Licht auf dem Weg

Mabel Collins

Mabel_Collins

Teil I

Diese Lehren wurden für jeden geschrieben, der die Wahrheit sucht. Beachte sie!

 Bevor das Auge sehen kann, muss es der Tränen sich entwöhnen. Bevor das Ohr zu hören vermag, muss die Empfindlichkeit ihm schwinden. Ehe vor den Meistern die Stimme sprechen kann, muss das Verwunden sie verlernen. Und ehe vor ihnen die Seele stehen kann, muss ihres Herzens Blut die Füße netzen.

1. Töte den Ehrgeiz.

2. Töte die Liebe zum Leben.

3. Töte den Wunsch nach Behagen.

4. Wirke gleich denen, die ehrgeizig sind.

Achte das Leben gleich denen, die es lieben. Sei glücklich gleich dem, der dem Glücke nur lebt.
 Suche im Herzen die Wurzel des Bösen und reiße sie aus. Denn es treibt und es wuchert im Herzen des eifrigen Jüngers gleichwie in den Herzen der Kindern der Welt. Nur der Starke vermag es zu töten. Der Schwache jedoch muss sein Wachstum erwarten, sein Reifen, sein Sterben.
 Durch Weltenalter wächst dies Kraut im Menschen. Es wuchert, doch in Blüte tritt es erst, wenn vieler Leben Unzahl er durchlaufen. Wer den Weg der Beherrschung betreten will, muss dieses Kraut aus seinem Herzen reißen.

Wohl wird alsdann das Herzblut reichlich fließen, das ganze Leben wird vernichtet scheinen. Aber die Prüfung muss bestanden werden. Vielleicht tritt sie an dich heran schon bei dem ersten Schritt des wagnisvollen Klimmens hinauf zum Lebensweg, vielleicht beim letzten. Bedenke wohl: Sie muss bestanden werden, – und setze alle Kräfte ans Vollbringen.

Nicht in dem Augenblicke darfst du leben, nicht in der Zukunft, – nur im Ewigen. Dort kann dies Riesenunkraut nicht gedeihen: der Hauch schon eines Ewigkeitsgedankens tilgt diesen Flecken aus von deinem Dasein.

5. Töte den Sinn für das Sondersein.

6. Töte das Streben nach Sinnenwirkung.

7. Töte die Gier nach dem Wachstum.

8. Doch stehe einsam auf dich selbst beschränkt, weil nichts, was an dem Erdenkörper haftet, nichts, was vom Sinn des Sonderseins erfüllt, nichts, was der Ewigkeit entfremdet lebt, dir Hilfe bringt. Beachte die Empfindung. Nur wenn es dir gelingt, aus ihr zu erlernen, erschließt du dir der Selbsterkenntnis Pforte und klimmst empor der Leiter erste Stufe. Gleichwie die Blume unbewusst erwächst, doch sehnsuchtsvoll, dem Licht sich zu erschließen, so wachse du; so strebe sehnsuchtsvoll, dem Ewigen die Seele zu erschließen. Doch nur das Sehnen nach dem Ewigen darf Kraft und Schönheit dir entwickeln, der Wunsch nach Wachstum nicht; denn während jenes zu höchster Reinheit Schöne dich entfaltet, erstarrt des andren mächtige Leidenschaft dich zur persönlichen Gestaltung.

9. Trachte nur nach dem, was in dir wohnt.

10. Trachte nur nach dem, was jenseits des Selbst liegt.

11. Trachte nur nach dem, was stets unerreichbar.

12. Denn in dir wohnt das Licht der Welt, – das einzige, das deinen Weg bestrahlt. Vermagst du nicht es in dir zu erkennen, du wirst es anderwärts vergebens suchen. Und dennoch liegt es jenseits deiner selbst. Dringst du zu ihm, hast du dich selbst verloren. Und unerreichbar ist es denn immer weicht es zurück. In seinen Lichtkreis magst du dringen, doch seine Flamme wirst du nie berühren.

