Visionen der schreckenerregenden Mächte

Einleitung

Nun soll die Art und Weise dargelegt werden, wie der schreckliche Zwischenzustand erscheint. Ferner gibt es wie vorher im friedvollen Zwischenzustand sieben Abstufungen des abgründigen Pfades. Bei diesen wird der Reihe nach dem Toten zur Einsicht verholfen. Wenn er deshalb auch eine Stufe nicht erkennt, so kann er doch die Befreiung erlangen, wenn er auf der nachfolgenden Stufe zur Einsicht gelangt; das ist für ihn sehr nützlich. Obgleich auf diese Weise viele Möglichkeiten zur Befreiung bestehen, so gibt es doch zahllose Lebewesen, die durch schlechtes Karma in großer Menge, zahlreiche moralische Befleckungen, langwirkende latente Neigungen und das mechanisch sich fortsetzende Unwissen aufgerieben werden. Obwohl sie ihre üblen Neigungen nicht weiter vermehren und obwohl sie im Einzelnen zur Einsicht gebracht werden, werden sie doch nicht befreit, sondern wandern noch tiefer hinab.

Nachdem es vorüber ist, dass die Scharen der Friedvollen, der Wissensbewahrer und der Dakinis ihn empfangen wollten, werden nun flammengleich die Scharen der bluttrinkenden, schrecklichen Götter, achtundfünfzig an der Zahl, erscheinen und zwar als die Verwandlungen der früheren Scharen friedvoller Götter. Doch nun ist die Situation nicht wie vorhin, denn da dies eben der Zwischenzustand der Schreckensgottheiten ist, wird der Tote von Furcht, Angst und Schrecken überwältigt. Daher wird es schwierig sein, die Wahrheit zu erkennen. Da der Geist seiner selbst nicht mehr mächtig ist, versinkt er in Ohnmacht und Schwindelzustände. Wenn er jedoch nur ein wenig zur Einsicht gelangt, kann er leicht die Befreiung erlangen. Wieso denn? Weil der Geist keine Möglichkeit zur Zerstreuung hat, während der Tote Schrecken, Angst und Furcht erfährt, sondern er vielmehr voll gesammelt und konzentriert ist.

Wenn man in dieser Situation die früher gehörten Unterweisungen sich nicht vergegenwärtigt, so ist alles, was man je gehört hat, und sei es einem Ozean gleich, nutzlos. Selbst Äbte, die die Mönchsregeln halten, und Lehrer der Philosophie werden in dieser Situation verwirrt und erkennen die Wahrheit nicht, sondern müssen wiederum in der Wandelwelt umherirren. Um wie viel mehr ergeht es erst den geringsten der Lebewesen so, denn da sie dem Schrecken, der Angst und Furcht zu entfliehen suchen, stürzen sie in den gähnenden Abgrund der üblen Daseinsbereiche und müssen leiden.

Aber ein Yogi, der die tantrischen Lehren übt, auch wenn er einer der geringsten ist, wird, sobald er die göttlichen Scharen der Bluttrinker sieht, erkennen – gleich als ob er liebe Freunde träfe – dass sie die göttlichen Yi-dam sind, und ihnen voll vertrauen. In Identität mit ihnen geeint wird er Buddha. Hat man sich bereits in der Menschenwelt in die göttlichen Gestalten der Bluttrinker versenkt, ihnen Opferrituale (puja) und Lobpreisungen dargebracht, oder hat man zumindest von ihnen Statuen, Malereien oder Steinreliefs gesehen, so wird man sie erkennen, sobald ihre Gestalten erscheinen, und die Befreiung erlangen. Derart ist das Wesentliche der folgenden Unterweisung.

Wiederum werden die Äbte, die die Mönchsregeln halten, und die Lehrer der Philosophie, wie sehr sie sich auch in der Menschenwelt um die Übung des Dharma bemüht haben, und wie gelehrt sie auch in der Darlegung des Dharma gewesen sein mögen, doch im Tode keine wunderbaren Zeichen wie Reliquien, Reliquienkügelchen oder Aureolen hervorbringen. Denn sie hielten zu ihren Lebzeiten die tantrischen Lehren nicht im Geiste fest, sondern verachteten sie. Eben weil sie mit den tantrischen Götterscharen nicht vertraut sind, können sie diese auch nicht erkennen, wenn sie im Zwischenzustand erscheinen. Was man früher nicht schon einmal gesehen hat, das erachtet man als feindlich, wenn man es plötzlich sieht. Und weil deshalb in diesen Leuten eine ablehnende Haltung entsteht, gelangen sie in die üblen Daseinsbereiche. Aus diesem Grund bringen diejenigen, die auf das bloße Einhalten der Mönchsregeln bedacht sind, und solche wie die Philosophen, so gute Anhänger der Buddha-Lehre sie auch sein mögen, keine solchen Zeichen, wie Mumien, Reliquienkügelchen oder Aureolen usw. hervor, denn sie haben keine Übung in den tantrischen Lehren. Jedoch der geringste der Tantriker, wie grob auch zeitweise sein Benehmen gewesen sein mag, wie ungebildet er auch war, wie wenig sein Lebenswandel den Moralregeln auch entsprach, ja, selbst wenn er unfähig war, die tantrischen Lehren in die Praxis umzusetzen, so hat er doch keine falsche Ansicht und keinen Zweifel über die tantrischen Lehren, sondern verehrt sie. Allein deshalb wird er in dieser Situation die Befreiung erlangen.

