Giordano Bruno – Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen

Erster Dialog
Personen: Elitropio, Filoteo, Armesso.

ELITROPIO: Wie Gefangene, die aus der Dunkelheit des finsteren Burgverlieses in das Licht hinaustreten, werden viele Anhänger der landläufigen Philosophie und so manch anderer scheu werden, stutzen und böse werden, weil die neue Sonne deiner hellen Gedanken für sie unerträglich ist.

FILOTEOFILO: Nun, dann liegt doch die Schuld nicht am Licht, sondern an ihren Augen. Je schöner und herrlicher die Sonne an sich selber ist, – den Augen der Nachteulen wird sie dadurch nur umso verhasster und widerwärtiger.

ELITROPIO: Dein Wunsch, jene Leute aus ihrem lichtlosen Abgrund hervorzulocken und dem offenen, ruhigen und heiteren Anblick der Sterne, welche wir in so großen Mengen am blauen Firmament sehen, gegenüberzustellen, ist nicht leicht zu erfüllen lieber Filoteo. Auch wenn dein frommer Eifer nichts mehr möchte, als den Menschen zu helfen; werden dich die Undankbaren auf vielerlei Art und Weise angreifen, wie Tiere, die die gütige Erde in ihrem mütterlichen Schoss erzeugt und nährt. Falls es nämlich wahr ist, dass die menschliche Gattung in ihren Individuen, in jedem besonders, die Verschiedenheiten aller anderen Gattungen nachbildet, um in jedem Individuum ausdrücklicher das Ganze zu sein, als es in andern Gattungen der Fall ist. Daher werden sich die einen wie blinde Maulwürfe, im selben Moment, indem sie die freie Luft spüren, möglichst schnell wieder in die Erde vergraben und in die dunklen Höhlen zurückkehren, für die sie die Natur bestimmt hat. Die anderen werden wie Nachtvögel nicht so schnell im leuchtenden Osten die rötliche Botin der Sonne erblicken, weil sie sich wegen der Schwäche ihrer Augen auch schon zur Rückkehr in ihre finsteren Löcher angetrieben fühlen. All die Wesen, die vom Anblick der himmlischen Lichter ausgeschlossen und für die ewigen Gefängnisse, Grüfte und Höhlen Pluto’s bestimmt sind, werden, von dem schaurigen Chor der Alecto zurückgefordert, den schnellen Rückweg zu ihren Wohnungen zu nehmen. Die Wesen dagegen, welche für den Anblick der Sonne geboren sind, werden, wenn das Ende der verhassten Nacht gekommen ist, dem Himmel für seine Güte dankbar und freudig die heiß ersehnten und erhofften Strahlen mit ihren Blicken einsaugen und mit Herz, Stimme und Hand jubelnd den Aufgang anbeten. Wenn Titan vom goldenen Osten die feurigen Rosse angetrieben und das träumerische Schweigen der feuchten Nacht unterbrochen hat, dann werden die Menschen sinnvoll sprechen, die unschuldigen, Wolle tragenden Herden blöken; die gehörnten Rinder werden unter der Obhut des rauen Bauers brüllen; die Esel des Silenus werden ihr Geschrei erheben, weil sie wieder den bestürzten Göttern hilfreich den dummen Giganten Schrecken einjagen können.

Sich im schmutzigen Lager wälzend mit ungestümem Grunzen werden die Hauer bewehrten Eber ihren betäubenden Lärm machen. Tiger, Bären, Löwen, Wölfe werden zusammen mit den listigen Füchsen die Köpfe aus ihren Höhlen hervorstecken, von ihren einsamen Höhen das ebene Jagdgefilde betrachten und aus tierischer Brust ihr Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen, Winseln ertönen lassen. In der Luft und auf den Zweigen weitverästelter Bäume werden die Hähne, Adler, Pfauen, Kraniche, Tauben, Schnepfen, Nachtigallen, Krähen, Elstern, Raben, der Kuckuck und die Zikade nicht aufhören, ihr lärmendes Gezwitscher zu wiederholen und zu verdoppeln. Und selbst aus dem unbeständigen Gefilde der Flut werden die weißen Schwäne, die bunten Enten, die geschäftigen Taucher, die Sumpfvögel und die heiseren Gänse zusammen mit den melancholisch quakenden Fröschen die Ohren mit ihren Geräuschen erfüllen. Und so wird sich auch das warme Sonnenlicht ebenso oft begrüßt und vielleicht aber auch belästigt fühlen von einer Fülle von Lauten, indem es die Luft dieser glücklicheren Hemisphäre durchstrahlt, wie es die Geister sind, je nach Größe und Beschaffenheit, der Laute, die aus der Tiefe der Brust hervorkommen.

FILOTEOFILO: Das ist doch nicht nur etwas Gewöhnliches, sondern auch ganz natürlich und notwendig, dass jedes lebende Wesen seinen Laut von sich gibt. Unvernünftige Tiere können unmöglich artikulierte Töne bilden wie die Menschen, weil sie eine andere Körperbeschaffenheit, einen anderen Geschmack und andere Nahrung zu sich nehmen.

