Der Scheinkörper des Toten

Aus dem Zyklus „Eine tiefsinnige Belehrung zur spontanen Befreiung durch die Andacht der Friedvollen und Schrecklichen Gottheiten“ folgt nun die klare Anleitung zur Einsicht in den Zwischenzustand des Werdens, genannt „Die Große Befreiung durch Hören“.

Om! Den Lama, die göttlichen Yi-dam und die Scharen der Dakini verehre ich mit einem Herzen voll Hingabe und flehe sie an, mich zur Befreiung im Zwischenzustand zu führen! Aus der Großen Befreiung durch Hören wurde vorher der Zwischenzustand des Wahren Seins erklärt, nun sei der Zwischenzustand des Werdens mit folgenden Worten klar dargelegt:

Obschon vorher vielfach zur Einsicht in den Zwischenzustand des Wahren Seins verholfen wurde, so ist doch mit Ausnahme für jene, die eine große Praxis in der Meditation haben und über bedeutende Ausstrahlungen ihres Karma verfügen, die Einsicht schwer zu erlangen, zumal aufgrund von Angst, Furcht und üblen Karmas für diejenigen, die keine Übung in der Meditation haben und bedeutende Verblendungen aufweisen. So gilt es, sie mit diesen Worten klar zu unterweisen, nachdem sie nun über den zehnten Tag hinausgelangt sind.

Den Drei Kostbarkeiten widme man ein Opferritual (puja). Die Buddhas und Bodhisattvas bitte man flehentlich um ihre hilfreiche Unterstützung. Danach rufe man den Toten drei- oder siebenmal bei seinem Namen und spreche:

Sohn der Edlen, höre gut zu und präge es dir ein! Die Leiber der Höllenwesen, der Götter und der Wesen im Zwischenzustand werden nicht auf natürliche Weise geboren. Weiter, da du, als dir im Zwischenzustand des Wahren Seins die friedvollen und schrecklichen Erscheinungen aufgingen, sie nicht in ihrem Wahren Sein erkanntest, bist du nach vierundzwanzigeinhalb Tagen durch all den Schrecken ohnmächtig geworden. Doch als du aus der Ohnmacht erwachtest, war dein Intellekt klar geworden, und ein Körper gleich deinem früheren, entstand dir.

Ferner wird aus einem Tantra zitiert:
Versehen mit einer Gestalt, nach Früherem werdend und mit allen Sinnesorganen versehen, ohne Hindernis durch alles hindurchgehend, mit der wunderbaren Kraft aus seinem Karma, so wird er geschaut von denen, die gleicher Gattung sind oder den reinen Götterblick besitzen.

Früher, das heißt: Du hast eine Gestalt wie von Fleisch und Blut geschaffen durch deine früheren Neigungen. Ferner wird sie etwas von den Merkmalen der Wesen in den glücklichen Weltaltern haben und voll Licht sein. Da diese Gestalt eine Erscheinung der Geist-Natur ist, wird sie die Gestalt des Geistes im Zwischenzustand genannt. Wenn du unter den Göttern wiedergeboren wirst, dann erscheint dir zu dieser Zeit der Lebensraum der Götter, oder der Asuras, der Menschen, der Tiere, der Hungergeister, der Höllenwesen. Wo immer du geboren wirst, das wird dir erscheinen. Deshalb sagt man „früher“.

Vor nicht mehr als dreieinhalb Tagen dachtest du, dass du eine fleischliche Gestalt hättest, gestaltet nach deinen früheren Neigungen. Und „werdend“ sagt man, weil danach eben dir erscheinen wird, wo du später geboren werden wirst. Deshalb sagt man: „nach Früherem werdend“.

Hänge deshalb den Erscheinungen nicht an, wie immer sie auch sein mögen, verlange und begehre nicht danach! Verlangst du jedoch voll Begehren danach, dann wirst du ins Leid geraten, da du doch unter den sechs Daseinsbereichen umherirrst. Obgleich dir vorher der Zwischenzustand des Wahren Seins aufgegangen ist, hast du seinen Sinn nicht begriffen, und so musst du nun hier umherirren.

Wenn du es nun vermagst, dich der Wirklichkeit ohne Ablenkung ganz hinzugeben, dann wirst du die Geist-Natur in ihrer klaren Lichthaftigkeit als leer, nackt, verzehrend erfahren, so wie dein Lama dich früher zur Einsicht brachte. Verharre gelassen in diesem Zustand, der frei von allem Begreifen und Tun ist. So wirst du nicht in den Mutterschoß eintreten, sondern die Befreiung erlangen.