13. Strebe mit Eifer nach Herrschaft.

14. Trachte mit Inbrunst nach Frieden.

15. Erstrebe vor allem Besitz.

16 Doch der Besitz, den du erstreben sollst, kann nur der reinen Seele angehören und muss deshalb den reinen Seelen all in gleicher Weise mit zu eigen sein – ein Sondergut nur des geeinten Ganzen. Darum giere nimmer du nach anderem Gut als jenem, das der reinen Seele frommt, auf dass für den geeinten Geist des Lebens – dein einzig wahres Selbst – du Gut gewinnst. Es ist der Friede, den du suchen sollt, der heilige Friede, den nichts stören kann; in dessen Schutz die Seele sich entfaltet, der heiligen Blume gleich auf stillem Weiher. Und andere Herrschaft sollst du nicht begehren als jene, welche dich in der Augen des Menschen wie Nichts erscheinen lässt.

17. Suche den Weg.

18. Suche den Weg in der inneren Versenkung.

19. Suche den Weg, indem du kühn aus dir selbst heraus trittst.

20. Doch such ihn nicht in einer Richtung nur. Es dünket einer jeden Sinnesart zwar eine Richtung die versprechende. Doch Hingebung allein bahnt nicht den Weg, nicht frommes Sinnen, eifrig Vorwärtsstreben, die Arbeit nicht, die jedes Opfer fähig, und nicht des Lebens emsiges Erforschen. Vereinzelt hebt dich jedes eine Stufe, doch alle Stufen bilden erst die Leiter. Die Laster auch, besiege eins nach dem andern, sie müssen dir zu Stufen werden. Und Stufen auch sind deine Tugenden, notwendig und um keinen Preis zu missen. Doch ob des Wetters und des Windes Gunst, ob eine frohe Zukunft sie dir schaffen, sind nutzlos sie, wenn sie vereinzelt stehen. Nur wer sein ganzes Wesen weise nützt, vermag den Weg der Wahrheit zu betreten. Jeder Mensch ist schlechterdings sich selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben. Doch dann nur ist er es, wenn er stets erfasst sein ganzes Wesen, wenn er mit der Kraft des geistigen, in ihm geweckten Willens dies Wesen nicht als sein eignes Selbst betrachtet, als das Geschöpf, das er unter Mühsal zum eigenen Gebrauch sich selber schuf, mit dem er, wenn die Einsicht ihm gewachsen, das Leben einst sich zu erringen hofft, das jenseits von jedem Sondersein liegt. Erkennt er dies als Zweck des wunderbar verwobenen Sonderlebens, nur dann hat er, doch dann fürwahr hat er den Weg gefunden. Such ihn, indem du in deines Innern geheimnisvolle, wunderbare Tiefen tauchst. Such ihn durch Prüfung jeglicher Erfahrung, durch Verwenden deiner Sinne, um Bedeutung und Wachstum deines Wesens zu ergründen, um die Schönheit zu verstehen und das Dunkel der Bruderkeime göttlicher Natur, die sich neben dir emporringen, als Glieder deines eigenen Geschlechts. Suche ihn in der Erforschung der Gesetze des Seins und der Natur und des Gebiets des Überirdischen, das euch verschleiert. Suche ihn, indem du tief die Seele neigst vor jenem Stern, der dämmernd in dir strahlt. Wie du ihn stetig hütest und verehrst, wird stetig auch sein Licht erstarken. Dann hast des Weges Anfang du gefunden. Und hast sein Ende du erreicht, dann plötzlich wird sein Licht zum ewigen Lichte.

