Die verschiedenen Systeme 
und ähnlichen Organisationen der Freimaurerlogen

Karl Brodbeck

  (1948)

In dieser Schrift erklärt Karl Brodbeck die verschiedenen Grade der Illuminatenorden und beschreibt die einzelnen Stufen der Freimaurersysteme. Er benennt die Verantwortlichen der jeweiligen Orden und gibt an, worin ihre Ordenslehre bestand. Er stellt Leopold Engel als Mitglied der Johannisloge “Adam Weishaupt zur Pyramide“ vor. In den höheren Graden wurden nur sogenannte „Meister“ aufgenommen. Durch die Ordenstrennung entstand 1902 eine Gruppe in Amerika. Sie nannte sich: „Die Großloge von Atlantis mit dem Ziel das Reich Gottes auf Erden zu begründen“. Ihre Mitglieder hatten sich die Aufgabe gestellt, sich für die Freiheit des Geistes einzusetzen.

 

Der Illuminatenorden

Im Jahre 1776 begründete Prof. Adam Weishaupt unter dem Namen „Gesellschaft der Perfectibilisten“ mit einigen Freunden den Illuminatenorden. Er beabsichtigte, den Feinden der Aufklärung entgegenzuwirken, denn jene Zeit hatte für Geistesfreiheit sehr wenig Verständnis. Ursprünglich arbeitete der Orden in folgenden drei Graden:

1. Grad: Novize
2. Grad: Minerval
3. Grad: Erleuchteter Minerval

Über diesen Graden stand der Areopag mit Weishaupt als Ordenspräsident. Im Februar 1777 wurde Weishaupt von der Freimaurerloge „Behutsamkeit“ in München als Mitglied aufgenommen; doch unter den Mitgliedern beschäftigten sich viele, jener Zeit entsprechend, mit okkulten Schwärmereien, was den aufgeklärten Professor stark abstieß. Mit Eifer studierte er daher die alten Mysterien, um den damals noch unbedeutenden Illuminatenorden auszubauen.

Eine eifrige Tätigkeit für den jungen Orden entfaltete kurz nach seiner Aufnahme der Freiherr von Knigge. Dieser begeisterte Illuminat führte dem Orden einige einflussreiche Männer zu. Dieser verbreitete sich rasch und überflügelte nach kurzer Zeit alle ähnlichen Gesellschaften. Im Auftrage des Areopags vollendete von Knigge die Konstitution. Der Freiherr bearbeitete ferner die Rituale der verschiedenen Grade und führte in der zweiten Klasse die Freimaurergrade ein. In drei Abteilungen bearbeitete der Orden folgende Grade:

I. Klasse: Pflanzschule
1. Grad: Novize
Vorhof
2. Grad: Minerval

II. Klasse:
Blaue oder symbolische Maurerei
3. Grad: Illuminatus minor (kleiner Illuminat) bearbeitet die drei Johannisgrade der Freimaurerei: Lehrling, Geselle, Meister. Rote oder Andreas-Maurerei (Schottengrade)
4. Grad: Illuminatus Major (Grosser Illuminat) oder schottischer Novize.
5. Grad: Illuminatus dirigens (dirigierender Illuminat oder schottischer Ritter).

III. Klasse:
Mysterien oder mystische Maurerei (Kapitelgrade)
6. Grad: Priester Illuminat
Magistergrade
7. Grad: Regent oder Prinz Illuminat
8. Grad: Philosophischer Magus
Ordensdirektorium
9. Grad: Königlicher Direktionsgrad.

Die höchste Stufe bildete der Areopag, dem die Nationaloberen unterstellt waren. Die verschiedenen Länder wurden in Provinzen eingeteilt und einem Provinzialoberen unterstellt. Dieser wachte mit seinen Konsultatoren über die Präfekten.

