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Wladimir Solowjow – Kurze Erzählung vom Antichrist 4/4

Kurze Erzählung vom Antichrist

Wladimir Solowjow

Er hielt inne und wartete.
Durch die Kathedrale ging ein dumpfes Raunen. Die Teilnehmer am Konzil flüsterten miteinander. Papst Petrus setzte seiner Umgebung heftig, gestikulierend etwas auseinander. Professor Pauli wiegte den Kopf und schmatzte grimmig mit den Lippen. Der Starez Johannes beugte sich zu einem östlichen Bischof und einem Kapuziner hin und redete mit leiser Stimme eindringlich auf sie ein.

Nachdem der Imperator einige Minuten gewartet hatte, wandte er sich in dem gleichen huldvollen Ton an die Versammelten.Aus seiner Stimme klang jedoch eine kaum wahrnehmbare Ironie.
„Liebe Christen!“ sagte er. „Ich begreife, dass es euch schwer wird, mir schnell und unumwunden zu antworten. Ich will euch helfen. Ihr seid zu eurem Unglück seit so unvordenklichen Zeiten in verschiedene Bekenntnisse und Parteien zerfallen, dass ihr kaum noch einen einzigen Gegenstand gemeinsamer Neigung besitzt. Wenn ihr jedoch nicht untereinander übereinstimmen könnt, so hoffe im doch, alle eure Parteien damit zu vereinen, dass im ihnen allen die gleiche Liebe bezeige und die gleiche Bereitschaft, dem wahren Streben einer jeden Partei Genüge zu tun. Liebe Christen! Im weiß, dass für viele und nicht die letzten unter euch die geistige Autorität das Teuerste am Christentum ist. Sie ist seinen gesetzmäßigen Vertretern selbstverständlich nicht um ihres eigenen Vorteils willen, sondern um des gemeinsamen Heils willen verliehen worden, denn auf dieser Autorität beruhen die rechte geistige Ordnung und sittliche Disziplin, die alle brauchen. Liebe Brüder-Katholiken! Oh, wie gut begreife ich eure Anschauung! Wie gern möchte ich meine Herrschaft auf die Autorität eures geistigen Oberhauptes stützen! Denkt nicht, dies seien Schmeicheleien und leere Worte. Feierlich erklären wir kraft unseres selbstherrlichen Willens: Der oberste Bischof der Katholiken, der römische Papst, wird von heute ab wieder auf seinem Stuhl in Rom mit allen früheren Rechten eingesetzt und genießt alle Privilegien dieses Titels und Katheders, die ihm jemals von unseren Vorgängern seit Kaiser Konstantin dem Großen verliehen worden sind. Ich verlange dafür nichts weiter von euch, Brüder-Katholiken, als eure innere, von Herzen kommende Anerkennung, dass ich euer einziger Verteidiger und Beschützer bin. Wer mich nach Gewissen und Gefühl als solchen anerkennt, der komme her zu mir!“ Und er wies  auf die leeren Plätze des Podiums.

Mit freudigen Rufen: „Gratias agimus! Domine! Salvum fac magnum imperatorem!“ begaben sich fast sämtliche katholische Kirchenfürsten, Kardinäle und Bischöfe, ein großer Teil der gläubigen Laien und mehr als die Hälfte der Mönche auf das Podium, verneigten sich tief in Richtung des Imperators und nahmen ihren Platz auf den Sesseln ein.

Unten jedoch, inmitten des Konzils, saß Papst Petrus II., aufrecht und unbeweglich wie eine Marmorstatue. Seine gesamte Umgebung befand sich auf dem Podium. Die gelichtete Schar der Mönche und Laien jedoch, die unten geblieben war, strebte zu ihm hin und bildete einen dichten Kreis um ihn; Man hörte von dort verhalten flüstern: „Non praevalebunt, non praevalebunt portae inferni.“