Auch wenn er in der Menschenwelt keinen entsprechenden Lebenswandel führte, so zeigt er doch im Sterben die verschiedenen Zeichen wie eine Mumie, Reliquienkügelchen, göttliche Gestalten und Aureolen etc. So erweist sich der Segen der tantrischen Lehren. Jedoch mittelmäßige und die sie übertreffenden Yogis der tantrischen Lehren, die über Entfaltung und Vollendung der göttlichen Personen meditierten, die das Hauptmantra rezitierten usw., d. h. die die tantrischen Lehren praktizierten, brauchen vom Zwischenzustand des Wahren Seins aus nicht mehr weiter hinab zu wandern. Denn sobald ihr Atem versiegt ist, werden die Wissensbewahrer, Heroen, Dakini usw., sie in den Bereich des Reinen Himmlischen Wandels geleiten.

Unter diesen Zeichen ist, dass der Himmel blank und rein wird, dass Regenbogen und Licht intensiv strahlen, dass Blumen herabregnen, Weihrauch duftet und aus dem Äther Musik erklingt, sowie dass bei den Bestattungsfeierlichkeiten Licht, Mumien, Reliquienkügelchen und göttliche Gestalten erscheinen. Dies sind die Zeichen!

Aus diesem Grunde sind die, die sich bloß an die Mönchsregeln halten, die Lehrer der Philosophie und die Tantriker, die ihre Gelübde nicht bewahrten, sowie auch alle geringen Lebewesen ohne die Große Befreiung durch Hören ohne jedes Hilfsmittel. Die Mystiker jedoch, die über die Große Vollendung und das Große Siegel usw. meditierten, erkennen wahrlich das Urlicht im Zwischenzustand des Todes, so dass sie den Zustand des Wahren Seins erlangen und des Vorlesens der Großen Befreiung durch Hören nicht bedürfen.

Ferner: Wenn man im Zwischenzustand des Todes das Urlicht wahrlich erkennt, dann erlangt man den Zustand des Wahren Seins. Erkennt man im Zwischenzustand des Wahren Seins die Wahrheit, zurzeit, da die friedvollen und schrecklichen Erscheinungen auftreten, erreicht man den Zustand vollkommenen spirituellen Mitteilens. Erkennt man im Zwischenzustand des Werdens die Wahrheit, erlangt man den Zustand des Wirkenden Seins, und man wird in paradiesischen Umständen wiedergeboren, wo sie dieser Lehre wiederbegegnen werden. Und da die günstigen Folgen des Karma im nächsten Leben eintreten, deshalb ist diese Befreiung durch Hören eine Lehre, die ohne Meditation zur Erleuchtung führt, eine Lehre, die durch bloßes Hören zur Befreiung führt, eine Lehre, die den Verblendeten auf den mystischen Weg führt, eine Lehre, die in einem einzigen Augenblick zur Einsicht verhilft. Sie ist eine so tiefsinnige Lehre, dass sie in einem einzigen Augenblick zur vollkommenen Erleuchtung führt.

Es ist unmöglich, dass Lebewesen, die mit dieser Lehre vertraut sind, in üble Lebensbereiche gelangen. Da der Lama diese Befreiung durch Hören und den Text die Befreiung durch das Anbringen von Amuletten liest, so gleicht dies einem goldenen Mandala, das mit Türkisen verziert ist. Deshalb soll man beide Anweisungen lesen:

Da nun auf diese Weise gezeigt wurde, wie dringend nötig die Befreiung durch Hören ist, soll man nun dem Toten zur Einsicht verhelfen, wie der Zwischenzustand der schrecklichen Gottheiten aufsteigt.

Wiederum rufe man den Toten dreimal bei seinem Namen und spreche:

Vision des Buddha Heruka

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Da du nicht zur Einsicht gelangtest, als vorher dir der friedvolle Zwischenzustand aufstieg, musstest du nun bis hierher wandern. Nun werden dir am achten Tag die göttlichen Scharen der schrecklichen Bluttrinker aufsteigen. Sei nicht zerstreut, sondern erkenne sie doch in Wahrheit!

Sohn der Edlen, dir wird nun erscheinen, was als der Glanzvolle Buddha-Heruka bekannt ist. Er ist von dunkelbrauner Körperfarbe, hat drei Häupter, sechs Arme und vier Beine. Das rechte Antlitz ist weiß, das linke rot und das mittlere dunkelbraun. Sein Leib strahlt als eine Masse von Licht. Seine neun Augen schauen mit einem furchterregenden Blick in deine Augen; seine Augenbrauen zucken wie Blitze; seine Eckzähne blitzen wie Kupfer. A-la-la und ha-ha dröhnt sein lautes Gelächter. Ein zischendes Geräusch, wie sha-u gibt er von sich. Sein gelb-rotes Haupthaar sträubt sich empor wie Flammen. Sonne und Mond sowie Totenschädel krönen seine Häupter. Schwarze Schlangen und frische Schädel zieren seinen Leib. Von seinen sechs Armen hält die rechte erste Hand ein Rad, die mittlere eine Streitaxt, die letzte ein Schwert, und von den linken Armen hält die erste Hand eine Glocke, die mittlere eine Schale und die letzte eine Pflugschar.

Die göttliche Mutter Buddha-Krodheshvari umschlingt den Leib des göttlichen Vaters, und ihre Rechte umarmt den Nacken des göttlichen Vaters, wogegen ihre Linke eine Schädelschale voll Blut seinem Munde darreicht. Er stößt kehlige Laute aus, grelle Schreie und gleich Donner grollende Töne. Seine Körperhaare, eigentlich lodernde Vajras, sind gesträubt, und Flammen der Urweisheit umzucken ihn. Auf einem von Garuda gestützten Thron steht er mit einem gestreckten und einem abgewinkelten Beinpaar. Aus der Mitte deines eigenen Hirns entsteigt dieser Buddha-Heruka und erscheint vor dir in eben dieser Art. Fürchte ihn nicht, habe keine Angst vor ihm! Erkenne in ihm doch das Wesen deiner Geist-Natur! Da er dein göttlicher Yi-dam ist, fürchte ihn nicht! Da dieser Buddha-Heruka in Wahrheit der erhabene Vairocana, als göttliches Paar, ist, habe keine Angst! Wenn du dies wahrlich erkennst, wirst du im selben Augenblick befreit!