Mit dieser Gliederung fühlte sich der Orden berufen, die zersplitterte Freimaurerei zu sammeln und unter seiner Führung zu einem einzigen Bunde zu vereinigen. Die Mitglieder bearbeiteten die höheren Illuminatengrade in der Loge „Theodor zum guten Rat“ in München, welche als Mutterloge der Illuminatenfreimaurerei gilt, obwohl sie schon vor der Gründung des Illuminatenordens existierte.

Diese Münchnerloge wurde vom Marquis von Constanza im Jahre 1773 gegründet. Das Patent erteilte die Freimaurerloge „Royal York“ in Berlin und kurz nach der Installierung wurde die Loge auch von der Provinzialgroßloge zu Frankfurt a.M. anerkannt. Etwas später erklärte sie sich als unabhängig. Infolge dieser geschichtlich unumstößlichen Tatsache beteiligten sich die Illuminaten im Jahre 1783 an der Gründung der Mutterloge des eklektischen Freimaurerbundes in Frankfurt a.M.

Der Illuminatenorden hatte große Ähnlichkeit mit dem System der strikten Observanz, denn auch er forderte am Anfang seines Bestehens von seinen Mitgliedern das Gelübde des unbedingten Gehorsams. In die höheren Grade der Erleuchteten wurden nur Freimaurermeister aufgenommen. Die äußeren Formen wurden durch eine schriftliche Ordenslehre vertieft. Der Lehrgang, bestehend aus drei Teilen, behandelte folgende Lektionen:

I. Teil: Die Wiedergeburt im Geiste, beginnend mit der Selbsterkenntnis.

Il. Teil: Der Glaube an die Höherentwicklung der Menschheit.
(Daseinserkenntnis).

III. Teil: Ethische Erkenntnis. Dieser Abschnitt versucht den Willen zu
fördern, das Gute zu erstreben.

Zu den grimmigsten Feinden der Illuminaten gehörte die Gesellschaft
der Gold- und Rosenkreuzer, welche in der Zeit von 1750-1790 in
Deutschland arbeitete.

Mit den Rosenkreuzern des 16. Jahrhunderts hatten diese Namensvettern aber nichts gemein. Unter der Führung von Staatsminister Wöllner arbeiteten sie mit allen Mitteln gegen die Erleuchteten. Verdächtigungen und Verleumdungen wurden ausgestreut und verbreitet.

Ein führender Rosenkreuzer, Pater Frank, bearbeitete den Kurfürsten von Bayern so lange, bis dieser im Jahre 1784 die gesamte Freimaurerei mit Einschluss des Illuminatenordens in seinen Ländern auflöste. Die
Mitglieder dieser Gesellschaften verloren ihre Staatsstellen. Weishaupt entzog sich im Jahre 1785 der weiteren Verfolgung durch die Flucht ins Ausland. In der freien Reichsstadt Regensburg fand er Schutz bei seinem Ordensbruder Herzog Ernst von Gotha. Dieser ernannte ihn zum Mitglied seiner dortigen Gesandtschaft, und so lebte Weishaupt zunächst
unangefochten. Er wurde Mitglied der dortigen Freimaurerloge „Zum Kompass“; doch seine Feinde ließen ihm keine Ruhe. Mit aller Macht arbeiteten sie gegen ihn.

Vergeblich verlangte der Kurfürst von Bayern seine Auslieferung, denn der Herzog von Gotha war von seiner Unschuld fest überzeugt. In dieser
Hinsicht blieben die Bemühungen seiner Gegner erfolglos. Doch um seinem Gönner weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen, reiste der gebrochene Mann nach Weimar, wo ihn sein Freund, Herzog Karl August, zum fürstlichen Rat ernannte und ihm ein sicheres Asyl gewährte. Der Zerfall des Ordens war aber nicht mehr aufzuhalten. Der Nachfolger des Kurfürsten von Bayern rehabilitierte Weishaupt, indem er ihm eine Pension zusprach und ihn im Jahre 1808 zum auswärtigen Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannte. Weishaupt starb 1830 in Gotha, wo er in Ruhe die letzten Tage seines wirkungsreichen Lebens verbrachte. Seine vier Söhne bekleideten im Staatsdienste sehr hohe Stellen. Nach dem Tode von Weishaupt lebte der Illuminatenorden nur noch in der Tradition verschiedener Familien.

