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Wladimir Solowjow – Kurze Erzählung vom Antichrist 2/4

KURZE ERZÄHLUNG VOM ANTICHRIST

Wladimir Solowjow

Teil 2

Zu dieser Zeit gab es unter den wenigen gläubigen Spiritualisten einen bemerkenswerten Menschen. Viele nannten ihn den Übermenschen. Er war von einer Kindhaftigkeit des Verstandes wie des Herzens gleichermaßen weit entfernt.

Trotz seiner Jugend – er zählte erst dreiunddreißig Jahre, war er dank seiner Genialität als großer Denker, Schriftsteller und sozialer Reformator weithin bekannt und berühmt. Im Bewusstsein seiner großen Geistesstärke war er stets ein überzeugter Spiritualist gewesen, und sein klarer Verstand hatte ihm die Wahrheit dessen gewiesen, woran man zu glauben hat: an das Gute, an Gott, an den Messias.

An diese glaubte er, aber er liebte nur sich selbst. Er glaubte an Gott, aber in der Tiefe der Seele stellte er, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, sich selbst höher als Ihn. Er glaubte an das Gute, aber das allsehende Auge der Ewigkeit wusste, dass sich dieser Mensch vor der bösen Macht beugte, dass nur  sie ihn bestach – nicht durch Betrug der Empfindungen und niederen Leidenschaften, nicht einmal durch die hohe Verlockung der Macht, sondern allein durch die maßlose Selbstliebe. Übrigens war diese Selbstliebe weder ein unwillkürlicher Instinkt noch eine sinnlose Anmaßung. Abgesehen von einer beispiellosen Genialität, Schönheit und Adligkeit schienen die höchsten Äußerungen der Enthaltsamkeit, Uneigennützigkeit und tätigen Hilfsbereitschaft die gewaltige Selbstliebe des großen Spiritualisten, Asketen und Menschenfreundes hinreichend zu rechtfertigen. Und war es seine Schuld, dass ein mit so reichen göttlichen Gaben beschenkter Mensch in ihnen besondere Zeichen eines ausschließlichen, ihm vom Himmel zuteil gewordenen Wohlwollens erblickte und er sich für den Nächsten nach Gott hielt, als den in seiner Art einzigen Sohn Gottes? Mit einem Wort, er meinte derjenige zu sein, der in Wirklichkeit Christus war. Aber dieses Bewusstsein seines höheren Wertes wirkte sich praktisch in ihm nicht als seine sittliche Verpflichtung für Gott und Welt aus, sondern als Recht und Vorzug vor anderen und vor allem vor Christus.

Anfänglich hegte er auch gegen Jesus keine Feindschaft. Er erkannte Seine messianische Bedeutung und Seinen Wert an, aber im Grunde sah er in Ihm nur seinen größten Vorgänger. Die sittliche Tat Christi und Seine absolute Einzigartigkeit blieben diesem von Selbstliebe verdüsterten Geist unverständlich. Er argumentierte: „Christus ist früher als ich gekommen. Ich erscheine als der zweite: was jedoch der zeitlichen Folge nach später erscheint; ist dem Wesen nach das erste. Ich komme als letzter, am Ende der Geschichte, und zwar eben deshalb, weil ich der vollendete, endgültige Erlöser bin. Jener Christus ist mein Vorläufer. Seine Berufung ist es gewesen, meine Erscheinung anzukündigen und vorzubereiten.“ Und mit Hilfe solcher Beweisführung bezog der große Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts alles auf sich, was im Evangelium von der Wiederkunft gesagt ist,
indem er diese Ankunft nicht als Wiederkehr jenes Christus erklärte, sondern als Ersatz des vorbereitenden Christus durch den endgültigen, das heißt, durch sich selbst.

In diesem Stadium stellte der künftige Mensch noch wenig Charakteristisches und Originelles dar. In ähnlicher Weise hatte ja zum Beispiel auch Mohammed, ein ehrlicher Mann, den man keiner bösen Absicht beschuldigen kann, sein‘ Verhältnis zu Christus betrachtet.