Vision des Vajra-Heruka

Da dies ausgesprochen wird, wird der Tote die Erscheinung als seinen göttlichen Yi-dam erkennen und mit ihm eins werden. Damit wird er zum Seinszustand vollkommenen spirituellen Mitteilens erwachen. Erhebt sich in ihm jedoch Abscheu und Angst und trachtet er zu fliehen, dann wird er die Wahrheit nicht erkennen, und so kommen am neunten Tag die bluttrinkenden Gottheiten der Vajra-Ordnung, um ihn zu empfangen.

Deshalb gilt es, ihm zur Einsicht zu verhelfen. Man rufe den Toten bei seinem Namen und spreche:

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Am neunten Tag erscheint dir der, den man den Erhabenen Vajra-Heruka aus der Vajra-Ordnung der bluttrinkenden Gottheiten nennt. Er ist von blauschwarzer Körperfarbe, hat drei Häupter, sechs Arme und vier gespreizte Beine. Das rechte Haupt ist weiß, das linke rot, das mittlere bläulich. In der ersten der rechten Hände hält er einen Vajra, in der mittleren eine Schale und in der letzten eine Streitaxt. In der ersten der linken Hände hält er eine Glocke, in der mittleren eine Schale, und in der letzten eine Pflugschar.

Die göttliche Mutter Vajra-Krodheshvari umfasst den Leib des göttlichen Vaters, ihre Rechte umschlingt seinen Hals, während ihre Linke seinem Munde eine Schädelschale voll Blut darreicht. Diese Erscheinung tritt aus dem östlichen Teil deines Gehirns hervor, so dass sie dir vor Augen steht. Habe keine Angst davor, fürchte dich nicht, wehre ihr nicht! Erkenne doch in ihr das Wesen deiner Geist-Natur! Da dies doch dein göttlicher Yi-dam ist, fürchte ihn nicht! In Wahrheit ist es doch der Erhabene Vajrasattva, als Paar zusammen mit der göttlichen Mutter, deshalb verehre sie mit Inbrunst! Wenn du sie wahrlich erkennst, wirst du gleichzeitig die Befreiung erlangen!

Aufgrund dieser Worte wird der Tote die Erscheinungen als seinen göttlichen Yi-dam erkennen und mit ihm in eins verschmelzen. Damit wird er zu einem Buddha im Zustand vollkommenen, spirituellen Mitteilens.

Vision des Ratna-Heruka

Erwächst in ihm jedoch wiederum Ablehnung und Angst aufgrund der großen Verblendung seines Karmas und sucht er zu fliehen, dann gelangt er nicht zur Einsicht. Wiederum kommen die bluttrinkenden Götter der Ratna-Ordnung am zehnten Tage herbei, um ihn zu empfangen.

Deshalb gilt es wiederum, ihm zur Einsicht zu verhelfen. Man rufe den Toten bei seinem Namen und spreche:

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Am zehnten Tag erscheint dir der, den man den Erhabenen Ratna Heruka aus der Ratna-Ordnung der bluttrinkenden Gottheiten nennt. Seine Körperfarbe ist dunkelgelb. Er hat drei Häupter, sechs Arme und vier gespreizte Beine. Das rechte Haupt ist weiß, das linke rot, das mittlere dunkelgelb flammend. Von seinen sechs Händen hält die erste Rechte ein Juwel, die mittlere einen Khatvanga, die letzte eine Keule; die erste der Linken hält eine Glocke, die mittlere eine Schale und die letzte einen Dreizack.

Die göttliche Mutter Ratna-Krodheshvari umfasst den Leib des göttlichen Vaters, und ihre Rechte umschlingt seinen Nacken, während ihre Linke seinem Mund eine Schädelschale voll Blut darbietet. Diese Erscheinung steigt aus dem südlichen Teil deines eigenen Gehirns auf, deshalb fürchte sie nicht, habe keine Angst davor, wehre dich ihrer nicht! Erkenne doch, dass in ihr das Wesen deiner Geist-Natur ist! Da es doch dein göttlicher Yi-dam ist, fürchte ihn nicht! Da es doch in Wahrheit der Erhabene Ratnasambhava ist, mit der göttlichen Mutter zum Paar geeint, verehre sie voll Inbrunst! Erkennst du dies wahrlich, dann erlangst du zur gleichen Zeit die Befreiung!

Da dies gesprochen wird, wird der Tote die Erscheinung als seinen göttlichen Yi-dam erkennen, in eins mit ihm verschmelzen und ein Buddha werden.

Vision des Padma-Heruka

Wenn er jedoch wegen seiner üblen Neigungen weiter fortgerissen wird, obwohl ihm zur Einsicht verholfen wurde, und in ihm Ablehnung und Angst entstehen, so dass er die Erscheinungen fliehen will, dann kann er sie nicht als seinen göttlichen Yi-dam erkennen. Und wenn er den Todesgott Yama erblickt, kann er ihn nicht erkennen. So erscheinen denn auch am elften Tag die bluttrinkenden Gottheiten der Padma-Ordnung, um ihn zu empfangen.

Deshalb soll man ihm wiederum zur Einsicht verhelfen. Man rufe den Toten bei seinem Namen und spreche:

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Am elften Tag erscheint dir der, den man den Erhabenen Padma-Heruka aus der Padma-Ordnung der bluttrinkenden Gottheiten nennt. Er ist von dunkelroter Körperfarbe, hat drei Häupter, sechs Arme und vier gespreizte Beine. Das rechte Haupt ist weiß, das linke blau, das mittlere dunkelrot. Von den sechs Händen hält die erste der Rechten einen Lotos, die mittlere einen Khatvanga, die letzte einen Stock, die erste der Linken eine Glocke, die mittlere eine Schale voll Blut, die letzte eine kleine Trommel.

