Mentales Geschlecht

Die Beharrlichkeit der Dual-Mind-Idee, welche sich während der letzten zehn oder fünfzehn Jahre so stark geäußert und eine Anzahl von einleuchtenden Theorien über die Natur und Konstitution dieser beiden Minds zur Folge gehabt hat, fällt jedem Schüler der Psychologie auf, der die moderne Gedankenrichtung, mentale Phänomene betreffend, verfolgt hat. Der kürzlich verstorbene Thomson J. Hudson erlangte durch die Veröffentlichung seiner Theorie vom „objektiven und subjektiven Mind“, welche er als in jedem Individuum vorhanden annahm, im Jahre 1893 große Popularität. Andere Schriftsteller haben fast ebenso viel Aufmerksamkeit erregt durch ihre Theorien vom bewussten und unterbewussten Mind“, vom „willkürlichen und unwillkürlichen Mind“, vom „aktiven und passiven Mind“ usw. usw. Die Theorien der verschiedenen Schriftsteller weichen in vielem voneinander ab, aber es bleibt das allen zugrunde liegende Prinzip vom „Dualismus des Mind“.

Der Schüler der hermetischen Philosophie ist versucht, zu lächeln, wenn er von diesen zahlreichen „neuen Theorien“ vom Dualismus des Mind liest und hört; jede Schule hält zäh an ihren eigenen Theorien fest und behauptet, sie habe die Wahrheit entdeckt. Der Schüler blättert zurück im Buch der okkulten Geschichte und findet in den dunklen Anfängen der okkulten Lehren Hinweise auf den althermetischen Lehrsatz vom Geschlechtsprinzip auf dem mentalen Plan – auf die Manifestation des mentalen Geschlechts. Und wenn er weiter forscht, findet er auch, dass die alte Philosophie vom Phänomen des dualen Mind Kenntnis hatte; dies wird bezeugt durch ihre Theorie vom mentalen Geschlecht. Diese Vorstellung vom mentalen Geschlecht soll in wenigen Worten erläutert werden für jene Schüler, welche mit den eben erwähnten modernen Theorien vertraut sind.

Das männliche Prinzip des Mind entspricht dem sogenannten objektiven Mind, bewussten Mind, willkürlichen Mind, aktiven Mind usw. Und das weibliche Prinzip des Mind entspricht dem sogenannten subjektiven Mind, unterbewussten Mind, unwillkürlichen Mind, passiven Mind usw. Natürlicherweise stimmen die hermetischen Lehren mit den zahlreichen modernen Theorien über die Natur der beiden Phasen des Mind nicht überein, auch lassen sie viele von den Tatsachen, die für die beiden bezüglichen Aspekte beansprucht werden, nicht gelten; manche der erwähnten Theorien und Forderungen sind weit hergeholt und können einer Prüfung durch Experiment und Beweisführung nicht standhalten. Wir weisen auf die übereinstimmenden Phasen nur deshalb hin, um dem Schüler zu helfen, sein früher erworbenes Wissen leichter mit den Lehren der hermetischen Philosophie zu assimilieren. Schüler von Hudson werden die Feststellung am Beginn des zweiten Kapitels seines Werkes „Das Gesetz der physischen Phänomene“ bemerken“, der mystische Jargon der hermetischen Philosophen offenbart dieselbe allgemeine Idee, – die Dualität des Mind. Hätte Dr. Hudson Zeit und Mühe nicht gescheut, einiges aus diesem „mystischen Jargon der hermetischen Philosophen“ zu entziffern, so hätte er manche Erleuchtung über das „dunkle Mind“ bekommen; aber dann wäre vielleicht sein interessantes Werk nie geschrieben worden.

Betrachten wir nun die hermetischen Lehren vom mentalen Geschlecht.