21. Erwarte das Blühen der Blume inmitten der Stille nach des Sturmesgetöse: nicht früher.
 Wohl wird sie keimen, sprießen, wachsen, wird Blatt und Zweig und Knospe bilden, noch während Sturm und Kampf dich wild umtoben. Doch nicht bevor dein ganzes Menschenwesen geschmolzen und zerronnen, nicht bevor der Gottesteil in dir, der jenes schuf, in ihm das bloße Werkzeug nur erkennt, um der Erfahrung reichen Schatz zu sammeln, und nicht bevor dein ganzes inneres Sein sich deinem höheren Selbst hat unterworfen, kann jene Blüte ihren Kelch erschließen. Dann, wie im Tropenland nach Sturm die Stille, wo die Natur mit Doppeleifer schafft, und man ihr Wirken wahrzunehmen wähnt, wird eine Ruhe sich herniedersenken auf deinen müden und gequälten Geist. Und dann inmitten dieser tiefen Stille wird das Geheimnisvolle sich ereignen, dir kündend, dass der Weg gefunden ist. Du magst es nennen, wie es gut dir gefällt. Nenne es eine Stimme, welche zu dir spricht, wo niemand ist, der sprechen kann, oder nenne es einen Boten, der zu dir gesandt, ein Bote, der nicht Stoff hat, noch Gestalt, – nenne es die Blume deiner Seele, die sich öffnet. Kein sinniges Bild vermag es dir zu schildern. Doch selbst, wenn du vom Sturme noch umbraust, kannst du danach tasten und spähen und das Sehnen deines Herzens darauf richten. Ob Augenblicke nur die Stille währe, ob Tausende von Jahren, – sie wird enden, du aber gehst gestärkt aus ihr hervor. Und stets von neuem wiederum beginnend, musst du zum Kampf schreiten und musst siegen. Denn Zwischenrasten nur kennt die Natur.
 Das dir Gegebene sind die ersten Lehren – in Stein gehauen in der Halle des Lernens. Der, welcher bittet, wird empfangen. Der, welcher wünscht zu lesen, der wird lesen. Der, welcher wünscht zu lernen, der wird lernen.

Friede sei mit dir.

Teil II

Und aus der Stille, die der Frieden ist, ertönt eine mächtige Stimme. Und diese Stimme spricht: Es ist nicht recht; du hast geerntet, säen musst du nun. Und im Bewusstsein, dass die Stimme die Stille selber ist, wirst du gehorchen.
 Der nun du zum Jünger geworden bist, der du zu sprechen und zu stehen vermagst und fähig bist zu hören und sehen, der du das Verlangen überwunden hast, der du Erkenntnis deines Selbst errungen, der Seele Blühen erschaut und erkannt, der du die Stille Stimme vernommen hast, betritt nun freien Muts die Halle des Lernens und lies, was dort für dich geschrieben steht.

1. Tritt zur Seite im kommenden Kampf, und wenn du auch streitest, sei nicht der Streiter.

2. Spähe nach dem Streiter; in dir lass ihn kämpfen.

3. Seine Weisung erwarte zum Kampf; ihr folge.

4. Gehorche ihm nicht, wie man dem Feldherrn gehorcht; gehorche ihm, als wäre er dein Selbst, und sein Befehl der Ausdruck deiner Wünsche. Fürwahr er ist dein Selbst, unendlich weiser und stärker als du. Halte nach ihm Ausschau, dass du in der Hast und Hitze des Kampfes nicht an ihm vorübereilst. Er wird dich nicht erkennen, wenn du ihn nicht erkennst. Erreicht dein Ruf sein lauschendes Ohr, dann wird er in dir kämpfen und die dumpfe Leere deines Inneren erfüllen. Wenn dies geschieht, dann kannst du mit Gleichmut, dann wirst du müdelos den Kampf bestehen: Du trittst zurück und lässt ihn für dich streiten; und keiner deiner Streiche fehlt sein Ziel. Doch spähst du nicht, eilst du an ihm vorüber, so bist du ohne Schutz; dein Herz verzagt, dein Hirn verwirrt sich dann, im Sturm und Staub des Kampfgewühls vergehen dir die Sinne, und von dem Feind kannst du den Freund nicht unterscheiden.
 Er ist dein Selbst, doch während du endlich, dem Irrtum untertan, – ist unfehlbar und ewig er. Er ist die ewige Wahrheit. Ist er einmal erst in dich eingezogen, und ist er zu deinem Streiter geworden, wird er nicht wieder ganz von dir weichen. Und an dem Tag des großen Friedens wird er mit dir zu einem verschmelzen.