Die göttliche Mutter Padma-Krodheshari umfasst seinen Leib, und während ihre Rechte seinen Hals umschlingt, reicht ihre Linke seinem Mund eine Muschelschale mit Blut dar. Der göttliche Vater, von Angesicht zu Angesicht mit der göttlichen Mutter vereint, tritt aus dem westlichen Bereich deines eigenen Gehirns hervor und erscheint dir so. Deshalb fürchte dich nicht davor, habe keine Angst, wehre ihm nicht, erinnere dich doch! Erkenne ihn doch als das Wesen deiner Geist-Natur! Da er doch dein göttlicher Yi-dam ist, habe keine Furcht vor ihm, habe keine Angst! In Wahrheit ist er der Erhabene Amitabha mit der göttlichen Mutter zum Paar vereint, verehre sie daher! Erkennst du dies wahrlich, dann erlangst du zur selben Zeit die Befreiung!

Bei diesen Worten wird der Tote die Erscheinungen als seinen göttlichen Yi-dam erkennen, mit ihm in eins verschmelzen und zu einem Buddha werden.

Vision des Karma-Heruka

Wenn er jedoch, obgleich ihm zur Einsicht verholfen wurde, eben wegen seiner üblen Neigungen weiter fortgerissen wird und in ihm Hass und Angst erwachsen, so dass er die Erscheinungen zu fliehen sucht, dann kann er sie nicht als seinen göttlichen Yi-dam erkennen. Deshalb kommen am zwölften Tag die göttlichen Scharen der Bluttrinker aus der Karma-Ordnung, sowie die Gaurima, Taminma, Wangtschukma, um ihn zu empfangen. Und während er ihre wahre Natur nicht erkennt, steigt Furcht in ihm auf.

Deshalb verhelfe man ihm zur Einsicht. Man rufe den Toten bei seinem Namen und spreche:

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Zurzeit, da nun der zwölfte Tag gekommen ist, erscheint dir nun der, den man den Karma-Heruka aus der Karma-Ordnung der bluttrinkenden Götter nennt. Er hat eine dunkelgrüne Körperfarbe, drei Häupter, sechs Arme, vier gespreizte Beine. Das rechte Haupt ist weiß, das linke rot, das mittlere dunkelgrün und von kampfgierigem Ausdruck. Von seinen sechs Händen hält die vorderste der Rechten ein Schwert, die mittlere einen Khatvanga, die hinterste einen Stock, die vorderste der Linken hält eine Glocke, die mittlere eine Schale, die hinterste eine Pflugschar.

Die göttliche Mutter Karma-Krodheshari umfasst den Leib des göttlichen Vaters, und während ihre Rechte seinen Hals umschlingt, bietet ihre Linke seinem Mund eine Muschelschale voll Blut dar. Von Angesicht zu Angesicht zum Paar vereint, treten sie unmittelbar aus dem nördlichen Teil deines Gehirns hervor und erscheinen dir. Davor habe keine Angst, fürchte dich nicht, wehre dich nicht! Erkenne doch, dass dies das Wesen deiner Geist-Natur ist. Da dies dein göttlicher Yi-dam ist, habe keine Furcht davor! Denn in Wahrheit sind diese Erscheinungen doch der Erhabene Amoghasiddhi zusammen mit der göttlichen Mutter als Paar vereint. Voll Verehrung und Inbrunst sehne dich danach! Das Erkennen und die Befreiung erfolgt sogleich!

Da dies gesprochen wird, wird der Tote die Erscheinungen als seinen göttlichen Yi-dam erkennen, mit ihm in eins verschmelzen und Buddha werden. Wenn man aufgrund der Unterweisung durch den Lama diese Erscheinungen als das ureigene Vermögen der eigenen Geist-Natur erkannt hat, dann ist dies, wie wenn man beispielsweise von der Furcht beim Anblick eines ausgestopften Löwen befreit würde. Wenn man nicht bedenkt, wie dieser ausgestopfte Löwe in Wahrheit beschaffen ist, dann befallen einen Furcht und Schrecken.
Bringt aber ein anderer Mensch ihn zur Einsicht, wie es sich denn nun wirklich verhält, dann ist er sehr erstaunt und fürchtet sich nicht mehr. Ähnlich ist es, wenn die göttlichen Scharen der Bluttrinker mit mächtigen Leibern, groben Gliedern, so dass sie schier Himmel und Erde erfüllen, erscheinen und man darob in Angst und Schrecken versetzt wird. Sobald der Lama einem zur Einsicht verholfen hat, erkennt man diese Erscheinungen als Erscheinungen der eigenen Natur oder als die göttlichen Yi-dam und identifiziert das früher in der Meditation geschaute Urlicht – vergleichbar einer Mutter – mit dem, einem Kinde vergleichbaren, später erschienenen Urlicht, das in sich selbst besteht. Wie wenn ein Mensch einen alten Freund wiedertrifft, so wird man selbst befreit, wenn einem selbst die Natur dieses Selbst aufgeht: Dies ist die eigene Geist-Natur, das ureigene Licht, die ureigene Befreiung.

Vision der acht Ma-mo und anderer weiblicher Gottheiten

Verhilft einem jedoch niemand zur Einsicht, dann muss man, auch wenn man klug ist, wiederum zurückweichen und in der Wandelwelt umherirren.
Dann werden die acht schrecklichen Gauri und Tamenma, deren Köpfe die verschiedensten Formen widerspiegeln, aus der Mitte des eigenen Gehirns hervor- und einem selbst entgegentreten.