Nachdem der Imperator einen verwunderten Blick auf den unbeweglich dasitzenden Papst geworfen hatte, erhob er  von neuem die Stimme:
„Liebe Brüder!“ rief er. „Im weiß wohl, dass unter euch auch solche sind für welche das Teuerste am Christentum seine geheiligte Überlieferung ist, die alten Symbole, die alten Gesänge und Gebete, die Bilder und die Ordnung des Gottesdienstes. Und in der Tat, was könnte einem religiösen Gemüt teurer sein? Wisset denn, Geliebte, dass ich heute das Statut eines Weltmuseums für christliche Archäologie unterzeichnet habe und reiche Mittel für seine Errichtung in unserer ruhmeswürdigen kaiserlichen Stadt Konstantinopel angewiesen worden sind. Dort sollen alle Denkmäler des kirchlichen Altertums, vornehmlich des östlichen, gesammelt, erforscht und bewahrt werden. Euch jedoch bitte ich, morgen aus eurer Mitte eine Kommission zu wählen, die gemeinsam mit mir alle Maßnahmen berät, die ergriffen werden sollen, um eine mögliche Annäherung der zeitgenössischen Daseinsformen, Sitten und Gewohnheiten an die Überlieferungen und Institutionen der heiligen orthodoxen Kirche herbeizuführen. Brüder der orthodoxen Kirche! Wem dieser mein Wille aus dem Herzen gesprochen ist, wer mich aus innerstem Gefühl heraus als seinen wahren Führer und Herrscher bezeichnen kann, der möge hierher kommen!“

Ein großer Teil der Hierarchie des Ostens und Nordens, die Hälfte der ehemaligen Altgläubigen und mehr als die Hälfte der orthodoxen Priester, Mönche und Laien begab sich mit freudigem Rufen auf das Podium, wobei sie einen schiefen Blick auf die stolz dasitzenden Katholiken warf.

Aber der Starez Jhannes bewegte sich nicht vom Platze und seufzte laut. Als sich die Menge um ihn immer stärker lichtete, verließ er seine Bank und setzte sich näher an den Papst Petrus und seinen Kreis heran. Ihm folgten auch die übrigen Orthodoxen, die nicht auf das Podium gestiegen waren.
Abermals begann der Imperator:
„Bekannt sind mir liebe Chr isten, auch solche unter euch, die als höchstes am Christentum die persönliche Überzeugung von der Wahrheit und die freie Auslegung der Heiligen Schrift schätzen. Ich brauche mich nicht ausführlich zu äußern, wie ich darüber denke. Ihr wisst vielleicht, dass ich schon in meiner frühen Jugend ein großes Werk über Bibelkritik geschrieben habe, das zu jener Zeit einiges Aufsehen erregt und den Grund zu meiner Berühmtheit gelegt hat. Wahrscheinlich verdanke ich diesem Buch, dass mir in diesen Tagen die Universität Tübigen die Bitte übermittelte, das Diplom eines Ehrendoktors der Theologie von ihr anzunehmen. Im ließ antworten, dass ich es mit Freude und Dankbarkeit tue. Heute habe ich nun zugleich mit dem Erlass über die Gründung des Museums für christliche Archäologie die Verfügung unterschrieben, ein Weltinstitut mit anderthalb Millionen Jahresbudget ins Leben zu rufen, das sich der freien, allseitigen Forschung der Heiligen Schrift nach allen möglichen Richtungen hin widmen und alle Hilfswissenschaften pflegen soll.

Wem dieses, mein Anliegen zusagt und wer mit reinen Gefühl mich als seinen allmächtigen Führer anerkennen kann, den bitte ich hierher zu dem neuen Doktor der Theologie zu kommen!“
Die schönen Lippen des großen Mannes verzogen sich ein wenig zu einem seltsamen, spöttischen Lächeln.

