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Wladimir Solowjow – Kurze Erzählung vom Antichrist 3/4

Kurze Erzählung vom Antichrist

Wladimir Solowjow

Teil 3

Dieser Zauberer – er hieß Apollonius – ein unzweifelhaft genialer Mensch, halb Asiate, halb Europäer, katholischer Bischof in partibus infidelium, vereinte auf erstaunliche Weise die Beherrschung der letzten Ergebnisse und technischen Praktiken der westlichen Wissenschaft mit der Kenntnis und Fähigkeit, alles auszunützen, was von der überlieferten Mystik des Ostens wirklich stichhaltig und bedeutsam war. Die Ergebnisse dieser Verbindung waren verblüffend. Apollonius beherrschte unter anderm die halb wissenschaftliche, halb magische Kunst, nach seinem Willen die atmosphärische Elektrizität anzuziehen und zu lenken. Im Volke hieß es, er könne Feuer vom Himmel herabholen. Er fesselte tatsächlich die Vorstellungskraft der Menge mit verschiedenen unerhörten Wunderdingen, missbrauchte jedoch seine Macht nicht vor der Zeit. Offenkundig sparte er seine Kunst für irgendwelche besonderen Ziele auf.

Dieser Mann also kam zum großen Imperator, beugte sich in Verehrung vor ihm als dem wahren Gottessohn und erklärte, dass er in Geheimbüchern des Ostens unmittelbare Vorhersagen über ihn als endgültigen Erlöser und Richter der Welt gefunden habe. So dann bot er sich mitsamt all seiner Kunst dem Imperator zum Dienste an.

Der von ihm bezauberte Imperator nahm ihn als Geschenk des Himmels entgegen, verlieh ihm prunkvolle Titel und trennte sich nicht mehr von ihm. Die Völker der Erde, die von ihrem Herrscher mit soviel Wohltaten überhäuft waren, empfingen nunmehr außer dem allgemeinen Frieden und der allgemeinen Sattheit auch noch die Möglichkeit, sich durch die allerverschiedenartigsten und unerwartetsten Wunder und Zeichen ständig ergötzen zu lassen.

So schloss das dritte Jahr der Herrschaft des Übermenschen.
Nach der glücklichen Lösung der politischen und sozialen Probleme drängte die religiöse Frage auf Entscheidung. Sie wurde vom Imperator selbst aufgeworfen. Vor allem lag ihm daran das Verhältnis der Religion zum Christentum zu klären. Zu dieser Zeit befand sich das Christentum in folgender Lage: Bei einer sehr bedeutenden zahlenmäßigen Verringerung seines Bestandes – auf dem ganzen Erdball waren nicht mehr als fünfundvierzig Millionen Christen übrig geblieben – hatte es sich sittlich gefestigt und gestrafft und qualitativ gewonnen, was es quantitativ verloren hatte. Anhänger des Christentums, die nichts durch ein geistiges Interesse mit ihm verbunden waren, gab es unter den Christen nicht mehr. Da sich die verschiedenen Bekenntnisse ziemlich gleichmäßig in ihrem Bestand verringert hatten, war ungefähr das gleiche Zahlenverhältnis zwischen ihnen gewahrt geblieben. Ihre gefühlsmäßige Gegnerschaft war zwar nicht völlig ausgesöhnt worden, hatte sich jedoch bedeutend gemildert; die Gegensätze hatten ihre frühere Schärfe verloren.