5. Lausche dem Lied des Lebens.

6. Bewahre in deinem Gedächtnis die Weise, die dann dir ertönt.

7. Die Lehre des Wohlklangs erlerne daraus.

8. Du stehst nun aufrecht, fest – gleichwie der Fels, von Brandung rings umwogt – ihm gehorsam, dem Streiter, deinem König, deinem Selbst. Bleib unbeteiligt an dem Kampf, es sei den seine Weisung zu vollziehen. Sei ohne Sorge um den Ausgang des Kampfes. Nur eins ist wichtig, – dass der Streiter siegt, und, wie du weißt, ist er unüberwindlich. So warte mit kaltem Blut und wachen Sinnen und nütze dein Gehör, das du durch Leiden errungen und der Überwindung des Leides. Dein Ohr erreichen nur verirrte Klänge des großen Lieds, solange du noch Mensch bist. Doch was du hörst, bewahre treu im Sinn, dass nichts von dem Erlauschten dir entschwinde, und strebe, daraus den Inhalt zu erkennen von dem Geheimnis, das dich rings umschließt. Es kommt die Zeit an dem du keinen Lehrer brauchst. Denn stimmbegabt, gleich wie der Mensch ist es, ist auch die Welt, in der er sich bewegt. Das Leben selbst hat Sprache, kennt kein Schweigen. Sein Laut ist nicht, wie du – der Taube – wähnst, ein Schrei: es ist Gesang! Erkenne daraus, dass du von den wunderbaren Weben der Töne ein Teil bist, und lerne sein Gesetz zu befolgen und zu verstehen.

9. Prüfe mit Eifer das Leben, das dich rings umgibt.

10. Lerne die Herzen der Menschen zu lesen.

1

1. Am eifrigsten prüfe das eigene Herz.

12. Denn nur durch das eigne Herz bricht das Licht, das hell das Leben dir beleuchten und deinem Blick es offenbaren kann.
 Die Herzen der Menschen suche zu ergründen, dass du die Welt verstehst, in der du lebst, und deren Teil zu sein dein Wille ist. Erforsche ernst das Leben, das beständig in wechselnder Bewegung dich umwogt, – die Herzen der Menschen sind es, die es gestalten. Wie du ihr Wesen, ihren Zweck erkennst, so wirst du allmählich auch das größere Wort des Lebens lesen lernen.

13. Die Sprache kommt nur mit dem Wissen. Erringe das Wissen, und dir wird die Sprache.

14. Bist du der inneren Sinne Herr geworden und hast der äußeren Sinne Trieb besiegt, der eignen Seele Neigung überwunden und hast du Wissen dir errungen, dann, Jünger, halte dich bereit, den Weg in Wirklichkeit nun zu betreten. Gefunden ist der Pfad, bereite dich, ihn zu beschreiten.

15. Frage die Erde, die Luft und das Wasser nach jedem Geheimnis, das sie für dich bergen. Der inneren Sinne Entfaltung gewährt die Macht dir dazu.

16. Das Heilige des Erdenrunds frage nach jedem Geheimnis, das sie dir bewahren. Der Sieg über die Begierden der äußeren Sinne gewährt dir das Recht dazu.

17. Das Innerste frage, das Eine, nach seinen letzten Geheimnissen, das dir es umschließt seit Jahrtausenden.

 Der große, schwere Kampf, die Überwindung der Wünsche deiner eignen Seele, ist eine Arbeit von Jahrtausenden. Erwarte deshalb nicht den Siegespreis, ehe du Erfahrung von Jahrtausenden gesammelt hast. Kommt dann die Zeit, wo diese letzte Lehre zur Wahrheit wird, betritt der Mensch die Schwelle, die ihn über das Menschensein hinaus hebt.

18. Das Wissen, das du nun dein eigen nennst, ist nur dein Eigentum, weil deine Seele mit allen Seelen zu Einem verschmolzen ist und mit dem Innersten Eins geworden. Es ist ein Schatz vom höchsten dir vertraut. Doch täuschst du sein Vertrauen, missbrauchst du dein Wissen, lässt du es schlummern, wo du es nützen solltest, dann ist der Sturz selbst von der erklommenen Höhe noch möglich. An der Schwelle selbst da weichen noch Erhobene zurück, unfähig, die Verantwortung zu tragen und außer stand, sich höher aufzuschwingen. Darum gedenke stets mit heiliger Furcht, mit bangem Zittern dieses Augenblicks und rüste dich im voraus zu dem Kampf.

19. Es steht geschrieben, dass es nicht Gesetz, noch Führer gibt für jenen, dessen Fuß die Schwelle zu der Göttlichkeit betritt. Doch werde zu der Klärung des Jüngers der Kampf bezeichnet durch dieses Wort:
 An dem halt fest, was sonder Stoff und Dasein.

20. Lausche nicht einer anderen Stimme als der, welche lautlos ist.

21. Trachte nur nach dem, was unsichtbar inneren wie äußeren Sinnen.

Friede sei mit dir.
Licht auf dem Weg.
Mabel Collins

Teil I

Diese Lehren wurden für jeden geschrieben, der die Wahrheit sucht. Beachte sie!