Wenn du dies aber nicht wahrlich erkennst, dann meditiere ununterbrochen voll Inbrunst und Verehrung, dass dein jeweiliger göttlicher Yi-dam, oder dein Lama sich über deinem Scheitel befinde. Dies ist wichtig, sehr wichtig! Immer wieder tue dies ohne Ablenkung!

So erkläre man dem Toten. Erfasst er dies wirklich, dann ist er befreit und braucht nicht unter den sechs Daseinsbereichen herumzuirren. Doch da kraft des schlechten Karmas dies schwer zu erkennen ist, spreche man Folgendes:

Sohn der Edlen, höre gesammelten Sinnes zu! Es heißt: Mit allen Sinnesorganen begabt, ohne Hindernis durch alles hindurchgehend. Auch wenn zu Lebzeiten dein Auge blind und du taub und lahm usw. gewesen bist, so sind dir doch aufgrund des dem Zwischenzustand eigenen Sehens die Gestalten klar; dem Hören die Töne wahrnehmbar, da nämlich das Wahrnehmungsvermögen ohne die Behinderung durch die Sperrigkeit der Materie alles klar wahrnimmt, so dass dir alles vollständig erscheint. Deshalb wurde im Tantra gesagt: mit allen Sinnen begabt. Erkenne doch, dass – nachdem du gestorben bist – alle Anzeichen vorhanden sind, dass du dich im Zwischenzustand bewegst. Vergegenwärtige dir die Unterweisung, die du zu Lebzeiten empfangen hast!

Sohn der Edlen, es heißt deshalb ohne Hindernis hindurchgehend, weil du ein Geist-Wesen bist. Ohne Grundlage für die innere Geist-Natur hast du keinen materiellen Körper. Deshalb hast du nun die Macht, durch den Berg Meru, durch Häuser, durch Erde und Steine, Berge und Hügel, durch alles ohne Hindernis frei hindurchzugehen. Nun hast du die Macht, überall hin- und herzugehen, außer in den Mutterschoß und den Vajrasitz, sogar durch den Weltberg Meru, den König der Berge. Da dies auch ein Zeichen dafür ist, dass du im Zwischenzustand des Werdens dich befindest, vergegenwärtige dir die Unterweisungen deiner Lamas und flehe den Herrn des Großen Erbarmens (Avalokiteshvara) an!

Sohn der Edlen, es heißt, im Besitz der wundertätigen Macht des Karma: Da du zwar nicht die wundertätige Macht, aufgrund von Fähigkeiten oder der Meditation, sondern die wunderbare Macht besitzt, die aus der Kraft des Karma entsteht in Übereinstimmung mit deinen früheren Taten, kannst du in einem Augenblick die vier Kontinente, den Weltberg Meru durchstreifen. An welchen Ort auch immer du dich erinnerst, im Nu bist du bereits dort. Du hast die Macht, dorthin zu gelangen, so wie ein Mann den Arm streckt und beugt. Weder sollst du dir die verschiedenartige Beschaffenheit dieser ungeahnten wunderbaren Macht nicht vergegenwärtigen, noch sollst du sie dir vergegenwärtigen! Alles was du dir vergegenwärtigst, dies und das, und mag es auch nicht in der Macht eines Buddha oder der Menschen sein, es zu tun, so kannst du es tun, da du jetzt einer bist, der seit urdenklicher Zeit die Macht eines Buddha besitzt. Dies erkenne doch und flehe zu deinem Lama!

Sohn der Edlen, es heißt: So wird er geschaut von denen, die gleicher Gattung sind oder den reinen Götterblick besitzen. Es ist so, dass diejenigen Lebewesen, die innerhalb des gleichen Daseinsbereichs geboren wurden, im Zwischenzustand einander erkennen können. Wenn also welche unter den Göttern wiedergeboren werden, dann können sie sich untereinander erkennen. Da es nun so ist, dass nur diejenigen einander sehen können, die in demselben der sechs Daseinsbereiche wiedergeboren werden, darfst du dich nicht danach sehnen, sondern sollst über den Großen Mitleidsvollen (Avalokiteshvara) meditieren.

Ferner heißt es: geschaut von denen, die einen reinen Götterblick besitzen. Zwar wird das jeweilige Lebewesen im Zwischenzustand geschaut mit dem klaren Götterblick, der durch Meditation im Zustand der Versenkung erworben wurde, der aber nicht aus der Macht göttlichen Verdienstes zustande kommt. Ferner trifft es nicht zu, dass man es mit dem Götterblick immer sehen kann, denn nur wenn man sich auf das Sehen besinnt, schaut man das Lebewesen im Zwischenzustand. Besinnt man sich nicht darauf, schaut man es auch nicht. So geschieht es auch, wenn man durch eine andere Betrachtung abgelenkt wird.