Deshalb nun die Hilfe zur Einsicht. Man rufe den Toten bei seinem Namen und spreche:

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Aus dem Inneren deines Gehirns kommen die acht Gauri Ma-mo hervor und treten als Erscheinungen dir gegenüber. Fürchte dich nicht vor ihnen.
Aus dem östlichen Teil deines Gehirns tritt dir die weiße Gaurima entgegen. In der Rechten hält sie eine getrocknete Leiche als Keule, in der Linken eine Schale voll Blut. Fürchte dich nicht!
Aus dem südlichen Teil deines Gehirns erscheint die gelbe Gauri, die einen Pfeil auf den Bogen eingelegt hält.
Aus dem westlichen Teil erscheint die rote Tamo, die das Banner der Seeungeheuer trägt.
Aus dem nördlichen Teil erscheint die schwarze Vetali, die einen Vajra und eine mit Blut gefüllte Schale hält.
Aus dem südöstlichen Teil erscheint die rot-gelbe Pukhasi, die in ihrer Rechten Gedärme hält und sie mit der Linken zum Munde führt.
Aus dem südwestlichen Teil erscheint die dunkelgrüne Ghasmari, die mit der Linken eine mit Blut gefüllte Schale zum Munde führt, während die Rechte darin mit einem Vajra umrührt.
Aus dem nordwestlichen Teil erscheint die gelbliche Candali, die einen Kopf vom Rumpf reißt, während sie mit der Rechten ein Herz hält und mit der Linken den Körper verschlingt.
Aus dem nordöstlichen Teil erscheint die bläuliche Shmashani, die den Kopf einer Leiche vom Rumpf trennt und ihn verzehrt.
Diese acht Gauri Ma-mo der Himmelsrichtungen umkreisen die fünf göttlichen Väter der Bluttrinker und entspringen doch deinem eigenen Gehirn und treten dir selbst als Erscheinungen entgegen! Fürchte dich nicht davor!

Sohn der Edlen, höre ohne Zerstreuung zu! Aus dem äußeren Kreis des Gehirns werden danach die acht Tamenma der Örtlichkeit hervorkommen und als Erscheinungen dir gegenübertreten.
Aus dem Osten erscheint die dunkelblaue Simhamukha, die löwenköpfige. Beide Arme kreuzt sie vor der Brust, und im Munde trägt sie eine Leiche, während sie ihre Mähne schüttelt.
Aus dem Süden erscheint die rote Vyaghrimukha, die tigerköpfige mit abwärts gerichteten Armen, starrem Blick und gebleckten Zähnen.
Aus dem Westen erscheint die schwarze Shrngalamukha, die fuchsköpfige, in der Rechten ein Rasiermesser haltend und in der Linken Gedärme, die sie verschlingt, und dabei leckt sie Blut auf.
Aus dem Norden erscheint die dunkelblaue Shvanamukha, die wolfsköpfige, mit beiden Händen hält sie eine Leiche im Mund und schaut starren Blicks darauf.
Aus dem Südosten erscheint die weiß-gelbe Grdhramukha, die geierköpfige. Über der Schulter trägt sie eine Leiche, und in der Hand hält sie ein Skelett.
Aus dem Südwesten erscheint die dunkelrote Kankamukha, mit dem Kopf eines Milan, eine Leiche auf der Schulter tragend.
Aus dem Nordwesten erscheint die schwarze Kakamukha, die rabenköpfige. In der Linken hält sie eine Schädelschale, und in der Rechten schwingt sie ein Schwert, während sie Herz und Lunge verzehrt.
Aus dem Nordosten erscheint die dunkelblaue Ulumukha, die eulenköpfige. In der Rechten einen Vajra haltend, in der Linken ein Schwert schwingend, während sie Fleisch verzehrt.

Auch diese acht Tamenma der Örtlichkeit, die die fünf göttlichen Väter der Bluttrinker umkreisen, entspringen dem Inneren deines Gehirns und treten als Erscheinungen dir gegenüber. Fürchte dich nicht davor! Was immer dir auch erscheint, erkenne es doch als die Kraft deiner Geist-Natur, als die Erscheinung deiner selbst!

Sohn der Edlen, wenn nun die vier Torhüterinnen aus dem Inneren deines Gehirns hervortreten und dir als Erscheinung begegnen, dann erkenne doch ihre Natur!

Aus dem östlichen Teil deines Gehirns tritt die weiße Ankusha, die pferdeköpfige, die in der Linken eine Schale voll Blut hält, hervor und erscheint dir. Aus dem südlichen Teil deines Gehirns tritt die gelbe Pagdongma, die schweinsköpfige, hervor, die eine Schlinge hält; aus dem Westen die rote Sengdongma, die löwenköpfige, die eine Eisenkette hält; aus dem Norden die grüne Düldongma, die schlangenköpfige, die eine Glocke hält. So entspringen die vier Torhüterinnen deinem eigenen Gehirn und begegnen dir als Erscheinungen. Erkenne doch, dass sie die göttlichen Yidam sind!

Sohn der Edlen, als äußerer Kreis um die dreißig schrecklichen Heruka-Gottheiten treten die achtundzwanzig machtvollen Gottheiten aus dem Inneren deines Gehirns hervor. Sie haben verschiedenförmige Köpfe und halten verschiedene Waffen in Händen. So begegnen sie dir als Erscheinungen. Habe keine Angst davor, denn was auch immer dir erscheinen mag, du musst es als das Vermögen deiner Geist-Natur, als die Erscheinung deiner selbst erkennen! Jetzt ist die Zeit gekommen, um das Wichtigste zu verhindern nämlich den Eintritt in eine neue Geburt, deshalb vergegenwärtige dir die Unterweisung deines Lama!

