Weihrauch im Kultus des Alten Testaments

Arnold Krumm-Heller (1934)

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Der Kultus des Alten Testaments machte, wie hinlänglich bekannt ist, sowohl in der Stiftshütte wie im Tempel in Jerusalem von wohlriechenden Substanzen weitgehenden Gebrauch. Palästina dürfte an solchen aromatischen Stoffen arm gewesen sein, wenn man auch heute noch diese kleinen zierlichen Blümlein auf dem großen Platz vor dem Tempel Salomonis wachsen sieht, und nur der Libanon lieferte Weihrauch, den die hebräische Sprache mit ,,l’bhonah“ bezeichnete; also mit einem Worte, in dessen Klang auch der Laie unschwer den Zusammenhang mit der Benennung des Gebirges selbst wiedererkennt.

Eine andere hebräische Bezeichnung für „Wohlgeruch“ im Sinne von ,,wohlriechende Stoffe“ ganz allgemein ist „sam“. Die weitaus größeren und auch qualitativ wertvolleren Mengen von Weihrauch und anderen aromatischen Substanzen, die für den Kultus bestimmt waren, wurden aus dem Ausland bezogen. So ist unter anderem von Weihrauch aus dem Lande Saba die Rede, worunter die Exegeten der Bibel heute einen Landstrich im südwestlichen Arabien verstehen, während die Theologen in früheren Zeiten damit Äthiopien oder Indien zu bezeichnen pflegten.

Von den anderen Riechstoffen, die nach Zusammenhang, in dem sie mit dem eben genannten Weihrauch erwähnt werden, also auf eine Verwendung als Räucherwerk schließen lassen, finden wir Cyperblumen, Narde, Myrrhe, Safran, Ambra, Kalmus, Zimt, Aloe und Gewürzstaub angeführt, daneben auch fertige Präparate, die Luther in seiner Bibelübersetzung kurzweg, aber falsch, mit Salben benennt, und die sich heute mangels sicherer Anhaltspunkte, wie auch wohl manche andere der genannten reinen Stoffe, kaum von Fachleuten definieren lassen.

Häufig begegnet uns auch das hebräische Wort „besem“ mit der Pluralform „b’somim“, in der Grundbedeutung die Bezeichnung für die Balsamstaude, sowie aber auch für die daraus gewonnenen wohlriechenden Produkte. Als der reich gegliederte Kultus des jüdischen Volkes mit der Einbuße seiner politischen Selbständigkeit und dem Verlust des Tempels sein Ende fand, bot sich damit kein weiterer Anlass zur Anwendung aromatischer Stoffe bei den gottesdienstlichen Handlungen, in denen nunmehr das Gebet an die Stelle des Opfers trat. Es ist übrigens bezeichnend, dass auch noch heute einige hebräische Gebetbücher als Titel den alten Ausdruck „Opfer“ gebrauchen.

Nur einen einzigen kultischen Gebrauch von Wohlgerüchen, wenn auch in bescheidenem Maße, macht man auch heute noch, und zwar bei der sogenannten „Habdalah“, d.h. Scheidung. Es ist dies ein Brauch, der nach der Überlieferung der Rabbiner bereits unter Esra, also rund ein halbes Jahrhundert nach der Einweihung des zweiten Tempels (516 v. Chr. Geb.), in Übung gewesen sein soll. Er erinnert an die spagyrische Kunst der mittelalterlichen Rosenkreuzer, wenn auch hier etwas anderes gemeint ist, nämlich die Feier der Scheidung, des Beginnens der neuen Woche am ausklingenden Sabbatabend.

Das uns dabei interessierende Gerät besteht aus einer durchbrochenen Metallbüchse von zylindrischer oder rechteckiger Form, auf einem kelchfußartigen Untersatz ruhend und meist mit einem spitzen Türmchen mit einer metallischen Fahne als Krönung. Das Messing, aus dem dieses Gerät gemacht wird, enthält die Metalle von Venus und Jupiter in dieses durchbrochene Messing in Richtung und Ausdehnung unbeschränkt sei, also sich nicht auf einzelne beziehe, sondern universell sei und symbolisch für die göttliche Liebe wäre. In der Büchse befinden sich verschiedene frisch duftende Gewürzkörner, die gleichfalls mit dem Namen „b’somim“ belegt werden, den wir vorher als Bezeichnung der Balsampflanze und der von ihr stammenden Erzeugnisse kennen gelernt haben.

Darum heißt auch das kleine Gerät „b ’somim-Büchse“. Beim Vollzug des sinnigen Brauches, der wie angedeutet, am Sabbat-Ausgang, und zwar nicht nur in den Synagogen strengerer Richtung, sondern vor allem in den Familien beobachtet wird, nimmt der Vorbeter bzw. der Familienvater die Büchse in die Hand und spricht über ihren duftenden Inhalt folgenden Segensspruch: „Gelobt seiest Du, Herr unser Gott, König der Welt, der aller Arten Gewürze erschaffen!“ Dann wird der Deckel oder das Türchen der Büchse geöffnet und der Duft der Gewürzkörner eingeatmet. Dies ist der einzige Rest kultischen Gebrauchs von aromatischen Stoffen im heutigen Judentum.

Nach orthodoxer jüdischer Auslegung bedeutet dieser Ritus in Verbindung mit einem Segensspruch über einem Becher Wein und mit einer brennenden Kerze, die darin ausgelöscht wird, einen Dank an Gott für das Feuer, den mächtigen Gehilfen des Menschen bei allem Bilden und Schaffen, beim Beginn der wöchentlichen Arbeitszeit, indem der in den Gewürzen sinnbildlich dargestellte Sabbatgeist mit in den Werktag hinübergenommen wird. Wir gehen vielleicht nach dieser Erklärung nicht fehl, wenn wir den Duft der Gewürze in Übertragung auf das religiöse Gebiet als ein Prophylaktikon aufgefasst hinnehmen, das seinerseits die Wiederkehr des Sabbatgeistes nach Ablauf der neuen Woche sicherstellen soll.

Die Juden haben eigentlich zu keiner Zeit eigene Mysterien und Kultgebräuche gehabt. Ihre Veranlagung und geistige Einstellung waren auf das Materielle, auf das Geschäftemachen gestellt. Die Triebfeder für die jüdische Kenntnis von kultgebräuchlichen Duftstoffen und Räucherwerk war der Wunsch, mit ihnen Handel zu treiben und so ihren Nutzen aus diesen Dingen zu ziehen. Die Durchforschung der jüdischen Literatur hierüber liefert reiche Aufschlüsse über sonst Verborgenes, zumal die Kenntnis der alten Schriften spanischer Juden aus der Zeit vor ihrer Ausweisung (1492 n. Chr.) ein hochinteressantes Forschungsmaterial ergibt. Festgestellt habe ich auf Rhodos und in Palästina, dass dortige jüdische Familien heute noch bei gewissen Exorzismen Riechstoffe gebrauchen, die nach astrologischen Gesetzen zusammengestellt sind.