ARMESSO: Ich bitte um die Erlaubnis, auch mitreden zu dürfen, nicht über das Licht, sondern über andere Dinge, welche dazu gehören aber die Sinne nicht erfreuen, sondern das Gefühl des Zuschauers oder Betrachters zu verletzen pflegen. Denn gerade, weil ich euren Frieden und eure Ruhe in brüderlicher Zuneigung wünsche, möchte ich nicht, dass aus euren Reden wieder solche Komödien, Tragödien, Klagelieder, Dialoge oder was immer sonst, wie diejenigen, die ihr vor kurzem, als ihr sie ins Freie hinausließet, euch zwangen, wohl eingeschlossen und zurückgezogen zu Hause zu bleiben.

FILOTEOFILO: Rede nur ganz frei heraus!

ARMESSO: Ich will keinesfalls reden wie ein heiliger Prophet, ein verzückter Seher, ein verhimmelter Apokalyptiker oder der verengelte Esel des Bileam; auch nicht räsonieren als wär‘ ich vom Bacchus inspiriert, vom Hauch der liederlichen Musen vom Parnass aufgeblasen, oder wie eine vom Phöbus geschwängerte Sibylle oder eine schicksalskundige Cassandra, nicht als wäre ich von Kopf bis Fuß von apollinischem Enthusiasmus vollgepfropft, wie ein erleuchteter Seher im Orakel oder auf dem delphischen Dreifuss, wie ein den Problemen der Sphinx gewachsener Ödipus oder ein Salomo den Rätseln der Königin von Saba gegenüber; nicht wie Calchas, der Dolmetscher des olympischen Senates, oder ein geisterfüllter Merlin, oder als käme ich aus der Höhle des Trophonius. Nein, ich will in ganz hausbackener und nüchterner Prosa reden, wie ein Mensch, der ganz andere Absichten hat, als sich den Saft des kleinen und großen Gehirns so lange herauszudestillieren, bis die dura und pia mater zuletzt als trocknes Residuum übrig bleibt; wie ein Mensch, der nun einmal kein anderes Hirn hat als sein eigenes, dem auch die Götter vom letzten Schub, die bloß zur Marschalltafel im himmlischen Hofhalten gehören, versagen; ich meine die Götter, die nicht Ambrosia essen noch Nektar trinken, sondern sich den Durst mit dem Bodensatz im Fass und mit ausgelaufenem Wein stillen, wenn sie gegen das Wasser und seine Nymphen besondere Abneigung hegen. Selbst diejenigen, die sich uns doch sonst heimischer, zutraulicher und umgänglicher zeigten, wie z.B. Bacchus oder der betrunkene Bitter vom Esel [Silen], wie Pan, Vertumnus, Faunus oder Priapus, auch sie werden mich nicht um eines Strohhälmchens Breite tiefer einweihen, obwohl sie doch ihren Pferden von ihren Taten selbst Mitteilung zu machen pflegten.

ELITROPIO: Die Vorrede ist etwas lang geraten!

ARMESSO: Nur Geduld! Der Schluss wird dafür desto kürzer sein. Ich will in aller Kürze sagen, dass ich euch Worte hören lassen will, die man nicht erst zu entziffern braucht, indem man sie erst gleichsam der Destillation unterwirft oder sie durch die Retorte gehen lässt, im Marienbade digeriert und nach dem Rezept der Quintessenz sublimiert, sondern Worte, wie sie mir meine Amme in den Kopf gepfropft hat, welche beinahe so fett, hochbusig, dickbäuchig, mit prallen Hüften und Po war, wie es jene Londonerin nur sein kann, die ich in Westminster gesehen habe und die von wegen der Erwärmung des Bauches ein paar Zitzen hat, die wie die Stulpenstiefel des Riesen Sankt Sparagorio aussehen und aus denen sich, würde man sie zu Leder verarbeiten, sicherlich zwei ferraresische Dudelsäcke machen ließen.

ELITROPIO: Das könnte nun wohl für eine Einleitung ausreichen.

ARMESSO: Weiter dann, um zu Ende zu kommen, ich möchte von euch hören, – die Stimmen und Laute bei Gelegenheit den von eurer Philosophie ausstrahlenden Lichtes und Glanzes einmal ganz bei Seite gelassen – mit welchen Lauten wollt ihr, dass wir insbesondere jenes Phänomen von Gelehrsamkeit begrüßen sollen, welches das Buch vom Aschermittwochsgastmahl ausmacht? Was für Tiere sind es, die es vorgetragen haben? Wasser-, Luft-, Land- oder Mondtiere? Und von den Äußerungen des Smith, Prudenzio und Frulla abgesehen, – ich möchte gerne wissen, ob die sich irren, die behaupten, dass du eine Stimme annimmst wie ein toller und rasender Hund, dass du ferner zuweilen den Affen, zuweilen den Wolf, die Elster, den Papagei, bald das eine Tier, bald ein anderes nachahmst und bedeutende und ernste Sätze, moralische und physikalische, gemeine und würdige, philosophische und komische blind durch einander würfelst.