Mehr als die Hälfte der gelehrten Theologen setzte sich, wenn auch mit einem gewissen Zögern und Schwanken, gegen das Podium in Bewegung. Alle schauten sich nach dem Professor Pauli um, der in seinem Sessel wie angewachsen zu sein schien. Er hielt den Kopf gesenkt und saß gekrümmt und in sich versunken da. Die Gelehrten, die inzwischen das Podium betreten hatten, gerieten in Verwirrung. Einer sprang mit einer plötzlichen Handbewegung dicht neben der Treppe wieder hinunter und eilte hinkend auf den Professor Pauli und die bei ihm verbliebene Minderheit zu.
Professor Pauli richtete den Kopf in die Höhe, erhob sich mit einer unbestimmten Bewegung und ging an den leer gewordenen Bänken vorbei, begleitet von den bei ihm gebliebenen Glaubensgenossen, auf den Starez Johannes und Papst Petrus zu und nahm dicht neben ihnen Platz.

Ein bedeutender Teil des Konzils, darunter fast die gesamte Hierarchie des Ostens und Westens, befand sich auf dem Podium. Unten waren nur die drei einander näher gerückten Gruppen von Männern geblieben, die sich um den Starez Johannes, den Papst Petrus und Professor Pauli geschart hatten.
Der Imperator wandte sich mit schmerzbewegter Stimme an sie. „Was kann ich noch für euch tun?“, rief er. „Ich weiß es nicht. Sagt mir doch selbst, ihr Christen, die ihr von der Mehrzahl eurer Brüder und Führer verlassen, die ihr vom Gefühl des Volkes verurteilt seid: Was ist euch das Teuerste am Christentum?“

Da erhob sich der Starez Johannes wie ein weißes Licht und entgegnete sanftmütig: „Großer Herrscher! Das Teuerste am Christentum ist für uns Christus selbst. Er Selbst und alles, was von Ihm kommt, denn wir wissen, dass Ihm die ganze Fülle des Göttlichen leibhaftig innewohnt Aber auch von dir, Herrscher, sind wir bereit, jegliches Heil zu empfangen, wenn wir nur in deiner freigebigen Hand die heilige Hand Christi erkennen. Deshalb antworten wir auf deine Frage, was du für uns tun kannst, ohne Umschweife: Bekenne dich hier, jetzt vor uns zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der fleischgeworden herniedergestiegen, auferstanden ist und wiederum kommen wird – bekenne Ihn und wir werden dich in Liebe annehmen als den wahren Vorläufer Seiner zweiten ruhmvollen Ankunft“ Der Starez verstummte und heftete den Blick auf das Gesicht des Imperators.

In diesem ging etwas Böses vor sich. Sein Inneres durchbrauste der gleiche Höllensturm, wie er ihn in jener Schicksalsnacht erlebt hatte. Der Imperator hatte völlig das innere Gleichgewicht verloren. Alle seine Gedanken waren darauf gerichtet, nicht auch die äußere Selbstbeherrschung einzubüßen und sich vor der Zeit zu verraten. Er machte unmenschliche Anstrengungen, um sich nicht mit wildem Geheul auf den Sprechenden zu stürzen und ihn mit den Zähnen zu zerreissen. Plötzlich jedoch vernahm er die bekannte jenseitige Stimme: „Schweig und fürchte nichts!“ Er schwieg. Nur sein erstorbenes, finster gewordenes Gesicht blieb verzerrt, und seine Augen sprühten Funken.
Während der Rede des Starez Johannes hatte der große Magier unter seinem weiten dreifärbigen Umhang; der den Kardinalspurpur bedeckte, einige Hantierungen vorgenommen. Das Feuer seiner Augen wurde zu stechenden Flammen. Die Lippen bewegten sich. Durch die offenen Fenster der Kathedrale sah man, wie eine riesige schwarze Wolke heranzog. Plötzlich verfinsterte sich alles.

Der Starez Johannes, der die verwunderten, erschreckten Augen nicht vom  des verstummten Imperators wandte, sprang entsetzt zurück und rief, sich umwendend, mit erstickter Stimme: „Kinderlein der Antichrist!“
Gleichzeitig flammte zusammen mit einem betäubenden Donnerschlag ein riesiger Kugelblitz in der Kathedrale auf und  umlohte den Starez. Alles erstarb augenblicklich. Als die betäubten Christen zu sich kamen, lag der Starez tot am Boden.

