Drittes Buch

DIE EINWEIHUNG

Woldemar von Uxkull (1937)

DAS ZEHNTE BILD

10_Das Rad des Lebens
Das Rad des Lebens.

Am zehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Das Bild vor dem du heute stehst, heißt das Rad des Lebens. Es stellt den großen Umschwung aller Dinge dar. Wer heute lebt, ist morgen tot, wer heute stirbt, lebt morgen. Wer heute reich, ist morgen arm, wer heute arm, ist morgen reich. Alles lebt, rollt, hebt und senkt sich. Siehst du die flatternden Bänder am Rad? Sie weisen dich auf die rasende Geschwindigkeit, mit der das Rad des Lebens durch Zeitalter und Ewigkeiten rollt. Tausend Jahre sind wie ein Tag.

Die Sphinx, die ruhig und rätselhaft über dem Rad des Lebens auf Wolken thront, sagt uns, dass in Höheren Welten uns jetzt noch rätselhafte Wesen unsere Schicksale beobachten und leiten. Die geheimnisvollen Zeichen auf dem Rad selber deuten darauf hin, dass es in unserem Leben vieles gibt, was wir jetzt noch nicht verstehen können. Die Erklärung aber harrt unser, wenn wir Kraft und Reife erlangt haben. Dann werden wir mit vollem Bewusstsein und völligem Erinnern jene Welten besuchen können, in denen wir jetzt während der Zeit von einem Tod bis zu einer neuen Geburt ruhend und wirkend, erntend und genießend oder trauernd und leidend weilen, aber da wir jetzt noch in unserem unentwickelten Zustand sind, können wir uns des Erlebten und Erschauten nicht erinnern.

Sieh dir die Sphinx an. Sie offenbart uns das Wesen derjenigen, die das Rad des Lebens leiten. Sie zeigt uns auch die Eigenschaften, die wir in uns zu pflegen haben. Sie besteht wie wir aus vier Teilen. Vier Teile, die uns Wissen, Wollen, Wagen, Schweigen zurufen. Wissen, Wollen und Können, Wagen und Schweigen ist Göttliches im Wesen des Menschen.

Wissen und Wollen, zugreifen und schweigend, höher streben ist ein Zug, der auch den Göttern gemeinsam ist, der infolge von Übung ihnen Natur geworden ist. Der menschliche Kopf der Sphinx sagt uns: Wissen. Die Leiter der Geschicke der Völker und Individuen wissen, was ihr Ziel ist. Auch wir wollen wissen.

Aus zwei Quellen schöpfen wir Menschen unser Wissen. Erstens aus Büchern und aus dem mündlichen Unterricht derer, die weiter sind als wir, und zweitens gibt es Stimmen, die aus der anderen Welt zu uns tönen, entweder Gedanken, Einfälle, die uns beim Meditieren kommen oder direkte Mitteilungen unserer Führer.

Der Stierleib der Sphinx sagt uns: Arbeit, Schaffen, Können, Kraft. Kraft aber ist da, wo Wille ist. Unser Wille ist die Quelle unserer Kraft. Darum müssen wir nicht nur unsern Willen stärken, sondern auch uns hüten, unter den Willenseinfluss eines anderen Menschen zu geraten; wir würden ihm die Quelle unserer Kraft ausliefern, den stärksten Bestandteil unserer Persönlichkeit.

Der Stierleib der Sphinx sagt uns also: Wille und Kraft. Die Führer der Menschheit haben nicht nur Einsicht und Weisheit, sondern auch Wille und Kraft, die Menschheit den Höchsten Höhen zuzuführen. Sie vollenden, was sie wollen. Sie ruhen in ihrem Wirken nicht. Und auch wir sind von ihnen berufen, das Höchste, Schönste, Lieblichste in uns zu wollen und zu verwirklichen.

Die Tatzen des Löwen sagen: zugreifen, wagen, halten. Die Führer können eingreifen, wenn es nottut. Wir aber müssen, nachdem wir die Notwendigkeit eines Schrittes erkannt und ihn gewollt haben, wagen, ihn zu tun.

Die Adlerflügel sind ein Symbol für das Emporschweben der Geister. Götter und Menschen auf dem Wege zur Vergottung schweben in seligen Reigen zu immer reineren vergeistigteren Höhen empor, das Gute wollend und über gemachte Erfahrungen und geschaute Schönheit schweigend.

Dann siehst Du noch zwei Gestalten am Rad. Links der gute Gott, Hermanibus – der Hundekopf deutet auf Treue – und rechts Typhon, der böse Gott, die geflügelte Schlange.

Hermanibus fährt am Rade hinauf und Typhon hinunter. In der Stellung dieser beiden Götter, die das Gute und das Böse bedeuten, liegt des Lebens höchste Weisheitsregel. Das Gute führt immer empor, zur Vollkommenheit; das Böse immer hinab zur inneren und auch äußeren Verkommenheit, zuletzt zur Vernichtung. Es ist nicht gleich sichtbar. Die Zeit, da alles sichtbar wird, tritt oft erst später, nach dem Ableben des Menschen ein.

Aber die Offenbarung dessen, was wir sind, ist unabwendbar. Darum, o Pilgrim, auf dem Wege zum herrlichen Lichte, liebe, suche und übe das Gute und hasse, meide und unterlasse das Böse. Du wirkst mit dem Guten goldene Fäden ins Gewand, das du dereinst tragen wirst. Lass dich nicht betrügen von der Befriedigung, die das Böse für den Augenblick gewährt. Schande und Ehre werden offenbar.

Und nun gehe hin und komme heute Abend nach Sonnenuntergang ins Heiligtum: Die Stunde Deiner Einweihung naht.“

Der junge Priester verbrachte den Tag betend und fastend. Er bat um Weisheit, immer das Richtige zu wählen, um Kraft, stets das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Er lag lange anbetend auf seinen Knien vor dem höchsten Gotte, von dessen Dasein und Wesen er einiges wusste und anderes ehrfurchtsvoll ahnte. Er saß in Meditation versunken in der heiligen Stellung, aufrecht, die Hände auf den Knien.

Dann senkte sich die Sonne und färbte eine Zeit lang den Sand der Wüste mit Purpur und Gold. Als es Abend geworden war, verließ der junge Priester den Garten. Die Palmen ragten ins unendliche Dunkel. Das Wasser der Teiche glänzte kaum. Überall Schatten und Geheimnisse.

Im Heiligtum empfing ihn der Oberpriester. Dem Jüngling schien, als stünde neben ihm eine lichte Wolkensäule. Könnte es eine Täuschung sein? Schweigend geleitete der Oberpriester den Jüngling durch hohe Hallen. Riesige Säulen, deren Kapitale das heilige Symbol der Lotosblume darstellten, trugen Gebälk, das in der Höhe, im Dunkeln verschwand. In einem kleinen gewölbten Heiligtum hinter einem Altar stand ein Ruhebett.

„Leg’ Dich hin.“ Schweigend streckte sich der junge Priester aufs Lager.

Der Oberpriester hob die Rechte: „Schlaf!“

Dem Jüngling schwanden die Sinne. Er verlor nicht ganz das Bewusstsein, aber ihm schwindelte. Es war ein neuer Zustand, er wachte nicht, aber er schlief auch nicht. Er sah Wolken und feine, wie schleierhafte Gestalten um sich. Er sah auch den Oberpriester und neben ihm ruhig, würdevoll und strahlend seinen Führer. Das Gefühl des Schwindels wurde stärker.
Er sah die Worte des Führers. „Das Rad des Lebens dreht sich.“ Er sah diese Worte mehr als er sie hörte.

Die Drehungen wurden immer rascher. Und plötzlich hatte er das Gefühl, als spalte sich etwas in ihm. Ein Teil blieb auf dem Lagerbette liegen, das was atmete, und ein Teil schwebte über dem Körper, der auf dem Lager ruhte, es war das, was dachte, aber es sah, hörte und fühlte, überall, es war sehr eigentümlich, es war, als wäre er ganz Gesicht, Gehör, Gefühl. Er war auch erstaunt, feststellen zu müssen, dass er das, was auf dem Lager war, nicht war, sondern nur etwas, das drin gesteckt hatte. Auch wunderte er sich, nun das Innere des anderen zu sehen, es schien ihm, als sähe er hindurch, durch den Oberpriester und seinen Führer.
Dieser nahte sich ihm, schwebte zu ihm empor.
Der Oberpriester legte seinen Mantel über den leblos daliegenden Körper des jungen Priesters; darauf schien es diesem, als fasse ihn sein Führer und als schwebe er mit ihm empor. Zu seinem Erstaunen bildete das Gewölbe des Heiligtums kein Hindernis. Er drang durch die Steine, wie ein Vogel durch die Wolken. Es war ihm neu.

Da sah er seinen Führer reden: „Dein Leib bleibt im Heiligtum unter dem Mantel des Oberpriesters, damit kein unsauberer Geist von ihm Besitz nehmen kann; denn viele sind der Geister, die umherirren und einen Körper suchen. Sie hängen am Leben und streben nicht hinauf in die Gefilde des Friedens und Lichtes. Oft fahren die Gequälten auch in die Leiber der Tiere oder in die von Menschen, die Festungen mit zertrümmerten Mauern sind, die durch Ausschweifungen oder Krankheit ihre Widerstandskraft und Selbstbeherrschung verloren haben.“

Sie schwebten höher. Die Stadt lag tief unter ihnen. Der heilige Strom glänzte wie ein breites silbernes Band. Der junge Priester dachte an sein stilles Zimmer im Garten des Tempels und wollte es sehen, da zog es ihn stark nach unten, und er wäre in der Richtung seines Hauses fortgeeilt, wenn sein Führer ihn nicht zurückgehalten hätte.
„Du musst hier noch mehr als in der sichtbaren Welt deine Gedanken und deinen Willen beherrschen. Denn Gedanken sind Gebilde, die wir gebären, und unser Wille ist die Triebkraft, die uns vorwärtsbewegt. Sieh’ dich um.“

Der junge Priester tat es und gewahrte ein endloses Heer nebelhafter Gebilde, verschieden in Form und Farbe, das ihm folgte, und er kam sich vor wie ein Komet, der einen Schweif mit sich schleift.

„Du siehst, wie weise deine Lehrer waren, als sie dich unterwiesen, auf deine Gedanken und Gefühle acht zu haben. Du siehst, wie deine Gedanken, deinem Hirn entsprossen, ihrem Urheber und Vater folgen.“

„Wer aber sind jene Einzelnen, die über und neben uns in der Ferne schweben?“

„Das sind Geister“, sagte der Führer.

„Wie kann ich hier wissen, ob ich einen Geist oder einen Gedanken vor mir habe?“

„Rede die Erscheinung an. Ist sie ein Geist, so wird sie dir antworten, denn es ist eine Persönlichkeit. Ist es aber eine Gedankenform, so wirst du keine Antwort erhalten, denn sie hat keinen Geist, sondern nur eine Art Pflanzenleben und den Drang ihrem Erzeuger zu folgen. Und nun, möchtest du nicht das Haus deiner Eltern sehen?!

„Ja!“

„So wolle es.“

Der junge Priester richtete seinen Willen auf das Haus seiner Eltern und mit der Geschwindigkeit des Blitzes war er davor. Er wollte hinein und drang ohne irgendwelche Schwierigkeit durch das Gemäuer in das Schlafgemach. Er sah seine Eltern schlafen, aber ihre Körper schienen ihm leer.

„Sie sind nicht hier“, belehrte ihn der Führer, „sie sind anderswo, im Reiche der Träume. Nur die Hülle ruht und lebt auf dem Lager. Komm, wollen wir höher hinauf!“

Von ihrem Willen getragen, schwebten der junge Priester und sein Führer wieder empor.

„Du siehst, der Wille ist es, der uns hier bewegt und trägt. Deine Lehrer taten wohl, dir Übungen aufzugeben, die deinen Willen stärken, denn willenlose Geister irren im Dunstkreis der Erde umher, ohne die Kraft zu haben, sich in höhere Schichten zu erheben. Wir aber können hinauf. Komm!“

Sie flogen. Zu ihrer Rechten wuchs der Mond mit rasender Schnelligkeit. Der junge Priester unterschied mit Interesse die eigenartigen, riesigen Gebirgskrater auf der großen, von der Sonne hell beschienenen Scheibe.

„Ein toter Körper“, sagte der Führer, „er ward ausgestoßen aus der Erde, dort, wo jetzt das Mittelländische Meer glänzt und rauscht. Halte dich nicht auf, wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Ein Stern, der wie ein riesiger Smaragd leuchtete, wuchs rasch vor ihnen, mattdurchleuchtete Dünste umhüllten, grünliche Nebelstreifen umgaben ihn. Sie flogen so nah an ihm vorbei, dass der junge Priester Meere und Kontinente, Seen und Berge auf ihm unterscheiden konnte.

„Wie kommt es, dass ich nur die Sterne sehe, aber nicht deren Bewohner?“, fragte der junge Priester.

„Du kannst noch nicht den Dunstkreis eines anderen Planeten betreten, das wird später einmal sein. Auch ist eine gewisse Binde noch nicht von deinen Augen genommen. Sie wird aber bald fallen.“

Sie flogen weiter. Sie ließen den wie einen Smaragd leuchtenden Stern bald hinter sich. Eine riesige blauglühende Kugel lag nun auf ihrem Wege, die vier kleinere, rosa, gelb, grün und rot leuchtende Monde umkreisten. Die Farbenschönheit war überwältigend, und der junge Priester wollte sich dieser herrlichen Welt nähern, aber sein Führer ließ es nicht zu.

„Höher hinauf“, sagte er ihm, „schau!“

Da schien es dem jungen Priester, als fiele eine Binde von seinen Augen und er sah unzählige Geister, die über, neben und hinter ihnen ebenfalls emporschwebten. Sie leuchteten und schillerten in den verschiedensten Farben, die meisten aber strahlten in weißem Licht, das zuweilen opalisierte. Sie flogen alle zusammen der Sonne zu, die rasch größer und immer gewaltiger wurde. Ein Meer von Licht schien sie zu umgeben und Freude und Jubel zitterte rings um sie her.

„Was ist das für eine Versammlung, wohin eilen diese herrlichen Geister?“, fragte der junge Priester.

„Es sind gereinigte, geläuterte, gereifte Geister, die sich hier versammeln zu seliger Freude und heiligem Lob.“

In der Mitte einer endlosen Fläche strahlte ein für den jungen Priester schier unerträgliches Licht. Ihm schien es, als strebten alle Geister dorthin zusammen.

„Wer ist es, um den sich die Herrlichen alle versammeln?“ fragte er.

„Es ist ein Hoher, der die Geschicke der Sonne und ihrer Planeten lenkt und deren Entwicklung überwacht.“

„Es wäre also nicht der Thron des Höchsten, Unaussprechlichen?“

„Nein, von dem sind wir weit entfernt.“

„Werden wir…“

„Frage nicht – schau – hör.“

In endlosen Zügen strebten die leuchtenden seligen Geister dem Lichte zu; der Glanz, den sie ausstrahlten, vereinigte sich mit den rhythmisch bewegten Harmonien ihres Lobgesanges zu unsagbarer Herrlichkeit. Auch der junge Priester konnte nicht still bleiben; die selige Freude aller riss auch ihn hin und auch er lobte den höchsten Gott, dessen Diener so herrlich sind.

Da sprach sein Führer: „Hier lobt der Neophyt Gott, hier spricht niemand Beleidigungen aus, hier bereitet niemand Leiden.“

Der junge Priester wollte näher zum Lichte heran, aber sein Führer ließ es nicht zu. „Du könntest es nicht ertragen“, sagte er und fasste ihn.

Sie fuhren mit der Schnelligkeit eines Blitzes durch endlosen Raum der Erde wieder zu. Der junge Priester fühlte, dass es sich wie eine Binde um seine Augen legte. „Warum?“ fragte er.

„Du sollst heute vieles Schreckliche und Traurige nicht sehen. Du wirst es früh genug kennen lernen.“

Der junge Priester kam zu sich, ihm war, als sei er mit einem Ruck in seinen Körper gefahren, der ruhig unter dem Mantel des Oberpriesters liegen geblieben war. Er erwachte. Er hatte nicht geträumt. Er hatte etwas Großes, Wunderbares erlebt, das nie aus seinem Gedächtnis schwinden sollte.

 

DAS ELFTE BILD

11_Mut. Magische Kräte
Mut. Magische Kräfte.

Am elften Tage sprach der Oberpriester also: „Du stehst heute vor dem letzten Bild der linken Reihe. Es heißt Mut, magische Kräfte. Wenn du bis hierher in deiner Entwicklung gekommen bist, so sind gewisse dir früher unbekannte Kräfte, die wir magische nennen, in dir entwickelt worden. Diese Kräfte wirst du künftig kennen, beherrschen und gebrauchen. Du wirst, wie du es auf diesem Bilde siehst, auf einem anderen Planeten Begegnungen mit schrecklichen Wesenheiten haben. Du wirst sie aber bändigen, die Wirkung der Güte, der Hoheit, des Lichtes, die du ausstrahlen wirst, wird stärker sein, als der Einfluss ihrer niedrigen finsteren, gehässigen Regungen. Und sie werden, überwunden von der dir selber vielleicht unbewussten Macht deiner Persönlichkeit, sich zu deinen Füßen hinlegen und dir die Hand lecken. Deine Feinde werden dir nichts anhaben können bis einst, vielleicht ist sie auch dir beschieden, die Stunde kommt, in der du dich als Opfer wirst hingeben müssen, aus Liebe zu ihnen, den Feinden, um ihnen zu helfen. Dann ist es möglich, dass du nach dem Ratschluss höherer Mächte ihnen ausgeliefert wirst, und dann werden die Bösen unwissend den Plan der Himmel ausführen.