FILOTEOFILO: Wundert euch nicht, Bruder! War es doch nichts als ein üppiges Gastmahl, wo die Gehirne durch Affekte regiert werden, wie sie durch die Einwirkung der Geschmäcker und Düfte von Getränken und Speisen entstehen. Wie ein Gastmahl materieller und körperlicher Art, ganz analog ist auch das Gastmahl in Wort und Geist. So hat denn auch dieses Gastmahl in Gesprächsform seine vielfachen und verschiedenen Teile, wie ein Gastmahl sie zu haben pflegt: es hat seine eigentümlichen Verhältnisse, Umstände und Mittel, wie sie in seiner Weise auch jenes haben könnte.

ARMESSO: Seid so gut und macht, dass ich euch verstehen kann!

FILOTEOFILO: Dort findet sich Nahrung wie gewöhnlich üblich nach Salat, Speise, Obst und Hausmannskost aus der Küche und aus der Apotheke zu finden, für Gesunde und für Kranke: Kaltes, Warmes, Rohes und Gekochtes; aus dem Wasser, vom Land, aus dem Haus und aus der Wildnis; Geröstetes, Gesottenes, Reifes, Herbes; Dinge die zur Ernährung allein, und solche, die dem Gaumen dienen; Substantielles und Leichtes, Salziges und Fades, Rohes und Eingemachtes, Bitteres und Süßes. Und so haben sich auch hier in bestimmter Reihenfolge die Gegensätze und Verschiedenheiten eingefunden, den Verschiedenheiten des Magens und des Geschmacks bei denen entsprechend, denen es gefallen möchte, an unserem symbolischen Gastmahl teilzunehmen, damit sich niemand beklagt, er sei umsonst gekommen, und damit derjenige dem das Eine nicht gefällt, sich vom Anderen nehmen kann.

ARMESSO: Schon gut; aber was sagt ihr dazu, wenn überdies in eurem Gastmahl Dinge vorkommen, die weder als Salat noch als Speise, weder als Dessert noch als Hausmannskost taugen, weder kalt noch warm, weder roh noch gekocht, die weder für den Appetit noch für den Hunger, weder für Gesunde noch für Kranke gut sind und demgemäß weder aus den Händen des Kochs noch des Apothekers hervorgehen?

FILOTEOFILO: Du wirst gleich sehen, dass sich unser Gastmahl auch darin nicht von jedem anderen unterscheidet. Wie du dich dort mitten im besten Essen entweder an einem allzu heißen Bissen verbrennst, so dass du ihn entweder ausspeien oder unter Ächzen und Tränen dem Gaumen liebäugelnd so lange anvertrauen musst, bis du ihn hinunterwürgen kannst; oder es wird dir ein Zahnstumpf, oder die Zunge kommt dir in den Weg, dass du mit dem Brot auf sie beißt; oder ein Steinchen wird zwischen den Zähnen zertrümmert, dass du den ganzen Bissen ausspeien musst; oder ein Härchen aus dem Bart oder vom Kopf des Kochs schleicht sich durch bis zu deinem Gaumen, um dich zum Brechen zu reizen; oder eine Gräte bleibt dir im Halse stecken, um dich sanft husten zu machen; oder ein Knöchlein legt sich dir quer vor den Schlund und bringt dich in Gefahr zu ersticken: gerade so haben sich in unserem Gastmahl zu unserem und aller Missvergnügen entsprechende und ähnliche Dinge eingefunden. Und ach, der Grund von dem allen ist die Sünde unseres alten Urvaters Adam. Seitdem ist die verderbte menschliche Natur dazu verdammt, dass sich ihr zu jedem Genuss der Verdruss gesellt.

ARMESSO: Wie andächtig und erbaulich das klingt! Nun, was antwortet ihr denen, die sagen, dass ihr ein wütender Zyniker seid?

FILOTEOFILO: Ich werde es freudig eingestehen, wenn nicht ganz, dann doch teilweise.

ARMESSO: Aber wisst ihr auch, dass der Vorwurf, Beschimpfungen hinzunehmen, nicht so schwer ist wie der, sie auszuteilen.

FILOTEOFILO: Mir genügt es, dass die meinigen als Wiedervergeltung, diejenigen anderer als Angriffe gemeint sind.

ARMESSO: Auch Götter kommen in die Lage, Beleidigungen hinzunehmen, Beschimpfungen zu dulden und Tadel zu erleiden; aber selber tadeln, beschimpfen und beleidigen ist die Art gemeiner, unedler, unwürdiger und schlechtgesinnter Menschen.