Sohn der Edlen, aus dem Osten erscheint die dunkelblaue Rakshasi mit einem Yak-Kopf, in der Hand einen Vajra haltend; die rotgelbe Brahmi mit einem Schlangenkopf und einem Lotos in der Hand; die dunkelgrüne Mahädevi mit einem Leopardenkopf und einen Dreizack in der Hand; die blaue Vaishnavi mit einem Wieselkopf und einem Rad in der Hand; die rote Kumari mit dem Kopf eines Schneebären und einer Lanze in der Hand; die weiße Indrani mit einem Bärenkopf und einer Schlinge von Gedärmen in der Hand. Sie entspringen aus dem Inneren deines Gehirns die sechs Yogini des Ostens und treten als Erscheinungen dir gegenüber. Habe keine Angst vor ihnen!

Sohn der Edlen, aus dem Süden erscheint die gelbe Vajri mit einem Schweinskopf und einem Rasiermesser in der Hand; die rote Shanti mit dem Kopf eines Seeungeheuers und einer Flasche geweihten Wassers in der Hand; die rote Amrta mit dem Kopf eines Skorpions und einem Lotos in der Hand; die weiße Candra mit einem Falkenkopf und einem Vajra in der Hand; die dunkelgrüne Danda mit einem Fuchskopf und einem Stock in der Hand; die dunkelgelbe Rakshasi mit einem Tigerkopf und einer Schädelschale voll Blut in der Hand. So entspringen aus dem Inneren deines Gehirns die sechs Yogini des Südens und erscheinen dir! Habe keine Angst vor ihnen!

Sohn der Edlen, aus dem Westen erscheinen die dunkel-grüne Verschlingerin mit einem Geierkopf und einer Keule in der Hand; die rote Feurige mit einem Pferdekopf und einem Rumpf in der Hand; die weiße Kraftvolle mit einem Garuda-Kopf und einem Stock in der Hand; die rote Rakshasi mit dem Hundekopf und einem Vajra-Hackmesser in der Hand, womit sie Leichen zerteilt; die rote Begehrliche mit dem Kopf eines Wiedehopfs und in der Hand schussbereit Pfeil und Bogen haltend; die rot-grüne JuwelenSchützerin mit dem Hirschkopf und einer Flasche für geweihtes Wasser in der Hand. Aus dem Inneren deines Gehirns entspringen diese sechs Yogini des Westens und erscheinen vor dir. Vor ihnen fürchte dich nicht!

Sohn der Edlen, aus dem Norden erscheinen dir die blaue Vayudevi (Windgöttin) mit dem Wolfskopf in der Hand und eine Flagge schwenkend; die rote Nari mit dem Kopf eines Steinbocks und einem Pfahl in der Hand; die schwarze Varahi (Wildsau) mit dem Schweinskopf und einer Schlinge aus Fangzähnen in der Hand; die rote Vajri mit einem Krähenkopf und einer Kinderleiche in der Hand; die dunkelgrüne Großnasige mit dem Elefantenkopf und in der Hand eine große Leiche haltend, deren Blut sie schlürft; die blaue Wassergöttin mit dem Schlangenkopf und in der Hand eine Schlinge aus Schlangenkörpern. Diese sechs Yoginis des Nordens entspringen dem Inneren deines Gehirns und erscheinen vor dir. Habe keine Angst vor ihnen!

Sohn der Edlen, diese Yoginis, die die Vier Tore des Mandalas, das sich im Gehirn befindet bewachen, sind eben dem Inneren deines Gehirns entsprungen und erscheinen vor dir. Aus dem Osten erscheint die weiße Vajri mit dem Kopf eines Kuckucks und einem Rettungshaken in der Hand; aus dem Süden die gelbe Vajri mit dem Ziegenkopf und einer Schlinge in der Hand; aus dem Westen die rote Vajri mit dem Löwenkopf und einer Eisenkette in der Hand; aus dem Norden die dunkelgrüne Vajri mit dem Schlangenkopf und einer Glocke in der Hand. Diese vier Torhüterinnen, die Yoginis, entspringen dem Inneren deines Gehirns und erscheinen vor dir. Erkenne doch, dass diese achtundzwanzig machtvollen Gottheiten wie auch die schrecklichen Herukas kraft ihrer spontanen Persönlichkeit dir als Erscheinungen aufgehen.

Sohn der Edlen, das Wahre Sein wird für dich in den friedvollen göttlichen Wesenheiten sichtbar, da sie teil an der Leere haben. Dies erkenne doch!
Der Seinszustand spirituellen Mitteilens wird aus seiner Teilhabe an der Lichthaftigkeit aller Phänomene als die göttlichen Wesenheiten des Schreckens sichtbar, deshalb erkenne dies doch!

Wenn die göttlichen Scharen der achtundfünfzig Bluttrinker aus dem Inneren deines Gehirns entspringen und vor dir erscheinen und du zu dieser Zeit erkennst, dass alles, was immer dir erscheint, eben darin sichtbar wird aufgrund der ureigenen Ausstrahlung deiner inneren Geist-Natur, dann wirst du just in diesem Augenblick eins mit der Schar dieser Bluttrinker und ein Buddha.

Abschließende Anweisungen

Wenn du aber nicht in dieser Weise zur Einsicht gelangst, sondern Angst vor diesen Erscheinungen hast und sie zu fliehen suchst, dann wird das Leid sich erneut verstärken, und du musst weiter hinab wandern. Wenn du also nicht zur Einsicht gelangt bist, dann wirst du alle göttlichen Scharen der Bluttrinker als den Todesgott Yarna erblicken und vor den Göttern der Bluttrinker Angst haben, Furcht und Schrecken empfinden, von Sinnen kommen. Deine eigenen Erscheinungen werden dir zu einem Teufel (Mara), und du musst weiter in der Wandelwelt umherirren. Hast du jedoch keine Furcht oder Angst, dann brauchst du nicht in der Wandelwelt umherirren.