Nachdem du aus Büchern Wissen gesammelt (Bild II) und die Reife erlangt hast, mündlichen Unterricht empfangen zu können (Bild V), hast du die Wahrheit (Bild VIII) erkannt und magische Kräfte in dir entwickelt (Bild XI). Du weißt, dass die sichtbare Welt bloß ein vergänglicher Schein und dass nur das Unsichtbare ewig ist. Durch diese Erkenntnis hast du Mut und durch gewisse Übungen magische Kräfte (Bild XI) gewonnen. Weder die Flamme des ewigen Feuers noch Hass und Bosheit werden dir schaden können.

Der Rosenkranz, mit dem du das junge Mädchen, die menschliche Seele, umgürtet siehst, ist dein Schutz, deine Rüstung, die Quelle deiner Macht. Dieser Rosenkranz ist der Bund der Reinen, der alle die umfasst, deren Absichten rein, aufrichtig, selbstlos sind, und die in Verbindung mit dem großen Zentrum stehen. Es sind nur einzelne Rosen, aber ihre Kraft besteht in ihrer Verbindung, in ihrer Einigkeit. Die lichten Ausstrahlungen des einzelnen Emporstrebenden haben vervielfältigte Wirkung, wenn sie mit den anderen Gleichgesinnten zusammentönen und machen den, der sie aussendet nicht nur unverwundbar, sie umgeben ihn auch gleichsam mit einer undurchdringlichen Muschel, durch die kein Pfeil hasserfüllter Mächte ihn erreichen kann. Ja, Bosheit und Hass werden sich unter dem Einfluss seines Wesens in demütige Unterwerfung umwandeln.

Du siehst, der Löwe leckt die Hand der Jungfrau. So wird der Gütige, Reine durch die Menge seiner Feinde schreiten und keine Hand wird sich gegen ihn erheben können. Ein ihnen unverständlicher Bann wird sie gefangen halten. Das ist die Kraft der höheren Ausstrahlungen.

Du siehst aber auf dem Bilde XI noch etwas, mein Sohn. Die mit dem Rosenkranz umgürtete Jungfrau, der der Löwe die Hand leckt, trägt auf ihrem Kopfe denselben Hut, dessen Ränder das liegende S bilden, das Zeichen göttlichen Gleichgewichts, wie beim Magier auf dem Bilde I. Das Göttliche ist im Pilger zum Durchbruch gekommen. Mit derselben hehren Ruhe, mit der die Gottheit die Welten ins Leben ruft, der Oberpriester wies hier auf Bild I, beherrscht (Bild IV) und zur Vollendung führt (Bild VII), handelt und beherrscht seine Umgebung derjenige, der schon einen gewissen Grad von Gott-Ähnlichkeit erlangt hat. Solch ein geförderter Mensch entwaffnet und unterwirft sich seine Feinde durch die Ruhe und Güte, die er ausstrahlt. Er hat aus Büchern gelernt (Bild II), hat zu den Füßen eines Meisters gesessen (Bild V), hat die Wahrheit erkannt und ist gewogen worden (Bild VIII). Er hat Mut und gewisse Kräfte in sich entwickelt (Bild XI). Er ist reif, eingeweiht, in die unsichtbaren Welten eingeführt zu werden und von Stufe zu Stufe, von Licht zu Licht zu schreiten. Der Friede sei mit Dir.“

Am Abend ging der junge Priester ins Heiligtum. Wiederum lag er unter dem Mantel des Hohepriesters und wie am vorhergehenden Abend erschien es ihm, als ob er sich auf einem Rad befände, das sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dreht und plötzlich, wie mit einem Ruck, fühlte er sich aus seinem Körper herausgeschleudert, und wiederum sah er seine Hülle regungslos, aber nicht leblos unter dem Mantel des Oberpriesters ruhen.

Sein Führer war wie stets neben ihm. Er hörte ihn reden: „Heute geht es in die Tiefe, in die Abgründe des ewigen Feuers, wo sich die Sternenkränze zu einem Kranze zusammenschließen. Du wirst Einblicke gewinnen in das Walten der Lebenskräfte.“

Der Führer berührte in einer gewissen Weise an einer Stelle das Haupt des jungen Priesters und sofort sah dieser die Umwelt in einem ganz anderen Licht. Die materiellen Dinge, Land, Häuser, Berge erschienen ihm schleierhaft, wie aus Nebel gewoben, vor allem aber sah er ein starkes bläuliches Licht, das sie umgab, umfloss.

„Das ist die Lebenskraft“, sagte der Führer.
Es schien dem jungen Priester, als schwimme er in einem Meer von Licht, strahlendem, zitterndem, lebendem Licht. Alles war Licht. Licht umspülte die Erde. Licht quoll aus den Bäumen und Blumen und aus den Pflanzen der Felder. Licht glühte leise aus den Kristallen und Edelsteinen im Schoß der Erde und Licht umgab und erfüllte auch mehr oder weniger stark alles Lebende.

Der Jüngling starrte ins Wunder dieser neuen, bisher nicht geahnten Welt. Er bemerkte bald einen gewissen Rhythmus im Lichtmeer, einen Wellenschlag, der von einem sehr fernen Zentrum auszugehen schien. Das sind die Lebenswellen, dachte er. Und wo die Lebenswelle hinkam, leuchteten die Kristalle stärker, dufteten die Blumen süßer, reiften die Früchte und liebten die Menschen. Im Geiste die alles erschaffende, alles erhaltende Gottheit anbetend blickte der junge Priester ins Lichtmeer. „Das ist das Leben“, sagte er sich.

„Ja, das ist die Lebenskraft“, antwortete der Führer, „die alles erfüllt und alles treibt. Ihre Fülle trägt uns ins Leben und ihr Versiegen führt uns aus ihm hinaus. Überall herrscht der heilige Rhythmus. Kraftvolle Menschen strotzen von Leben und können von ihrem Überfluss abgeben, um Schwache zu stärken, Wunden zu heilen, Nerven zu beruhigen, Pflanzen zu rascherem Wachstum anzutreiben. Schwache Persönlichkeiten hingegen können, wie du weißt, durch rhythmisches tiefes Atmen und durch die Kraft ihres Willens aus dem unendlichen Reichtum an Lebenskraft, der uns umgibt, soviel sie wollen, schöpfen, sich stärken und bis zum Überfließen füllen. Das ist das Geheimnis vieler Heilungen in den Tempeln. Wissende kraftvolle Menschengeister gleichen strahlenden Sternen, die im selben Ton klingen und im selben Rhythmus ihre Lichtwellen aussenden. Sie haben steten, unsichtbaren Zusammenhang untereinander, weil sie gleiche sind und Gleiches wollen. In der Kraft dieser heiligen Rosenkette wollen wir uns in die Abgründe des ewigen Feuers hinabsenken! Komm!“

Dem jungen Priester schien es, als ob er klein würde und mit seinem Führer ins Unendliche fiele, doch hatte er den Eindruck, von rosenduftendem Nebel umgeben zu sein. „Die Rosenkränze“, dachte er, „die Sternenkränze.“

Sie schossen durch die Welten der Geister und Seelen. Gedankenformen und Geisterleichen flogen an ihnen vorüber, sie konnten aber in der rasenden Eile kaum etwas unterscheiden. Der junge Priester blickte auf seinen Führer.

Dieser sprach: „Du wirst ein andermal dies alles kennen lernen. Heute geht es in die Abgründe des ewigen Feuers, in die Regionen der brennenden Begierden…“

Tiefer, tiefer. Und plötzlich schimmerte es in rotgreller Glut um sie her, doch verließ sie der kühle Rosenduft, der Nebelschleier nicht.

„Dies ist der Ort der Qual und der Flüche. Der Ort des noch ungebrochenen Trotzes und der ungestillten Begierden. Du kannst hier unbeschadet weilen, weil in deiner Seele keine ähnlichen Saiten mittönen können. Du hattest darum in den Jahren der Vorbereitung deinen geistlichen Leib zu reinigen, ehe du zur Einweihung zugelassen werden konntest. Hierher, in diese schrecklichen Orte, dürfen nur Reine ohne Gefahr für sich herabsteigen, denn in wem sich jene Begierden noch regen, der würde unfehlbar hier festgehalten werden. Jeder Menschengeist muss nach dem Ableben seiner irdischen Hülle durch diese Regionen. Die Reinen, Geläuterten steigen wie in einem Traumzustande durch sie empor, ohne etwas von all dem Hässlichen und Schrecklichen zu merken, dass wir heute hier sehen müssen; aber diejenigen, in denen noch jene Leidenschaften, Sünden und Lüste leben, werden unerbittlich hier festgehalten, wie Eisenspäne durch einen Magnet. Die vielleicht noch nicht ganz abgestorbene Neigung oder Begierde lebt unter dem Einfluss der Umgebung wieder auf. Die noch glimmende Kohle wird von gewissen Geistern, die daran ihre abscheuliche Lust haben, zu heller Glut entfacht.
Hier müssen die Geister weilen, weilen und leiden, bis sie sich überzeugt haben, dass Begehren hier zu nichts führt, bis sie einen Ekel vor jenen Neigungen haben und bis jene Begierden in ihnen abgestorben sind. Doch nun sieh dir die Leidenden, die sich Läuternden an. Du siehst hier vor dir eine Menge solcher, die den von der Gottheit zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts eingepflanzten Trieb missbraucht haben. Die Menschen sollen Kinder zeugen, um die große Evolution der Geister zu ermöglichen, die mit Hilfe der Zeugung von Wiederverkörperung zu Wiederverkörperung, von Stufe zu Stufe steigen. Zeugen ist heilig. Jene aber haben nicht den nach Wiederverkörperung dürstenden Geistern gedient, sondern den edlen Trieb missbraucht und ihn in den Lüsten ihrer verdorbenen Phantasie entweiht und darum hat sich Zorn gegen sie in den Himmeln angesammelt. Siehe die Nebel, die sie umgeben; in ihnen sind Formen, Gestalten, Glieder, ihre Gedanken auf Erden, von ihnen ausgegangen, die ihnen nun als ihren Erzeugern folgen. Und durch diese Nebel, durch die Menge dieser den Menschengeistern nachfolgenden Gedankenformen schießen Geister, die nie Menschen waren.
Voller Bosheit und Lüsternheit beeinflussen sie die Menschengeister, sich unkeuschen Vorstellungen und Regungen hinzugeben, die zwar ihnen, den bösen Geistern, einen gewissen Reiz bereiten, die aber den Leidenden nie Befriedigung verschaffen. Auf die Gier folgt der Verdruss, die Enttäuschung; sie können mit ihren geistigen Leibern nur begehren, es fehlt ihnen aber zur Befriedigung der Lust der grobstoffliche Leib. Von Zeit zu Zeit trifft sie ein Trost aus höheren Sphären, wenn jemand, der ihnen einst nahe stand, liebend, segnend, betend ihrer gedenkt. Dann schweigt für eine Zeitlang das Unedle, Tierische in ihnen und macht edleren Regungen Platz. Doch bald erwacht wieder die Gier nach den Lüsten des Fleisches in ihnen und steigert sich ins Unendliche, ohne Befriedigung zu finden. Und diese furchtbare Qual des Nichtbefriedigtwerdens ist es, die die lodernde Leidenschaft endlich ertötet.
So leiden sie und lernen das Vergebliche des Begehrens erkennen, bis sie reif sind, bis die Stunde ihrer Erlösung nahen kann, bis das Unkeusche in ihnen abgestorben ist und sie zu den höheren Regionen emporschweben können.
An einem anderen Orte waren solche beisammen, die in verschiedenen ungewöhnlichen Reizmitteln Befriedigung gesucht hatten. Auch sie litten in einem geistigen Feuer, welches brannte ohne zu verlöschen, denn es wurde durch die Begierden der Leidenden genährt. Da waren die Freunde des Weines, die im Leben den Reiz des Rausches geliebt hatten oder andere Unglückliche, die durch den sinnverwirrenden Genuss gewisser Pflanzensäfte ihre Gesundheit zerrüttet und ihre Arbeitskraft vernichtet hatten.“

Von einer anderen Seite her schallte wütendes Geschrei. Gierige Spieler zankten sich um Gewinn und Verlust, den sie nie einstecken oder auszahlen konnten.

„Auch sie werden zur Einsicht kommen“, meinte der Führer, „und wenn die Begierde in ihnen erstorben sein wird, werden sie emporschweben.“

An einer anderen Stelle waren die Feinde der Wahrheit beisammen, denn die sich gleichen, ziehen sich überall an, besonders hier. Sie hatten nie dem Reize zu lügen, andere hinters Licht zu führen, widerstehen können und saßen nun, redeten und logen sich an und keiner glaubte dem anderen. Und aus all den vielen Worten, Erzählungen und Beteuerungen ward weder Hilfe noch Vorteil, weder Ehre noch Belehrung erzielt, denn einer sah des anderen Gedanken. Es war alles erlogen.

„Auch sie werden müde werden, leeres Stroh zu dreschen“, sagte der Führer mitleidsvoll.

An einer anderen Stelle litten die, die in das Recht der Gottheit, die Länge des Lebens der Sterblichen zu bemessen, eingegriffen und getötet hatten. Verschieden war ihr Leiden, denn verschieden waren die Ursachen, weswegen sie Blut vergossen hatten, Hass und Rachsucht, Eifersucht, Habsucht oder verdrehte Ehrbegriffe hatten sie zum Frevel getrieben. Nun litten sie. In ihrer Brust regten sich von Zeit zu Zeit dieselben Gefühle des Hasses und Zornes, und ihre Qual war dann, sie nicht betätigen zu können. Sie stürzten aufeinander zu, konnten aber einander nicht schaden. Oft begegneten sie auch ihren Opfern und hatten dann meistens unter bitterer verzweiflungsvoller Reue zu leiden.

„Auch sie bleiben hier“, meinte der Führer, „bis die Zeit ihrer Torheit erfüllt und das Gemeine und Hässliche von ihrer Seele abgefallen ist, bis sie endlich zu den Reichen des Friedens und Lichtes emporsteigen können. Denn alle Geister wollen frei werden von den Schlacken, die sie mitgebracht haben und empfinden oft das Hiersein als heilsame und notwendige Kur, wie rettende und heilende, wenn auch schmerzhafte Behandlung eines Arztes.“

Der Führer wies auf eine andere Gruppe von Geistern, die sich von den Lastern des Ehrgeizes und der Habsucht zu reinigen hatten. Einige waren Diebe und Räuber, andere unehrliche Kaufleute. Sie werden hier wie im irdischen Leben von der Sucht gequält, zu stehlen, zu rauben, zu übervorteilen. Da sie aber hier dies alles nicht mehr tun können, weil es nichts zu stehlen, zu rauben und auf unehrliche Weise zu erwerben gibt, so erstirbt auch in ihnen allmählich die Gier nach ungerechtem Besitz. Die Folgen ihrer schlechten Handlungen sind ihnen immer gegenwärtig und sie leiden, nichts ungeschehen machen zu können.

„Allen, allen“, sagte der Führer, „naht die Stunde der Befreiung. Die Einsicht kommt. Ein Haufen Gold und der vergängliche Ruhm unter den Sterblichen helfen hier nicht.“

Schleier der Bewusstlosigkeit legten sich auf den Geist des jungen Priesters. Ihm schwindelte und er erwachte im Heiligtum in seinem Körper.

 

DAS ZWÖLFTE BILD

12_Der Gehängte. Prüfung
Der Gehängte. Prüfung.

Am zwölften Tage sprach der Oberpriester also: „Du stehst heute vor dem zwölften Bild, mein Sohn. Es heißt die Prüfung oder der Gehängte. Wie alle Bilder, so entsteht auch dieses begrifflich aus dem Vorhergehenden. Wem die Götter zur Entwicklung magischer Kräfte verholfen haben, dem geben sie auch bald Gelegenheit, sie zu benützen, sich zu üben und zu bewähren. Sie prüfen die Sterblichen. So musste neben dem Bild, das magische Kräfte darstellt, das der Prüfungen stehen. Wie in der ganzen Bilderreihe, so siehst du auch hier einen starken inneren Gegensatz zwischen den einander gegenüberstehenden Bildern. Auf Bild XI die sanftmütige Maid, die rosengeschmückt und streichelnd dem Löwen den Rachen schließt, und ihr gegenüber der Mann, der wehrlos an einem Fuß gefesselt hängt. Die dürren laub- und fruchtlosen Astenden, die den Querbalken tragen, an dem er hängt, deuten auf das Mangeln von schützendem Laub und erfrischenden Früchten. Hilflos, von allen verlassen, schwebt er zwischen Himmel und Erde. Er siegt, wenn er den leidenden Leib ausschaltet und im Geist die großen Ziele im Auge behält. Hier lernt man auch, dass magische Kräfte nicht gegeben werden, um sich selber zu helfen, sondern um anderen zu dienen, andere zum Guten zu beeinflussen.