Die hermetischen Lehren erteilen ihre Unterweisung über diesen Gegenstand, indem sie ihre Schüler auffordern, die Berichte des Bewusstseins von ihrem eigenen Selbst zu prüfen. Der Schüler wird aufgefordert, seine Aufmerksamkeit nach innen, auf das ihm innewohnende Selbst, zu richten. Jeder Schüler wird angeleitet, zu sehen, dass sein Bewusstsein ihm vorerst vom Vorhandensein seines Selbst berichtet – es sagt ihm „Ich bin“. Auf den ersten Blick scheinen uns dies die endgültigen Worte des Bewusstseins zu sein; eine weitere Untersuchung aber offenbart die Tatsache, dass dieses „Ich bin“ in zwei deutliche Teile oder Aspekte getrennt oder gespalten werden kann, welche im Bewusstsein getrennt werden können, obwohl sie im Einklang und in Verbindung wirken.

Vorerst erscheint es uns, als ob nur ein „Ich“ existiert; wenn wir aber sorgfältiger und genauer zusehen, entdecken wir die Tatsache, dass ein „Ich“ und ein „Mich“ existiert. Diese mentalen Zwillinge unterscheiden sich in ihren charakteristischen Merkmalen und in ihrer Natur. Eine Untersuchung ihrer Natur und der Phänomene, die aus ihr hervorgehen, wird auf viele Probleme vom mentalen Einfluss Licht werfen.

Beginnen wir mit der Betrachtung des „Mich“, das von den Schülern meist fälschlich für das „Ich“ gehalten wird, ehe sie in die versteckten Winkel des Bewusstseins vordringen. Ein Mensch denkt sich sein „Selbst“ (in seinem Aspekt des „Mich“), zusammengesetzt aus gewissen Gefühlen, Zuneigungen, Abneigungen, Gewohnheiten, besonderen Verpflichtungen, charakteristischen Merkmalen, Geschmacksrichtungen usw., welche alle zusammen die Persönlichkeit ausmachen oder das Selbst, wie es ihm selbst und anderen bekannt ist. Er weiß, dass sich diese Gemütsbewegungen und Gefühle ändern, geboren werden und absterben; dem Prinzip des Rhythmus unterworfen sind und dem Prinzip der Polarität, welche den Menschen von einem Gefühlsextrem zum anderen tragen. Er denkt sich sein „Mich“ auch als eine gewisse Menge von Wissen, das in seinem Mind gesammelt wurde und so einen Teil seines Selbst bildet. Dies ist das „Mich“ eines Menschen. Aber wir sind zu rasch vorgegangen.

Vom „Mich“ vieler Menschen kann gesagt werden, es bestehe größtenteils aus dem Bewusstsein des Körpers und der physischen Gelüste usw. Ihr Bewusstsein ist zum größten Teil an ihre körperliche Natur gebunden, praktisch „leben sie hier“. Manche Menschen gehen sogar so weit, ihre persönlichen Kleidungsstücke als einen Teil ihres „Mich“ anzusehen; sie scheinen sie wirklich als einen Teil ihres „Selbst“ zu betrachten. Ein Schriftsteller hat humorvoll geschrieben: „Der Mensch besteht aus drei Teilen – Seele, Leib und Kleider.“ Diese „kleiderbewussten Leute“ würden ihre Persönlichkeit verlieren, wenn sie gelegentlich eines Schiffbruches von Wilden ihrer Kleider beraubt würden. Aber auch viele, die nicht so eng an die Idee ihrer persönlichen Kleidung gebunden sind, haften an der Vorstellung, ihre Körper seien ihr „Mich“. Ein Selbst, unabhängig vom Körper, können sie nicht begreifen. Ihr Mind scheint ihnen wirklich ein „Etwas“ zu sein, das zu ihrem Körper gehört“ – was oft wirklich der Fall ist.