Jener Mensch jedoch rechtfertigte seine Selbstliebe, die ihn sich über Christus stellen ließ, noch durch folgende Erwägung: „Indem Christus das sittlich Gute verkündet und durch Sein Leben zum Ausdruck gebracht hat, ist Er ein Verbesserer der Menschheit gewesen. Ich aber bin berufen, ein Wohltäter dieser teils verbesserten, teils unverbesserten Menschheit zu sein. Ich. werde allen Menschen das geben, was sie brauchen. Indem Christus Sittlichkeit lehrte, schied Er die Menschen durch das Gute und das Böse. Ich werde sie durch die Wohltaten vereinigen, welche Gute und Böse gleichermaßen brauchen. Ich werde der wirkliche Vertreter jenes Gottes sein, der die Sonne über Gute und Böse scheinen, der über Gerechte und Ungerechte regnen lässt.

Christus brachte das Schwert, ich bringe den Frieden. Er drohte der Erde mit dem schrecklichen jüngsten Gericht. Aber der letzte Richter werde ich sein, und mein Gericht wird nicht ein Gericht der Wahrheit allein, sondern auch ein Gericht der Gnade sein. Gerechtigkeit wird in meinem Gericht herrschen, aber nicht die gerechte Vergeltung, sondern die gerechte Verteilung. Jeder erhält nach Gebühr, und jedem gebe ich, was er braucht.“

Und siehe, in dieser herrlichen Stimmung. wartete er auf einen klaren göttlichen Anruf, der ihn hieß, das Werk der neuen Rettung der Menschheit zu beginnen. Er wartete auf ein offenkundiges, verblüffendes Zeugnis, dass er der ältere Sohn, der geliebte Erstgeborene Gottes sei. Wartete und nährte seine Eigenheit mit dem Bewusstsein seiner übermenschlichen Tugenden und Begabungen – denn er war, wie gesagt, ein Mensch von tadelfreier Sittlichkeit und ungewöhnlicher Genialität.

So wartete der hoffärtige Gerechte auf die höhere Bestätigung, um seine Rettung der Menschheit zu beginnen – doch harrte er vergeblich. Dreißig Jahre war er bereits alt. Abermals vergingen drei Jahre. Da kam ihm ein Gedanke in den Sinn und brannte bis ins Mark der Knochen hinein, sodass er bebte.

„Wenn nun“, sagte er sich, „nicht im es bin, sondern jener, der Galiläer? … Wenn Er plötzlich nicht mein Vorläufer, sondern der Wirkliche, Erste und Letzte ist? … Aber dann müsste Er doch am Leben sein! … Wo ist Er denn? . . . Und wenn Er plötzlich zu mir kommt … jetzt, hierher? .. Was werde ich zu Ihm sagen? Dann muss ich mich doch vor Ihm neigen wie der letzte dumme Christ, wie irgendein russisches Bäuerlein sinnlos plappern: ,Herr Jesus Christ, erbarme Dich über mich Sünder!‘ oder wie ein polnisches Weib plärren: ,Gekreuzigter!‘? Ich, der lichte Genius, der Übermensch! Nein, niemals!“ Da entsprang und wuchs anstelle der früheren verstandesmäßigen, kalten Verehrung für Gott und Christus in seinem Herzen zuerst ein Entsetzen und dann ein brennender, sein ganzes Wesen zerpressender und einschnürender Neid und ein grimmiger, beklemmender Hass.

„Ich, ich, nicht Er!“ rief er, „nein, Er lebt nicht, nein, und wird es nicht. Er ist nicht auferstanden, ist nicht auferstanden, ist nicht auferstanden! Er ist verwest, ist im Grabe verfault wie die letzte Kreatur … “
Und mit Schaum vor dem Munde sprang er mit fiebrigen Sätzen aus dem Haus, aus dem Garten und lief über den Felsenpfad in, die leere, schwarze Nacht hinaus …
Die Wut legte sich. An ihre Stelle trat Verzweiflung, dürr und schwer wie die Felsen, finster wie die Nacht. Er blieb vor einem steilen Abhang stehen. Tief unten hörte er das verworrene Rauschen eines über die Steine dahinbrausenden Stroms. Unerträgliches Sehnen presste das Herz des Menschen zusammen. Plötzlich brach etwas in ihm auf.
„Soll ich Ihn anrufen? Fragen, was ich tun soll?“
Eine sanfte, von Trauer erfüllte Gestalt schien in der Dunkelheit vor ihm zu schweben.
„Er hat Mitleid mit mir … Nein, niemals! Er ist nicht auferstanden, ist nicht auferstanden!“
Und er stürzte sich in den Abgrund hinab.