Der päpstliche Hof war schon längst aus Rom vertrieben worden und hatte nach langer Irrfahrt in Petersburg unter der Bedingung Aufnahme gefunden, sich hier wie innerhalb des Landes jeder Propaganda zu enthalten. In Russland hatte das Papsttum bedeutend einfachere Formen angenommen. Es hatte zwar den unumgänglichen Bestand seiner Kollegien und Offizien wesentlich verändert, war jedoch genötigt gewesen, den Charakter seiner Tätigkeit mit einem neuen schöpferischen Geist zu erfüllen und auch sein prunkvolles Ritual und Zeremoniell auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Obwohl viele seltsame und auf die Sinne wirkende Bräuche formal nicht abgeschafft wurden, kamen sie von selbst außer Gebrauch. In allen übrigen Ländern, besonders in Nordamerika, besaß die katholische Hierarchie noch viele Vertreter mit festem Willen, unermüdlicher Energie und unabhängiger Stellung. Sie hielten die Einheit der katholischen Kirche stärker als zuvor aufrecht, förderten sie und wahrten ihre internationale, kosmopolitische  Bedeutung. Der Protestantismus, an dessen Spitze nach wie  vor Deutschland stand, hatte sich – besonders nach der Vereinigung eines bedeutenden Teils der anglikanischen Kirche mit der katholischen Kirche – von seinen extremen negierenden Tendenzen gereinigt; ihre Anhänger waren offen zum religiösen Indifferentismus und Unglauben übergegangen. In der evangelischen Kirche waren nur die aufrichtig Gläubigen geblieben. An ihrer Spitze standen Männer, die eine umfassende Gelehrsamkeit mit tiefer Religiosität vereinigten. In ihnen verstärkte sich immer mehr das Bestreben, das lebendige Abbild des alten echten Christentums in sich zu neuer Wirksamkeit zu bringen. Nachdem die politischen Ereignisse die offizielle Stellung der Kirche verändert hatten, hatte die russische Orthodoxie viele Millionen ihrer vermeintlichen, nominellen Mitglieder verloren. Stattdessen hatte sie die Freude der Vereinigung mit dem besten Teil der Altgläubigen und sogar vieler, Sektierer positiv religiöser Richtung erfahren. Die erneuerte Kirche war zwar nicht an Zahl, aber an Kraft des Geistes gewachsen. Dies bewies sie besonders in ihrem inneren Kampf gegen die im Volk und in der Gesellschaft sich vermehrenden extremen Sekten, die nicht frei von dämonischen und satanischen Elementen waren.
In den ersten beiden Jahren der Regentschaft hatten sich die von den vorangegangenen Umwälzungen und Kriegen geschreckten und ermüdeten Christen zu dem neuen Machthaber und seinen friedlichen Reformen teils mit wohlwollender Erwartung, teils mit entschiedener Sympathie und sogar flammender Begeisterung verhalten. Im dritten Jahre jedoch, als der große Magier auftauchte, kam es bei vielen Orthodoxen, Katholiken und Evangelischen zu ernsthaften Befürchtungen und Antipathien. Die evangelischen und apostolischen Texte, die vom Fürsten dieser Zeit und vom Antichrist sprachen, wurden aufmerksam gelesen und lebhaft kommentiert.
Aus einigen Anzeichen erriet der Imperator das sich zusammenziehende Gewitter und beschloss, die Angelegenheit so schnell wie möglich zu klären. Zu Beginn des vierten Jahres ein Regierung erließ er daher ein Manifest an alle seine getreuen Christen ohne Unterschied des Bekenntnisses und forderte auf, bevollmächtigte Vertreter für ein Weltkonzil zu wählen oder zu bestimmen, das unter seinem Vorsitz stattfinden sollte.