Man mag über den alten Illuminatenorden denken, wie man will, die Tatsache, dass er als Kulturbringer für die Menschheit Großes geleistet hat, ist nicht zu bestreiten. Seine Mitglieder waren achtbare Kämpfer für die Freiheit des Geistes. Heute dürfen wir mit Stolz auf sie zurückblicken!

Im Jahre 1896 gründete der Schriftsteller Leopold Engel den neuen Illuminatenorden, der sich von seinem Vorgänger ganz wesentlich unterscheidet. obschon er vieles von ihm übernommen hat. Nur wenig Eingeweihte kennen die Ziele und Einrichtungen des neuen Ordens. Sehr umstritten ist seine Stellung zur Freimaurerei, denn während er anfänglich selbst Logen gründete und in maurerischen Graden arbeitete, ist er später sehr stark von ihr abgerückt.

Leopold Engel war selbst aktiver Freimaurer. Als Mitglied der Johannisloge „Adam Weishaupt zur Pyramide“ im „Orient Berlin-Schöneberg“ war er Mitbegründer und Präsident der frei arbeitenden Johannislogen. Diese Vereinigung war mit dem
Illuminatenorden sehr eng verbunden und beide hatten „Das Wort“ als gemeinschaftliche Bundeszeitung.

Nach Artikel 1 der Gründungsbestimmungen konstituiert und gründet der neue Illuminatenorden selbstständig Johannis- und Andreaslogen. In die höheren Grade, heißt es wörtlich, werden nur Freimaurer Meister aufgenommen.

Im Jahre 1902 gab es eine Ordenstrennung: ein Teil der Mitglieder unter der Führung von Th. Reuß gingen eigene Wege. Aus dieser Spaltung ist ein starker amerikanischer Zweig hervorgegangen. Die Oberbehörde dieser Gruppe in Amerika nannte sich nationale Großloge von Atlantis. Dieser Illuminaten-Freimaurerbund will alle geistig strebenden Männer arischer Rasse unter den Freimaurer Symbolen sammeln, um mit ihnen das Reich Gottes auf Erden zu begründen. Im Dienste des Menschentums soll geistig dem höchsten Wesen ein Tempel gebaut werden. In diesen Illuminatenkreisen wird es entschieden abgelehnt, sich den anderen Freimaurerorganisationen anzugliedern. Die führenden Mitglieder sind der Ansicht, der Orden sei durch seine Abstammung vollkommen regulär.

In Deutschland ist der Zweig von Th. Reuß später wieder eingegangen. Das offizielle Organ der Illuminaten berichtet darüber: „Im Laufe der Zeit haben im Illuminatenorden mehrere Reorganisationen stattgefunden. Die früheren Werke besitzen daher nur noch historischen Wert. Der Orden steht in Verbindung mit den Freimaurern in Frankreich, England und Amerika.“

Am 18. Januar 1903 wurden neue Satzungen aufgestellt und die Grade des Ordens umgearbeitet und vereinfacht. Der Bund wurde im Vereinsregister eingetragen und bearbeitete noch folgende Grade:

1. Grad: Novize
2. Grad: Minerval
3. Grad: Magus
4. Grad: Grossmagus
5. Grad: Kleiner Illuminat
6. Grad: Grosser Illuminat
7. Grad: Dirigierender Illuminat.