 Bevor das Auge sehen kann, muss es der Tränen sich entwöhnen. Bevor das Ohr zu hören vermag, muss die Empfindlichkeit ihm schwinden. Ehe vor den Meistern die Stimme sprechen kann, muss das Verwunden sie verlernen. Und ehe vor ihnen die Seele stehen kann, muss ihres Herzens Blut die Füße netzen.

1. Töte den Ehrgeiz.

2. Töte die Liebe zum Leben.

3. Töte den Wunsch nach Behagen.

4. Wirke gleich denen, die ehrgeizig sind.

Achte das Leben gleich denen, die es lieben. Sei glücklich gleich dem, der dem Glücke nur lebt.
 Suche im Herzen die Wurzel des Bösen und reiße sie aus. Denn es treibt und es wuchert im Herzen des eifrigen Jüngers gleichwie in den Herzen der Kindern der Welt. Nur der Starke vermag es zu töten. Der Schwache jedoch muss sein Wachstum erwarten, sein Reifen, sein Sterben.
 Durch Weltenalter wächst dies Kraut im Menschen. Es wuchert, doch in Blüte tritt es erst, wenn vieler Leben Unzahl er durchlaufen. Wer den Weg der Beherrschung betreten will, muss dieses Kraut aus seinem Herzen reißen.

Wohl wird alsdann das Herzblut reichlich fließen, das ganze Leben wird vernichtet scheinen. Aber die Prüfung muss bestanden werden. Vielleicht tritt sie an dich heran schon bei dem ersten Schritt des wagnisvollen Klimmens hinauf zum Lebensweg, vielleicht beim letzten. Bedenke wohl: Sie muss bestanden werden, – und setze alle Kräfte ans Vollbringen.

Nicht in dem Augenblicke darfst du leben, nicht in der Zukunft, – nur im Ewigen. Dort kann dies Riesenunkraut nicht gedeihen: der Hauch schon eines Ewigkeitsgedankens tilgt diesen Flecken aus von deinem Dasein.

5. Töte den Sinn für das Sondersein.

6. Töte das Streben nach Sinnenwirkung.

7. Töte die Gier nach dem Wachstum.

8. Doch stehe einsam auf dich selbst beschränkt, weil nichts, was an dem Erdenkörper haftet, nichts, was vom Sinn des Sonderseins erfüllt, nichts, was der Ewigkeit entfremdet lebt, dir Hilfe bringt. Beachte die Empfindung. Nur wenn es dir gelingt, aus ihr zu erlernen, erschließt du dir der Selbsterkenntnis Pforte und klimmst empor der Leiter erste Stufe. Gleichwie die Blume unbewusst erwächst, doch sehnsuchtsvoll, dem Licht sich zu erschließen, so wachse du; so strebe sehnsuchtsvoll, dem Ewigen die Seele zu erschließen. Doch nur das Sehnen nach dem Ewigen darf Kraft und Schönheit dir entwickeln, der Wunsch nach Wachstum nicht; denn während jenes zu höchster Reinheit Schöne dich entfaltet, erstarrt des andren mächtige Leidenschaft dich zur persönlichen Gestaltung.

9. Trachte nur nach dem, was in dir wohnt.

10. Trachte nur nach dem, was jenseits des Selbst liegt.

11. Trachte nur nach dem, was stets unerreichbar.

12. Denn in dir wohnt das Licht der Welt, – das einzige, das deinen Weg bestrahlt. Vermagst du nicht es in dir zu erkennen, du wirst es anderwärts vergebens suchen. Und dennoch liegt es jenseits deiner selbst. Dringst du zu ihm, hast du dich selbst verloren. Und unerreichbar ist es denn immer weicht es zurück. In seinen Lichtkreis magst du dringen, doch seine Flamme wirst du nie berühren.