Die Residenz war zu dieser Zeit von Rom nach Jerusalem verlegt worden. Palästina war damals ein autonomes Gebiet, das vornehmlich von Juden bevölkert und regiert wurde.  Jerusalem war freie Stadt. Der Imperator hatte es zu seinem Wohnsitz gemacht. Die christlichen heiligen Stätten waren unangetastet geblieben. Auf dem ganzen ausgedehnten Plateau Haram-Esch-Seherif war ein riesiges Gebäude errichtet worden. Es erstreckte sich von Birket-Israin und den jetzigen Kasernen auf der einen Seite bis zur Moschee El-Aksa und den „Salomonischen Ställen“ auf der anderen und schloss  außer zwei alten kleinen Moscheen den ausgedehnten „kaiserlichen“ Dom zur Vereinigung aller Kulte und zwei prunkvolle  kaiserliche Schlösser mit Bibliotheken, Museen und besonderen Gebäuden für magische Versuche und Experimente in sich ein. In diesem Gebäude, das halb Kathedrale, halb Palast war, sollte am vierzehnten September das Weltkonzil eröffnet werden.
Da das evangelische Glaubensbekenntnis keine Priesterwürde im eigentlichen Sinne des Wortes besitzt, fassten die katholischen und orthodoxen Hierarchen auf Wunsch des Imperators zur Wahrung einer gewissen Parität unter den Vertretern aller christlichen Bekenntnisse den Entschluss, eine bestimmte Anzahl weltlicher Anhänger zur Teilnahme am Konzil zuzulassen, dir durch ihre Frömmigkeit und Ergebenheit für die Interessen der Kirche bekannt waren. Wurden jedoch einmal Laien zugelassen, konnte man auch den niederen Klerus, sowohl die Welt- wie die Klostergeistlichkeit, nicht ausschließen. Auf diese Weise betrug die Gesamtzahl der Teilnehmer am Konzil mehr als dreitausend, während rund eine halbe Million christlicher Pilger nach Jerusalem und ganz Palästina strömte.

Unter den Teilnehmern des Konzils traten drei Persönlichkeiten besonders hervor. Erstens der Papst Petrus II., der rechtens an der Spitze des katholischen Teils des Konzils stand. Sein Vorgänger war auf dem Wege zum Konzil  gestorben. Das in Damaskus zusammengetretene Konklave hatte den Kardinal Simone Barionini, der den Namen Petrus angenommen hatte, einstimmig zum Papst gewählt. Er stammte von einfachen Leuten aus dem Gebiet Neapel ab und wurde als Prediger des Karmeliterordens bekannt, als er sich große Verdienste im Kampf gegen eine in Petersburg und Umgebung sich verbreitende satanistische Sekte erwarb, die nicht nur Orthodoxe, sondern auch Katholiken verführte. Nachdem er Bischof von Mohilew, dann auch Kardinal geworden war, hatte man ihn auch früher schon als Anwärter auf die Tiara bezeichnet. Er war ein mittelgroßer, stämmiger Mann von ungefähr fünfzig Jahren mit einem schönen Gesicht, gebogener Nase und dicken Brauen, ein hitziger, ungestümer Mensch, der mit feurigen und schwungvollen Gebärden sprach und seine Zuhörer weniger überzeugte als hinriss. Gegen den Weltherrscher hegte der neue Papst Misstrauen und Abneigung, besonders, nachdem der verstorbene Papst vor der Abreise zum Konzil dem Drängen des Imperators nachgegeben und den kaiserlichen Kanzler und großen Weltmagier, den exotischen Bischof Apollonius zum Kardinal ernannt hatte, Petrus hielt jedoch den Magier für einen zweifelhaften Katholiken und für einen unzweifelhaften Betrüger.

Der tatsächliche, wenn auch nicht offizielle Führer der Orthodoxen war der Starez Johannes, der im russischen Volke sehr bekannt war. Obwohl er amtlich als Bischof „außer Dienst“ galt, lebte er nicht in einem Kloster, sondern befand sich ständig in allen Teilen des Landes auf der Pilgerschaft. Die verschiedensten Legenden liefen über ihn um. Einige Leute versicherten, er sei der wieder erstandene Fjodor Kusmitsch, das heißt Zar Alexander I., der ungefähr drei Jahrhunderte zuvor geboren war. Andere ‚gingen noch weiter und behaupteten, er sei der wirkliche Starez Johannes, das heißt der Apostel Johannes der Theologe, der niemals gestorben sei und sich in den letzten Zeiten offen zeige. Johannes selbst sprach nie über seine Herkunft und seine Jugend. Er war ein hochbetagter, aber rüstiger Greis mit gelblich, fast grünlich schimmerndem, weißen Haupt- und Barthaar, hochgewachsen und hager, jedoch mit vollen, etwas rötlichen Wangen, lebhaft blitzenden Augen und einem lieben, gütigen Ausdruck in Gesicht und Rede. Bekleidet war er stets mit einer weißen Sutane und Mantel.