Weiter. Der Gedanke, den Bild XII ausdrückt, muss auch in einem gewissen Zusammenhang mit dem dritten vorhergehenden Bild, dem Pilger (Bild IX) stehen. Und so ist es auch; was im Bild IX angedeutet ist, vollzieht sich in Bild XII, dem vierten Bild des Horusweges, des Weges des Geistes, der mit Adlerschwingen emporfährt und führt. Der einsame Pilger, der durch die wasserlose Wüste wandert (Bild IX), ist in eine noch viel schlimmere Lage geraten. Einsam war er schon auf dem Weg durch die Wüste; am Balken hängend ist seine Einsamkeit noch schrecklicher. Nachdem du eine gewisse Reife erlangt hast, wurdest du zu den Prüfungen im Tempel zugelassen und ebenso werden dir, wenn du in deiner Entwicklung vorwärts kommst, in der langen Reihe deines Lebens Prüfungen nicht erspart bleiben. Ertrage sie mit der Langmut des Wissenden und es wird dir aus ihnen Vorteil erwachsen. Gehe hin in Frieden!“

Als der junge Priester diesen Abend seinen Leib verlassen hatte, sagte der Führer: „Auch heute haben wir Orte des Leidens und der Läuterung zu besuchen.“

Sie fuhren in die Tiefe. Wiederum hüllte sie der kühle, rosenduftende Nebel ein und wiederum kamen sie an einen Ort des Feuers und Schmerzes.

„Dies ist die Region des Zornes und Hasses; Schlangen, Hunde und Feuer harren deiner hier. Sei bereit, deine Persönlichkeit zu opfern.“

Auch hier sahen sie große Scharen von Geistern, die sich mit ihren Vorstellungen und Gefühlen quälten. In vielen war schon Müdigkeit zu bemerken; sie waren ihrer Befreiung nahe. Flammen züngelten in roter Glut. Schwärzliche Nebel wallten. In der Atmosphäre war ein Druck wie auf Erden vor einem Gewitter.

„Dies ist die Region des Zornes und Hasses“, sagte der Führer. „Sieh, wie sie sich gegenseitig zu Zorn und Hass reizen und anstecken. Sieh, wie sie glühend und lodernd aufeinander losschießen und enttäuscht auseinander prallen, da sie einander nichts anhaben können. Sie haben in ihrem Leben nicht wie du gelernt, durch Konzentration und Meditation ihre Gefühle und Gedanken zu beherrschen und gehen nun hier durch eine viel schmerzlichere und länger dauernde Schule der Reinigung.“

Sie wandten sich einer anderen Schar zu, Geistern, die teils zankend und disputierend, teils mürrisch oder verzweifelt brütend in Staubwolken und Nebel gehüllt dasaßen. Es waren diejenigen, die an unsichtbare Welten nicht geglaubt, die Gottheit durch Opfer und Gebet nicht geehrt hatten und der Ansicht gewesen waren, die Welten seien durch einen Zufall von selbst entstanden und dass mit dem Sterben das Dasein und das Bewusstsein ein Ende habe. Sie hatten die Frommen „Toren“ gescholten und sind es nun doch selber: denn, obschon gestorben, glauben sie nicht gestorben zu sein, weil sie sich noch ihres Daseins bewusst sind, sehen, hören, sich erinnern, fürchten und begehren.

„Wie kann diesen geholfen werden?“ fragte der junge Priester.

„Sie haben ihre Torheit einzusehen; auch sie erhalten Belehrung und Zuspruch aus höheren Regionen. Siehe, diese Lichtstrahlen, die durch die dunklen Nebel schießen, das ist Hilfe liebender Geister.“

Abseits von dieser Schar war eine geringere Anzahl vereinigt, die teils sich mit Stricken an Baumästen aufknüpften, sich teils mit Schwertern oder Dolchen durchbohrten, teils unter den Qualen und Krämpfen, die die Folgen von Gift waren, zu sterben schienen. Sie starben aber nie ganz, sondern lebten immer wieder auf, um ihre schaurigen Vorbereitungen immer wieder von neuem anzufangen und den Selbstmord von neuem vorzunehmen.

„Das sind die“, sagte der Führer, „die ihrem Leben selber ein Ende bereitet haben. Dem Übel, dem sie entgehen wollten, begegnen sie nun hier in verstärkter Form.“

„Welch ein entsetzliches Elend“, dachte der junge Priester erschüttert. „Die Armen, wenn man ihnen doch helfen könnte.“

„Glückselig der, der Erbarmen fühlt“, sagte der Führer, „und der bereit ist, seine Persönlichkeit zu opfern, um Leidenden zu helfen.“

„Wie kann solches geschehen?“

„Aus Opfern besteht die Kette, an der die Sterblichen aus ihrem Elend herausgezogen werden und ihre Liebe hat von jeher die geläutertsten, gefördertsten Geister zum Opfer getrieben.“

„Wie?“

„Solches kann auf zweierlei Weise geschehen. Entweder verzichtet der von Mitleid und Liebe Getriebene auf die Freuden und Herrlichkeiten der höheren, ihm gebührenden himmlischen Sphären und taucht unter in das Elend und Leiden einer dieser Höllen, um hier zu trösten und zu heilen, zu lehren und zu raten, zu lindern und aufzurichten, oder aber, der geförderte, liebevolle Geist willigt ein, obschon er es zu seiner eigenen Vervollkommnung nicht mehr braucht, wiederum als Mensch geboren zu werden und zwar in einer Familie, in einer Zeit, in einem Volke, in Verhältnissen, in denen er viel zu leiden, viel zu vergeben haben wird. Er wird die Schuld und das Unrecht anderer auf sich nehmen und ihre Sünde sühnen. Er wird das Böse durch Gutes überwinden und Finsternis durch Licht erhellen. Er wird befähigt sein, für die Übertreter Fürbitte zu tun.“

„Eine hohe heilige Aufgabe.“

„Auch deine Stunde wird schlagen!“ Nebel und Betäubung. Bewusstsein, Erwachen.

 

DAS DREIZEHNTE BILD

13_Der Tod

Der Tod.

Am dreizehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Das fünfte Bild auf dem großen, dem Osiriswege, heißt der Tod. Es ist wie Bild VII ein Übergang. Es führt den Betrachter aus einem Plan in den anderen. Bild VII zeigt uns die Gottheit, die, nachdem sie sich in den vorhergehenden Bildern selber offenbart hatte, ihre Weltenpläne und ihre Absichten ausführt und zwar durch die Schaffung und Fortpflanzung des Menschengeschlechts und durch die Vergeistigung der Himmelskörper, der Sterne.

Die nun folgenden Bilder von VII bis XIII zeigen uns das Schicksal des Menschen, seine Entwicklung, seine Prüfung und zuletzt (Bild XIII) seinen Tod, d.h. seine Teilung, den Übergang auf einen anderen Plan. Der eine Teil kehrt zur Materie zurück, der andere, ewige, unzerstörbare geht in die den Sterblichen jetzt unsichtbaren Welten. Der Tod ist also nicht ein Ende, er ist nur ein Übergang. Er ist sowohl Ende wie Anfang. Er ist ein Transformator. Der grobstoffliche Teil wird umgestaltet zu Staub. Der ewige Teil wird umgestaltet zu körperlosem Geist. Und nun betrachte den Platz des Bildes in der Reihe. Es steht neben dem Gehängten, der Prüfung. Auf die Prüfung folgt im Leben oft der Tod. Die Prüfung kann zu schwer gewesen sein, und der Tod trat ein. Die Prüfung ist vielleicht glänzend bestanden worden und der Schüler wird in eine höhere Schule versetzt. Nicht immer sieht er in diesem Leben die Früchte seines Leidens. Erst im anderen wird alles offenbar.

Bild XII hängt dem Bilde X gegenüber, dem Rad des Lebens. Es steht in starkem Gegensatz zu ihm und auch in einem gewissen Zusammenhang, denn Leben gebiert Tod und Tod Leben. Sieh den Reiter mit der schwarzen Fahne, der Farbe der Trauer.
Die Sonne geht hinter ihm am Horizont unter, Türme stürzen ein. Blätter fallen von den Bäumen, Blumen welken und Menschen steigen ins Grab. Aber in allen diesen Symbolen des Absterbens und der Trauer liegt eine Hoffnung, ist ein Hinweis auf den Umschwung, den das Rad des Lebens mit sich bringt. Die Sonne wird wieder aufgehen, die Bäume werden wieder grünen, die Blumen blühen und auch die Menschen werden nach der Reise in die wahre Geisterheimat wiederum hier leben und lieben, wirken und leiden. Danke der Gottheit und gehe hin in Frieden.“

Als am Abend dieses Tages der Führer mit dem Geist des jungen Priesters schweigend aus den Gebäuden des Tempels hinausgeschwebt war, wandte er sich der Stadt und einem Haus zu, in dem ein Mann mit dem Tode rang.

„Du musst dich heute mit dem Wesen des Todes bekannt machen“, sagte der Führer. Sie drangen ohne Widerstand zu spüren durch die Mauern ins Sterbegemach. Der Sterbende röchelte. Dem jungen Priester erschienen die Verwandten, die im Zimmer waren, wie schleierhafte, durchsichtige Gestalten. Er sah aber auch einen Geist neben dem Sterbenden stehen und erkannte am starken geistigen Licht, dass jener ausstrahlte, dass er ein Führer war. Aus dem Leib des Sterbenden hob sich ein leuchtender, ätherhafter Körper, der in allen Stücken dem physischen Körper glich. Von den Füßen und dem Unterleib hatte er sich schon getrennt. Die beiden Köpfe aber lagen noch gleichsam ineinander.

Auf der Stirn des mit dem Tode Ringenden zeigten sich Schweißtropfen. Da trat sein Führer an ihn heran und half dem geistigen Leibe, sich völlig vom physischen zu trennen. Der Sterbende tat den letzten Atemzug, und sein Auge brach. Die Verwandten fingen laut zu klagen und zu weinen an. Der Geist des Entschlafenen aber schwebte nun im Zimmer an der Hand seines Führers. Er war selig, er fühlte sich vom Körper befreit, der ihm große Schmerzen und Qualen, besonders beim Sterben, bereitet hatte. Es war für ihn herrlich, frei und leicht, nur durch den eigenen Willen getrieben, im Raum zu schweben und er strahlte vor Glück.

Ein Widerschein von dieser Seligkeit legte sich auf das Gesicht des toten Körpers, denn obschon ein eigentlicher Zusammenhang nicht mehr vorhanden war, so stand dennoch der Körper noch unter einem gewissen Einfluss des Geistes, mit dem er so lange verbunden, ja verwachsen gewesen war.

„Komm“, sprach der Führer des jungen Priesters zu diesem. „Dies war der Hergang des Todes. Du hast aber heute noch anderes zu sehen. Der Tod ist nicht zu fürchten. Er ist ein natürlicher Vorgang. Der Apfel fällt vom Baum, wenn er reif ist. Im nächsten Jahr trägt aber der Baum neue Äpfel, bis er dahin zurückkehrt, woher er genommen wurde, in den Schoß der Erde. Das Nebensächliche zerfällt jedes Mal, das Eigentliche bleibt und entwickelt sich weiter bis auch es zu seinem Ursprung zurückkehrt. Das Sichtbare aber zerfällt, wenn das Leben, das alles zusammenhält, entflohen ist.“

Sie schwebten der Totenstadt zu. Sie lag am Rande der Wüste. Der junge Priester sah sie deutlich, denn er flog niedrig. Er konnte auch gut in die Gräber hineinschauen. Er sah den Zerfall der Leichen und konnte das Auseinanderstreben der den Leichnam bildenden Atome beobachten. Er sah auch verschiedene Formen, nebelhafte Gestalten, die teils auf den Gräbern ruhten, teils über ihnen schwebten.

„Diese Formen sind das Leben“, sagte der Führer, „das den Körper verlassen hat und auch vom geistigen Leibe abgestoßen worden ist und das nun, durch jahrelange Gewohnheit gebunden, in der Nähe des Leichnams weilt bis es ebenfalls zerfällt und seine einzelnen Lebensatome in den großen Lebensozean aufgehen, der die Erde umspült und das Weltall durchströmt. Sieh, wie einzelne dieser Formen zerflattern, wie Wolkenstreifen, die vom Winde zerrissen werden!“

„Was sind aber jene Gestalten, die wie von innen heraus leuchten?“

„Das sind die Geister von Menschen; sie sind nicht bewusstlose Ballen, ohne Persönlichkeit, wie jene Lebensformen, sondern Geister von Menschen, die gestorben sind und nicht zu höheren Reichen haben emporschweben können. Sie haften am Irdischen, sie haben ein fast nur körperliches Leben geführt, sich nur um ihren Leib gekümmert, das Leben des Geistes war ihnen fremd, die Welt der Gedanken verschlossen und so hängen sie auch jetzt an ihrem Leib. Sie verfolgen mit Schmerz und Ekel den Zerfall ihrer einstigen Behausung. Viele von ihnen werden lange sich nicht von den Gräbern losreißen können. Andere irren umher und suchen einen Leib, um von ihm Besitz zu nehmen, dessen Wille geschwächt oder dessen Verstand umnachtet ist. Ja, sie fahren in ihrer Gier nach Leiblichkeit sogar in die Körper von Tieren.“

„Das ist grauenhaft!“

„Du hast auch das Grauenhafte kennenzulernen.“

„Und sind das die Geister, die von den Totenbeschwörern befragt werden?“

„Ja, höhere, geförderte Geister reden zwar auch zu den Sterblichen, aber nur auf besonderen Befehl der Himmlischen. Die Stimmen der sogenannten Totenbeschwörer aber können in die Reiche des Lichtes und Friedens nicht dringen und können selige Geister nicht stören und befragen. Die Geisterbeschwörer stehen meistens nur mit diesen unglücklichen, friedlosen, oft verlogenen, meistens läppischen oder boshaften Geistern in Verbindung, die, selber verfinstert, andere nur in die Irre führen können.“

Sie erhoben sich und flogen sehr rasch dem Osten zu. Der junge Priester bemerkte in einigen Ländern Gräber, in denen die Leichen nicht zerfielen, sondern frisch und voll Blut waren. Fragend wandte er sich an den Führer: „Wie ist das möglich?“

„Das sind die Körper von Menschen, die gar kein Interesse für die höheren geistigen Welten gehabt haben, denen das Reich der Gedanken verschlossen geblieben ist, weil sie nie an seinen Toren gepocht haben, die mehr ein körperliches Leben geführt haben und die meistens selbstsüchtig, sinnlich und grausam gewesen sind. Ihre Liebe zur sichtbaren Welt, ihre Anhänglichkeit an ihren Körper waren so stark, dass sie auch nach dem Zerreißen, der silbernen Schnur eine Beziehung zu ihren Körpern herstellen konnten, dank besonderer magischer Kenntnisse, die sie in ihrem Leben erworben hatten. Sie nahen des Nachts ihren schlafenden Opfern und saugen ihnen Blut und Lebenskräfte aus, die sie dann auf geheimnisvolle Weise ihren abgelegten Körpern wieder einzuflößen verstehen. Hier hilft nur Zerstörung des Leichnams durch Verbrennen, Köpfen oder Pfählen. Dann fließt all das geraubte Blut aus und der Leichnam zerfällt, wie es der Lauf der Natur ist. Der Geist aber, der Vampir war, wird, sehr gegen seinen Willen, von der Anhänglichkeit an den Leichnam befreit und die Opfer seiner wollüstigen Grausamkeit sind erlöst. Doch für heute genug.“

Nebel und Schwindel. Der junge Priester erwachte hinter dem Altar unter dem Mantel des Oberpriesters.

 

DAS VIERZEHNTE BILD

14_Wiederverkörperung

Wiederverkörperung.

Am vierzehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Aus dem Tod sprießt das Leben, auf das Sterben folgt Wiedergeburt, wie nach dem Sonnenuntergang der Sonnenaufgang kommt. Deshalb steht neben Bild XIII, dem Tod, Bild XIV, die Wiedergeburt. Bild XIII, die untergehende Sonne, das Absterben; Bild XIV, die Wiederverkörperung, der Beginn neuen Lebens. Das Rad des Lebens dreht sich immerfort.

Ähnlich wie die Gedankenverbindung zwischen den Bildern XIII, dem Tod und X, dem Rad des Lebens, ist auch die Verbindung zwischen Bild XIV und IX, die ebenfalls gegenüber liegen. Bild XIII zeigt uns das Ende eines Lebens und Bild X das ewige Wechseln von Ende und Anfang, von Tod und Leben, Geburt und Grab. Ebenso zeigt uns Bild IX die Reise des Menschen durch das eine Leben hier in der sichtbaren Welt, so stellt Bild XIV uns die lange Reihe unserer irdischen Existenzen dar mit den immer wiederkehrenden Wiederverkörperungen des Menschengeistes, nach der Ruhepause in der himmlischen Heimat. Seine Rückkehr in das irdische Leben, in einen stofflichen Körper ist das Umgießen des Wassers, des Geistes, aus einem Gefäß in ein anderes.