Aber etwas Geschmeidiges, Festes, das einer Säule aus Wasser glich, hielt ihn in der Luft auf. Er empfand eine Erschütterung wie von einem elektrischen Schlag. Eine unbekannte Kraft schleuderte ihn zurück. Für einen Augenblick verlor er das Bewusstsein. Er fand sich wieder, einige Schritte vom Abgrund in die Knie gesunken; Eine in phosphorisch schimmerndem Glanz leuchtende Gestalt zeichnete sich vor ihm ab. Zwei Augen durchdrangen mit einem unerträglich scharfen Funkeln seine Seele…

Er sah in die beiden durchbohrenden Augen und vernahm eine seltsame Stimme. Er wusste nicht, tönte sie in ihm oder tönte sie von außen; sie klang hohl, gleichsam gepresst und dennoch überdeutlich, metallisch und völlig seelenlos, als käme sie aus einem Grammophon. Die Stimme sagte zu ihm: „Mein lieber Sohn, an dir habe ich mein Wohlgefallen. Warum hast du mich nicht gesucht? Warum hast du jenen, den Schlechten, und Seinen Vater geehrt? Ich bin Gott, ich bin dein Vater! Jener Niedere, Gekreuzigte jedoch ist dir wie mir fremd. Ich besitze keinen anderen Sohn als dich. Du bist der Einzige, du bist von einer Art mit mir, du bist gleich mir. Ich liebe dich und verlange nichts von dir. Du bist auch ohnehin schön, groß und gewaltig. Tue dein Werk in deinem Namen, nicht in meinem. In mir ist kein Neid auf dich. Ich liebe dich. Ich will nichts von dir haben. Derjenige, den du für Gott gehalten hast, hat von Seinem Sohne Gehorsam gefordert, unbegrenzten Gehorsam, bis zum Tode am Kreuz, und Er hat ihm nicht am Kreuze geholfen. Ich fordere nichts von dir, aber ich werde dir helfen. Um deiner selbst willen, um deines eigenen Wertes und deiner Vortrefflichkeit willen und um meiner reinen uneigennützigen Liebe willen, die ich für dich hege, will ich dir helfen. Empfange meinen Geist. Wie dich ehedem mein Geist in der Schönheit erstehen ließ, erschafft er dich jetzt in der Kraft.“

Bei diesen Worten des Unbekannten öffneten sich unwillkürlich die Lippen des Übermenschen,  die beiden durchdringenden Augen kamen seinem Gesicht ganz nahe, er fühlte, wie ein scharfer, eisiger Strom in ihn hinein flutete und sein ganzes Wesen erfüllte. Gleichzeitig fühlte er sich von, einer nie gekannten Kraft, von Mut, Leichtigkeit und Entzücken durchdrungen. In diesem Augenblicke verschwanden plötzlich der leuchtende Schemen und die beiden Augen. Etwas hob den Übermenschen über die Erde und ließ ihn sogleich, in seinem Garten; vor der Tür seines Hauses nieder.

Am andern Tage waren nicht nur die Besucher des großen Mannes, sondern sogar seine Diener über sein besonderes, gleichsam geisterfülltes Aussehen erstaunt. Noch stärker wären sie verwundert gewesen, wenn sie hätten sehen können, mit welch übernatürlicher Schnelligkeit und Leichtigkeit er, nachdem er sich in seinem Zimmer eingeschlossen hatte, sein berühmtes Werk niederschrieb, dem er den Titel gab: „Der offene Weg zu Frieden und Wohlfahrt in aller Welt“.