Wenn sich der Mensch aber zu höherem Bewusstsein erhebt, wird er fähig, sein „Mich“ von der Idee des Körpers loszulösen und von seinem Körper als zum mentalen Teil des Körpers „gehörend“ zu denken. Aber auch dann noch ist er nur zu sehr geneigt, das „Mich“ gänzlich mit den mentalen Zuständen, Gefühlen usw., welche er in sich existieren fühlt, zu identifizieren. Er ist sehr geneigt, diese internen Zustände als identisch mit sich selbst zu betrachten, statt als das, was sie sind: einfach „Dinge“, durch einen gewissen Teil seiner Mentalität hervorgebracht und in sich, von sich existierend, aber doch nicht „er selbst“. Er sieht, dass er durch eine Willensanstrengung diese internen Gefühlszustände verändern kann, dass er einen Zustand oder ein Gefühl, dem vorigen ganz entgegengesetzt, auf dieselbe Weise hervorbringen kann, und dass doch dasselbe „Mich“ existiert. Und so wird er nach einiger Zeit fähig, diese verschiedenen mentalen Zustände, Gemütsbewegungen, Gefühle, Gewohnheiten, Eigenschaften, charakteristischen Merkmale und andere persönliche mentale Zugehörigkeiten beiseite zu setzen er wird fähig, sie beiseite zu setzen in die „NichtMich“-Sammlung von Seltenheiten und Lasten wie auch von kostbaren Besitztümern. Dies erfordert von seiten des Schülers viel mentale Konzentration und die Macht mentaler Analyse. Für den fortgeschrittenen Schüler ist es aber doch möglich, die Aufgabe zu lösen, und jene, die nicht so weit fortgeschritten sind, können sich doch wenigstens vorstellen, wie der Prozess ausgeführt wird.

Wenn er diesen Prozess des „Beiseite-Setzen“ ausgeführt hat, wird sich der Schüler im bewussten Besitz eines „Selbst“ finden, welches in den dualen Aspekten des „Ich“ und des „Mich“ betrachtet werden kann. Das „Mich“ wird er als ein mentales Etwas fühlen, in welchem Gedanken, Ideen, Gemütsbewegungen, Gefühle und andere mentale Zustände hervorgebracht werden. Er kann als der „mentale mütterliche Schoß“ – wie es die Alten nannten – angesehen werden, der fähig ist, mentale Nachkommenschaft zu erzeugen. Es erscheint dem Bewusstsein als „Mich“ mit latenten Schöpfungskräften, mit der latenten Kraft, Nachkommen aller Sorten und Arten hervorzubringen. Seine Kräfte schöpferischer Energie werden als enorm gefühlt. Aber doch scheint es uns bewusst zu werden, dass es irgendeine Form von Energie erhalten muss, sei es von seinem eigenen „Ich“ Gefährten oder von einem anderen „Ich“, ehe es seine mentalen Schöpfungen ins Dasein bringen kann. Dieses Bewusstsein bringt die Verwirklichung einer enormen Fähigkeit für mentale Arbeit und schöpferische Begabung mit sich. Aber der Schüler wird bald erkennen, dass dies noch nicht alles ist, was er in seinem inneren Bewusstsein findet. Er findet, dass ein mentales Etwas existiert, das fähig ist, zu wollen, dass das „Mich“ nach gewissen schöpferischen Richtlinien wirkt, das aber auch fähig ist, abseits stehend der mentalen Schöpfung beizuwohnen. Der Schüler wird gelehrt, diesen Teil seines Selbst sein „Ich“ zu nennen. In seinem Bewusstsein kann er nach seinem Willen ruhen.

Er findet hier nicht das Bewusstsein einer Fähigkeit zu erzeugen und aktiv zu schaffen, im Sinne des stufenweisen Prozesses, der mentales Wirken begleitet, sondern vielmehr das Gefühl und das Bewusstsein einer Fähigkeit, eine Energie vom „Ich“ auf das „Mich“ zu projizieren – einen Prozess des „Wollens“, dass die mentale Schöpfung beginne und ausgeführt werde. Er findet, dass das „lch“ abseits stehen und dem Wirken der mentalen Schöpfung und Erzeugung des „Mich“ zusehen kann. Dieser duale Aspekt ist im Mind jeder Person. Das „Ich“ vertritt das männliche Prinzip – das „Mich“ das weibliche Prinzip des mentalen Geschlechts. Das „Ich“ stellt den Aspekt des „Seins“ dar, das „Mich“ den Aspekt des „Werdens“. Ihr werdet bemerken, dass das Prinzip der Entsprechung auf diesem Plan ebenso wirkt wir auf dem großen Plan, auf dem die Erschaffung von Universen vollzogen wird. Die beiden sind der Art nach gleich, aber im Grade sehr verschieden. „Wie oben, so unten, wie unten, so oben.“