FILOTEOFILO: Das ist wahr; aber wir beleidigen ja auch nicht; wir geben nur die Beleidigungen zurück, die nicht sowohl uns, als der verachteten Philosophie angetan werden, und wir tun es, damit nicht zu den schon erlittenen Kränkungen neue hinzukommen.

ARMESSO: Ihr wollt also einem bissigen Hund gleichen, damit jedermann sich hüte, euch lästig zu fallen?

FILOTEOFILO: So ist’s. Ich wünsche Ruhe zu haben, und der Verdruss verdrießt mich.

ARMESSO: Schön; aber man meint, ihr verfahrt zu streng.

FILOTEOFILO: Damit sie nicht wieder kommen, und damit andere lernen, nicht mit mir und mit anderen anzubändeln; sie sollen vielmehr aus ähnlichen Mittelbegriffen die gleichen Schlüsse ziehen.

ARMESSO: Die Beleidigung war eine private, die Rache aber eine öffentliche Sache.

FILOTEOFILO: Ist sie deshalb ungerecht? Viele Vergehen, die im Verborgenen begangen sind, werden doch mit Fug und Recht öffentlich gestraft.

ARMESSO: Aber damit verderbt ihr euren Ruf und macht euch tadelnswerter als jene; denn man wird öffentlich sagen, dass ihr ungeduldig, launenhaft, eigensinnig, unbesonnen seid.

FILOTEOFILO: Das soll mich wenig kümmern, wenn nur sie und andere mir nicht weiter lästig fallen. Dazu zeige ich den Prügel des Zynikers, dass sie mich mit meiner Handlungsweise in Ruhe lassen, und wenn sie von mir keine Liebkosungen wollen, nicht an mir ihre Unhöflichkeit auslassen.

ARMESSO: Scheint es euch, einem Philosophen, zu geziemen auf Rache zu sinnen?

FILOTEOFILO: Glichen die, die mich ärgern, der Xanthippe, so würde ich Sokrates gleichen.

ARMESSO: Weißt du nicht, dass Nachsicht und Geduld allen gut steht? Dass wir durch sie den Heröen und Göttern ähnlich werden, die sich spät rächen oder sich überhaupt nicht rächen noch erzürnen?

FILOTEOFILO: Du irrst, wenn du glaubst, ich hätte es auf Rache abgesehen.

ARMESSO: Auf was denn?

FILOTEOFILO: Auf Besserung, und auch dadurch werden wir den Göttern ähnlich. Du weißt, dass der arme Vulkan von Jupiter Dispens hat, auch an Festtagen zu arbeiten, und so wird der verwünschte Ambos nicht mehr dessen ledig, die Streiche der gewaltigen Hämmer zu erdulden. So wie der eine erhoben ist, fällt der andere nieder, damit nur die gerechten Blitze zur Züchtigung der Verbrecher und Frevler niemals ausgehen.

ARMESSO: Aber es ist immer noch ein Unterschied zwischen euch und dem Schmied des Jupiter, dem Gemahl der Cypria.

FILOTEOFILO: Genug, dass ich ihnen an Geduld und Ausdauer vielleicht nicht so unähnlich bin. Auch in dieser Sache habe ich sie geübt; denn ich habe meinem Unwillen keineswegs zügellosem Lauf gelassen und habe meinem Zorn nicht die schärfsten Sporen gegeben.

ARMESSO: Nicht jedermann soll sich damit zu schaffen machen, ein Verbesserer zu sein, besonders der Menge.

FILOTEOFILO: Sagt doch auch, besonders dann, wenn diese sich mit ihm nichts zu schaffen macht.

ARMESSO. Man sagt, dass man sich nicht bekümmern soll um ein fremdes Land.

FILOTEOFILO: Und ich sage zweierlei: erstens dass man einen ausländischen Arzt nicht töten soll, weil er die Kuren vorzunehmen versucht, die die heimischen nicht machen; zweitens, dass für den wahren Philosophen jedes Land sein Vaterland ist.

ARMESSO: Wenn sie dich nun aber nicht haben wollen, weder als Philosophen, noch als Arzt, noch als Landsmann?

FILOTEOFILO: Deshalb werde ich nicht aufhören es zu sein.

ARMESSO: Wer bürgt euch dafür?

FILOTEOFILO: Die Götter, die mich hierher geschickt haben; ich, der ich mich hier befinde; und die, die Augen haben, mich hier zu sehen.

ARMESSO: Da hast du sehr wenige und wenig anerkannte Zeugen.

FILOTEOFILO: Auch die rechten Ärzte sind sehr wenig zahlreich und wenig anerkannt; fast alle dagegen sind rechte Kranke. Ich wiederhole, dass es dem einen weder gestattet ist, es zu bewirken noch dem andern es zu erlauben, dass solche Behandlung denen zu Teil werde, die lobenswerte Dienste leisten, ob diese nun Ausländer sind oder nicht.