13. Strebe mit Eifer nach Herrschaft.

14. Trachte mit Inbrunst nach Frieden.

15. Erstrebe vor allem Besitz.

16 Doch der Besitz, den du erstreben sollst, kann nur der reinen Seele angehören und muss deshalb den reinen Seelen all in gleicher Weise mit zu eigen sein – ein Sondergut nur des geeinten Ganzen. Darum giere nimmer du nach anderem Gut als jenem, das der reinen Seele frommt, auf dass für den geeinten Geist des Lebens – dein einzig wahres Selbst – du Gut gewinnst. Es ist der Friede, den du suchen sollt, der heilige Friede, den nichts stören kann; in dessen Schutz die Seele sich entfaltet, der heiligen Blume gleich auf stillem Weiher. Und andere Herrschaft sollst du nicht begehren als jene, welche dich in der Augen des Menschen wie Nichts erscheinen lässt.

17. Suche den Weg.

18. Suche den Weg in der inneren Versenkung.

19. Suche den Weg, indem du kühn aus dir selbst heraus trittst.

20. Doch such ihn nicht in einer Richtung nur. Es dünket einer jeden Sinnesart zwar eine Richtung die versprechende. Doch Hingebung allein bahnt nicht den Weg, nicht frommes Sinnen, eifrig Vorwärtsstreben, die Arbeit nicht, die jedes Opfer fähig, und nicht des Lebens emsiges Erforschen. Vereinzelt hebt dich jedes eine Stufe, doch alle Stufen bilden erst die Leiter. Die Laster auch, besiege eins nach dem andern, sie müssen dir zu Stufen werden. Und Stufen auch sind deine Tugenden, notwendig und um keinen Preis zu missen. Doch ob des Wetters und des Windes Gunst, ob eine frohe Zukunft sie dir schaffen, sind nutzlos sie, wenn sie vereinzelt stehen. Nur wer sein ganzes Wesen weise nützt, vermag den Weg der Wahrheit zu betreten. Jeder Mensch ist schlechterdings sich selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben. Doch dann nur ist er es, wenn er stets erfasst sein ganzes Wesen, wenn er mit der Kraft des geistigen, in ihm geweckten Willens dies Wesen nicht als sein eignes Selbst betrachtet, als das Geschöpf, das er unter Mühsal zum eigenen Gebrauch sich selber schuf, mit dem er, wenn die Einsicht ihm gewachsen, das Leben einst sich zu erringen hofft, das jenseits von jedem Sondersein liegt. Erkennt er dies als Zweck des wunderbar verwobenen Sonderlebens, nur dann hat er, doch dann fürwahr hat er den Weg gefunden. Such ihn, indem du in deines Innern geheimnisvolle, wunderbare Tiefen tauchst. Such ihn durch Prüfung jeglicher Erfahrung, durch Verwenden deiner Sinne, um Bedeutung und Wachstum deines Wesens zu ergründen, um die Schönheit zu verstehen und das Dunkel der Bruderkeime göttlicher Natur, die sich neben dir emporringen, als Glieder deines eigenen Geschlechts. Suche ihn in der Erforschung der Gesetze des Seins und der Natur und des Gebiets des Überirdischen, das euch verschleiert. Suche ihn, indem du tief die Seele neigst vor jenem Stern, der dämmernd in dir strahlt. Wie du ihn stetig hütest und verehrst, wird stetig auch sein Licht erstarken. Dann hast des Weges Anfang du gefunden. Und hast sein Ende du erreicht, dann plötzlich wird sein Licht zum ewigen Lichte.