Die früheren Bücher und sozialen Handlungen des Übermenschen hatten teilweise strenge Kritik gefunden. Diese stammte zumeist von besonders religiösen Männern. Zwar besaßen jene keinerlei Autorität – wir befinden uns ja in der Zeit der Ankunft des Antichrist! -, sodass nur wenige auf sie hörten, doch wiesen sie in allem, was der ,künftige Mensch‘ geschrieben und gesagt hatte, Zeichen einer ganz besonderen, hoch überspannten Eigenliebe, Zweifelsucht und Mangel an wahrer Einfachheit, Ehrlichkeit und Herzensgüte nach.

Mit diesem neuen Werk zog er jedoch sogar einige seiner ehemaligen Kritiker und Gegner auf seine Seite. Aus diesem nach dem Geschehnis am Abgrund geschriebenen Buche sprach eine vorher nicht vorhanden gewesene geniale Kraft. Dieses Werk war allergreifend und glich alle Widersprüche aus. In ihm paarte sich vornehme Hochachtung vor den alten Überlieferungen und Symbolen mit kühnem und weitgreifendem Radikalismus sozialpolitischer Forderungen und Weisungen, grenzenlose Freiheit des Denkens mit tiefstem Verständnis für alles Mystische, unbedingter Individualismus mit brennender Hingabe an das allgemeine Wohl, höchstgesteigerter Idealismus der leitenden Prinzipien mit voller Bestimmtheit und Lebendigkeit der praktischen Entschlüsse. All das war mit so genialer Künstlerschaft zusammengeschlossen und verbunden, dass es jedem einseitigen Denker oder politischen Aktivisten leicht gemacht war, das Ganze nur unter seinem privaten, persönlichen Gesichtswinkel zu sehen. Nichts zwang ihn etwas der Wahrheit selbst zum Opfer zu bringen, sich für sie tatsächlich über sein Ich zu erheben, tatsächlich von seiner Einseitigkeit abzugehen, die Fehlerhaftigkeit seiner Ansichten und Bestrebungen zu verbessern, ihre Unzulänglichkeit zu ergänzen.
Das erstaunliche Buch wurde sogleich in die Sprachen aller gebildeten und einiger ungebildeter Nationen übersetzt. Tausende von Zeitungen in allen Teilen der Welt waren ein ganzes Jahr lang von Verlagsanzeigen ‚überschwemmt und voll von begeisterten Kritiken. Billige Ausgaben mit dem Bildnis des Verfassers wurden in Millionen von Exemplaren verbreitet. Die gesamte Kulturwelt – und das wollte zu jener Zeit soviel bedeuten wie der ganze Erdball – hallte vom Ruhme des Unvergleichlichen, Großen, Einzigen wider.

Niemand hatte etwas gegen das Buch einzuwenden. Es stellte sich jedem als Offenbarung der totalen Wahrheit dar. Der gesamten Vergangenheit widerfuhr so völlige Gerechtigkeit, alles Gegenwärtige wurde so leidenschaftslos und allseitig gewertet und die bessere Zukunft so anschaulich und greifbar mit der Gegenwart in Zusammenhang gebracht, dass jeder Leser ausrief: „Das ist es, was wir brauchen! Das ist das Ideal, das keine Utopie, das ist ein Plan, der keine Chimäre ist!“

Und der Wunder-Schriftsteller machte sich nicht nur alle geneigt, sondern war jedermann angenehm, sodass Christi Wort erfüllt ward: „Ich bin im Namen ‚des Vaters gekommen, und ihr habt mich nicht aufgenommen; es wird ein anderer kommen in seinem eigenen Namen – den werdet ihr annehmen.“
Um jedoch angenommen zu werden, muss man angenehm sein. Es stimmt, dass einige gottesfürchtige Leute, obwohl sie das Buch sehr lobten, dennoch die Frage stellten, warum Christus nicht ein einziges Mal in ihm erwähnt worden sei. Andere Christen erwiderten ihnen jedoch: „Gott sei Dank! In den vergangenen Jahrhunderten ist alles Heilige von unberufenen Eiferern genugsam abgenützt worden. Jetzt muss ein tief religiöser Schriftsteller sehr vorsichtig sein. Ist der Inhalt eines Buches von wahrhaft christlichem Geist, tätiger Liebe und allumfassender Güte durchtränkt – was will man dann mehr?“ Damit waren alle einverstanden.