Sohn der Edlen, auch wenn die größten der friedvollen sowie der schrecklichen Gestalten so hoch und weit wie der Himmel, die mittleren gleich dem Weltberg Meru und die kleinsten sogar achtzehnmal größer als dein eigener Körper sind, so habe doch keine Angst vor ihnen!

Alle Phänomene, wie immer sie beschaffen sind, werden dir als Licht und göttliche Personen erscheinen. Erkennst du, dass alle Phänomene, die dir als Licht und göttliche Personen erscheinen, die ureigene Ausstrahlung deiner eigenen Geist-Natur sind, dann wird diese ureigene Ausstrahlung, das ureigene Licht und die göttlichen Personen in eins verschmelzen, und du bist Buddha.

O Sohn, erkenne doch, dass alle Phänomene, die du wahrnimmst, auch wenn dich Furcht, Angst und Schrecken ankommen, eine Erscheinung deiner selbst sind! Erkenne doch das Licht als die ureigene Ausstrahlung deiner Geist-Natur! Wenn du auf diese Weise zur Einsicht gelangst, dann wirst du ohne allen Zweifel zur selben Zeit erleuchtet. In einem einzigen Augenblick wird man Buddha sein! So heißt es, und es wird nun geschehen! Vergegenwärtige dir dies!

Sohn der Edlen, wenn du dies nicht selbst erkennst, sondern dich fürchtest, dann werden die friedvollen göttlichen Gestalten dir als die Person des schwarzen Schützers (Mahakala) erscheinen. Die göttlichen Gestalten der Schrecklichen allesamt werden dir als die Gestalt des Gesetzeskönigs Yama (des Todesgottes) erscheinen. So werden deine eigenen Erscheinungen für dich zu einem Teufel (Mara), und du musst in der Wandelwelt umherirren.

Sohn der Edlen, wenn du deine eigenen Erscheinungen nicht als solche wahrlich erkennst, wirst du kein Buddha, auch wenn du alle Verkündigungen, Sutren und Tantras kennst und während eines ganzen Weltzeitalters den Dharma übtest. Wenn du aber die Natur deiner eigenen Erscheinungen erkennst, dann wirst du auf der Stelle in einem Augenblick Buddha.

Wenn du aber deine eigenen Erscheinungen nicht erkennst, dann wird, kaum dass du gestorben bist, die Gestalt des Gesetzeskönigs, nämlich Yama, der Todesgott, bereits im Zwischenzustand des Wahren Seins erscheinen. Die größten Gestalten des Gesetzeskönigs Yama sind dem Himmel vergleichbar, die mittleren sind gleich dem Berg Meru, der die ganze Welt erfüllt.
So erscheinen sie: Mit bleckenden Zähnen beißen sie auf ihre Lippen; ihr Blick ist wie von Glas; ihr Haar ist am Scheitel aufgebunden; ihre Bäuche sind dick, ihr Hals dünn; in der Hand schwingen sie den Kerbstock und mit Schreien wie „Schlage! Töte!“ schlürfen sie das Gehirn der Gerichteten, trennen die Köpfe vom Rumpf und reißen die Eingeweide heraus. So füllen sie die Welt aus.

Sohn der Edlen, wenn die Zeit kommt, da dir solches erscheint, dann habe weder Angst noch Furcht! Da du ein Geist-Wesen bist, das durch seine latenten Neigungen bestimmt ist, kannst du nicht wirklich sterben, auch wenn du getötet oder zerhackt werden solltest. In Wahrheit besteht deine Gestalt in der Leere, so dass du dich nicht zu ängstigen oder zu fürchten brauchst. Denn da auch alle Gestalten des Todesgottes die eigene Ausstrahlung deiner ureigenen Geist-Natur sind, ist nichts an ihnen, was aus Materie gewirkt wäre. Denn Leere kann der Leere nichts anhaben! Es gibt eine unumstößliche Tatsache, dass nur im Kraftfeld deiner Geist-Natur die äußerlich Friedvollen, Schrecklichen, die Bluttrinker, die mit verschiedenen Köpfen, die Aureolen, die schrecklichen Gestalten des Todesgottes etc. erscheinen, aber jeder Substanz entbehren.

Wenn du dies erkennst, dann ist der Angst und Furcht jeder Boden entzogen, und du wirst mit dem Urgrund des Seins in Eins verschmelzen und ein Buddha werden. Wenn du dies erkennst, dann sind die Erscheinungen eben die göttlichen Yi-dam.

Voll Verehrung und Hingabe denke: Sie sind gekommen, um mich aus den abgründigen Pfaden des Zwischenzustands zu geleiten. Zu ihnen nehme ich Zuflucht!

Vergegenwärtige dir die Drei Kostbarkeiten! Was auch immer die Yi-dam sein mögen, vergegenwärtige sie dir! Rufe sie beim Namen! Flehe sie an: Kostbare, göttliche Yi-dam! Während ich im Zwischenzustand umherirren muss, helft mir doch! Habt Mitleid mit mir!

Rufe deinen Lama beim Namen und flehe ihn an: Während ich im Zwischenzustand umherirren muss, hilf mir doch! Lass nicht nach in deinem Mitleid!