21. Erwarte das Blühen der Blume inmitten der Stille nach des Sturmesgetöse: nicht früher.
 Wohl wird sie keimen, sprießen, wachsen, wird Blatt und Zweig und Knospe bilden, noch während Sturm und Kampf dich wild umtoben. Doch nicht bevor dein ganzes Menschenwesen geschmolzen und zerronnen, nicht bevor der Gottesteil in dir, der jenes schuf, in ihm das bloße Werkzeug nur erkennt, um der Erfahrung reichen Schatz zu sammeln, und nicht bevor dein ganzes inneres Sein sich deinem höheren Selbst hat unterworfen, kann jene Blüte ihren Kelch erschließen. Dann, wie im Tropenland nach Sturm die Stille, wo die Natur mit Doppeleifer schafft, und man ihr Wirken wahrzunehmen wähnt, wird eine Ruhe sich herniedersenken auf deinen müden und gequälten Geist. Und dann inmitten dieser tiefen Stille wird das Geheimnisvolle sich ereignen, dir kündend, dass der Weg gefunden ist. Du magst es nennen, wie es gut dir gefällt. Nenne es eine Stimme, welche zu dir spricht, wo niemand ist, der sprechen kann, oder nenne es einen Boten, der zu dir gesandt, ein Bote, der nicht Stoff hat, noch Gestalt, – nenne es die Blume deiner Seele, die sich öffnet. Kein sinniges Bild vermag es dir zu schildern. Doch selbst, wenn du vom Sturme noch umbraust, kannst du danach tasten und spähen und das Sehnen deines Herzens darauf richten. Ob Augenblicke nur die Stille währe, ob Tausende von Jahren, – sie wird enden, du aber gehst gestärkt aus ihr hervor. Und stets von neuem wiederum beginnend, musst du zum Kampf schreiten und musst siegen. Denn Zwischenrasten nur kennt die Natur.
 Das dir Gegebene sind die ersten Lehren – in Stein gehauen in der Halle des Lernens. Der, welcher bittet, wird empfangen. Der, welcher wünscht zu lesen, der wird lesen. Der, welcher wünscht zu lernen, der wird lernen.

Friede sei mit dir.

Teil II

Und aus der Stille, die der Frieden ist, ertönt eine mächtige Stimme. Und diese Stimme spricht: Es ist nicht recht; du hast geerntet, säen musst du nun. Und im Bewusstsein, dass die Stimme die Stille selber ist, wirst du gehorchen.
 Der nun du zum Jünger geworden bist, der du zu sprechen und zu stehen vermagst und fähig bist zu hören und sehen, der du das Verlangen überwunden hast, der du Erkenntnis deines Selbst errungen, der Seele Blühen erschaut und erkannt, der du die Stille Stimme vernommen hast, betritt nun freien Muts die Halle des Lernens und lies, was dort für dich geschrieben steht.

1. Tritt zur Seite im kommenden Kampf, und wenn du auch streitest, sei nicht der Streiter.

2. Spähe nach dem Streiter; in dir lass ihn kämpfen.

3. Seine Weisung erwarte zum Kampf; ihr folge.

4. Gehorche ihm nicht, wie man dem Feldherrn gehorcht; gehorche ihm, als wäre er dein Selbst, und sein Befehl der Ausdruck deiner Wünsche. Fürwahr er ist dein Selbst, unendlich weiser und stärker als du. Halte nach ihm Ausschau, dass du in der Hast und Hitze des Kampfes nicht an ihm vorübereilst. Er wird dich nicht erkennen, wenn du ihn nicht erkennst. Erreicht dein Ruf sein lauschendes Ohr, dann wird er in dir kämpfen und die dumpfe Leere deines Inneren erfüllen. Wenn dies geschieht, dann kannst du mit Gleichmut, dann wirst du müdelos den Kampf bestehen: Du trittst zurück und lässt ihn für dich streiten; und keiner deiner Streiche fehlt sein Ziel. Doch spähst du nicht, eilst du an ihm vorüber, so bist du ohne Schutz; dein Herz verzagt, dein Hirn verwirrt sich dann, im Sturm und Staub des Kampfgewühls vergehen dir die Sinne, und von dem Feind kannst du den Freund nicht unterscheiden.
 Er ist dein Selbst, doch während du endlich, dem Irrtum untertan, – ist unfehlbar und ewig er. Er ist die ewige Wahrheit. Ist er einmal erst in dich eingezogen, und ist er zu deinem Streiter geworden, wird er nicht wieder ganz von dir weichen. Und an dem Tag des großen Friedens wird er mit dir zu einem verschmelzen.