ARMESSO: Wenige erkennen diese Dienste an.

FILOTEOFILO: Deshalb sind die Perlen nicht weniger kostbar, und wir müssen sie mit all unserer Kraft verteidigen, und mit der äußersten Anstrengung dahin wirken, dass sie davor geschützt, gesichert und bewahrt bleiben, von den Säuen mit den Füssen zertreten zu werden. So wahr mir die hohen Götter helfen mögen, mein Armesso, ich habe niemals aus schmutziger Eigenliebe oder aus gemeiner Sorge für ein privates Interesse solche Rache geübt, sondern aus Liebe zu meiner vielgeliebten Mutter, der Philosophie, und aus Eifer um ihre verletzte Majestät. – Jetzt möchte sich jeder nichtsnutzige Pedant, jeder lumpige Wortheld, jeder dumme Faun, jeder unwissende Esel, dadurch dass er sich mit einer Last von Büchern zeigt, sich den Bart lang wachsen lässt und allerlei andere Manieren annimmt, dafür ausgeben, als gehörte er zur Familie. Durch solche falschen Freunde und Söhne ist die Philosophie soweit heruntergebracht worden, dass bei der Menge ein Philosoph so viel bedeutet wie ein unnützer Mensch, ein Pedant, ein Gaukler, ein Marktschreier, ein Scharlatan, gut genug, um als Zeitvertreib im Haus und als Vogelscheuche auf dem Feld zu dienen.

ELITROPIO: In Wahrheit wird die Sippe der Philosophen vom größten Teil der Menschen noch niedriger geachtet, als die der Geistlichen, weil sie, aus jeder Art von Gesindel entnommen, das priesterliche Amt immer noch weniger in Verruf gebracht haben, als diejenigen, die, nach Bestien aller Art benannt, der Philosophie Verachtung gebracht haben.

FILOTEOFILO: Loben wir also in seiner Art das Altertum, wo die Philosophen zu Gesetzgebern, Räten und Königen emporsteigen, Räte und Könige aber zu Priestern erhoben werden durften. In unseren Tagen ist die Mehrzahl der Priester so beschaffen, dass sie und um ihretwillen die göttlichen Gebote verachtet werden; fast alle aber, die wir als Philosophen betrachten, sind derart, dass sie selbst und um ihretwillen die Wissenschaften in Geringschätzung sinken. Überdies pflegt unter ihnen die Menge von Schurken, wie Nesseln die Saat, mit ihren entgegengesetzten Phantastereien die Tugend und Wahrheit zu überwuchern, welche selten und nur seltenen Menschen erkennbar ist.

ARMESSO: Ich kenne keinen Philosophen, Elitropio, der sich so für die verachtete Philosophie ereiferte, keinen, der für seine Wissenschaft so eingenommen wäre, wie dieser Teofilo. Was würde geschehen, wenn alle anderen Philosophen von derselben Beschaffenheit, ich meine, ebenso leidenschaftlich wären!

ELITROPIO: Diese anderen Philosophen haben nicht so viel erfunden, haben auch nicht so viel zu behüten, nicht so viel zu verteidigen. Sie hingegen können immerhin eine Philosophie gering schätzen, die nichts taugt, oder eine andere, die wenig taugt, oder eine solche, die sie nicht kennen; aber dieser, der die Wahrheit, den verborgenen Schatz, gefunden hat, ist von der Schönheit dieses göttlichen Antlitzes entflammt und nicht weniger eifersüchtig darauf, dass sie nicht verfälscht, vernachlässigt oder entweiht wird, als ein anderer, der in schmutziger Begierde vom Gold, vom Karfunkel oder Diamanten oder von einem schönen Weibsbild eingenommen sein mag.

ARMESSO: Aber besinnen wir uns und kommen zurück zur Sache! Man sagt von euch, Teofilo, ihr hättet in jenem eurem Aschermittwochsgespräch eine ganze Stadt, eine ganze Provinz, ein ganzes Reich geschmäht und beleidigt.

FILOTEOFILO: Das habe ich nie gedacht, nie beabsichtigt, nie getan, und wenn ich es gedacht, beabsichtigt oder getan hätte, so würde ich mich selber am strengsten verdammen und zu tausend Widerrufen, Abbitten und Palinodien bereit sein. ……………Und das nicht allein, wenn ich ein altes edles Reich wie dieses beleidigt hätte, sondern auch jegliches andere sonst, für so barbarisch es auch gelten möge; und ich meine nicht nur, jede Stadt, für wie ungebildet sie berufen sei, sondern auch jegliches Geschlecht, als wie roh es auch bekannt sei, sondern auch jede Familie, wie ungastlich sie auch heiße. Denn es kann kein Reich, keine Stadt, kein Geschlecht, kein ganzes Haus geben, wo alle gleichen Sinnes wären oder wo man sich darauf einrichten dürfte, keines, wo sich nicht so entgegengesetzte und widersprechende Charaktere fänden, dass was dem einen Freude macht, dem andern missfallen muss.