Bald nach dem Erscheinen des „Offenen „Wegs“, der seinen Verfasser zum populärsten, aller jemals auf Erden erschienenen Menschen gemacht hatte, sollte in Berlin die internationale konstituierende Versammlung der Union europäischer Staaten stattfinden. Sie war nach der Reihe äußerer und innerer Kriege, die mit der Befreiung vom mongolischen Joch verbunden waren, zustande gekommen, nachdem sich die Karte Europas bedeutsam verändert hatte. Der Bund unterlag jedoch noch immer der Gefahr von Zusammenstößen, die jetzt allerdings nicht durch den Gegensatz von Nationen, sondern von politischen und sozialen Parteien zu befürchten waren.
Die Lenker der allgemeinen europäischen Politik, die der mächtigen Brüderschaft der Freimaurer angehörten, fühlten den Mangel einer gemeinsamen Exekutivgewalt. Die mit soviel Mühe erreichte europäische Einheit drohte jeden Augenblick wieder zu zerfallen. Im Unionsrat oder Weltamt (Comité permanent universal) herrschte keine Einmütigkeit, da es nicht gelungen war, sämtliche Plätze mit richtigen, in die Sache eingeweihten Freimaurern zu besetzen. Die unabhängigen Mitglieder des Weltamts trafen unter sich separate Vereinbarungen. Das Werk war durch einen neuen Krieg gefährdet.

Da beschlossen die „Eingeweihten“, die Exekutivgewalt einer Persönlichkeit mit ausgedehnten Vollmachten zu übertragen.  Der Hauptkandidat war das geheime Mitglied des Ordens –  der „künftige Mensch“. Er war die einzige Person, deren großer Ruf und Ruhm über die ganze Erde verbreitet war. Von Beruf  Wissenschaftler auf dem Gebiete der Ballistik, nach Vermögen Großkapitalist, hatte er überall freundschaftliche Verbindungen mit Kreisen der Finanz und des Militärwesens. Zu einer anderen, weniger aufgeklärten Zeit hätte der Umstand gegen ihn gesprochen, dass seine Herkunft vom tiefen Dunkel der Unbekanntheit verdeckt war. Seine Mutter, eine Person von lockerem Lebenswandel, war in beiden Hemisphären wohlbekannt, aber allzuviel verschiedene Männer Hatten den gleichen Anlass, sich für den Vater des Übermenschen zu halten. Dieser Umstand konnte selbstverständlich keine Bedeutung für ein Jahrhundert haben, das so  fortgeschritten war, dass es ihm  sogar beschieden war, das letzte zu sein.

Der kommende Mensch wurde fast einstimmig zum lebenslänglichen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa gewählt. Als er jedoch im vollen Glanz seiner übermenschlichen jungen Schönheit und Kraft auf der Tribüne erschien und mit begeisterter Beredsamkeit sein Universalprogramm darlegte, war die Versammlung so hingerissen und bezaubert von ihm, dass sie in einem Anfall von Enthusiasmus beschloss, ihm die höchste Ehrung zu erweisen, und sie wählten ohne Abstimmung zum römischen Imperator. Der Kongress wurde unter allgemeinem Jubel geschlossen.

Der große Erwählte erließ ein Manifest, das mit folgenden Worten begann: „Völker der Erde! Ich gebe euch meinen Frieden!“ und folgendermaßen schloss: „Völker der Erde! Die Verheißungen haben sich erfüllt! Der Weltfriede ist auf ewig gesichert. Jeder Versuch, ihn zu stören, wird augenblicklich einem unüberwindlichen Widerstand begegnen, denn von heute ab gibt es auf der Erde nur eine einzige zentrale Macht. Sie ist stärker als alle übrigen Mächte, im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit. Diese durch nichts zu überwindende, alles überwältigende Macht gehört mir, dem bevollmächtigten Erwählten Europas, dem Imperator aller seiner Kräfte. Das internationale Recht besitzt endlich die Sanktion, die ihm bis jetzt gemangelt hat. Von nun ab wird keine Macht sich erkühnen zu sagen: Krieg!, wenn ich sage: Friede! Völker der Erde – Friede sei mit euch!“

Dieses Manifest brachte die gewünschte Wirkung hervor. Überall außerhalb Europas, besonders in Amerika, bildeten sich starke Reichsparteien, die ihre Staaten veranlassten, sich den Vereinigten Staaten von Europa unter verschiedenen „Bedingungen anzuschließen und sich der obersten Macht des römischen Imperators zu unterstellen.