Die göttlichen Scharen der Bluttrinker flehe voll Verehrung an und sprich dieses Gebet: Wehe! Zurzeit, da ich aufgrund der Menge meiner üblen Neigungen im Zwischenzustand umherirren muss, mögt ihr, göttliche Scharen der friedvollen und bluttrinkenden Wesenheiten, mich auf den rechten Weg, den Weg zum Lichte führen, der alle Angst, Schrecken und Entsetzen vertreibt! Die Scharen der schrecklichen Göttinnen, die Herrinnen der Sphäre des Wahren Seins mögen mir von hinten beistehen! Ich flehe euch an, mich aus dem abgründigen Pfad des schrecklichen Zwischenzustands zu erretten und mich zum Zustand eines wahren, vollendeten Buddhas zu geleiten! Meiner lieben Freunde beraubt, muss ich einsam umherirren. Zurzeit, da mir die leeren Spiegelbilder meiner eigenen Erscheinungen aufsteigen, möge durch das überfließende Mitleid der Buddhas Angst und Schrecken im furchtbaren Zwischenzustand nicht aufkommen. Da das reine Licht der Urweisheit fünffach erstrahlt, möge ich selbst ohne Furcht und Schrecken zur Einsicht gelangen! Da die Bilder der friedvollen und schrecklichen Wesenheiten mir erscheinen, möge ich, vertrauensvoll und ohne Furcht, den Zwischenzustand erkennen. Da ich durch mein übles Karma Leid erfahren muss, mögen die göttlichen Yi-dam mir das Leid wegnehmen! Da der ureigene Schall des Seins-an-sich gleich tausendfachem Donner hallt, möge nur alles zum sechssilbigen Gebet sich wandeln! Da ich schutzlos nun meinem Karma folgen muss, bitte ich den Großen Mitleidsvollen (Avalokiteshara), mir Zuflucht zu sein! Da ich das Leid jener Taten, die durch meine üblen Neigungen bedingt wurden, erfahre, möge mir das Licht der Versenkung erscheinen. Die Bereiche der fünf Elemente mögen mir nicht feindlich sein, möge ich vielmehr die Seligen Gefilde der Buddhas der fünf spirituellen Ordnungen schauen!

Mit diesen Worten bete voll Verehrung und Hingabe! Nachdem all dies Schreckliche und Furchtbare verschwunden ist, ist es von großer Wichtigkeit, dass du nicht zerstreut bist, da du doch ganz gewiss zu einem Buddha des vollkommenen spirituellen Mitteilens wirst.

Dies erkläre man dem Toten an die drei- bis fünfmal. Wie schwer auch die Verblendungen, wie übel auch die Auswirkungen früheren Karmas sein mögen, so ist es doch unmöglich, dadurch nicht befreit zu werden. Wenn jedoch einige nicht zur Einsicht gelangen, obgleich so viel für sie getan wurde, dann müssen sie in den dritten Seinszustand, den des Werdens, wandern. Deshalb wird ihnen im Einzelnen zur Einsicht verholfen.

Im Allgemeinen gilt, wie groß oder gering auch die religiöse Praxis früher gewesen sein mag, so kommt es doch häufig vor, dass man im Sterben zumindest etwas verwirrt wird. Dann gibt es ohne diese Befreiung durch Hören kein Hilfsmittel zur Erlösung. Wenn bei denen, die zu Lebzeiten viel meditiert haben, Geist und Körper sich trennen, dann gewinnen sie einen Zugang zum Sein-an-sich.

Diejenigen, die zu Lebzeiten ihre innere Geist-Natur erkannt haben und über entsprechend reiche spirituelle Übung verfügen, werden eine große Kraft bekommen, wenn ihnen während des Zwischenzustands der Todesstunde das Urlicht erscheint. Aus diesem Grund ist die spirituelle Übung zu Lebzeiten äußerst wichtig. Auch denen, die zu Lebzeiten die Entfaltung und Vollendung der tantrischen Götter geübt haben, wird – zur Zeit des Zwischenzustands des Wahren Seins, da ihnen die friedvollen und schrecklichen Erscheinungen aufgehen – eine große Kraft erwachsen.

Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, dass man zu Lebzeiten diese Befreiung durch Hören im Zwischenzustand sich bewusst mache. Dies präge man sich ein, man beherrsche es und lese es wiederholt. In dieser Weise mache es dir bewusst. Zu keiner der drei Zeiten unterbreche man diese Übung. Auch wenn hundert Henker einen verfolgen, so soll man den Sinn dieser Worte nicht vergessen!

Da diese Methode doch die Große Befreiung durch Hören genannt wird, werden selbst jene, die die fünf üblen Maßlosigkeiten begangen haben, sicher die Befreiung erlangen, wenn diese mit ihren Ohren hören. Deshalb soll man dieses Buch inmitten der großen Bazaare lesen und es verbreiten. Auch wenn man es nur einmal gehört und die Bedeutung nicht verstanden hat, so wird man sich im Zwischenzustand daran erinnern, ohne auch nur ein einziges Wort zu vergessen, denn zu dieser Zeit ist der Geist viel wacher, so dass einem alles klar erscheint. Aus diesem Grunde soll man diese Lehre zu Lebzeiten den Ohren aller Lebewesen verkünden, an allen Krankenlagern soll man sie lesen, bei den Leichen aller Verstorbenen soll man sie lesen! Überall verbreite man sie!

Begegnet man dieser Lehre, so ist dies ein gutes Geschick. Ihr zu begegnen, ist schwierig, außer für jene, die die üblen Verblendungen aufgeben und Verdienst angesammelt haben. Und wenn man ihr begegnet, dann ist sie schwer zu verstehen. Hat man sie vernommen, dann erwachsen einem hierüber keine falschen Ansichten mehr, und man wird allein dadurch befreit. Deshalb soll man sie hoch schätzen! Sie ist die Quintessenz aller Phänomene. Man ist befreit, schon allein dadurch, dass man die Unterweisung über den Zwischenzustand hört; man ist befreit schon allein, wenn man sie nur liest.

Dies ist das Ende der Unterweisung im Zwischenzustand des Wahren Seins, genannt: Die große Befreiung durch Hören.

Der Siddha Karmalingpa holte diesen Text aus dem Berg Gampodar hervor, nahe dem Ufer des Flusses Serdan (Der Goldene).