5. Lausche dem Lied des Lebens.

6. Bewahre in deinem Gedächtnis die Weise, die dann dir ertönt.

7. Die Lehre des Wohlklangs erlerne daraus.

8. Du stehst nun aufrecht, fest – gleichwie der Fels, von Brandung rings umwogt – ihm gehorsam, dem Streiter, deinem König, deinem Selbst. Bleib unbeteiligt an dem Kampf, es sei den seine Weisung zu vollziehen. Sei ohne Sorge um den Ausgang des Kampfes. Nur eins ist wichtig, – dass der Streiter siegt, und, wie du weißt, ist er unüberwindlich. So warte mit kaltem Blut und wachen Sinnen und nütze dein Gehör, das du durch Leiden errungen und der Überwindung des Leides. Dein Ohr erreichen nur verirrte Klänge des großen Lieds, solange du noch Mensch bist. Doch was du hörst, bewahre treu im Sinn, dass nichts von dem Erlauschten dir entschwinde, und strebe, daraus den Inhalt zu erkennen von dem Geheimnis, das dich rings umschließt. Es kommt die Zeit an dem du keinen Lehrer brauchst. Denn stimmbegabt, gleich wie der Mensch ist es, ist auch die Welt, in der er sich bewegt. Das Leben selbst hat Sprache, kennt kein Schweigen. Sein Laut ist nicht, wie du – der Taube – wähnst, ein Schrei: es ist Gesang! Erkenne daraus, dass du von den wunderbaren Weben der Töne ein Teil bist, und lerne sein Gesetz zu befolgen und zu verstehen.

9. Prüfe mit Eifer das Leben, das dich rings umgibt.

10. Lerne die Herzen der Menschen zu lesen.

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1. Am eifrigsten prüfe das eigene Herz.

12. Denn nur durch das eigne Herz bricht das Licht, das hell das Leben dir beleuchten und deinem Blick es offenbaren kann.
 Die Herzen der Menschen suche zu ergründen, dass du die Welt verstehst, in der du lebst, und deren Teil zu sein dein Wille ist. Erforsche ernst das Leben, das beständig in wechselnder Bewegung dich umwogt, – die Herzen der Menschen sind es, die es gestalten. Wie du ihr Wesen, ihren Zweck erkennst, so wirst du allmählich auch das größere Wort des Lebens lesen lernen.

13. Die Sprache kommt nur mit dem Wissen. Erringe das Wissen, und dir wird die Sprache.

14. Bist du der inneren Sinne Herr geworden und hast der äußeren Sinne Trieb besiegt, der eignen Seele Neigung überwunden und hast du Wissen dir errungen, dann, Jünger, halte dich bereit, den Weg in Wirklichkeit nun zu betreten. Gefunden ist der Pfad, bereite dich, ihn zu beschreiten.

15. Frage die Erde, die Luft und das Wasser nach jedem Geheimnis, das sie für dich bergen. Der inneren Sinne Entfaltung gewährt die Macht dir dazu.

16. Das Heilige des Erdenrunds frage nach jedem Geheimnis, das sie dir bewahren. Der Sieg über die Begierden der äußeren Sinne gewährt dir das Recht dazu.

17. Das Innerste frage, das Eine, nach seinen letzten Geheimnissen, das dir es umschließt seit Jahrtausenden.

 Der große, schwere Kampf, die Überwindung der Wünsche deiner eignen Seele, ist eine Arbeit von Jahrtausenden. Erwarte deshalb nicht den Siegespreis, ehe du Erfahrung von Jahrtausenden gesammelt hast. Kommt dann die Zeit, wo diese letzte Lehre zur Wahrheit wird, betritt der Mensch die Schwelle, die ihn über das Menschensein hinaus hebt.

18. Das Wissen, das du nun dein eigen nennst, ist nur dein Eigentum, weil deine Seele mit allen Seelen zu Einem verschmolzen ist und mit dem Innersten Eins geworden. Es ist ein Schatz vom höchsten dir vertraut. Doch täuschst du sein Vertrauen, missbrauchst du dein Wissen, lässt du es schlummern, wo du es nützen solltest, dann ist der Sturz selbst von der erklommenen Höhe noch möglich. An der Schwelle selbst da weichen noch Erhobene zurück, unfähig, die Verantwortung zu tragen und außer stand, sich höher aufzuschwingen. Darum gedenke stets mit heiliger Furcht, mit bangem Zittern dieses Augenblicks und rüste dich im voraus zu dem Kampf.

19. Es steht geschrieben, dass es nicht Gesetz, noch Führer gibt für jenen, dessen Fuß die Schwelle zu der Göttlichkeit betritt. Doch werde zu der Klärung des Jüngers der Kampf bezeichnet durch dieses Wort:
 An dem halt fest, was sonder Stoff und Dasein.

20. Lausche nicht einer anderen Stimme als der, welche lautlos ist.

21. Trachte nur nach dem, was unsichtbar inneren wie äußeren Sinnen.

Friede sei mit dir.