Diese beiden Aspekte des Mind – das männliche und das weibliche Prinzip – das „Ich“ und das „Mich“ – geben, betrachtet in Verbindung mit den wohl bekannten mentalen und psychischen Phänomenen, den Meisterschlüssel zu den wenig erforschten Regionen mentaler Wirksamkeit und Manifestation. Das Prinzip vom mentalen Geschlecht bringt die Wahrheit, die den Gebieten der Erscheinungen mentalen Einflusses usw. zugrunde liegt.

Die Tendenz des weiblichen Prinzips geht immer dahin, Eindrücke zu empfangen, die Tendenz des männlichen Prinzips geht immer dahin, auszugeben, sich zu äußern. Das weibliche Prinzip leitet das Werk der Erzeugung neuer Gedanken, Entwürfe, Ideen, das Wirken der Phantasie mit inbegriffen. Das männliche Prinzip bescheidet sich mit dem Wirken des „Wollens“ in seinen verschiedenen Phasen. Ohne die aktive Hilfe des Willens des männlichen Prinzips ist aber das weibliche Prinzip geneigt, sich mit der Hervorbringung mentaler Bilder zufrieden zu geben, welche das Ergebnis von Eindrücken sind, die es von außen erhalten hat, statt originale mentale Schöpfungen hervorzubringen.

Personen, welche ihre Aufmerksamkeit und ihre Gedanken andauernd auf einen Gegenstand richten können, wenden beide mentalen Prinzipien an – das weibliche Prinzip durch aktive mentale Erzeugung, den männlichen Willen dadurch, dass er den schöpferischen Teil des Mind anspornt und Energie an ihn abgibt. Die meisten Menschen machen vom männlichen Prinzip nur wenig Gebrauch, sie geben sich damit zufrieden, nach den Gedanken und Ideen zu leben, die ihrem eigenen „Mich“ vom „Ich“ anderer Minds eingeflößt wurden. Wir wollen aber nicht länger bei diesem Gegenstand verweilen. Mit Hilfe des Schlüssels, den wir euch betreffs des mentalen Geschlechts gegeben haben, kann dieser Gegenstand aus jedem guten Lehrbuch der Psychologie studiert werden.

Dem Schüler, der psychische Phänomene studiert, fallen die wunderbaren Phänomene auf, die unter den Namen Telepathie fallen oder Gedanken-Übertragung, mentale Beeinflussung, Suggestion, Hypnotismus usw. Viele haben diese verschiedenen Phasen der Phänomene durch die Theorien zu erklären gesucht, die von den verschiedenen Lehrern des „dualen Mind“ aufgestellt worden sind. Und in gewisser Hinsicht haben sie Recht, denn in all diesen Phänomenen kann man die Manifestation zweier verschiedener Phasen mentaler Aktivität erkennen. Wenn aber die Schüler dieses „duale Mind“ im Licht der hermetischen Lehren über Schwingungen und mentales Geschlecht betrachten, so werden sie sehen, dass sie den lang gesuchten Schlüssel in Händen haben. Bei den Phänomenen der Telepathie kann man sehen, wie die schwingende Energie des männlichen Prinzips einer Person auf das weibliche Prinzip einer anderen Person projiziert wird; letztere übernimmt die Gedankensaat und lässt sie in sich reifen. Auf die gleiche Weise wirken Suggestion und Hypnotismus. Das männliche Prinzip der suggerierenden Person richtet seine Schwingungsenergie oder Willenskraft auf das weibliche Prinzip einer anderen Person, letztere nimmt diese Energie auf, macht sie zu ihrer eigenen und handelt und denkt damit übereinstimmend. Eine Idee, die sich so im Mind einer anderen Person eingenistet hat, wächst und entwickelt sich und wird mit der Zeit als der rechtmäßig mentale Nachkomme des Individuums angesehen; in Wirklichkeit aber ist sie dem Kuckucksei gleich, das in das Sperlingsnest gelegt wird und hier die rechtmäßige Nachkommenschaft vernichtet und sich häuslich niederläßt.

