Anderssein ohne Hass

Joseph Nolen (1995)

Joseph_NolenDer amerikanische Adept und Kabbalist Joseph Nolen arbeitete fast 15 Jahre mit Ann Davies zusammen und verfasste u.a. Schriften zu Kabbalah, Mystik, Tarot und Meditation. Joseph Nolen vertritt die Ansicht, dass die Befreiung vom Hass im Verstehen liegt. Die zeitlose Weisheit welche in den Symbolen des Tarot, einem Werkzeug der Kabbalah, verborgen liegt weist auf die Bedeutung von Tarotschlüssel 16, dem Turm hin. Nach Joseph Nolen soll uns dies zeigen, dass letztlich das schmerzhafte Getrenntsein des Hasses dazu dient, um wieder zur bewussten Einheit zu gelangen.

 

Viele geistig Strebende sind nicht fähig, Hass oder auch nur Ärger über die Hassenden zu empfinden, aber einige verzweifeln über das, was die Zukunft zu bringen scheint. Die Zeitlose Weisheit sagt, dass der Eintritt der großen Dunkelheit die Gewissheit des ewigen Lichts ist, die sprichwörtliche Dunkelheit vor dem Sonnenaufgang.

Wenn man von der Menge ungewöhnlicher Gewalt ausgeht, die derzeit zum Ausdruck kommt, sieht es so aus, als ob der Geist des Hasses tatsächlich überall auf der Welt vorherrscht. Unsere unbewussten und bewussten Hassreaktionen auf Andersartigkeit bei anderen scheinen nun viele der Umstände zu bedrohen, die für ein sicheres und glückliches Leben notwendig sind. Aber verzweifelt nicht, denn das widerwärtige Erscheinen des Hasses ist die Gewissheit, dass der Geist der Liebe in jenen präsent ist, die sich weigern, aus irgendeinem Grund zu hassen. Das Erscheinen eines Teils der Gegensatzpaare garantiert die Existenz des anderen, nicht so dramatisch zum Ausdruck gebracht wie Hass, sondern eher ruhig empfangende Herzen durchdringend. Lass den Hass durch dich enden!

Die Angst vor dem Anderen hat sich im Unterbewusstsein der Lebewesen psychologisch festgesetzt, aber wenn Angst fortdauert, wird sie zu Hass. Wenn man einem Fremden gegenüber nicht auf der Hut ist, könnte man getötet, gefressen, versklavt, vergewaltigt, ausgeraubt und/oder seines Glaubens, seiner Heimat und seines Landes beraubt werden. Sogar heute existiert in den sogenannten entwickelten Ländern nicht nur dieses Misstrauen gegenüber Fremden, sondern es wird als Ausdruck des „gesunden Menschenverstandes“ gesehen, besonders in kleinen ländlichen Gemeinden. Die Angst um die eigene physische Sicherheit ist eine Sache; die Angst vor ideologischen Unterschieden etwas ganz Anderes und viel heimtückischer, da sie nicht nur einen Fremden einschließen kann, sondern auch einen Bruder, unsere Kinder, Eltern und Nachbarn. Die physische Bedrohung der eigenen Sicherheit kann schnell aufgelöst werden, aber die ideologischen Unterschiede bleiben bestehen und gießen Öl auf das Feuer des Hasses. Das beobachten wir im Moment auf der ganzen Welt.

Der emotionale Druck, den alle gerade erleben, ist die Abneigung, der Unwille und der Hass jener Individuen, die sich von uns durch Rasse, Farbe, Geschlecht, sexuelle Vorlieben, Alter, Religion, politische Ideologien, finanziellen Status und sogar Kleidungsverhalten unterscheiden. Das sind die Zwänge, die durch die Unterscheide, die wir als bedrohlich für unser Leben, unsere Freiheit und unser Streben nach Glück empfinden, ausgelöst werden. Aber diese Kräfte, die uns in gegnerische Parteien aufzuspalten scheinen, führen uns tatsächlich in die Initiationsriten ein, die für unseren Eintritt in die Periode der Brüderlichkeit, welche manchmal das Wassermann Alter genannt wird, existentiell sind.