ARMESSO: Gewiss, was mich anbetrifft, der ich das Ganze gelesen und wiedergelesen und wohl erwogen habe, ich finde euch wohl im Einzelnen vielleicht etwas gar zu frei herausgehend; im allgemeinen finde ich euer Verfahren anständig, vernünftig und rücksichtsvoll. Aber das Gerücht geht so wie ich sage.

ELITROPIO: Dies und andere Gerüchte sind durch die Gemeinheit einiger von denen ausgestreut worden, die sich getroffen fühlen. Rachsüchtig und an eigenem Verstand, Gelehrsamkeit, Geist und Kraft sich zu schwach fühlend, erdichten sie alle möglichen Unwahrheiten, denen nur ihresgleichen Glauben schenken können, und werben Genossen, indem sie es zu erreichen suchen, dass der Tadel gegen einzelne für eine Beleidigung gegen die Gesamtheit angesehen werde.

ARMESSO: Ich glaube vielmehr, dass es Personen gibt, nicht ohne Urteil und Verstand, welche die Beleidigung auf die Gesamtheit beziehen, weil ihr solche Sitten Personen von solcher Abkunft beilegt.

FILOTEOFILO: Nun, was für Sitten sind denn das, dass ähnliche, schlimmere und viel fremdartigere in Geschlecht, Art und Zahl sich nicht in den vorzüglichsten Ländern und Gegenden der Welt befänden? Oder werdet ihr es vielleicht beleidigend finden, und zwar beleidigend und undankbar gegen mein Vaterland, wenn ich sage, dass ähnliche und noch verwerflichere Sitten in Italien, in Neapel, in …Nola vorkommen? Würdige ich vielleicht dadurch dieses vom Himmel begnadigte Land herab, welches so oft zugleich zum Haupt und zur rechten Hand dieser Erde gesetzt war, zum Erzieher und Bezwinger der andern Geschlechter, dieses Land, das von uns und andern immer als Lehrerin, Säugamme und Mutter aller Tugenden, Wissenschaften, aller Bildung, allen guten Anstandes und aller höflichen Sitte geschätzt worden ist, wenn das gar noch überboten wird, was von ihm gerade auch unsere Posten gesungen haben, welche es doch ebenso sehr als Lehrerin aller Laster, alles Betruges, aller Habsucht und Grausamkeit darstellen?

ELITROPIO: Das stimmt ganz zu den Grundsätzen eurer Philosophie; meint ihr doch, dass die Gegensätze in den Prinzipien und in den nächsten Objekten zusammenfallen. Denn eben dieselben Geister, welche für hohe, tugendhafte und edelmütige Handlungen die geeignetsten sind, sinken am tiefsten, wenn sie auf Abwege geraten. Die selteneren und auserleseneren Geister finden sich da, wo im allgemeinen die unwissenderen und ungeschickteren sind, und wo meistenteils weniger gebildete und höfliche Leute sind, findet man in einzelnen Fällen Extreme von Bildung und Feinheit. Daher scheint den verschiedenen Geschlechtern das gleiche Maß von Vollkommenheit und Unvollkommenheit gegeben zu sein, nur in verschiedener Verteilung.

FILOTEOFILO: Ganz recht.

ARMESSO: Bei alledem bedaure ich wie viele andere mit mir, oh Teofilo, dass ihr in unserem lieben Vaterland gerade auf solche Subjekte gestoßen seid, die euch zu einer solchen Aschermittwochs-Lamentation Anlass gegeben haben, und nicht auf so viele andere, die euch gezeigt hätten, wie sehr dieses, unser Land, mag es auch immer von den Eurigen »gänzlich am Ende der Welt abgelegen« genannt werden, allen Studien edler Wissenschaften, der Waffen, der Ritterlichkeit, Bildung und höflicher Sitten ergeben sein. Soweit unsere Kraft reicht, streben wir danach nicht hinter unseren Ahnen zurückzubleiben oder von anderen Völkern übertroffen zu werden, besonders von denen, welche sich einbilden, die edle Anlage, Wissenschaften, Waffen und Bildung wie von Natur zu haben.

FILOTEOFILO: Bei meiner Treue, Armesso, dem was ihr darlegt, darf ich nicht, könnte ich auch nicht widersprechen, weder mit Worten noch mit Gründen oder auch nur innerlich; führt ihr doch eure Sache mit aller Geschicklichkeit, bescheiden und gründlich. Deshalb empfinde ich Reue um euretwillen und um dessen willen, dass ihr mir nicht mit barbarischem Stolze gegenübergetreten seid. Ich bedaure, dass ich von den oben erwähnten Subjekten Anlass genommen habe, euch und andere Leute von ehrenwertester und humanster Gesinnung zu betrüben. Ich möchte deshalb, jene Dialoge wären nicht veröffentlicht, und wenn es euch recht ist, so werde ich mich darum bemühen, dass sie auch weiterhin nicht an’s Licht gelangen.