Normalerweise koordinieren das männliche und das weibliche Prinzip im Mind des Menschen, sie handeln harmonisch, in Verbindung miteinander. Unglücklicherweise aber ist das männliche Prinzip des Durchschnittsmenschen zu träge, um zu handeln – die Willenskraft ist zu wenig entwickelt -, die Folge davon ist, dass solche Menschen fast gänzlich vom Mind und Willen anderer Menschen beherrscht werden, welchen sie erlauben, für sie zu denken und zu wollen. Wie wenig originale Gedanken werden vom Durchschnittsmenschen gedacht, wie wenig originale Handlungen vollbringt er! Sind nicht die meisten Menschen bloße Schatten und Echos anderer Menschen, die stärkeren Willen und Mind als sie selbst haben? Und das kommt daher, dass der Durchschnittsmensch fast ausschließlich in seinem „Mich“-Bewusstsein weilt und gar nicht erkennt, dass er auch ein „Ich“ hat. Er ist in seinem weiblichen Prinzip polarisiert, und das männliche Prinzip, in welchem der Wille wohnt, bleibt untätig und ungenutzt.

Die starken Männer und Frauen der Welt manifestieren unabänderlich das männliche Prinzip des Willens, und ihre Stärke hängt wesentlich von dieser Tatsache ab. Statt nach den Eindrücken zu leben, die andere auf ihr Mind machen, beherrschen sie ihr eigenes Mind durch ihren Willen, erlangen so die erwünschte Art mentaler Bilder und beherrschen überdies noch die Minds anderer. Seht auf die starken Menschen, wie sie ihre Gedankensaat in die Minds der Massen säen und dadurch die Massen zwingen, nach dem Wunsch und Willen der Starken zu denken. Aus diesem Grund sind die Volksmassen so Schafherden ähnliche Geschöpfe, die niemals eine originale Idee haben, die niemals ihre eigene Macht mentaler Aktivität gebrauchen.

Die Manifestation des mentalen Geschlechts kann man überall im täglichen Leben bemerken. Magnetische Personen sind solche, welche ihr männliches Prinzip dazu anwenden können, ihre Ideen anderen Personen einzuprägen. Der Schauspieler, der die Zuschauer zu Tränen rührt, wendet dieses Prinzip an. Und so ist es auch mit dem erfolgreichen Redner, Staatsmann, Prediger, Schriftsteller und mit anderen Menschen, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Der eigentümliche Einfluss, den manche Menschen auf andere ausüben, kommt von der Manifestation des mentalen Geschlechts nach den oben erwähnten Schwingungslinien. In diesem Prinzip liegt das Geheimnis des persönlichen Magnetismus, persönlichen Einflusses und Zaubers usw., ebenso wie auch der Phänomene, die man allgemein mit dem Namen Hypnose bezeichnet.

Der Schüler, der mit den Phänomenen vertraut ist, von denen man allgemein als von „psychischen Phänomenen“ spricht, wird schon entdeckt haben, was für eine wichtige Rolle bei den erwähnten Phänomenen jene Kraft spielt, welche die Wissenschaft „Suggestion“ genannt hat. Unter Suggestion sind der Prozess oder die Methoden zu verstehen, wodurch die Idee auf das Mind eines anderen Menschen „übertragen“ oder dieses Mind „eingeprägt“ wird, und dieses Mind veranlasse wird, in Übereinstimmung mit dieser Idee zu handeln. Um die verschiedenen psychischen Phänomene, denen Suggestion zugrunde liegt, zu begreifen, ist es notwendig, die Suggestion genau zu verstehen; außerdem aber sind Kenntnisse über Schwingungen und über mentales Geschlecht unerlässlich. Denn das ganze Prinzip von der Suggestion hängt von den Prinzipien vom mentalen Geschlecht und von den Schwingungen ab.