Unabhängig blieben nur einige Stämme und Herrscher irgendwo in Asien und Afrika. Mit einer kleinen, aber sorgfältig ausgewählten Armee aus russischen, deutschen, -polnischen, ungarischen und türkischen Regimentern vollführte der Imperator einen militärischen Spaziergang von Ostasien bis Marokko und unterwarf ohne Blutvergießen alle Unbotmäßigen.

In allen Ländern beider Erdhälften setzte er seine Statthalter ein, die sich aus europäisch gebildeten und ihm ergebenen eingeborenen Herrschern zusammensetzten. In sämtlichen heidnischen Ländern proklamierte ihn die hingerissene und bezauberte Bevölkerung zum obersten Gott.
Innerhalb eines Jahres stand die Universalmonarchie, wie man sie eigentlich und genau nennen musste, auf festem Grund. Die Keime des Krieges waren mit der Wurzel ausgerissen. Die allgemeine Friedensliga trat zum letzten Male zusammen. Nachdem sie dem großen Friedensschöpfer eine begeisterte Ovation dargebracht hatte, löste sie sich selbst auf; sie war überflüssig geworden.

Im neuen Jahre seiner Herrschaft erließ der römische und allweltliche Imperator ein zweites Manifest: „Völker der Erde!
Ich habe euch den Frieden versprochen, und ich habe ihn euch gegeben. Friede ist jedoch nur schön bei allgemeiner Wohlfahrt. Keiner, dem die Not der Armut droht, hat Freude am Frieden. So kommt denn nun alle zu mir, die ihr hungert und friert. Ich will euch sättigen und wärmen.“ Danach verkündete er die einfache und allumfassende soziale Reform, wie er sie bereits in seinem Werk dargestellt und womit er alle edlen und nüchtern denkenden Geister angesprochen hatte.

Die in seiner Hand konzentrierten Geldmittel der ganzen Welt und seine kolossalen Grundbesitzungen gestatteten dem Imperator nunmehr diese Reform in der Weise durchzuführen, dass die Wünsche der Armen befriedigt wurden, ohne die Reichen fühlbar zu treffen. Jeder erhielt nach seinen Fähigkeiten, und  jede Fähigkeit wurde nach Bemühung und Verdienst gewertet.

Der neue Herrscher der Erde war vor allem anderen ein barmherziger Menschenfreund, ja er war nicht nur ein Freund der Menschen, sondern auch der Tiere. Er selbst war Vegetarier. Daher verbot er die Vivisektien und stellte die Schlachthäuser unter strenge Aufsicht. Die Tierschutzvereine wurden von ihm in jeder Hinsicht gefördert. Wichtiger als diese Einzelheiten war die Tatsache, dass in der gesamten Menschheit eine fest begründete Gleichheit geschaffen wurde, nämlich die Gleichheit der allgemeinen Sattheit. Dies wurde im zweiten Jahre der Regierung des Imperators bewerkstelligt. Damit war die sozialökonomische Frage endgültig gelöst.

Solange die Menschen hungrig sind, haben sie kein anderes Interesse als satt zu werden. Sind sie jedoch gesättigt, gelüstet es sie nach anderem. Sogar die satten Tiere wollen im allgemeinen nicht nur schlafen, sondern auch spielen. Umsomehr die Menschen, die stets post panem nach circenses verlangen.
Der Übermensch-Imperator wusste, was die Menge braucht. Es traf sich gut, dass zu dieser Zeit aus dem Fernen Osten ein Mann zu ihm nach Rom kam, der als großer Zauberer galt.

Seltsame Mären und wilde Sagen umhüllten ihn wie eine dichte Wolke. Gerüchte, die unter den Neo-Buddhisten verbreitet waren, machten ihn gar zum Sohn des Sonnengottes Suria und einer Flußnymphe.

Teil 3