ARMESSO. Meine Betrübnis, ebenso wie die anderer vortrefflicher Leute, stammt so wenig aus der Veröffentlichung jener Dialoge, dass ich eher dafür sorgen möchte, dass sie in unsere Landessprache übersetzt werden sollten, damit sie den wenig oder übelgesitteten unter uns zur Lektüre dienen könnten. Vielleicht wenn sie sehen, mit welchem Abscheu ihre unhöflichen Manieren aufgenommen, in welchen Zügen sie geschildert werden und wie widerlich dieselben sind, wandeln sie sich. Wenn sie sich durch gute Lehre und gutes Vorbild, das sie an den Besseren und Höheren sehen, von ihrem Weg nicht abbringen lassen, ändern sie sich wenigstens so und formen sich nach denjenigen um aus Scham, zu jenem Gesindel gezählt zu werden, indem sie lernen, dass persönliche Ehre und Tüchtigkeit nicht in dem Können und Wissen davon besteht, auf welche Art man andere ärgert, sondern in dem geraden Gegenteil.

ELITROPIO: Ihr zeigt euch sehr verständig und gewandt, wo es um die Sache eures Vaterlandes geht, und seid im Unterschied zu vielen, die ebenso arm an Geist und Wert sind, nicht undankbar und unerkenntlich für die guten Dienste anderer. Aber Filoteo scheint mir nicht vorsichtig genug, um seinen Ruf zu wahren und seine Person zu verteidigen. Denn so verschieden adliges Wesen und bäurisches Wesen ist, so entgegengesetzt sind die Wirkungen, die man von beiden hoffen oder fürchten muss. Stell dir vor, irgend ein Bauernknecht aus Scythien, der ein Gelehrter wurde und Erfolg gehabt und Ruhm erlangt hätte, verließe die Ufer der Donau und tastete mit kühnem Tadel und gerechter Anklage das Ansehen und die Majestät des römischen Senats an. Dieser würde aus jenes Mannes Tadel und Beleidigung Anlass nehmen zu einem Akt äußerster Klugheit und Großmut und den strengen Tadler mit einer Kolossalstatue beehren. Denke dagegen, ein römischer Edelmann und Senator habe Unglück gehabt und wäre unweise genug, die lieblichen Gestade seines Tiber zu verlassen und gleichfalls mit gerechter Anklage und dem vernünftigsten Tadel die scythischen Bauern anzugreifen. Sicher würden diese daraus Anlass nehmen, die Beweise ihrer Unbildung, Niedrigkeit und Rohheit zu babylonischer Turmhöhe aufzuhäufen; sie würden ihn steinigen, der Volkswut die Zügel überlassen, um den andern Geschlechtern zu zeigen, welch ein Unterschied es ist, mit Menschen zu verkehren, oder mit solchen, welche nur nach dem Bild und Gleichnis von Menschen gemacht sind.

ARMESSO: Ich, o Teofilo, bin nicht der Mann, dass ich oder ein anderer, der mehr Witz hat, es für gebührend halte, die Sache und den Schutz derjenigen, die deine Satire trifft, als meine Landsleute zu übernehmen, zu deren Verteidigung uns das Naturgesetz selber treibt. Denn niemals werde ich zugestehen und niemals aufhören den zu bestreiten, der behauptet, dass jene Leute Teile und Glieder unseres Vaterlandes seien. Dieses besteht aus ebenso edlen, gebildeten, sittlichen, wohlerzogenen, zartfühlenden, humanen, verständigen Leuten wie irgendein anderes. Wenn Leute jenes Schlages darin vorkommen, so doch sicher nur als Schmutz, Hefen, Mist und Moder; in keinem andern Sinne könnten sie Teile eines Reiches oder einer Stadt sein, so wie auch die Jauche ein Teil des Schiffes ist. Weit entfernt daher, dass wir um solcher Leute willen empfindlich sein müssten, würden wir uns durch solche Empfindlichkeit vielmehr tadelnswert machen. Aus der Zahl jener schließe ich einen großen Teil der Gelehrten und Geistlichen nicht aus. Wenn auch einige von ihnen mit Hilfe ihrer Doktoren-Würde große Herren werden, so kehren sie den bäurischen Stolz, den sie zuerst nicht zu zeigen wagten, nachher mit der Zuversichtlichkeit und dem Hochmut, der sich ihnen in Folge des Rufes als Gelehrte oder Priester anhängt, nur um so dreister und prahlerischer heraus. Kein Wunder daher, wenn ihr viele und aber viele seht, die in jener Doktoren- und Priesterwürde mehr nach dem Rindvieh, der Herde und dem Stall riechen, als wirkliche Pferdeknechte, Hirten und Bauern. Deshalb wünschte ich, ihr hättet nicht so heftig gegen unsere Universität geeifert, indem ihr gewissermaßen dem Ganzen keine Nachsicht gewährt habt und nicht bedacht habt, was sie bisher gewesen ist, in Zukunft sein wird oder sein kann und zum Teil doch auch schon jetzt ist.