An der Spitze der evangelischen Mitglieder des Konzils stand der sehr gelehrte deutsche Theologe Professor Ernst Pauli. Er war von kleiner Gestalt, ein dürres altes Männchen mit einer riesigen Stirn, scharfer Nase und glattrasiertem Kinn. Seine Augen zeichneten sich durch einen besonders grimmig-gutmütigen Blick aus. Ständig rieb er sich die Hände, wiegte den Kopf, zog fürchterlich die Brauen zusammen und schürzte die Lippen. Dabei funkelten die Augen, und er stieß abgerissene Lauter hervor wie: „So! Nun! Ja! So also!“ Er war stets peinlich korrekt gekleidet und trug einen langen Pastorengehrock mit weißer Krawatte und irgendwelchen Ordenszeichen.
Die Eröffnung des Konzils war sehr eindrucksvoll. Die riesige, der „Einheit aller Kulte“ gewidmete Kathedrale war zu zwei Dritteln mit Bänken und anderen Sitzgelegenheiten für die Teilnehmer am Konzil versehen; das letzte Drittel des Raums nahm ein hohes Podium ein. Dort befand sich der Thron des Imperators und ein zweiter, etwas niedrigerer für den großen Magier, der ja auch Kardinal und kaiserlicher Kanzler war. Dahinter waren lange Reihen Sessel für die Minister, Höflinge und Staatssekretäre aufgestellt. Seitwärts schlossen sich weitere Sesselreihen an, deren Bestimmung unbekannt war. Auf den Emporen waren Musikorchester untergebracht, und auf dem benachbarten Platz hatten zwei Garderegimenter Aufstellung genommen. Außerdem waren dort zwei Batterien aufgefahren, die den festlichen Salut zu feuern hatten.

Die Mitglieder des Konzils hatten ihre Gottesdienste bereits in verschiedenen Kirchen abgehalten. Die Eröffnung des Konzils sollte völlig weltlichen Charakter tragen. Als der Imperator mit dem großen Magier eintrat, spielte das Orchester einen „Marsch der Einheitsmenschheit“, der als kaiserlich internationale Hymne diente. Alle Teilnehmer am Konzil standen auf, schwenkten ihre Kopfbedeckungen und riefen dreimal: „Vivat! Hurra! Heil!“
Der Imperator stellte sich auf den Thron, streckte majestätisch huldvoll die Hand aus und sagte mit tönender, angenehmer Stimme: „Christen aller Glaubensbekenntnisse! Meine geliebten Untertanen und Brüder! Seit Beginn meiner Regierung, die der Allmächtige mit so wunderbaren, glorreichen Werken gesegnet hat, habe im nicht ein einziges Mal Anlass gehabt, unzufrieden mit euch zu sein. Ihr habt stets nach Glauben und Gewissen eure Pflicht erfüllt. Aber das ist mir zu wenig.

Meine aufrichtige Liebe für euch, geliebte Brüder, verlangt nach Ergänzung und Erwiderung durch euch. Im will, dass ihr mich nicht aus Pflicht, sondern aus dem Gefühl herzlicher Liebe als euren wahren Führer bei jedem Werk anerkennt, das für das Wohl der Menschheit unternommen wird. Also wollte ich abgesehen von dem, was ich für alle tue, euch besondere Gnade erweisen. Christen, womit könnte im euch glücklich machen? Was kann im euch geben, nicht als meinen Untertanen, sondern als meinen Brüdern des einen, gleichen Glaubens? Christen! sagt mir, was euch das Teuerste am Christentum ist, damit im mim in dieser Hinsicht bemühe.“

Teil 4