Sieh Dir das Bild an. Ein junges Mädchen, das die Macht der Himmlischen darstellt, gießt den Inhalt einer Schale in eine andere, ohne dass ein Tropfen ins Meer fällt, womit ausgedrückt wird, dass nichts von dem Inhalt der Individualität durch Sterben, Ewigkeit und Wiedergeburt verlorengeht.

Zu ihren Füßen rauscht die Unendlichkeit des Meeres. Das Meer ist die Gottheit. Dies Bild stellt also nicht die Vereinigung des Menschengeistes mit Gott dar. Das kommt später. Die Bedeutung dieses Bildes ist nur: Der Inhalt erhält eine neue Form. Die Flüssigkeit wird aus einer silbernen in eine goldene Schale gegossen, in eine aus edlerem Stoff. Darin liegt für uns eine Andeutung auf die Entwicklung, die spiralförmige Evolution des Menschengeschlechts. Denn eine doppelte Spirale ist es, die die Menschheit zur Vollkommenheit führt. Einerseits sehen wir den einzelnen Menschengeist von Wiederverkörperung zu Wiederverkörperung schreiten, in jedem neuen Leben eine neue Lektion lernen und sich in immer feinere, höhere, edlere Körper kleidend, die immer vollkommenere Werkzeuge werden, um das mit jeder neuen Verkörperung immer reicher werdende Geistesleben des Menschen auszudrücken. Andererseits sehen wir aber auch den Strom, der sich immer wieder mit Hilfe der Geister erzeugenden Formen, der menschlichen Körper, eine immer größere Vollkommenheit und Ausdrucksfähigkeit erreichen. Der menschliche Geist ist ein Teil des Lebensstromes. Beide Ströme gehen von Gott aus, verschlingen und umwinden sich vielfach, befruchtend und befruchtet, ohne sich zu vermischen oder ineinander aufzugehen und kehren in den Schoß der Gottheit zurück. Das ist die Lehre, die wir aus dem Betrachten der silbernen und goldenen Schale gewinnen können.

Bild XIV ist das fünfte Bild des Isiswegs. Es hat auch, wie alle Bilder, einen inneren Zusammenhang mit dem dritten ihm vorangehenden Bild, dem vorhergehenden auf dem Isiswege, Bild XI, den „magischen Kräften“, die den Pilger leiten, nachdem sie in ihm erweckt worden sind. Wenn sie ihn im Leben befähigen, Prüfungen zu bestehen, so sind sie in noch viel höherem Grade maßgebend beim Umgießen des Wassers aus einem Gefäß ins andere, beim Gestalten des Charakters und der Verhältnisse eines neuen irdischen Lebens.

Und nun gehe hin in Frieden und freue dich des großen Trostes, den Bild XIV dir gibt. Blicke mit Dank zur Gottheit, in die Fernen, die sich vor dir öffnen!“

Diesen Abend schwebten die beiden Geister unter sternklarem Himmel. „Heute geht es in die Heimat, in das selige Geisterland“, begann der Führer. „Du sollst Eindrücke gewinnen in das Walten der Mächte, die die Wiederverkörperung der Geister leiten und die verdienten Schicksale abmessen, wägen, zusprechen und gestalten.“

Nicht durch finstere Nebel und lodernde Gluten, nicht durch schmerz- und fluchdurchzitterte Räume ging ihr Weg; sie strebten seligen Sphären zu. Dem jungen Priester fiel die Beweglichkeit alles dessen auf, was er sah.

„Wir sind in der Welt der Gedanken. Alles wechselt hier rascher die Form als in der sichtbaren Welt.“

Sie flogen an verschiedenen Gestalten vorbei, die in dieselbe Richtung wie sie zu eilen schienen.
„Das sind Geister, die sich vom Irdischen losgelöst haben, die die abgelegte Hülle liegen gelassen, sie vergessen haben und nun höheren Reichen zustreben.“

Sie kamen durch Gegenden, die von zahlreichen Geistern belebt waren.
„Auch hier gesellt sich gleich zu gleich“, erklärte der Führer, „alles ist oben wie unten, der Tod ändert nichts am Leben des Geistes.“

Auf blumiger Wiese führten Kinder unter freundlicher Leitung liebebestrahlter Wesen Reigentänze und allerlei Kinderspiele auf. Knaben bauten aus Steinen und Erde an einem Bache Wälle und Teiche, Kanäle und Festungen. Ein kleines Mädchen wiegte eine Puppe, die sie in den Armen hielt, in den Schlaf.

„Was sie unten getan, setzen sie hier fort“, meinte der Führer. „Es hat sich nichts geändert, alles bleibt beim Alten. Sie haben nur das schwerere Gewand gegen ein leichteres, aus sehr feinem Stoff verfertigtes, gewechselt, das ist alles. Darum ist es so wichtig, was wir hier tun und denken.“

Sie flogen weiter. Zu großen Tempeln führten breite Wege. Festliche Scharen strömten freudig zum Gottesdienst. In säulengeschmückten Hallen lehrten Meister der Weisheit. Zu ihren Füßen saßen lernbegierige, ehrerbietige Jünger. In stillen Hütten und größeren Häusern wohnten Liebende oder ganze Familien. Einige Familien waren alle zusammen herübergekommen, andere waren durch den Tod getrennt worden. Sie hatten dann aufeinander gewartet und sich aufs Wiedersehen gefreut.

Liebe und Freundschaft verschönten das Dasein. Sie konnten sich besuchen. Der Wille trug sie zueinander hin und der Gedankenaustausch war immer möglich und bereicherte das Dasein. Sie überblickten auch ihre früheren Leben, zogen Schlüsse aus den Erfahrungen, die sie gemacht und aus den Schicksalsschlägen, die sie erlitten hatten. Alle bewunderten die Weisheit, mit der die Fäden himmlischer Führung sich durch das Gewebe der Schicksale ihrer irdischen Leben zogen. Sie erkannten, wie alles in ihren vielen Leben Saat und Ernte war, wie jedes Erlebnis eine Folge und jede Handlung eine Ursache ist, wie daher alles nur ein Glied in einer unendlich langen Kette ist.

Die reifen Geister konnten unter Kontrolle der höheren Mächte das vor ihnen liegende Leben selber gestalten, wie es ihnen günstiger schien, um Unrecht im früheren Leben gutzumachen, geliebten Geistern zu helfen, selber notwendige Eigenschaften zu erwerben. Sie konnten sich auch die Mutter wählen, die ihnen zur Wiederverkörperung verhelfen sollte. Unreife, unentwickelte Geister hingegen wurden in allen diesen Fragen von ihrem Führer geleitet.

Dann kamen der junge Priester und sein Führer in eine Gegend in der ein unaussprechlicher Friede und eine große Stille herrschten. Unter großen wunderbaren Bäumen schwellendes Moos auf dem verschiedene Gestalten ruhten. Viele hatten den Arm unter dem Kopfe, einige hatten ein Knie hochgezogen. Sie schienen zu schlafen. Eintönig murmelnd plätscherte ein Bächlein durch den kühlen Grund.

Auf einen fragenden Blick des jungen Priesters erklärte der Führer: „Dies sind Geister, die bald von uns scheiden werden, denn auch wir sprechen hier von Entschlafenen und Dahingeschiedenen. Sie werden bald die große Reise ins Sichtbare antreten. Sie haben genossen die Freuden der Himmel, sie haben geerntet, was sie gesät, sie haben Kraft und Weisheit gesammelt, indem sie ihre früheren Leben überschauten und es zieht sie zurück ins irdische Leben, ins stoffliche Dasein.“

„Was zieht sie zurück?“

„Die meisten werden angezogen durch die Liebe eines Menschenpaares. Viele streben zurück, um Geistern nahe zu sein, die eben in Körpern weilen, und mit denen sie besonders verbunden sind. Einige zieht es nach unten, um zu büßen, gutzumachen, was sie in früheren Leben gesündigt haben. Einige wenige hohe, herrliche Geister lassen sich herab um zu helfen, zu beeinflussen, zu lehren und missverstanden und verfolgt zu werden.
Doch siehe diesen Geist… er ist im Begriff hinzuscheiden.“

Voller Unruhe und Sehnsucht, jedoch wie ein Schlafwandler erhob sich ein Geist vom schwellenden Moos, auf dem er geruht, und bewegte sich hinab zur Erde. Ein Führer gesellte sich zu ihm und blieb an seiner Seite.

Der junge Priester wandte sich zu seinem Führer: „Wohin begeben sie sich?“

„Zu einem Elternpaare, das sich eben liebt. Der Geist, der sich verkörpern will, wird an der Mutter haften bleiben bis sich der neue kleine Leib gebildet, den er zu beziehen oder besser anzuziehen haben wird, indem er sich hineinzwängen muss. Geboren werden ist viel schwerer als sterben. Sich in den materiellen Leib hineinzuzwängen, ist viel peinlicher und unbequemer als sich von ihm loszulösen. Darum weinen auch die kleinen Kinder der Menschen so oft, scheinbar ohne Grund. Der ewige Geist empfindet den unausgebildeten kleinen Körper, der sich noch nicht ihm angepasst hat, als lästige Fessel und unerträgliche Qual. Weinen aber ist der einzige Ausdruck, den das unvollkommene Instrument, der kleine Körper gestattet.“

Die beiden Geister drangen durch eine Mauer und waren in einem Schlafgemach. Ein Elternpaar ruhte. Über der Mutter, dicht bei ihr, schwebte wie schlafend der Geist, der sich nach Verkörperung gesehnt hatte.

„Heilige Mysterien“, dachte der junge Priester.

Der Führer geleitete den Geist des jungen Priesters zurück ins Heiligtum.

 

DAS FÜNFZEHNTE BILD

15_Die Lüge. Ungerechtigkeit
Die Lüge. Die Ungerechtigkeit.

Am fünfzehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Das Bild, das wir heute betrachten, heißt Ungerechtigkeit, Lüge. Es stellt ein halbmenschliches, halbtierisches Ungeheuer dar, das auf einem Thron, einem schwarzen Kubus sitzt. Es hat Hörner, zwischen denen ein Pentagramm umgekehrt hängt, mit der Spitze nach unten. Es hat Fledermausflügel und an den Füßen riesige Vogelkrallen statt der Zehen. Vor ihm knien zwei mit Ketten an den Kubus gefesselte Gestalten, seine Jünger.

Dieses Bild XV hängt gerade dem Bild VIII, das Wahrheit und Gerechtigkeit darstellt, gegenüber. Ein starker Gegensatz. Bild XV ist das fünfte Bild des Horusweges. Es sagt uns, dass derjenige, der die höchsten Höhen erreichen will, sich durch die tiefsten Tiefen schleifen lassen muss. Nach der Wahl (Bild VI) wird der Mensch ein einsamer, missverstandener Pilger (Bild IX), gerät in die verzweifeltsten Lagen (Bild XII) und hat mit Lüge und Ungerechtigkeit zu kämpfen, mit den geistigen Gewalten, die die Wahrheit verdrehen, Falsches lehren und die Seelen an sich fesseln (Bild XV).

Du siehst, der Horusweg, der Weg des Geistes, ist ein schwieriger und schauriger Weg, der aber im reinsten Lichte endet. Lüge und Ungerechtigkeit sind nötig, um in den Sterblichen die Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit zu entwickeln. Wer in einem Leben unter Lüge und Ungerechtigkeit gelitten hat, wird im nächsten einen starken Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit haben. So dient dem großen Plan der Gottheit auch das Böse zum Guten. Gehe hin in Frieden und danke den Himmlischen.“

Als der junge Priester diesen Abend seinen Körper verlassen hatte, und mit seinem Führer unter dem nächtlichen Himmel schwebte, sagte ihm dieser: „Heute sollst du die Strömungen im Reich der Geister kennenlernen und dem Hüter begegnen.“

Es schien dem jungen Priester, als eilten sie diesen Abend in eine ganz neue Richtung. Es war eigentlich keine Richtung. Es war etwas ganz anderes. Wolken türmten sich im Dunkel der Nacht empor, bildeten ein tiefes und enges Tal, aus dem jungen Priester etwas entgegen wehte, das ihm Furcht und Schrecken einflößte.

„Jeder, der hier eindringt“, sagte der Führer, „muss dem Hüter begegnen.“

„Der Hüter? Wer ist das?“

„Er ist das Erzeugnis deiner Verfehlungen und Irrtümer in deinem vorhergehenden Leben. Er ist du selber. Doch siehe, da kommt er!“

Der Jüngling blickte in das Wolkental. Aus den Nebeln trat allmählich eine Gestalt hervor, ein Ungeheuer, missgestaltet und widerwärtig, halb Mensch, halb Fabeltier. Die hervorquellenden, ungeheuren Augen drohend und fest auf den jungen Priester gerichtet nahte es.

„Fürchte dich nicht“, beruhigte der Führer. „Blicke ihn ruhig an. Ich bleibe bei dir.“

Ein namenloses Grauen, ein vorher nie empfundenes Entsetzen, erfasste den Jünger. Das Ungeheuer blieb drohend vor ihm stehen. Es war ganz nah.

Der Führer sprach: „Du wirst ihn von jetzt an immer vor dir sehen, den Hüter, denn Du bist nun ein Sehender. Du hast ihn erzeugt, er aber wird dein Erzieher sein. Jedes Mal, wenn du etwas Schlechtes, Unreines denken oder tun wirst, wird er drohend anschwellen, dir nahen und dir Grauen und Furcht einflößen. Jeder reine Gedanke jedoch, jede edle, selbstlose Tat wird ihn beeinflussen und verändern und allmählich wird er seine Hässlichkeit verlieren, allmählich wird er eine lichte Gestalt von überirdischer Schönheit werden und dann zuletzt, sich mit dir, seinem Erzeuger, zu einem Wesen vereinigen. Er war auch schon früher mit dir, immer dir nah, aber du sahst ihn nicht: Nun aber wirst du ihn immer vor Augen haben, auch im Leibe.“

Der junge Priester erschauerte. Sie schwebten höher. Das Wolkental verschwand in der Tiefe. Der Hüter war neben dem Jüngling, aber gleichsam auf einem anderen Plan, nur ihm und dem Führer sichtbar. Sie schwebten höher. Gestalten von außerordentlichem Glanze begegneten ihnen, die weithin das von ihnen ausstrahlende Licht entsandten.

„Das sind Erzengel“, sagte der Führer ehrfurchtsvoll, „diejenigen, die die Schicksale der Völker bestimmen und lenken. Tausende sind ihre Diener: Sie sind diejenigen, die die Herrscher in ihren Entscheidungen beeinflussen und die Völkermassen wie ein Meer aufwühlen oder besänftigen.“

Wallende Nebel und Bewusstlosigkeit. Der junge Priester erwachte im Tempel unter dem Mantel des Oberpriesters.

 

DAS SECHZEHNTE BILD

16_Das Haus Gottes. Ruin. Zerstörung
Das Haus Gottes. Ruin. Zerstörung.

Am sechzehnten Tage sprach der Priester also: „Das Bild, vor dem du heute stehst, heißt Zerstörung. Du siehst einen Turm, der vom Blitz getroffen entzwei birst und in Flammen aufgeht. Vom obersten Stock stürzt aus dem Fenster sein gekrönter Erbauer mit ausgebreiteten Armen zur Erde. Die Krone fällt von seinem Haupt. Dieses Bild entsteht, wie alle anderen, aus dem vorhergehenden. Aus Lüge und Ungerechtigkeit kann nur Zerstörung entstehen. Mit Lüge und Ungerechtigkeit kann man nicht aufbauen, sondern nur zerstören.

Zerstörung (Bild XVI) ist dann auch der Widerschein vom drittvorhergehenden Bild (XIII), dem Tod. Der Tod, die Trennung von Leib und Seele, ist in erster Linie Zerstörung des Körpers, dann aber auch die vieler irdischer Bande und Verhältnisse.
Es hängt gegenüber dem Bild VII, das die Verwirklichung der Pläne der Gottheit darstellt. Verwirklichung und Zerstörung: zwei starke Gegensätze.

Die Zerstörung des Turmes durch den himmlischen Blitzstrahl sagt uns, dass göttliche Strafgerichte den Bau, den Menschenhände zu ihrer eigenen Ehre errichten, treffen und zerstören werden. Solches ist Allgesetz, gültig für alle Zeiten. Was Menschen zu ihrer Verherrlichung aufbauen, sei es auch im Namen der Religion oder der Staatsweisheit, wird nicht Bestand haben. Die Ewigen werden es zerstören, und der eine weltliche oder geistliche Krone tragende Erbauer und Besitzer des Turmes wird von der Höhe des berstenden Baues zur Erde gestürzt werden und seine Krone ihm entfallen.