Wenn wir etwas fürchten, ist das so, weil wir es für eine Bedrohung unserer eigenen Sicherheit halten, sowohl physisch als auch emotional. Wenn unsere religiösen Überzeugungen herausgefordert werden, deutet das darauf hin, dass unsere hochgeschätzten Glaubensbekenntnisse vielleicht fehlerhaft sind, und es wirft Fragen auf, die unser Gefühl der spirituellen Sicherheit sehr ernsthaft zu bedrohen scheinen. Das bringt oft einen offiziell gebilligten, gerechten Hass auf jene hervor, die ein anderes Glaubensbekenntnis ablegen, historisch gesehen die Ursache für den Verlust von Millionen von Menschenleben. Die Vorstellung von dem Glaubenden eines Bekenntnisses, der den eines anderen zerhackt, ist eine bizarre historische Realität, und alles im Namen Gottes!

Gegenwärtig hat die Welt Bedarf an mehr und mehr Individuen, die Hass als Antwort auf Andersartigkeit bewusst ablehnen. Spirituelles Wissen, das durch Erfahrung gewonnen wurde, wird durch Andersartigkeit nicht herausgefordert. Es sind nur die unbewiesenen Bekenntnisse, Theorien oder Indoktrinationen, die so verwundbar sind. Eine alte esoterische Definition des Bösen lautet „Gutes zur falschen Zeit“. Jede Generation wird mit den kristallinen Ergebnissen der Entscheidungen vorausgegangener Generationen konfrontiert. Was für die Bedürfnisse der einen Generation richtig ist, muss nicht unbedingt für die nächste Generation zutreffen. Daher werden wir durch die Umstände, meist schmerzhaft aber immer weise vom Einen Selbst arrangiert, gezwungen, Entscheidungen zu treffen, deren Ergebnisse uns zur nächsten evolutionären Phase der Selbst-Wahrnehmung führen.

Die bloße Ablehnung ist jedoch nicht genug. Der Hass muss durch ein Verstehen ersetzt werden, das den momentanen Ausdruck des Hasses in anderen billigt, wie das zerstörende Prinzip, das auf Schlüssel 16, dem Turm, dargestellt wird. Dies ist eine Periode der Welt Einweihung, wo Zerstörung stattfinden muss, bevor der Wiederaufbau eingeleitet werden kann, und die Zerstörer sind für den Prozess genauso notwendig wie die Erbauer. Geheimnisvoll und wundersam sind die Methoden des Selbst, das das schmerzhafte Getrenntsein des Hasses benutzt, um die Heilung der bewussten Einheit dominieren zu lassen. Das Bedürfnis des geistig Strebenden, der dem Bedürfnis der Welt dient, besteht darin zu sehen, dass alle Handlungen die des Einen Selbst, des einzigen Akteurs, sind. Ihre Stabilität hinsichtlich dieses Bewusstseins ist ein ausgleichender Faktor in der derzeitigen Negativität, auf die viele reagieren werden.

Es wird gesagt, dass jene Individuen, die die Realität der Brüderlichkeit gegenüber jenen, die sich von ihnen unterscheiden, nicht akzeptieren können, am Ende dieser Inkarnation in einen anderen Klassenraum des Kosmos gerbracht werden, wo der allgemeine evolutionäre Level für ihren Eintritt und ihr kontinuierliches Wachstum genau richtig ist. Die Quelle dieser Information sagt, dass jene nicht verurteilt werden sollen, denn auch sie sind Kinder des Einen Selbst und ihre innere Negativität ist notwendig, damit sich das Gegenteil offenbaren kann. Jene, die alle als Brüder akzeptieren können, werden hier bleiben und den Garten Eden in Harmonie und Schönheit wieder erstehen lassen. Diese Diaspora wurde die Große Separation genannt. Ich kann mich für die Richtigkeit dieser Idee nicht verbürgen, aber es sieht so aus, als ob eine Separation auf uns zukommen wird.

Können wir bewusst, jene, die hassen, als Brüder akzeptieren, oder müssen wir Hass mit Hass vergelten? Das ist die große spirituelle Frage, die zurzeit auf der evolutionären Reise des Menschen kulminiert.