Bleich, aber ruhig wandte sich der Imperator an die Versammlung: „Ihr habt Gottes Gericht erlebt. Ich wollte niemandes Tod, aber mein himmlischer Vater rächt seinen geliebten Sohn. Die Sache ist entschieden. Wer kann mit dem Allmächtigen hadern? Sekretäre! Schreibt auf! Nachdem ein Feuer vom Himmel den verblendeten Gegner der göttlichen Majestät vernichtet hat, erkennt das Weltkonzil aller Christen einstimmig den selbstgebietenden Imperator von Rom und der ganzen Erde als seinen obersten Führer und Herrscher an.“

Plötzlich schallte es jedoch laut und klar durch die Kathedrale: „Contradicitur!“ Papst Petrus II. hatte sich erhoben und redete mit tiefrotem Gesicht, am ganzen Körper vor Zorn bebend, seinen Stab gegen den Imperator: „Unser einziger Herrscher ist Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Wer du aber bist, hast du vernommen. Weiche von uns, Kain – Brudermörder! Weiche, Gefäß des Satans! Im Namen Christi stoße ich, der Diener Gottes, dich wie einen räudigen Hund auf ewig aus Gottes Schutz aus und überantworte dich deinem Vater, dem Satan! Anathema! Anathema! Anathema!“
Während der Worte des Papstes hatte sich der große Magier unruhig unter seinem Umhang bewegt. Das letzte Anathema übertönte ein Donnerschlag. Der letzte Papst stürzte entseelt zu Boden.

„So werden von der Hand meines Vaters alle meine Feinde zugrunde gehen!“ rief der Imperator.
„Pereant, pereant!“ stimmten die zitternden Kirchenfürsten ein.
Der Imperator wandte sich um und ging, auf die Schulter des großen Magiers gestützt und von seinem ganzen Hofstaat gefolgt, langsam durch das Portal hinter dem Podium hinaus.
In der Kathedrale blieben die beiden Leichname und der enggeschlossene Kreis der vor Schreck halbtoten Christen zurück. Der einzige, der die Fassung nicht verloren hatte, war Professor Pauli. Das allgemeine Entsetzen schien alle Geisteskräfte in ihm geweckt zu haben. Auch, äußerlich war er verändert. Seine Gestalt war voller Hoheit und Geist.

Mit entschlossenen Schritten begab er sich auf das Podium, setzte sich auf einen der leer gewordenen Plätze der Staatssekretär, nahm einen Bogen Papier und begann zu schreiben.Nachdem er zu Ende gekommen war, stand er auf und las mit schauender Stimme:
„Ruhm und Preis unserem einzigen Erlöser, Herrn Jesus Christus! Nachdem unser hochseliger Bruder Johannes, Haupt der östlichen Christenheit, den großen Betrüger und Feind Gottes als den leibhaftigen Antichrist entlarvt hat, wie er in der Heiligen Schrift geweissagt ist, und unser hochseliger Vater Petrus, Haupt der westlichen Christenheit, ihn nach Recht und Gesetz für immer aus Gottes Kirche ausgestoßen hat; verfügt das in Jerusalem versammelte ökumenische Konzil der Gotteskirchen heute angesichts der Körper dieser beiden für die Wahrheit erschlagenen Zeugen Christi: Jede Gemeinschaft mit dem Ausgestoßenen und seinem schändlichen Klüngel ist abzubrechen. Wir begeben uns in die Wüste und erwarten dort die gewissliche Ankunft unseres wahren Herrschers Jesus Christus.“

Freudige Erregung bemächtigte sich der Schar. Laute Rufe erschollen. „Adveniat! Adveniat cito! Komm, Herr Jesus, komme! Jesus Christus, erscheine!“
Professor Pauli schrieb einen Nachsatz und las: „Nach der einstimmigen Annahme dieses einzigen Beschlusses des letzten Weltkonzils unterzeichnen wir mit unseren Namen“, und er forderte durch ein Zeichen die Versammelten auf, heranzutreten. Alle eilten auf das Podium und unterschrieben. Als letzter setzte Professor Pauli in  langgezogener gotischer Schrift seinen Namen auf das Dokument:‘ ‚“Duorum defunctorum testium locum tenens, Ernst Pauli.“
„Lasset uns nun gehen mit unserer heiligen Lade des letzten Bundes!“ sagte er und wies auf die bei den Toten.

