn niemand wird von denjenigen, die in dem Himmel sind, herunter auf die Erde fahren und die Grenze des Himmels verlassen, aber der Mensch fährt gen Himmel, und misst denselben und weiß, wie dessen oberste und unterste Dinge gestaltet sind, untersucht auch alle anderen Dinge ganz gründlich.

97. Und es ist das Allergrößte, dass er die Erde nicht verlässt, und gleichwohl in die Höhe erhoben wird, so groß ist die Größe seiner Natur.

98. Darum mag man wohl sagen, dass der irdische Mensch ein sterblicher Gott, und der himmlische Gott, die Welt, ein unsterblicher Mensch sei.

99. Also werden durch diese zwei, nämlich durch die Welt und durch die Menschen, alle Dinge regiert: doch von dem Einen alles.