Eine Krone ist menschlicher Ersatz für fehlende Größe und Fähigkeit zu leiten. An Stelle des mangelnden, strahlenden Geistes wird glänzendes Metall gesetzt. Arbeite, mein Sohn, nicht zu deiner Ehre, sondern zum Nutzen deines Nächsten im Sinne der Weltentwicklung und du wirst Bleibendes schaffen und ernten, was du gesät hast. Gehe hin in Frieden!“

Als der junge Priester diesen Abend mit seinem Führer unter dem nächtlichen Himmel dahinschwebte, sagte dieser: „Heute sollst du die Kräfte des heiligen Feuers kennenlernen. Das Feuer unserer unsichtbaren Welt ist, wie alles hier, ein Abbild von etwas Ähnlichem in derjenigen geistigen Welt, in der sich die Urbilder aller Dinge und Wesen, die wir hier erblicken, befinden. Und Urbild und Abbild haben stets dasselbe Wesen, dieselben Eigenschaften. Darum können wir aus den Eigenschaften des irdischen Feuers auf die Art des geistigen Feuers schließen; es muss auch leuchten und erwärmen oder zerstören und verbrennen. Auf dem Bild XVI sahst du heute Morgen das himmlische Feuer Menschenwerk zerstören; heute Nacht sollst du die wohltuende Macht des geistigen Feuers kennen lernen.“

Sie strebten höher und höher. Es schien dem jungen Priester, als entferne er sich räumlich von der Erde, er hatte auch den Eindruck auf einen ganz anderen Planeten getragen zu werden. Raum und Zeit lösten sich von ihm ab und es war ihm als würde Ewig Wirkliches ihm entgegentreten. Farben und Formen schwebten, flossen, glitten, schwanden an ihm vorüber, um in der Ferne zu verschwinden. Und leise erst und immer stärker klang und tönte es dann um ihn her. Wie gewaltige Wellen schwollen die Harmonien an, schäumten und brausten, um dann in geisterquickendem, schmerzlösendem Übergang in anderer Tonart dahinzuströmen und in anderem Rhythmus zu pulsieren. Und jeder Ton war Form und Farbe. Und jeder Klang war Geist und Sinn … unaussprechlich und doch verständlich…

„Wir nahen der Region der Urbilder, dem großen Geheimnis“, sagte der Führer ehrerbietig.

Vor ihnen stieg ein Berg empor, himmelanstrebend. Sie schwebten hinauf. Eine Hochfläche. Ein von einem Hof umgebener Tempel. Im Hof ein großer Altar aus Felsblöcken. Ein Weg führte zu ihm empor. Holz lag auf ihm aufgeschichtet. Im Heiligtum selber ein goldener Altar, auf dem Rauchwerk glühte, qualmte und duftete. Schwere Wolken stiegen empor, füllten den hohen Raum. Im Hintergrund brannte und strahlte ein Leuchter.

Der Führer wies ernst auf den Altar, und der junge Priester begriff die Bedeutung und sagte: „Auf dem Altar wird wohl ein Opfertier geschlachtet und verbrannt?“

Der Führer nickte zustimmend: „Das Opfertier erleidet den Tod anstelle des Übertreters. Das Gesetz der Stellvertretung. Was findest du in der Tatsache, dass das Opfertier verbrannt wird?“

„Ich sehe, das Körperliche vergeht“, antwortete der junge Priester zögernd.

„Gewiss, diese Wahrheit ist darin enthalten, es ist aber nicht die Hauptlehre des großen Altares.“

Der junge Priester schwieg. Er wusste nicht, was zu sagen.

Da sprach der Priester gütig: „Die Hauptwahrheit, die der Altar uns lehrt, ist die des Opfers und zwar des freiwilligen. Sei bereit, deine Persönlichkeit zu opfern, ist dir schon gesagt worden. Das ist das große Geheimnis, das uns dieser Altar predigt; den Antrieb, die Kraft dazu findest du in der Liebe.“

„Wann hat das zu geschehen?“

„Übe dich im täglichen Leben, opfere deinen Willen, deine Bequemlichkeit, deinen Vorteil. Handle selbstlos und auch dir wird die Stunde des Opfers, der großen Entscheidung schlagen. Sogar dem Größten wird sie nicht erspart bleiben. Und dann wird das Unwesentliche in dir vernichtet werden. Dies ist die reine Wirkung des Feuers.“

Sie waren im Heiligtum. Der Führer sprach: „Sieh das Rauchwerk auf dem kleinen Altar. Hat es sich selbst entzündet?“

„Nein, ich glaube nicht, es ist wohl angezündet worden.“
„Richtig, auch du musst flehen, dass das Feuer in dir entbrennt.“

„Welches Feuer?“

„Das Feuer der Liebe zum Menschen, zur Gottheit, zum All.“
„Aber, wer entzündet es?“

„Keines Sterblichen Hand.“

„Wer denn?“

„Flehe zu den Himmlischen! Es glüht und glimmt in jedem Menschenherzen der heilige Funke, auch tief unter Asche und Schutt. Flehe um den heiligen Wind, der den Funken zum Feuer entfacht.“

„Und dann?“

„Dann wird auch aus deinem Innern den Himmlischen wohlgefälliges Rauchwerk aufsteigen, Lob und Anbetung. Dies Feuer wird dich aber auch befähigen, für andere einzutreten, Fürbitte zu tun für Kranke und Übertreter, heilende Strahlen werden deinen Händen entströmen.“

Der Führer wies auf den Leuchter: „Licht, die dritte und größte Wirkung des Feuers. Siehst du etwas?“

„Ich sehe! Ich sehe!“

„Was siehst du?“

„Ich sehe einen heiligen Weg, von Altar zu Altar und zum Leuchter; ich schreite von Erkenntnis zu Erkenntnis. Vergängliches und Ewiges lerne ich unterscheiden. Liebe opfert sich, heiliger Odem entfacht die Glut und aus den Herzen der Sterblichen steigt Weihrauch zur Gottheit empor und der Schluss ist Licht, strahlendes Licht, Wandel im Licht.“

„Du hast recht gesehen, das ist der Weg. Nun komm.“

Tempel und Berge waren verschwunden. Der Führer und der junge Priester flogen, von ihrem Willen getrieben, der fernen Erde zu. Im endlosen Raum, getrennt durch schier unendliche Zwischenräume, sahen sie Sonnensysteme dahinrollen. Wie feurige Kugeln umkreisten die Planeten die Mutter Sonne, die sie geboren hatte. Es waren unzählige Welten, die sich im Dunkel der Ferne verloren.

„Sie entstanden alle durch das Wort, den unaussprechlichen Namen“, sagte der Führer ehrerbietig. Sie näherten sich rasch der Erde.

Der junge Priester fühlte, er durfte nun eine Frage stellen: „Können auch Unberufene in die Reiche des Lichtes und Geistes eindringen?“

„Ja, auf künstlichem Wege und nur in die niederen und mittleren Schichten.“

„Was heißt auf künstlichem Wege?“

„Es gibt Pflanzensäfte, deren Genuss eine vorübergehende Trennung der Teile, aus denen der Mensch besteht, hervorruft, ähnlich wie beim Schlaf, im Tod oder bei der Einweihung. Es ist aber ein gefährliches Spiel.“

„Wieso?“

„Die Eindrücke sind für den Unvorbereiteten zu stark und er verfällt deshalb in Siechtum oder Wahnsinn. Die auf künstliche Weise bewirkte Trennung des Geistes vom Leibe zerstört die Kräfte des Nervensystems.“

Nebelschleier und das Gefühl eines Falles in bodenlose Tiefe. Der junge Priester erwachte im Heiligtum hinter dem Altar.

 

DAS SIEBZEHNTE BILD

17_Hoffnung. Vereinigung
Hoffnung. Vereinigung.

Am siebzehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Bild XVII heißt die Wiederverkörperung und stellt die Rückkehr der Menschenseele zur Weltenseele, zur Gottheit dar und ihr endgültiges Verlassen unseres Planeten. Du siehst hier wiederum die Jungfrau, die du schon auf Bild und Bild XIV betrachtet hast. Sie trägt denselben Hut mit dem Zeichen der himmlischen Harmonie, dem Zeichen der Unendlichkeit, das Göttliches Gleichgewicht bedeutet. Sie tut jedoch etwas anderes als auf Bild XIV. Statt den Inhalt des silbernen Gefäßes in das goldene zu gießen, lässt sie den Inhalt beider Gefäße ins unendliche Meer fließen, dessen Wellen zu ihren Füßen branden. Dass der Inhalt des einen Gefäßes nicht mehr ins andere gegossen wird, bedeutet, die Wiederverkörperungen haben ihr Ende erreicht. Die Schule ist nicht mehr nötig. Der Schüler hat gelernt, was er in dieser Klasse auf unserem Planeten lernen konnte. Er hat Reife erlangt. Er wird nun in eine andere Klasse versetzt. Er vereinigt sich, von allem Irdischen losgelöst, eingeben und hingegeben, mit der Gottheit, um dann zu höherer Tätigkeit, auf höherem Plan, vielleicht auf einem anderen Sterne geleitet zu werden, vielleicht auch um kürzere oder längere Zeit im Schoße der Gottheit zu ruhen.

In den Symbolen auf diesem Bild finden wir klare Hinweise von der Überführung des Schülers aus einer Klasse in die andere. Rechts von der Jungfrau hebt auf einem Bäumchen ein Vogel die Flügel um fortzufliegen. Er stellt die Seele dar, die die Erde verlässt, um nicht wiederzukehren.

Dann, links oben auf dem Bild, siehst du sieben Sterne, von denen einer besonders groß ist; er wird gleichsam hervorgehoben, es wird auf ihn als auf die zukünftige Lebenssphäre des Geistes hingewiesen und betont, dass unter allen Sternen er als der zukünftige Aufenthaltsort des von der Erde erlösten Geistes diesem besonders groß und wichtig ist.

Du hast heute in große Fernen schauen dürfen, mein Sohn. Gehe hin in Frieden und danke der Gottheit.“

Strömender Regen, in Ägypten etwas sehr seltenes, prasselte abends auf die Dächer der Tempel, er bog die Fächerkronen der Palmen und bildete Lachen und Bäche auf den Steinplatten der Höfe. Der junge Priester verließ seinen Körper. Sein Führer war wie stets an seiner Seite.
„Wir haben heute eine weite Reise vor“, sagte der Führer.

Es regnete, aber der Regen berührte die Geister nicht. Die Tropfen fielen durch sie hindurch wie Hagelkörner durch Nebelstreifen.

„Wir sind auf einem anderen Plane“, erklärte der Führer.

Sie flogen empor, steil hinauf. Sie sahen die Erde wie einen fernen Stern, der allmählich ihren Blicken entschwand. Sie flogen an zahllosen Sonnen vorbei, die von Planeten umkreist, majestätisch auf ihren unsichtbaren Bahnen dahinzogen. Die Himmelskörper leuchteten in verschiedenen Farben in überwältigender Kraft und hinreißender Schönheit.

„Sie alle entstehen durch den Willen und die Weisheit der Gottheit, die sich in Kraft umsetzen. Aus der Kraft entsteht Bewegung und aus ihr Blitze, Feuer. Erst den Menschen unsichtbar, kreisen die Sonnen auf geistigem Plane; dann verdichten sie sich zu Stoff, und die Sterndeuter und Weisen entdecken neue Sterne, die in Millionen von Jahren sich in der Materie immer mehr verdichten und dann die große Kurve durch Vergeistigung hindurch wieder zu höherem Plane emporschweben.
Es ist derselbe Weg wie der unseres Geistes, nur im Großen.“

Der junge Priester hätte gerne den einen oder den anderen dieser herrlichen Sterne besucht oder den Führer über ihre Bewohner ausgefragt; aber es wurde ihm nicht gegeben, er konnte keine Frage stellen, die Worte dazu nicht finden. „Es ist noch zu früh“, sagte der Führer, der in seinem Inneren gelesen hatte, „alles zu seiner Zeit.“

Der junge Priester begriff, dass er zu einem solchen Besuch noch nicht die nötige Reife hatte, dass er noch nicht fähig war, jene Eindrücke in sich aufzunehmen. Die Schnelligkeit, mit der sie emporflogen, vermehrte sich durch den kraftvollen Willen des Führers. Es schien dem jungen Priester, als ob sie nur so in die Höhe schossen. Sonnen und die sie umkreisenden Planeten wuchsen und leuchteten vor ihnen, schrumpften zusammen, verblassten und entschwanden.

Plötzlich hielt der Führer an: „Schau um Dich.“

Dem jungen Priester schien es, als ob sich ihm ein neues Auge inwendig öffne. Er sah Neues. Hatte er früher individuelles Leben im kleinsten gesehen, in Wassertierchen, die sich bekämpften und auffraßen, sich liebten und fortpflanzten, so sah er nun persönliches Leben im Großen. Die Sonnensysteme schienen ihm Familien zu sein. Die einzelnen Sterne erschienen ihm als unheimlich große lebende Geschöpfe der Gottheit, die bewusst in der Kraft ihres Willens ihre Straße zogen. Es schien ihm auch, als bestände zwischen ihnen ein Übereinkommen, um Zusammenstöße zu vermeiden. Er sah Ebbe und Flut auf den Himmelskörpern und erkannte, dass es ihr Pulsschlag war. Er sah feuerspeiende Berge, die weithin ihre Umgebung erschütterten und mit Lava und Schlacken bedeckten, und er begriff, dass diese Ausbrüche Ausscheidungsprozesse dieser Riesenkörper waren. Er sah die Einflüsse der Planeten, ihre Ausstrahlungen; sie klangen, aber es waren nicht irdische Töne, sie strahlten Farben aus, es waren geistige Farben. Die Eigenart jedes Himmelskörpers offenbarte sich in diesen farbigen Tonwellen. Die Ausstrahlungen einiger Planeten klangen harmonisch zusammen, bildeten schöne befriedigende Akkorde, andere ließen unbefriedigt, schmerzten, denn es waren Disharmonien vorhanden. Und der Führer sprach: „Die Schicksale der Menschen hängen von planetarischen Harmonien und Disharmonien ab. Darum kann man sagen, dass das irdische Dasein eines Sterblichen in den Sternen geschrieben steht. Sie sind es, die Freude und Schmerz, Glück und Leid im Leben der Menschen erzeugen. Zu jeder Stunde wird unter einem bestimmten Akkord, unter dem Einfluss himmlischen Zusammenklingens ein Menschenkind geboren. Dieser Mensch wird gleichsam auf diese Töne eingestellt. Dann rollen die Sterne weiter in ihren ewigen Bahnen und der Mensch gerät fortlaufend unter verschiedene Einflüsse. Klingen diese mit seinem Grundakkord harmonisch zusammen, so fühlt er sich wohl, und was er tut, gelingt; bei disharmonischen Einflüssen aber, die mit seinem Grundakkord in schreiendem Gegensatz stehen, fühlt er sich niedergeschlagen und beunruhigt und Missgeschick und Leid begegnen ihm. In solchen Zeiten gelingt dann nichts, und mancher gibt sich der Verzweiflung hin, wenn er von der Güte der Gottheit nicht überzeugt ist und ihren wunderbaren Plan nicht kennt. Darum haben die Weisen, die Sterndeuter, ein Recht zu sagen, der Sternenhimmel sei ein Buch, in dem die Gottheit die Lebensschicksale der Menschen zu lesen gestattet. Doch für heute genug.“

Der Führer fasste den jungen Priester. Sie fielen, schossen in unendliche Tiefe. Dem jungen Priester schwanden die Sinne. Ein Ruck und er erwachte in seinem Leib, hinter dem Altar im Tempel.

 

DAS ACHTZEHNTE BILD

18_Chaos. Leidenschaft
Chaos. Leidenschaft.

Am achtzehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Das Bild, vor dem du heute stehst, heißt Chaos, Leidenschaft. Es hat die Nummer XVIII. Du siehst im Schein der Mondsichel einen Berg, auf dem zwei Türme stehen. Ein Weg führt in Windungen zu ihnen empor. Er führt an einem sumpfigen Wasserloch vorbei, aus dem ein Krebs kriecht. Ein Hund und ein Wolf heulen den Mond an. Beachtenswert sind die Beziehungen, in denen dieses Bild zu anderen steht. Es ist der Widerschein von Bild XV, der Lüge. Und das sehen wir auch im Leben der Völker. Aus Lüge und Ungerechtigkeit kann nur Chaos und Anarchie entstehen. Wehe denen, die durch erlogene Versprechungen die Leidenschaften der Menge entfesseln. Sie stürzen Tausende ins Verderben, um ihnen zuletzt zu folgen.

Bild XVIII hängt gegenüber von Bild V, dem Verstande, der Autorität. Auch in dieser Stellung der Bilder finden wir den vom Schöpfer des Buches Thoth überall zwischen den gegenüberliegenden Bildern gewollten Gegensatz. Hier Leidenschaft, dort Verstand. Hier Chaos, dort Autorität. Je höher Völker und Individuen stehen, umso weniger lassen sie sich von ihren Gefühlen und Leidenschaften hinreißen, umso mehr handeln sie ihrem Verstande gemäß.