Die Körper wurden auf Bahren gehoben. Unter Gesang lateinischer, deutscher und altslavischer Hymnen schritten die Christen langsam dem Ausgang des Haram-Esch-Scherif zu.
Hier wurde der Zug von einem vom Imperator gesandten Staatssekretär angehalten, der von einem Offizier mit einer Abteilung Gardesoldaten begleitet war. Die Soldaten nahmen am Ausgang Aufstellung. Der Staatssekretär stellte sich auf ein Podest und las:
„Verfügung der göttlichen Majestät! Zur Aufklärung des Christenvolks und zu seinem Schutz vor böswilligen Leuten, die Verwirrung und Unruhe stiften, haben wir es für Recht erachtet, die Leichname der beiden vom göttlichen Feuer erschlagenen Aufrührer auf der Straße der Christen (Hareth-En-Nazara), am Eingang der Hauptkathedrale dieser Religion, benannt Kirche zum Grab des Herrn oder Auferstehungskirche öffentlich zur Schau zu stellen, damit sich alle von ihrem tatsächlich erfolgten Tode überzeugen können. Ihre widerspenstigen Gesinnungsgenossen jedoch, die alle unsere Wohltaten böswillig abgelehnt haben und ihre Augen vor den offenkundigen Zeichen der Gottheit sinnlos verschließen, sollen dank unserer Barmherzigkeit und unserer Fürsprache vor dem himmlischen Vater von der verdienten Todesstrafe durch das Himmelsfeuer befreit sein und ihre volle Freiheit behalten. Es wird  ihnen jedoch um des allgemeinen Wohles willen verboten, in Städten und an anderen bevölkerten Plätzen zu wohnen, damit sie nicht die unschuldigen und einfachen Menschen mit ihren bösartigen Ersinnungen verwirren und verführen.“

Als er geendet hatte, traten auf ein Zeichen des Offiziers acht Soldaten zu den Bahren mit den Körpern.
„Es geschehe, wie es geschrieben steht!“ sagte Professor •Pauli.
Die Christen, welche die Bahren hielten, übergaben sie stumm den Soldaten, die sich durch das nordwestliche Tor entfernten, während sich die Christen durch das nordöstliche Tor aus der Stadt begaben und sich am Ölberge vorbei nach Jericho wandten. Der Weg war schon vorher durch Gendarmen und zwei Kavallerieregimenter von der Volksmenge gesäubert worden.
Man beschloss, auf den wüsten Hügeln bei Jericho einige Tage zu warten.
Am folgenden Morgen kamen bekannte christliche Pilger aus Jerusalem und erzählten, was sich in Zion ereignet hatte.

Nach der Hoftafel wurden alle Teilnehmer am Konzil in den riesigen Thronsaal (bei dem vermuteten Platz des salomonischen Thrones) gebeten. Der Imperator wandte sich an die Vertreter der katholischen Hierarchie und erklärte ihnen, das Wohl der Kirche erfordere offensichtlich, dass sie unverzüglich einen würdigen Stellvertreter des Apostels Petrus wählten. Aus zeitlichen Gründen solle die Wahl summarisch vorgenommen werden. Seine, des Imperators Anwesenheit, als Führer und Vertreter der gesamten christlichen Welt; ersetze die rituellen Mängel reichlich. Im Namen aller Christen schlage er dem heiligen Kollegium vor, seinen lieben Freund und Bruder Apollonius zu wählen, damit ihr enger Bund die Einheit von Kirche und Staat zu beider Wohl dauerhaft und unzerreißbar mache. Das heilige Kollegium entfernte sich zum Konklave in einen besonderen Raum und kehrte nach anderthalb Stunden mit dem neuen Papst Apollonius zurück.
Während die Wahlen vor sich gingen, überzeugte der Imperator die orthodoxen und evangelischen Vertreter mit milden, weisen und wohlgesetzten Worten, im Hinblick auf die neue große Epoche der christlichen Geschichte die alten Streitigkeiten beizulegen, und verbürgte mit seinem Wort, dass Apollonius imstande sein werde, jeden historischen Missbrauch der päpstlichen Macht für immer zu beseitigen.