Wie die Freimaurer tragen die Illuminaten bei ihren Arbeiten und Beförderungen als Zeichen der Arbeit die weiße Schürze. Dem Grade entsprechend ist dieser mit farbigen Bändern und Rosetten verziert. Auf der Brust tragen alle Brüder den goldenen Ordensstern. (Hexagramm.) Wie früher, erteilt der Orden schriftlichen Unterricht über Selbst- und Gotteserkenntnis. Die Mitglieder werden angehalten, sich nicht mehr vom blinden Zufall treiben zu lassen; sie sollen sich bemühen, das Glück in ihrer eigenen Seele zu suchen. Durch innere Einkehr soll jedes Mitglied sich auf das jenseitige Leben vorbereiten. Politische Diskussionen werden nicht geduldet. Jedes Mitglied erhält bei seiner Aufnahme einen eigenen Brudernamen.

Im Jahre 1925 wurde der Orden nochmals neu organisiert und zu einem Weltbunde erweitert. Der Bund verfolgt den ausgesprochenen Zweck, seine Mitglieder zu freien, selbst bestimmenden Persönlichkeiten zu entwickeln. Sitz der Bundesleitung war Berlin. Zum Präsidenten wurde Leopold Engel gewählt. Die Lehrbriefe wurden ebenfalls neu bearbeitet. Ein systematischer Lehrgang beschreibt dem Schüler, wie Neigungen und Leidenschaften entstehen und wie diese je nachdem gefördert oder besiegt werden können.

Bei genügender Anzahl bilden die Mitglieder so genannte Ortssynoden, welche nach fest stehendem Ritual arbeiten. Der Leiter einer Minervalsynode heißt „Magus des Lichtes“. Ihm zur Seite stehen der Schriftführer und der Schatzmeister. Größere Synoden wählen noch den Zeremonienmeister, den Redner, den Almosenpfleger und den Vorbereiter.

Sieben Mitglieder im Großmagusgrade sind berechtigt eine Großmagussynode zu bilden; sie bedürfen aber der Zustimmung des Kustosamtes. Die einzelnen Länder sind einem Provinzial unterstellt. Dem Kustosamte direkt unterstellt sind die Einzelmitglieder. Drei Einzelmitglieder an einem Ort bilden einen Stern; sieben können eine Synode eröffnen. Die Beamten des Kustosamtes heißen:

Kustos, Ordenskanzler, Präfekt, Großschriftführer, Großschatzmeister und Großzensor. Nach dem Tode von Leopold Engel (Theophrastus) 8. November 1931 wurde im Oktober 1932 Julius Meyer (Marius) zum Nachfolger gewählt, doch nur kurze Zeit sollte dieser dem Orden vorstehen. Im Jahre 1933 wurde der Orden in Berlin auf Antrag des Präfekten Dr. H. Teumer, (Theobald) Chemnitz, aufgelöst. Das Material wurde etwas später von der nationalsozialistischen Polizei beschlagnahmt.

Zunächst begründeten die Vertreter von Österreich und der Schweiz im Jahre 1933 in Wien den neuen Areopag und vereinigten sich zu einer Arbeitsgemeinschaft, so dass das geistige Erbe vorerst gerettet wurde. Nachdem Österreich, entgegen den Ordenssatzungen den Arierparagraph einführte, trennten sich 1935 beide Teile. In Österreich wurde den Juden der Zutritt zum Orden verboten; auch die Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge war nicht mehr gestattet. Ganz einseitig, ohne das Kustosamt von Helvetien anzufragen, wählte der österreichische Zweig einen Großmeister. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland wurde der Orden aufgelöst.

In der Schweiz konnte er sich wegen diesen Umständen nicht mehr stark ausbreiten. Nur wenig Mitglieder bewahrten dem Illuminatismus ihre Treue. Das Kustosamt von Helvetien ist im Besitze des geistigen Ordensgutes, so dass der Orden später wieder aufblühen kann.

Mit der französischen Sekte der Illuminés ist der Illuminatenorden zu Unrecht verwechselt worden: er hat mit dieser niemals etwas zu tun gehabt. Weder der Graf de Saint Germain, noch Cagliostro (Balsamo) waren Mitglieder des Illuminatenordens; es erübrigt sich, mehr als diese Tatsache festzuhalten.