Durch Leidenschaft versinkt ein Volk in Chaos und Elend. Auf Bild V sagt der Oberpriester Worte der Weisheit zu seinen lernbegierigen Jüngern. Auf Bild XVIII heulen unverständige Tiere, von einem unbestimmten Gefühl getrieben, den Mond an, den toten Körper, der kein eigenes Licht hat. Und dass damit die Entwicklung nicht gefördert wird, sondern aufgehalten, ja zurückgeschraubt, ist durch den rückwärtsgehenden Krebs angedeutet, der aus dem Teich kriecht.

Bild XVIII ist das sechste Bild des Horusweges, des Weges des Geistes, der den Menschen vor die Wahl stellt (Bild VI) und falls er richtig wählt, zum Pilger macht (Bild IX), ihn Prüfungen bestehen (Bild XII), mit Lüge und Ungerechtigkeit kämpfen lässt (Bild XV), ihn auch durch das Chaos der Leidenschaften führt (Bild XVIII), ehe er zum Aufgehen in Gott gelangt (Bild XXI). Misstraue deinen Gefühlen, mein Sohn, herrsche über sie und lasse sie nicht über dich herrschen. Die Gefühle sind gute Knechte, aber törichte Fürsten. Gehe hin in Frieden.“

Diesen Abend, als sich der Jüngling von seinem Leib gelöst hatte, sprach der Führer zu ihm: „Heute sollst du Einblick gewinnen in das Reich der Träume. Schau’ jetzt auf deinen eigenen schlafenden Leib. Der denkende, leitende, wollende Meister, dein Geist, hat den Leib verlassen und wie du siehst, bringt das Gehirn nun gleichsam aus alter Gewohnheit Gedanken und Vorstellungen hervor, aber, weil der leitende Verstand fehlt, sind die Bilder unlogisch, die Gedankengänge ohne Zusammenhang. Dein Gehirn arbeitet weiter mit den Vorstellungen und Begriffen, mit denen es sich an diesem Tage oder früher beschäftigt hat und das Resultat ist, da logische Gesetze nicht walten, Chaos und unklare Gefühle. So führt denn der Mensch während des Schlafes ein Doppelleben. Sein Geist erlebt Wirkliches. Sein Gehirn aber sprudelt allerlei Unsinn hervor. Darum haben sowohl diejenigen recht, die da behaupten, dass Träume Unsinn sind und nichts bedeuten, wie auch diejenigen, die da sagen, dass in ihnen göttliche Offenbarungen seien.

Du weißt, dass auf der Schwelle zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Reichen Schleier wallen. Jedes Mal wenn wir die Schwelle überschreiten, sei es beim Einschlafen oder in der anderen Richtung beim Aufwachen, legen sich die Schleier der Bewusstlosigkeit über unser Gedächtnis und wir vergessen das, was war. Wenn wir einschlafen, vergessen wir die Sorgen und Leiden des Alltagslebens und wenn wir aufwachen, vergessen wir gewöhnlich, was wir geträumt haben. Sowohl das, was unser Geist in der unsichtbaren Welt erlebt, als auch das meiste von Törichtem, das unser Gehirn hervorgebracht hat, entfällt dem Gedächtnis.

Nur durch besondere Übungen strengster Gedankenzucht können wir dahin kommen, die blödsinnigen Träume unseres Gehirns nicht zu beachten, uns aber dessen zu erinnern, was unser Geist in der wirklichen, der geistigen Welt, auf dem wahren Daseinsplan erlebte. Bevor wir unser Gedächtnis durch diese Übungen geschult haben, können wir allerdings auch zuweilen uns eines oder des anderen nächtlichen Erlebnisses in der wirklichen, der unsichtbaren Welt, erinnern. Das geschieht aber nur dann, wenn das betreffende Erlebnis so einschneidend ist, dass es sich in ganz besonderer Weise unserem Gedächtnis tief einprägt, so dass es die verwischenden Schleier der Bewusstlosigkeit beim Überschreiten der Schwelle nicht auswischen können. Und nun folge mir, wir haben noch eine besonders lange Reise vor.“

Mit der Schnelligkeit des Gedankens, die die des Blitzes und des Lichtes übertrifft, schossen die beiden Geister durch den unendlichen Weltenraum. Sonnensystem nach Sonnensystem verschwand, kaum erblickt, hinter ihnen im Dunkeln. Da! Vor ihnen ragt eine gewaltige Wand ins Unendliche. In dieser Wand zahllose kleine Zellen, wie eine riesige Honigwabe.

„Jeder Mensch, jeder Geist“, sprach der Führer, „hat hier seine Zelle, in der alles aufgenommen und festgelegt wird, was er gefühlt, gesagt und getan. Jeder Mensch hat, wie du weißt, seinen eigenen Akkord und auf diesen Akkord ist auch seine Zelle hier eingestellt. Sein Akkord ist gleichsam der Schlüssel zu ihr. Alles, was der Mensch tut oder sagt oder leidet, tönt hier im Klange seines Akkordes an. Und auf diesen Akkord reagiert eben nur diese seine Zelle und verzeichnet alles mit vollkommenster Wahrheit. Das sind die Bücher der Leben. Hier kannst du auch, wenn du die Reife dazu erlangt haben wirst, gleichsam nachschlagen, um zu erfahren, was du früher gewesen bist oder auch um über die Vergangenheit eines Geistes, für den du Interesse hast, Licht zu bekommen. Du kannst auch hier in den Büchern der Vergangenheit blättern, nach gewissen Gesetzen Schlüsse ziehen, über die Zukunft deines Geistes. Und nun zurück ins Heiligtum.“

Ein Fallen durch endlose Räume. Schwindel und Bewusstlosigkeit. Der junge Priester erwachte in seinem Leib unter dem Mantel des Oberpriesters.

 

DAS NEUNZEHNTE BILD

19_Volles Leben

Volles Leben.

Am neunzehnten Tage sprach der Oberpriester also: „Das Bild, vor dem du stehst, heißt die Sonne des Osiris. Es bedeutet volles Leben. Es ist der Schluss des Osirisweges, d.h. der Gedankenverbindung, die mit dem ersten Bild anfängt und in jedem weiteren dritten Bild sich durch das ganze Buch Thoth fortsetzt.

Es gibt drei solcher Wege. Der Weg des Osiris, der wie schon gesagt, mit dem ersten Bild anfängt, der Weg der Isis, der mit dem zweiten Bild anfängt, und der Weg des Horus, der Weg des Geistes, der mit dem dritten Bild anfängt. Alle diese Wege gehen im selben System vom dritten zum dritten Bild.

Wir sind jetzt in der Lage, den Osirisweg lesen zu können, er lautet: Gott (Bild I), durch Gesetze (Bild IV), vollführt seine Pläne (Bild VII), er führt den Kosmos und uns durch die Drehungen des Lebensrades (Bild X), durch Tod (Bild XIII) und Zerstörung (Bild XVI) zum vollen Leben (Bild XIX).

Ich muss aber darauf aufmerksam machen, dass auf dem Weg des Osiris nicht nur die Inhalte der einzelnen Bilder untereinander zusammenhängen, indem sie zugleich alle auf das erste Bild zurückweisen, sondern es stehen auch alle Bildzahlen jedes einzelnen Weges in einem geheimnisvollen, mathematischen Zusammenhang. Alle Bilder des Osirisweges deuten durch ihre Zahlen auf das erste Bild zurück. Es ist jetzt an der Zeit, dich in einen Teil der Geheimnisse unserer heiligen Mathematik einzuführen.

Jede Zahl hat außer ihrem landläufigen Wert noch einen okkulten, der uns ihre tieferen Zusammenhänge offenbart. Um diesen inneren Wert zu finden bedienen wir uns der geheimen Reduktion und Addition. Die geheime Reduktion besteht darin, dass man die einzelnen Ziffern einer Zahl zusammen addiert; das Resultat stellt den okkulten Wert der Zahl dar. Also z. B. der okkulte Wert von 12 ist 3, weil 1+2 = 3 ist.
Die Addition besteht darin, dass man alle Zahlen, die einer Zahl voran gehen, zu ihr hinzuaddiert; die Summe stellt ihren geheimen Wert dar. Z.B.: Der geheime Wert von 12 ist 3, weil 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6+7 + 8 + 9 + 10 + 11 + 12 = 78 ist; 78 ist aber durch Reduktion 7 + 8 = 15; 15 ist aber wiederum 1 + 5 = 6; 6 ist aber durch geheime Addition 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21; 21 ist endlich 2 + 1 = 3. Wir sehen also, dass wir auf beiden Wegen der geheimen Mathematik zu dem gleichen Resultate kommen.

Jetzt wollen wir diese Methoden auf die Zahlen unserer Bilder anwenden. Hör mir zu:
Das vierte Bild weist auf das erste Bild und steht in magischem Zusammenhange mit ihm. Denn 1+2 + 3 + 4 = 10. 10 ist aber nach der magischen Reduktion 1 + 0=1. So bist Du von Bild IV auf Bild I zurückgewiesen worden. Das Gesetz (Bild IV) hat seinen Ursprung in Gott (Bild I).

Nehmen wir nun das Bild VII und prüfen wir es auf dieselbe Weise: 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7=in der magischen Addition 28. 28 ist aber 2 + 8 = 10. 10 = 1 + 0 = 1. Wir sehen also, dass auch das dritte Bild des Osirisweges, der Triumphwagen, auf das erste Bild, die Eins, zurückzuführen ist. Das bedeutet: Die Verwirklichung seiner Pläne der Evolution (Bild VII) ist Gottes Sache (Bild I).

Nun nehmen wir das vierte Bild des Osirisweges, das zehnte in der Reihe. Also 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10=55. 55 ist aber 5 + 5 = 10. Und 10 ist 1 + 0=1. So weist Bild X, das Rad des Lebens auf das erste Bild zurück, d.h. die Veränderungen im Leben der Menschen und Völker, der oft eintretende Umschwung aller Dinge ist auf Gott zurückzuführen.

Nehmen wir jetzt das dreizehnte Bild, das fünfte des Osirisweges, den Tod. 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 = 91; 91 ist aber 9 + 1 = 10. Und 10 aber ist 1 + 0 = 1. Also ist auch die Zerstörung menschlicher Werke (Bild XVI) auf Gott zurückzuführen.

Und nun das letzte und siebente Bild des Osirisweges, der die Evolution des Kosmos darstellt, das neunzehnte unserer Bildergalerie, das volle Leben. 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 15 + 16 + 17 + 18 + 19 = 190. Einhundertneunzig aber ist 1 + 9 + 0 = 10. Zehn ist 1 + 0 = 1.

Das Leben hat also seinen Ursprung in Gott. Er ist das Leben.

Wir betrachten jetzt das Bild: Du siehst auf einer blühenden Ebene, über die die Sonne scheint, einen Reiter, der auf weißem Ross einhersprengt. Es ist derselbe, den wir als Schöpfer, als Gesetzgeber und Erhalter, als Triumphator und Verwirklicher, als Beherrscher des Lebens und des Todes, als den, der den Blitz sendet zur Zerstörung auf den vorhergehenden Bildern gesehen haben und der nun, die Fahne der Liebe in der Hand, dem vollen Leben zum Sieg verhilft.

Bild XIX gegenüber hängt Bild IV, das Gesetz. Hier ist ein feiner Gegensatz zwischen den gegenüberhängenden Bildern. Auf Bild IV hat der Pharao ein Zepter in der Hand. Auf Bild XIX siehst du den großen Lebensspender, die Sonne, die Beherrscherin des Lebens auf unserer Erde. Ihre unzähligen Strahlen sind ebenso viele Zepter, die Leben und Gesetze dahinbringen, dort entstehen lassen, wohin sie fallen. Und nun gehe hin in Frieden, die Stunde deiner Erleuchtung ist gekommen.“

Als der Jüngling diesen Abend im Heiligtum durch das Wort des Hohepriesters eingeschläfert worden war und seine grobstoffliche Fülle verlassen hatte, bemerkte er, dass neben ihm außer seinem Führer auch der Oberpriester in seinem geistigen Leibe schwebte.

„Wir werden heute den göttlichen Plan betreten“, sagte der Führer. „Die Sonne des Osiris wird dir leuchten.“

Schwindel und Bewusstlosigkeit befielen den Geist des jungen Priesters und er erwachte auf einem dritten, anderen Plane. Leuchtendes Licht umgab ihn.

„Die Pforten des Himmels sind geöffnet“, sagte der Oberpriester.

„Und der Mensch wird gehorsam wiedergeboren in lethargischem Schlaf“, fügte der Führer hinzu.

„Hier kann wahrlich nichts Unreines Eingang finden“, dachte der junge Priester.

Ein großer Friede herrschte und ein starker Dreiklang tönte, mächtig, ununterbrochen. Es war anders als in der sichtbaren Welt, es war aber auch ganz anders als in den bisher besuchten Regionen der geistigen Welten. Viele Geister umschwebten sie. Die meisten opalisierten und leuchteten weithin. Dunkle, unschöne Farben fehlten vollkommen, alles leuchtete, strahlte, klang in Schöne und Herrlichkeit. Unter den strahlenden Geistern war eine Bewegung bemerkbar. Sie strebten alle einem Zentrum zu. Der junge Priester und seine Führer folgten dem Strom. Das Licht wurde immer strahlender, greller, verzehrender. Der junge Priester blieb zurück.

„Ich kann es nicht aushalten, das Licht ist zu stark.“

„Später wirst du es ertragen können, wenn du reifer, entwickelter sein wirst“, sagte der Führer.

„Warte hier auf uns“, ermahnte ihn der Oberpriester, „und schau’ uns nach.“

Der junge Priester blieb zurück. Er sah den Führer und den Oberpriester unter die unzähligen anderen Geister gemengt, weiterschweben, dem Lichte, dem Mittelpunkt zu. Er versuchte in diesen Mittelpunkt hineinzuschauen. Nach einiger Zeit schien es ihm, als gewahre er in der blendenden Helle die Umrisse einer menschlichen Gestalt. Er hatte im selben Augenblick ein noch nie vorher empfundenes Gefühl von Glück und Freude. Er fühlte sich wie von Liebe und Wohlwollen überschüttet und durchströmt und konnte nicht anders als sich aufs Antlitz beugen voll Anbetung und Dank. Wie er sich erhob, waren der Führer und der Oberpriester neben ihm. Ihre Gesichter leuchteten wie verklärt. Auch auf ihnen ruhte es wie der Widerschein von etwas Schönem, Herrlichem, das sie geschaut. Sie sprachen kein Wort. Sie ließen das Geschaute in ihrem Herzen nachtönen. Sie strebten der Erde zu. Sie sahen den heiligen Strom durchs schlafende Land fließen. Die heilige, große Stadt lag unter ihnen.

Schwindel und Bewusstlosigkeit. Der junge Priester erwachte im Heiligrum unter dem Mantel des Oberpriesters. Auf seinem Antlitz aber lag etwas wie ein leuchtender Schein.

„Er hat die Sonne des Osiris geschaut“, sagte am nächsten Tag leise ein Priester dem anderen, wenn er vorbeiging.

 

DAS ZWANZIGSTE BILD

20_Unsterblichkeit
Unsterblichkeit.

Am zwanzigsten Tage sprach der Oberpriester also: „Du stehst heute vor dem Bild, das Unsterblichkeit heißt. Du siehst einen Boten der Götter, der auf einer „Wolke stehend in eine Posaune bläst. Aus Gräbern steigen Männer und Frauen mit emporgehobenen Armen. Sie stellen die Menschheit dar, die den Gräbern, dem Tode endgültig den Rücken kehrt. Sie begrüßen freudig den Schall der Posaune, die den Anfang einer neuen Ära, die der Unsterblichkeit, ihnen anzeigt. Kein Tod wird mehr sein, keine Krankheit mehr herrschen, Kriege und Unrecht verschwinden.
Bild XX entsteht aus Bild XIX, das heißt aus dem vollen, göttlichen Leben entsteht Unsterblichkeit, wie bei voller Gesundheit Krankheit eben nicht bestehen kann.

Du stehst heute, mein Sohn, am Ende des Isisweges in dem Buche Thoth. Du darfst deine Entwicklung nun überschauen. Nachdem du aus heiligen Büchern gelernt und die Verheißung empfangen hast, die Tore der unsichtbaren Welt würden sich für dich öffnen (Bild II), ist dir mündlicher Unterricht zuteil und die Verheißung dir bestätigt worden (Bild V). Du bist dann von unparteiischen Richtern gewogen worden und hast die Wahrheit erkannt (Bild VIII). Du hast dadurch Mut erlangt und magische Kräfte und hast die Mächte der Bosheit dir unterwerfen können (Bild XIV), du hast zuletzt die Schulen der irdischen Gesetze nicht mehr nötig gehabt und bist frei geworden von dem Gesetze, immer wieder zur Erde zurückkehren zu müssen. Du hast dich der Gottheit hingegeben, bist mit ihr vereinigt worden, bist in ihr aufgegangen (Bild XVII) und hast zuletzt Unsterblichkeit erlangt (Bild XX). Was dir am Anfang versprochen wurde, hast du erhalten. Die Tore der unsichtbaren Welten haben sich vor dir geöffnet. Du hast hinter den Vorhang schauen dürfen.