Die von dieser Rede überzeugten Vertreter der Orthodoxie und des Protestantismus setzten eine Urkunde von der Vereinigung der Kirchen auf. Als Apollonius mit den Kardinälen unter den freudigen Zurufen der ganzen Versammlung im Thronsaal erschien, legten ihm ein griechischer Bischof und ein evangelischer Bischof das Schriftstück vor.

„Aeeipio et approbo et laetificatur cor meum“, sagte Apollonius, indem er die Urkunde unterschrieb. „Ich bin genau solch wahrer Orthodoxer und wahrer Evangelischer wie ich ein wahrer Katholik bin“, fügte er hinzu und tauschte herzliche Bruderküsse mit dem Griechen und dem Deutschen aus. So trat er zu dem Imperator hin, der ihn umfing und lange umarmt hielt.
Im gleichen Augenblick sah man überall im Palast und in der Kathedrale leuchtende Punkte aufschweben ; sie wuchsen und wandelten sich in glimmernde Gestalten seltsamer Wesen. Nie auf Erden erblickte Blumen sanken aus der Höhe hernieder und erfüllten die Luft mit einem unbekannten Duft. Hoch oben erklangen mitreißende, die Seele durchdringende und herzergreifende Töne von Musikinstrumenten, wie man sie bis dahin noch nie vernommen hatte, und die Engelsstimmen unsichtbarer Sänger priesen die neuen Herrscher des Himmels und der Erde.

Inzwischen erhob sich ein schauerliches, unterirdisches Lärmen in der nordwestlichen Ecke des mittleren Palastes unter Kubeth-El-Ruach, das heißt, der Kuppel der Seelen, wo sich nach mohammedanischer Überlieferung der Eingang zur Unterwelt befindet. Als sich die Versammelten auf Aufforderung des Imperators nach  dieser Stelle begaben, vernahmen sie deutlich zahllose feine, durchdringende Stimmen – man wußte nicht, kamen sie von Kindern oder Teufeln -, die riefen: „Die Zeit ist gekommen, lasst uns heraus, Erlöser, Erlöser!“.

Als jedoch Apollonius, an den Felsen gepresst, dreimal in einer unbekannten Sprache etwas hinabrief, verstummten die Stimmen, und der unterirdische Lärm hörte auf.
Unterdessen hatte sich auf allen Seiten des Haram-Esch-Scherif eine unübersehbare Volksmenge versammelt. Als die Nacht kam, zeigte sich der Imperator zusammen mit dem neuen Papst auf der östlichen Treppe. Ein Sturm der Begeisterung erhob sich.

Der Imperator verneigte sich freundlich nach allen Seiten. Kardinäle, die den Dienst von Diakonen versahen, reichten Apollonius große Körbe, aus denen er unablässig bengalische Lichter, Raketen und Feuerfontänen, die sich durch die Berührung seiner Hand entzündeten, nahm und in die Luft schleuderte. Die bald wie Phosphorperlen, bald wie leuchtende Regenbogen aufflammenden Feuer verwandelten sich bei der Berührung mit der Erde in zahllose, verschiedenfarbige Blätter mit vollständigen und bedingungslosen Ablässen für alle vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Sünden.