Bei den Schriftstellern und Lehrern über Suggestion ist es der Brauch, zu erklären, es sei das „objektive oder willkürliche“ Mind, welches den mentalen Eindruck oder die Suggestion auf das subjektive oder unwillkürliche Mind ausübt. Sie gehen aber keine Beschreibung des Vorgangs, auch keine Analogie in der Natur, wodurch wir die Idee leichter erfassen könnten. Wenn ihr aber die Angelegenheit im Lichte der hermetischen Lehren überdenkt, werdet ihr sehen können, dass die Übertragung der Schwingungsenergie des männlichen Prinzips auf das weibliche Prinzip in Übereinstimmung mit den universalen Naturgesetzen ist, und dass die Natur zahllose Analogien gibt, welche uns das Prinzip leichter verstehen lassen. In der Tat, die hermetischen Lehren zeigen uns, dass auch die Erschaffung des Universums demselben Gesetz folgt, dass in allen schöpferischen Manifestationen – auf den spirituellen, mentalen und physischen Plänen – immer dieses Prinzip vom Geschlecht wirksam ist, diese Manifestation des männlichen und des weiblichen Prinzips: „Wie oben, so unten; wie unten, so oben.“ Und mehr noch, wenn dieses Prinzip vom mentalen Geschlecht einmal erfasst und verstanden wurde, dann können die verschiedenen psychologischen Phänomene auf einmal verständnisvoll klassifiziert und studiert werden, statt wie bisher im Dunkeln zu bleiben. Das Prinzip „wirkt sich auch in der Praxis aus“, weil es auf den unveränderlichen universalen Gesetzen des Lebens beruht.

Wir werden nicht auf eine breite Erörterung oder Beschreibung der verschiedenen Phänomene mentalen Einflusses oder psychischer Aktivität eingehen. In den letzten Jahren wurden viele Bücher über diesen Gegenstand geschrieben und veröffentlicht und viele davon sind gut. In diesen verschiedenen Büchern sind die Tatsachen der Hauptsache nach richtig dargestellt, allerdings haben die Schriftsteller versucht, die Phänomene durch ihre eigenen kleinlichen Theorien zu erklä ren. Der Schüler möge sich mit der Materie bekannt machen. Wenn er die Theorie vom mentalen Geschlecht anwendet, wird er in das Chaos widersprechender Theorien und Lehren Ordnung bringen können und noch überdies, wenn er will, sich zum Meister des Gegenstandes machen. Der Zweck dieses Werkes ist nicht, weitläufige Schilderungen von psychischen Phänomenen zu geben, sondern vielmehr, dem Schüler einen Meister-Schlüssel zu geben, mit welchem er zahlreiche Tore öffnen kann, die in jene Teile des Weisheitstempels führen, welche er zu erforschen wünscht.

Wir hoffen, dass man in dieser Betrachtung der Lehren des „Kybalions“ eine Erklärung finden wird, die viele verblüffende Schwierigkeiten erhellen wird – einen Schlüssel, der viele Tore öffnen wird. Vorausgesetzt, dass wir dem Schüler die Mittel geben, durch die er sich mit jeder Phase des Gegenstandes, die ihn interessiert, vertraut machen kann, wozu sollten wir noch alle Einzelheiten psychischer Phänomene und mentaler Wissenschaft eingehend besprechen? Mit Hilfe des „Kybalion“ können wir alle okkulten Bücher von neuem durchgehen, das alte Licht Ägyptens wird viele dunkle Seiten und unklare Stellen erhellen. Wir sind nicht gekommen, um eine neue Philosophie darzulegen; wir wollen nur die Umrisse einer großen, weltalten Lehre geben, welche die Lehren der anderen erklären wird – welche eine große Versöhnerin und Vermittlerin unter den verschiedenen Theorien und entgegengesetzten Lehren sein wird.

Inhalt

01. Das Kybalion
02. Einleitung
03. Die Hermetische Philosophie
04. Die sieben hermetischen Prinzipien
05. Mentale Transformation
06. Das All
07. Das mentale Universum
08. Das göttliche Paradoxon
09. „Das All“ in allem
10. Pläne der Entsprechung
11. Schwingung
12. Polarität
13. Rhythmus
14. Kausalität
15. Geschlecht
16. Mentales Geschlecht
17. Hermetische Axiome