Auch der Isisweg, der mit Bild II beginnt, zeigt eine ähnliche Verbindung der Zahlen untereinander, wie der Osirisweg, und zwar deuten alle Zahlen des Isisweges nicht auf das zweite Bild, sondern auf das dritte. Damit wird angedeutet, dass der Unterricht aus Büchern nicht die Hauptsache ist, sondern das Emporgetragenwerden vom Geiste. Diese Tatsache finden wir auch mathematisch bestätigt.

Der okkulte Wert des ersten Bildes des Isisweges ist nämlich drei, denn 1+2 macht 3. Drei ist aber der Geist. Drei ist nun gleich 1+2 + 3 nämlich 6. Bild VI ist aber die Liebe. Sechs nun ist gleich 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21. Bild XXI bedeutet „Gott alles in allem“. Einundzwanzig ist aber gleich 2 + 1 = 3. Wir sehen also, dass der okkulte Wert von 2 tatsächlich 3 ist.

Nehmen wir nun das zweite Bild des Isisweges, das fünfte Bild in unserer Bildergalerie. Wir addieren: 1 + 2 + 3 + 4 + 5 = 15. Fünfzehn ist aber gleich 1 + 5 = 6. Der okkulte Wert von sechs jedoch ist 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21. Einundzwanzig ist aber gleich 2 + 1 = 3. So weist auch das fünfte Bild arithmetisch auf das dritte Bild, nur mit einem Umwege über das Bild XV, welches Lüge und Ungerechtigkeit darstellt. Das heißt im mündlichen Unterricht wird das Bestehen von Ungerechtigkeit erklärt und das Wesen der Lüge erläutert. Auch im mündlichen Unterricht, so sagen es uns die Zahlen, müssen die gesprochenen Worte vom Geiste lebendig gemacht werden.

Das dritte Bild des Isisweges ist das achte Bild unserer Bildergalerie. Dieses Bild ist insofern eine Ausnahme, als es nicht direkt auf Bild drei, den Geist, weist, sondern auf Bild IX, den Pilger. Wir addieren: 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 = 36. Sechsunddreißig aber ist gleich 3 + 6 = 9. Neun jedoch hat den okkulten Wert von 45, denn 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 = 45. Fünfundvierzig ist aber gleich 4 + 5 = 9. Du siehst wir sind in einen Kreis hineingeraten, aus dem es keinen Ausweg gibt. Das Hinweisen von Bild VIII (die Wahrheit) auf Bild IX (der Pilger) sagt uns; die Wahrheit erkennen macht uns zu Pilgern oder es ist die Wahrheit, die unumstößliche Wahrheit, dass wir hier Pilger sind.

Nehmen wir jetzt das vierte Bild des Isisweges, das elfte in unserer Bildergalerie, das Mut und magische Kräfte darstellt. Mut und magische Kräfte sind aber Früchte des Geistes, denn Bild XI deutet, wie wir sehen werden, mit aller Klarheit auf Bild III. Wir machen zuerst die okkulte Addition 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10 + 11 = 66. Sechsundsechzig aber ist gleich 6 + 6= 12. Zwölf jedoch ist gleich 1 + 2 = 3. So weist Bild XI auf Bild III.

Nehmen wir nun das fünfte Bild des Isisweges, das vierzehnte unserer Bildergalerie. Es bedeutet Wiederverkörperung und weist auch mit mathematischer Klarheit auf Bild III, den Geist hin. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 = 105. Einhundertfünf ist aber 1 + 0 + 5 = 6. Sechs ist gleich 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21. Einundzwanzig ist aber gleich 2 + 1=3. Die Zahlen sagen uns also hier, dass der Geist es ist, der die Wiederverkörperungen zustande bringt und gestaltet.

Nehmen wir jetzt das sechste Bild des Isisweges, das siebzehnte Bild unserer Bildergalerie, das die Vereinigung der Seele mit Gott darstellt. Dieses Bild weist wieder auf Bild IX, den Pilger und sagt uns, dass die endgültige Vereinigung mit Gott das Ziel unserer Pilgerreise ist. Und nun machen wir die okkulte Addition 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10 +11 + 12 + 13 + 14 + 15 +16 + 17 = 153. Einhundertdreiundfünfzig ist aber gleich 1 + 5 + 3 = 9. Neun ist gleich 45, wie wir gesehen haben und 45 ist wiederum gleich neun. Wieder der Kreis, aus dem es keinen Ausweg gibt. So weist denn Bild XVII (Hoffnung, Vereinigung) mit großer Entschiedenheit auf Bild IX, den Pilger, d.h. der Pilger wird sicher in der Kraft des Gottes die Vereinigung mit Gott erreichen.

Nehmen wir nun das zwanzigste Bild unserer Bildergalerie, die Unsterblichkeit, das das siebente und letzte Bild des Isisweges ist. Auch dieses zeigt direkt auf Bild drei. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 15 + 16 + 17 + 18 + 19 + 20 = 210. Zweihundertzehn aber ist gleich 2 + 1 + 0 = 3. Das heißt Unsterblichkeit ist das Werk und die Frucht des Geistes. Das war die Lehre des Isisweges. Und nun gehe hin in Frieden und komme heute Abend wieder.“

Es war Nacht. Der Geist des jungen Priesters schwebte mit seinem Führer über der schlafenden Stadt.

Der Führer sprach: „Du sollst heute Einblick in die himmlischen Hierarchien tun. Komm!“

Sie flogen empor, durch schier endlose Räume. Sie nahten der Region der Urbilder, die dem Willen und der Weisheit der Gottheit entstiegen waren, als sie die Erschaffung der Welt und die Evolution des Alls beschlossen hatte. Der junge Priester sah ein gewaltiges Gebirge vor sich, das sich in sieben Stufen, von denen jede ein großes Hochplateau bildete, in die Höhe türmte.

Der Führer sprach: „Das sind die Abstufungen der Mächtigen, die da wissen und sehen, die da wollen und können, leiten und lieben, gehorchen und dienen. Auf der ersten Stufe sind die Geister, die wir Führer nennen, die dem einzelnen Menschengeiste beigegeben sind, um ihn durch sein ganzes Dasein, durch alle seine Leben zu geleiten. Sie sind zahlreich. Sie leuchten, dienen, schützen und lieben.
Auf der zweiten Stufe findest du die Mächtigen, die das Schicksal der Völker leiten, die die Seele eines Volkes beeinflussen. Sie stehen uns jetzt ferner, aber sie erscheinen uns dennoch mächtiger und lichtvoller, weil sie unendlich viel größer und strahlender sind als die Geister der ersten Stufe, die die einzelnen Menschengeister leiten. So wie nun die Geister der ersten Stufe, die Beschützer des einzelnen Menschen, die Menschen von Schritt zu Schritt an unsichtbaren Fäden leiten, sie erziehen und sie ernten lassen, was sie gesät haben, so verfahren auch die Geister der zweiten Stufe mit den Völkern. Auch sie, die Völker werden geleitet, beeinflusst, damit sich ihr Geschick vollziehe, damit sie die Folgen ihrer Entscheidungen tragen, damit auch sie ernten, was sie gesät haben, auf dass überall Gerechtigkeit werde. Diese mächtigen Geister der zweiten Stufe sind es, die Freundschaft zwischen den Völkern, aber auch Abneigung, Entfremdung, ja Hass und Krieg entstehen lassen.
Denn der Krieg, das Schwert, ist der große Umgestalter der politischen Verhältnisse auf Erden. Von einem Geiste der dritten Rangstufe hervorgerufen, von dem Mächtigen, der die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes beobachtet, lenkt, beherrscht und gestaltet, entstehen zwischen den Geistern der zweiten Stufe Beziehungen und Stimmungen, die sich dann in den Verhältnissen der Völker auf Erden abspiegeln. So beginnen die Kriege stets zuerst auf unsichtbaren Planeten, Reibungen zwischen den Mächtigen, die die Völker beeinflussen.“

„Wenn aber Menschen und Völker“, fragte der junge Priester, „willenlos von höheren Wesen auf Freundschaft oder Feindschaft gestimmt oder beeinflusst werden, wo bleibt da ihre Verantwortung?“

„Die Verantwortung besteht. Ihr Wille ist frei. Sie bestimmen selber ihr Schicksal, je nachdem sie sich entscheiden. Dann aber gibt es kein Entrinnen; was sie gesät, müssen sie ernten. Die Höheren benützen in wunderbarem Zusammenarbeiten ihre Macht und ihren Einfluss nur um Gerechtigkeit walten zu lassen, nicht um das Säen zu beeinflussen, sondern allein, dass die Ernte reife. Das Gesetz von Ursache und Wirkung ist ewig. Und nun blicke auf die Geister der dritten Stufe, sie sind noch herrlicher, noch mächtiger als die auf der zweiten. Das Licht ihrer Strahlen, der glänzende Schein, der sie umgibt, reicht noch viel weiter. Jeder von ihnen ist der Schutzgeist eines Planeten und waltet über seine Entwicklung und Vergeistigung und zugleich über das Schicksal und die Entwicklung seiner Bewohner. Denn zugleich mit dem Sterne werden dessen Bewohner höheren Daseinszuständen zugeführt.
Betrachte nun die vierte Stufe. Noch größere Herrlichkeit, ein schier unerträglicher Glanz umfließt und umstrahlt die Gewaltigen. Im unendlichen Raum kreisen Millionen von Sonnen, jede von einer Anzahl von Planeten umschwebt. Diese Sonnen-Systeme bilden jedes ein Ganzes für sich, gleichsam eine Familie oder einen Staat; sie werden von einem erhabenen Wesen beherrscht, das auf der Sonne seinen Sitz hat und die Sonne belebt.
Auf den folgenden Stufen, der fünften, sechsten und siebenten sind in stetig strenger Unterordnung immer herrlichere, mächtigere Geister, die viel Göttliches schauen und wieder ausstrahlen. Von ihrer Weisheit und Macht können wir uns keine Vorstellungen machen, ihre Nähe nicht ertragen. Sie sind Götter, Götter geworden, denn sie sind Gott nahe. Die Geister der sechsten und siebenten Stufe schauen stets die Sonne des Osiris. Auch du sollst einst dorthin gelangen. Für heute genug.“

Schwindel und Bewusstlosigkeit. Der junge Priester erwachte im Tempel hinter dem Altar.

 

DAS EINUNDZWANZIGSTE BILD

21_Gott Alles

Gott alles.

Am einundzwanzigsten Tage sprach der Oberpriester also: „Du stehst heute vor dem einundzwanzigsten Bilde. Es trägt die Überschrift: „Gott ist Alles in Allem“. Bild I zeigt dir den Anfang der Schöpfung, das Ausgehen des Alls aus dem Schöpfer auf sein Gebot hin. Dann rollt das All, wie es die Bilderreihe des Buches Thoth zeigt, durch Raum und Zeit und Ewigkeit und kehrt endlich zu seinem Anfänge zurück, so dass Gott wieder Alles in Allem ist. Im Bild XXI schließt sich der Ring. Alles ist Schweigen und Nacht.

Du siehst ein junges Mädchen, dasselbe, das du schon auf den Bildern XI, XIV und XVII gesehen hast, in heilig symbolischer Weise tanzen. Die in die Seiten gestemmten Arme bilden mit dem Kopfe das heilige Dreieck; die Füße kreuzen sich. Das Dreieck über dem Viereck, das du auf Bild IV gesehen hast, das auf Bild XII umgekehrt als Dissonanz sich dir zeigte, das Dreieck, das auf Bild VII im Viereck zu sehen war, ist nun im Bild XXI in die rechte Stellung, in die Harmonie zurückgekehrt.

Ein Schleier umweht die jugendliche Gestalt. Ein Kranz von Blüten umringt sie wie der Rahmen ein Bild. Dieser Kreis, der das Dreieck über dem Viereck umschließt, wiederholt uns noch einmal zum Schluss des Buches Thoth die große, ewig beherzigenswerte Wahrheit: Gott beherrscht seine Schöpfung in Ewigkeit.

In den vier Ecken des Bildes siehst du Vertreter vier hoher Geisterwesen mit Adler-, Löwen-, Stier- und Menschenkopf. Der Menschenkopf sagt dir, dass auch du dort deinen Platz hast.

Auch du bist berufen zur höchsten Stellung zwischen die Geister der Kraft, des Mutes, des Wissens, aber du musst lernen zu schweigen, abzuweisen. Über all diesen Geistern aber, und wohl noch näher der Gottheit, steht der Kreis der Liebenden, angedeutet durch den Rosenkranz, der die Figur des Mädchens umrahmt und dem wir schon auf Bild XI begegnet sind.

Bild XXI ist zugleich das letzte Bild des Horusweges, des Weges des Geistes, den wir nun also lesen können: Der Geist, dessen Ziel die höchsten Höhen sind, wohin nur der Adler hinkommen kann (Bild III), stellt den Menschen vor die Wahl (Bild VI); wählt dieser richtig, weise, so wird er ein Einsamer, ein Pilger, der von der Welt abgewandt seinen Weg durch die Wüste geht (Bild IX). Die Einsamkeit steigert sich zu entsetzlichen Prüfungen, wo alles verkehrt und aussichtslos erscheint (Bild XII). Der Pilger hat mit Lüge und Ungerechtigkeit zu kämpfen (Bild XV) und auch durch das Chaos der Leidenschaften sich durchzuringen (Bild XVIII), ehe er zur völligen Ruhe und Klarheit, zur Vereinigung, zum Einswerden mit Gott kommt (Bild XXI).

Doch auch arithmetisch hängen die Bilder des Horusweges wunderbar zusammen. Der Horusweg ist der Weg des Geistes, auf dem das Fleischliche in uns abgetötet wird. Das erste Bild des Horusweges, das dritte Bild in unserer Bilderreihe zeigt uns den Adler, den sonnenwärts schwebenden König der Lüfte. Der okkulte Wert von drei ist sechs (1 + 2 + 3 = 6). Der Geist (Bild III) weist uns auf die Liebe (Bild VI). Der okkulte Wert von sechs ist jedoch 21, wie wir schon wissen. Bild XXI ist aber „Gott Alles in Allem“, und der okkulte Wert von 21 ist drei. So haben wir einen wunderbaren Kreis und lesen: Der Geist ist Liebe. Liebe ist „Gott Alles in Allem.“ „Gott Alles in Allem“ ist Geist.

Lassen wir jetzt die Zahlen vom zweiten Bild des Horusweges, des sechsten Bildes unserer Bilderreihe reden. Wir addieren zuerst 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21. Einundzwanzig ist aber 2 + 1 = 3. Wir sind wieder im heiligen Kreis; 3 ist 6, und 6 ist 21 und 21 ist 3, oder in Begriffen ausgedrückt: Der Geist (Bild III) ist die Liebe (Bild VI), die Liebe (Bild VI) ist Gott (Bild XXI) und Gott (Bild XXI) ist der Geist (Bild III).
Das dritte Bild des Horusweges ist das neunte Bild unserer Bilderreihe. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 = 45. Fünfundvierzig ist aber 4 + 5 = 9. So ist denn 9 die einzige, merkwürdige Zahl, die nur auf sich selbst hinweist. Der Pilger ist sich selber Ziel. Er denkt nur an seine Vollendung. Er lässt alles Übrige beiseite liegen.

Nehmen wir nun das vierte Bild des Horusweges, die Prüfung, das zwölfte in unserer Bilderreihe. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 + 10 + 11 + 12 = 78. Achtundsiebzig ist aber gleich 7 + 8 = 15. Fünfzehn ist jedoch gleich 1 + 5 = 6. Sechs ist aber gleich 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21. Und Einundzwanzig ist gleich 2 + 1 = 3. Bild XII weist uns also auf die Bilder XV, VI, XXI und III, oder aus Bild III + VI entsteht Bild XII, d.h. Bild III, in Worten ausgedrückt: die Prüfung, Bild XII, führt durch Lüge und Ungerechtigkeit, die man über sich ergehen lassen muss (Bild XV) zur Erkenntnis der Liebe (Bild VI), zu Gott (Bild IX), zum Geist (Bild III).

Betrachten wir jetzt das fünfte Bild des Horusweges, das fünfzehnte unserer Bilderreihe. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 15 = 120. Einhundertzwanzig ist aber gleich 1 + 2 + 0 = 3. D.h. der Geist (Bild III) ist es, der uns in den Kampf gegen die Lüge und die Ungerechtigkeit (Bild XV) führt, durch den wir gestählt werden und geübte Sinne empfangen sollen.

Nehmen wir jetzt das sechste Bild des Horusweges, das achtzehnte unserer Bilderreihe. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 15 + 16 + 17 + 18 = 171. Einhunderteinundsiebzig ist aber 1 + 7 + 1 = 9. Neun ist aber, wie wir sahen eine Zahl, die nur auf sich selbst weist. Wir sehen also, dass Bild XVIII auf Bild IX zurückdeutet, d.h. du wirst durch das Chaos der Leidenschaften zu gehen haben, Du wirst Anfechtungen erdulden müssen, weil du eben ein Pilger bist; es wird dir nichts erspart. Es ist schön und stärkend, dass im vorhergehenden Bild, im Bilde XVII (die Hoffnung, Vereinigung) dem Pilger die trostreiche Verheißung gegeben wurde, bestimmt und sicher ans Ziel zu gelangen.