Der Jubel des Volkes war grenzenlos. Manche behaupteten allerdings, sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie sich die Ablasszettel in abscheuliche Kröten und Schlangen verwandelten, aber die gewaltige Mehrheit war nichtsdestotrotz entzückt. Das Volksfest dauerte noch einige Tage. Dabei steigerte der neue Wunderpapst seine Kunststücke auf eine so wilde und unglaubliche Weise, dass es ganz unmöglich ist, eine Beschreibung von ihnen zu geben.
Die Christen auf den wüsten Höhen bei Jericho hatten sich indessen dem Fasten und Gebet gewidmet. Am Abend des vierten Tages brach Professor Pauli bei Anbruch der Nacht mit neun Kameraden nach Jerusalem auf. Sie führten Esel und ein Fahrzeug mit sich. Auf Seitenstraßen begaben sie sich vorbei an Haram-Esch-Scherif zur Hareth-En-Nazara und drangen bis zum Portal der Auferstehungskirche vor, wo die Körper des Papstes Petrus und des Starez Johannes auf dem Pflaster lagen. Die Straße war zu dieser Stunde menschenleer; alles Volk war zum Haram-Esch.-Scherif gelaufen. Die Wachposten lagen in tiefem Schlaf.

Die Männer stellten fest, dass die Leichname weder in Verwesung begriffen, noch starr und schwer geworden waren. Nachdem die Körper auf die Bahren gehoben und mitgebrachte Decken um sie gehüllt waren, kehrten die Männer auf den gleichen Seitenwegen zu den Ihrigen zurück.
Kaum hatte man jedoch die Bahren auf die Erde niedergesetzt, als der Geist des Lebens in die Verstorbenen zurück kehrte. Sie regten sich und bemühten sich, die Decken, in die sie gehüllt waren, von sich zu werfen. Alle waren ihnen mit freudigen Rufen behilflich und bald standen die beiden Wiederbelebten heil und unbeschädigt auf den Füßen.

Und der wieder zum Leben gekommene Starez Johannes ließ sich also vernehmen: „Nun sehet, Kinderlein, wir hatten uns nicht von euch getrennt. Hört denn, was ich euch jetzt sage: es ist Zeit, Christi letzte Bitte an Seine Jünger zu erfüllen, dass sie eins würden, wie Er Selbst und der Vater eins sind.

So lasset uns denn, Kindlein, um dieser Einheit in Christo willen unserm lieben Bruder Petrus die Ehre erweisen. Er soll es sein, der Christi Schafe zu guter Letzt weidet. So sei es, Bruder!“
Und er umarmte Petrus.

Da trat auch Professor Pauli hinzu: „Tu es, Petrus!“; wandte er sich an den Papst. ,,Jetzt ist es ja gründlich erwiesen und außer jeden Zweifel gesetzt!“ Und er drücke mit seiner Rechten fest die Hand des Papstes, die Linke jedoch reichte er dem Starez Johannes mit den Worten: „So also, Väterchen, nun sind wir Eins in Christo!“
So vollzog sich die Vereinigung der Kirchen in dunkler Nacht, auf hohem und einsamem Platze.

Plötzlich jedoch erleuchtete ein heller Glanz die Finsternis. Am Himmel erschien ein großes Zeichen: eine Frau, gehüllt in Sonne, zu Füßen den Mond und auf dem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.
Die Erscheinung blieb einige Zeit an der gleichen Stelle stehen und bewegte sich dann langsam südwärts.
Papst Petrus hob seinen Stab und rief: „Sehet, das ist das Banner unserer Kirche! Folgen wir ihm nach!“

Und er schritt in Richtung der Erscheinung, begleitet von den beiden Greisen und der ganzen Christenschar, dem Berge Gottes zu, dem Sinai …
Nachdem die geistigen Führer und Vertreter der Christenheit sich in die arabische Wüste begeben hatten, wohin Scharen gläubiger Eiferer der Wahrheit aus allen Ländern zu ihnen strömten, konnte der neue Papst mit seinen Wundern und Zauberkunststücken alle zurückgebliebenen, oberflächlichen Christen, die sich vom Antichrist täuschen ließen, ungehindert verderben. Er erklärte, dass er mit der Kraft seiner Schlüssel die Tür zwischen der irdischen und jenseitigen Welt geöffnet habe. Tatsächlich wurde der beiderseitige Verkehr zwischen Lebenden und Toten sowie auch zwischen Menschen und Dämonen zu einer üblichen Erscheinung, und es entwickelten sich neue, unerhörte Formen mystischer Unzucht und Dämonolatrie.
Kaum glaubte jedoch der Imperator auf dem religiösen Boden festen Fuß gefasst zu haben, und kaum hatte er sich aufgrund der beharrlichen Einflüsterungen der geheimen „väterlichen“ Stimme als einzig wahre Verkörperung der obersten Gottheit des Alls erklärt, als eine neue Not über ihn kam. Und zwar von einer Seite, woher sie niemand erwartete. Die Juden erhoben sich.