Und nun betrachten wir das letzte Bild des Horusweges (Bild XXI) unserer Bilderreihe, Gott Alles in Allem. Wir addieren 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7+ 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 15 + 16 + 17 + 18 + 19 + 20 + 21 = 231. Zweihunderteinunddreißig ist aber gleich 2 + 3 + 1 = 6. Sechs ist jedoch 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 = 21. Einundzwanzig ist aber gleich 2 + 1 =3. Wir können also lesen: die Rückkehr aller Dinge zu Gott (Bild XXI) ist das Werk des Geistes (Bild III) und zwar aus Liebe (Bild VI).

Das Schriftzeichen auf Bild XXI gestattet uns, ebenso wie die drei ersten Bilder unserer Bilderreihe, Einblick in das Wesen der Gottheit zu nehmen. Wir sehen in dem heiligen Zeichen drei Stäbe auf einem Querstab, die sich zu einem Buchstaben vereinigt haben. Das ewige Passivum, das vom ewigen Aktivum aus sich hinausgetan worden war, kehrt zu ihm zurück, wird wieder eins mit ihm und infolgedessen hören auch die Beziehungen, die zwischen den beiden als ein drittes entstanden waren, wieder auf. Die Dreiheit ist wieder zur Einheit geworden. Die feurigen Heerscharen ruhen. Gehe hin in Frieden.“

Leicht schlief der junge Priester diesen Abend im Heiligtum ein. Ja, es schien ihm sogar, als sei er überhaupt nicht eingeschlafen. Er hatte sein Bewusstsein nicht verloren. Er zweifelte fast daran, dass er seinen Leib abgelegt hatte, weil die Schleier der Bewusstlosigkeit diesmal sich auf ihn nicht herabgesenkt hatten. Die Tatsache aber, dass er seinen hinter dem Altar liegenden grobstofflichen Körper sehen und dass er ungehindert durch die Mauern und Gewölbe des Tempels dringen konnte, bewies ihm, dass er nur in seinem feinstofflichen Körper schwebte.

Der Führer, der seine Gedanken sah, sprach: „Du wirst es lernen, deinen Körper, wann du es willst, zu verlassen. Die Verbindung zwischen Geist und Leib ist nun soweit bei dir gelockert, dass du es kannst. Du musst nur dafür Sorge tragen, dass dein Körper unberührt und unbehelligt bleibt, denn es besteht nicht nur die Gefahr, dass ein anderer Geist von deinem Körper Besitz ergreift, sondern es können auch vorwitzige, unwissende Menschen ihn berühren oder anreden; dadurch könnte die silberne Schnur zerreißen und das wäre dein Tod.“

„Die silberne Schnur?“

„Ja, die feine unendlich elastische, silberne Schnur aus edlem Äther, die Körper und Geist verbindet, die im Schlaf und in Entrückungszuständen wie die Einweihung, Körper und Geist zusammenhält, im Tode aber zerreißt und sich auflöst. Deshalb, weil die Priester diese Gefahr kennen, bleibt auch dein Körper während der Nächte deiner Einweihung im Tempel hinter dem Altar. Verlässt du künftighin deinen Körper, so wäre es sicherer, wenn du jemanden in deiner Nähe hast, der ihn bewacht, damit ihm nichts Schlimmes widerfährt.“

Sie schwebten empor, höher und höher. Sie kamen durch verschiedene geistige Planeten. Sie nahten der Welt der Urbilder. Auf einer schier endlosen, sandigen Ebene erhob sich ein gewaltiger Berg, oder war es ein Werk von Menschenhand? Es war hoch wie ein Berg, aber so regelmäßig wie ein Gebäude oder wie eine mathematische Figur. Der riesige Bau hatte eine absolut viereckige Grundfläche; er war von oben gesehen ein Quadrat. Seine vier Seiten, die alle gleich geformt waren, glänzten wie glatt polierter Alabaster. Jede Seite aber war ein Dreieck. Alle vier Seiten liefen in eine Spitze zusammen.

Staunend betrachtete der junge Priester den Bau. „Was ist das?“ fragte er den Führer.

„Es ist ein Denkmal der Maße und Zeiten, das Wahrheit und Weisheit denen offenbaren wird, die zu lesen verstehen. Es wird in deiner jetzigen Heimat erbaut werden, wann die Zeit dazu gekommen sein wird. Denn es werden Tage kommen, da die Mehrzahl der Menschen aus höheren Quellen Licht und Wissen nicht werden schöpfen wollen und können, sondern, wie blinde Maulwürfe, nur im Stoff wühlen werden. Und sie werden sich dabei weise vorkommen. Das innere Licht werden sie nicht haben und in ihrem unberechtigten Stolz nur auf ihre niederen fünf Sinne vertrauen. In jenen Zeiten wird dies Denkmal reden und von der Weisheit der Himmlischen zeugen. Für jene Zeit wird es erbaut werden und die Weisen werden es erforschen und die Verständigen bewundern.

Jetzt besteht zwischen den Sterblichen und Himmlischen Verkehr. Die Götter können den Wissenden, Eingeweihten Weisheit und Erkenntnis mitteilen und haben beschlossen, in diesem Denkmal Vergangenheit und Zukunft des Menschengeschlechtes, die Maße und das Gewicht der Erde, die Stellungen der Sterne und ihre Entfernungen voneinander, Gottes Erkenntnis und menschliches Wissen festzustellen und festzuhalten. Es ist eine Wahrheitsoffenbarung der Himmel, die zu seiner Zeit den Menschen gegeben werden wird. Nahe ist der Tag, da das Denkmal in der sichtbaren Welt gebaut werden wird, so wie du es hier in der Welt der Urbilder siehst.“

„Schau her“, fuhr der Führer fort, „es enthält in seinem Innern Gänge und Kammern, mit Sinn angelegt und mit Absicht erbaut. In diesen Gängen bedeutet jeder Zoll ein Sonnenjahr in der Geschichte des Menschengeschlechts. Der Eingangsschacht, der gerade auf den Nordpol weisen wird, zeigt uns zuerst eine Zeit des Niederganges der Erdgeborenen. Der Gang geht im Anfang abwärts. Dann kommt eine Stelle, wo er sich spaltet; ein Gang führt immer tiefer abwärts, während der andere im selben Winkel emporsteigt. Diese Stelle, wo der Gang sich spaltet, erinnert uns an Bild VI unserer Bilderreihe; dort sehen wir den Menschen vor der Entscheidung, nach der es mit ihm auch, je nach der Wahl, die er trifft, aufwärts oder abwärts gehen wird. So sagt uns denn diese Stelle im Denkmal der Himmel, dass eine Stunde in der Geschichte des Menschengeschlechts kommen wird, wo die Sterblichen sich werden entscheiden müssen, sich unter den Willen der Gottheit zu beugen oder nicht. Falls sie sich weigern, das göttliche Gesetz anzunehmen und den Himmeln Ehrfurcht zu zollen, werden sie in den Abgrund, ins Verderben hinabgleiten. Wenn sie aber Belehrung annehmen, so werden sie den beschwerlichen Weg hinaufzusteigen haben.

Der Gang ist so niedrig, dass man sich nur auf Knien in ihm hinaufbewegen kann. Damit wird uns gesagt, dass diejenigen, die zu den höheren Daseinszuständen werden emporsteigen wollen, demütig sein werden. Sie werden sich vor der Gottheit beugen, sie werden beten und das Gesetz der Himmel annehmen. Dann wiederum nach einer bestimmten Anzahl von Jahren werden die Sterblichen, die das Gesetz der Gottheit angenommen haben, vor eine große Entscheidung gestellt, Heil und Erleichterung vom Joch des Gesetzes wird ihnen angeboten werden. Göttliche Kräfte werden ihnen zuteilwerden, falls sie es annehmen.

Du siehst, wiederum spaltet sich der Weg, ein hoher spitzgewölbter Gang führt steil empor, während ein niedriger Gang waagerecht ins Innere des Denkmals weitergeht. Damit ist vorhergesagt, dass ein Teil der Menschheit das angebotene Heil und die Erleichterung annehmen und emporsteigen wird, und zwar nicht mehr in der früheren knechtischen inneren Stellung, sondern um sich bewusster, freier zu entwickeln. Ein anderer Teil freilich wird sich allerdings nicht in die neuen, ihm angebotenen Verhältnisse fügen wollen, er wird in der knechtischen Gesinnung verbleiben und an der sichtbaren Welt haften wollen. Das ist der sich abzweigende niedrige, waagerechte Gang, der nicht ins Verderben führt, wie der Gang, der sich zuerst nach abwärts abzweigte, sondern dieser waagerechte Gang führt in eine zweite Kammer, die weder das Erreichen des Zieles noch das Verfehlen desselben darstellt, sondern eine Zwischenstufe, die ein Mittelding ist, ein Ort der Schulung, der Reinigung.

Die große, aus gewaltigen polierten schwarzen Granitblöcken erbaute Galerie führt zur Kammer, in der die Maße des Weltalls festgelegt sind. In der Galerie siehst du rechts und links je 22 viereckige Öffnungen; in diese werden Pfosten eingestellt werden, die je zwei ein Bild tragen, also 11 auf jeder Seite, Bilder, die dir bekannt sind, die du jahrelang betrachtet hast.

Am Ende der Galerie öffnet sich wieder ein niedriger aber kurzer Durchgang, der in eine kleine Kammer führt. Quer durch die Kammer hängt ein ungeheurer eingemauerter Steinblock, der an einer Seite einen merkwürdigen Knauf hat. Dieser Knauf ist ein Maß, ein kosmischer Zoll. Er ist genau ein Zoll hoch und fünf Zoll im Durchmesser. Fünfundzwanzig solche Zoll machen einen kosmischen Meter. Es verhält sich aber so, dass 365,2422 solcher Meter genau die Seitenlänge des Denkmals an seiner Basis ausmachen und die gleiche Zahl 365,2422 auch die Anzahl der Tage im Sonnenjahr beträgt. Dieser Meter ist auch das wahre Maß, nach dem das Weltall aufgebaut ist, denn 500 000 000 solche kosmische Zoll sind die Länge der Erdachse; darauf dürften die fünf länglichen Rinnen an der Südwand der kleinen Kammer deuten. Der Umfang der Grundfläche des Denkmals hat aber 36 524,22 solche Zoll, die wiederum auf die Zahl der Tage im Sonnenjahr deuten.

Wir finden aber auch im Denkmal einen Hinweis auf die Entfernung der Sonne von der Erde. Die Höhe des Denkmals beträgt 5813,01 kosmische Zoll. Die Höhe des Denkmals verhält sich zur halben Diagonale der Grundfläche wie neun zu zehn. Die Entfernung der Sonne aber von der Erde entspricht dem Produkt von 10 hoch 9 mal die Höhe des Denkmals.

Wir haben aber auch in den Maßen des Denkmals das Gewicht der Erde. Geht oder besser kriecht man aus der Vorkammer in die eigentliche zweite Kammer, so findet man in ihr ein ungeheures kastenähnliches Gefäß aus Granit, ein Hohlmaß, das mit Wasser gefüllt, eine kosmische Tonne ausmachte. Das Gewicht des Denkmals aber ist, alle Hohlräume genau abgerechnet, 5,273 Millionen solcher Tonnen; das Gewicht unseres Planeten aber ist 5,273 Quintillionen solcher kosmischer Tonnen, so dass das Gewicht unseres Denkmals sich zu dem unseres Planeten wie 1:10 hoch 12 verhält.
So findest du denn in diesem Denkmal die Maße der Erde, ihr Gewicht, die Stellung und Entfernung der Himmelskörper und die Zukunft und Entwicklung unseres Geschlechtes. In den Tagen, da sich das innere Licht im Herzen der Sterblichen verfinstern wird, werden diese Steine schreien, ihre Stimme wird aber von der großen Menge nicht vernommen werden.

Die Himmel bestimmen Maße und Zeiten, die Himmel herrschen, aber die Menschen werden Ohren haben und nicht hören und Augen haben und nicht sehen. Die Ahnenden und Verstehenden jedoch werden verfolgt und verspottet werden.“

Schweigend blickte der junge Priester auf das riesige, wunderbare Denkmal.

„Du wirst nun“, sagte der Führer, „so oft du willst, hierher kommen können, um die Geheimnisse der Himmel zu erforschen, denn du kannst jetzt außerhalb deines Leibes sein, wann du willst.“

„Ich möchte dich fragen“, begann der junge Priester, „wie werden die Menschen diese ungeheuren Steinblöcke fortbewegen und in die Höhe heben können. Riesen oder Geister allein könnten das.“

„Weder Riesen noch Geister, sondern die Macht rhythmischer Töne. Den Priestern wird von den Himmlischen gelehrt werden, durch rhythmisches Wiederholen eines Tones zyklonartige Luftsäulen zu bilden mit Hilfe derer sie singend, indem sie sich dabei abwechseln, die größten Lasten werden heben und fortbewegen können. Etwas von der Macht rhythmischer Töne hast du am Tag gesehen, da die Riesenstatue auf den Gesang der Priester antwortete. Und nun komm, fahre langsam in deinen Körper, dass du dich des Geschauten erinnerst.“

Ein leichter Schwindel. Dem Priester schien es, als kehre er ganz allmählich in seine grobstoffliche Hülle zurück. Er erinnerte sich diesmal mit besonderer Deutlichkeit des Geschauten.

 

DAS BILD NULL

22_Der Narr

Der Narr.

Als der junge Priester am folgenden Tage vor dem Oberpriester erschien, sagte ihm dieser: „Du hast die Einweihung erlebt, bist ein Wissender. Was dir, mein Sohn, durch Bild II und Bild V versprochen wurde, hast du erhalten. Du hast hinter den Vorhang geschaut und die den Sterblichen unsichtbaren Reiche sind dir erschlossen worden. Was eines Menschen Verstand fassen kann, ist dir gezeigt worden. Die Tiefen der Gottheit jedoch sind unerforschlich und die Geheimnisse der Himmel unendlich. Du bist aber auf dem Weg. Schreite nun von Erkenntnis zu Erkenntnis, von einer guten Handlung zur anderen und Kraft auf Kraft wird in dir werden.
Nichts ist dir vorenthalten worden, was dir geoffenbart werden konnte.

Du hast Antwort erhalten auf die Fragen, woher kommen wir, wohin gehen wir, warum leben wir. Es ist dir durch die Bilder des Buches Thoth alles gezeigt worden. Außer diesen 21 Bildern gibt es nichts. Darüber hinaus noch etwas zu suchen, wäre Narrheit. Darum hat das letzte Bild die Nummer 0 und die Überschrift: Der Narr.
Dieses Bild brauche ich Dir nicht zu erklären. Du kannst es ohne meine Hilfe deuten.

Es zeigt dir den Menschen, der seinen göttlichen Beruf verfehlt hat. Statt seine Fähigkeiten zu entwickeln und die Geister und Elemente zu beherrschen, trägt er unwissend die ihm verliehenen Gaben mit sich herum. Der Sack deutet darauf hin. Er stützt sich auf einen Stab, auf Kenntnisse, Überzeugungen, Lehren, die ihm weder helfen noch ihn stärken oder retten können, denn er schwankt mühsam durch den Sand der Wüste dahin, dem Verderben entgegen; das Krokodil lauert auf ihn. Die Leidenschaften, der Hund (Bild XVIII), denen er gefrönt, verfolgen ihn, und seine Blöße, seine Schande wird offenbar.“

Der Oberpriester hob segnend die Hand und sagte feierlich:

„Wissen, Wollen und Wagen war immer die Richtschnur des Weisen.
Schweigen erhält die Kraft: es vernichtet sie Eitles sich preisen.
Überall siehst du Gesetze, Gesetze die ewiglich gelten;
Alles ist unten wie oben, hier wie in höheren Welten.
Gott ist einer und ewig, doch, zahllos sind seine Söhne,
Träger des Feuers, der Kraft, der Weisheit, Liebe und Schöne.
Aus dem Schoß der Gottheit in die Materie fällt,
Sinkt unser ewiger Geist, um durch die sichtbare Welt,
Um durch Leben und Sterben, unter Kämpfen und Qualen Heimzukehren zur Gottheit, aufwärts in heiligen Spiralen.
Götter waren einst sterblich, sterbliche Menschen wie wir,
Bis aus den sterblichen Menschen wuchsen die Götter herfür,
Bis aus den sterblichen Körpern strahlte das göttliche Licht
Und von dem Geist überwunden, schwand das Erdengewicht.
Du aber geh’ nun, mein Sohn, gehe dem Lichte entgegen,
Schreite von Freude zu Freud’,
schreite von Segen zu Segen.
Fliege zur Sonne, der Wahrheit, schaue sie an wie ein Aar,
Kehre zur Gottheit zurück, die deine Seele gebar.“