Diese Nation, die sich zu jener Zeit auf fast dreißig Millionen Menschen vermehrt hatte, war an der Vorbereitung und Sicherung der Welterfolge des Übermenschen nicht ganz unbeteiligt gewesen. Als er nach Jerusalem umgesiedelt war, hatte er insgeheim in jüdischen Kreisen die Gerüchte unterstützt, dass seine Hauptaufgabe darin bestehe, die Weltherrschaft Israels herzustellen. Daraufhin hatten ihn die Juden als Messias anerkannt, und ihre begeisterte Ergebenheit für ihn war grenzenlos gewesen.
Plötzlich jedoch erhoben sie sich und schnaubten Wut und Rache, denn zufällig entdeckten sie, dass er nicht einmal beschnitten sei. Am gleichen Tage war ganz Jerusalem, und am nächsten Tage ganz Palästina vom Aufstand ergriffen. Die grenzenlose, flammende Ergebenheit für den Retter Israels, den verheißenen Messias, verwandelte sich in ebenso grenzenlosen, flammenden Hass gegen den listigen Betrüger, den frechen Usurpator.
Die gesamte Judenschaft erhob sich wie ein Mann, und Israels Feinde sahen mit Erstaunen, dass in der Tiefe seiner Seele die Juden, mit der ganzen Kraft ihrer Herzen von Zuversicht und vom Zorn ihres uralten messianischen Glaubens beseelt waren.

Der Imperator, der einen so plötzlichen Ausbruch nicht erwartet hatte, verlor die Selbstbeherrschung und erließ einen Befehl, dass die ungehorsamen Juden und Christen zum Tode verurteilt seien. Viele tausende und zehntausende, denen es nicht gelungen war, sich zu bewaffnen, wurden erbarmungslos umgebracht. Bald jedoch bemächtigte sich eine Millionenarmee von Juden Jerusalems und schloss den Antichristen in Haram-Esm-Scherif ein. Er verfügte nur über einen Teil der Garde, der jedoch gegen, die Übermacht des Gegners nichts auszurichten vermochte. Mit Hilfe der Zauberkunst seines Magiers glückte es jedoch dem Imperator, die Reihen der Belagerer zu durchbrechen, und bald erschien er wieder in Syrien mit einem zahllos großen Heer verschiedenstämmiger Heiden.

Die Juden zogen ihm mit geringer Wahrscheinlichkeit auf Erfolg entgegen. Kaum waren jedoch die Vorhuten beider Armeen in Berührung miteinander gekommen, als ein Erdbeben von nie erlebter Stärke einsetzte. Unter dem Toten Meer, an dessen Ufern die kaiserlichen Truppen Aufstellung genommen hatten, öffnete sich der Krater eines gewaltigen Vulkans, und die feurigen Ströme, die in einem einzigen flammenden See zusammenflossen, verschlangen sowohl den Imperator selbst und alle seine zahllosen Regimenter als auch seinen unzertrennlichen Begleiter, den Papst Apollonius, dem alle seine Magie nichts half.

Inzwischen eilten die Juden nach Jerusalem und flehten in Furcht und Zittern den Gott Israels um  Rettung an. Als die heilige Stadt bereits in Sicht war, spaltete ein großer Blitz den Himmel von Osten bis Westen, und die Juden erblickten Christus, der zu ihnen herniederstieg im königlichen Gewande und mit den Wundmalen an den von den Nägeln durchbohrten Händen.