FILOTEOFILO: Nehmt es doch nicht so tragisch! Denn ist dies auch eine ganz getreue Schilderung, so ist doch jedenfalls die Verkehrtheit nicht grösser bei ihr als bei allen anderen, die höher zu stehen glauben, und die unter dem höchst albernen Titel von Doktoren Pferde mit Doktorringen und Esel mit Doktorhüten kreieren. Trotzdem verkenne ich nicht, wie sehr sie von Anfang an ausgezeichnet eingerichtet gewesen ist, die schönen Studienordnungen, die Würde des Zeremoniells, die Verteilung der Übungen, die Schönheit der Trachten und vieles andere, was zum Bedürfnis und Schmuck einer Akademie beiträgt. Jedermann muss sie daher ohne Zweifel als die erste in ganz Europa und mithin in der ganzen Welt anerkennen, und ich leugne nicht, dass sie eine Gewandtheit und Feinheit der Geister, wie beide Teile Britanniens sie von Natur erzeugen, allen denen, die anerkannt die vortrefflichsten sind, ähnlich ist und wohl gleichkommen mag. Nichts desto weniger hat sich das Andenken daran verloren, dass die spekulativen Studien, ehe sie noch in den anderen Teilen Europas wiedererwachten, an diesem Orte geblüht haben, und dass durch diese ihre Meister in der Metaphysik, wie barbarisch auch immer von Sprache und mönchisch von Profession sie waren, der Glanz eines herrlichen und hervorragenden Zweiges der Philosophie, der in unseren Zeiten beinahe erloschen ist, über alle andern Akademien der Länder, die nicht von Barbaren bewohnt sind, sich verbreitet hat. Aber was mich angewidert hat und mir zugleich Ekel und Lachen erregt, ist das, dass während ich nirgends Leute finde, die von Sprache mehr Römer, mehr Athener wären, als an diesem Ort, sie sich in allem übrigen – ich spreche von der großen Masse – rühmen, ihren Vorgängern durchaus unähnlich und entgegengesetzt zu sein. Letztere waren freilich wenig besorgt um Beredsamkeit und grammatische Strenge und ganz auf die Spekulation gerichtet, welche von jenen Sophisterei genannt wird; aber ihre Metaphysik, in der sie ihren Meister Aristoteles übertroffen haben, wenn auch immerhin getrübt und verunreinigt durch manche wertlosen Schlüsse und Lehrsätze, die nicht philosophisch noch theologisch sind, sondern von einem müßigen und seine Kraft übel verwendenden Geiste zeugen, – ihre Metaphysik steht mir doch immer noch unendlich höher, als alles was diese Männer der Gegenwart mit aller ihrer ciceronianischen Beredsamkeit und deklamatorischen Kunst vorbringen können.

ARMESSO: Das sind doch aber auch keine verächtlichen Sachen.

FILOTEOFILO: Gewiss nicht. Aber wenn man zwischen beiden wählen muss, so schätze ich die Ausbildung des Geistes, wie sehr sie auch sonst getrübt sein mag, höher als diejenige noch so beredter Worte und Redeweisen.

ELITROPIO: Das erinnert mich an jenen Bruder Ventura, der bei der Besprechung der Stelle der Heiligen Schrift: »Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist!« bei Gelegenheit alle Namen von Münzen, die es zu den Zeiten der Römer gab und die er ich weiß nicht aus welchem alten Tröster oder welcher Scharteke aufgelesen hatte, – es waren mehr als hundert und zwanzig, – nach Gepräge und Gewicht anbrachte, um zu zeigen, wie fleißig und wie gelehrt er sei. Als nun am Schluss der Predigt ein Biedermann zu ihm trat und bat: »Ehrwürdiger Pater, seid so gut und leiht mir einen Carlin!« so antwortete er, er gehöre zum Bettelorden.

ARMESSO: Zu welchem Zweck erwähnt ihr das?

ELITROPIO: Ich will damit sagen, dass die, welche in Redensarten und Namen sehr bewandert sind und sich nicht um die Sachen kümmern, denselben Gaul wie jener ehrwürdige Vater der Gäule reiten.

ARMESSO: Ich glaube doch, dass sie außer dem Studium der Beredsamkeit, in welcher sie alle ihre Vorgänger übertreffen und den andern Modernen nicht nachstehen, auch in der Philosophie und auf andern Gebieten der Spekulation nicht so bettelarm sind; können sie doch ohne deren gründliche Kenntnis zu keinem Grade promoviert werden. Denn die Statuten der Universität, auf welche sie eidlich verpflichtet sind, bestimmen, dass niemand zur Magister- oder Doktorwürde in der Philosophie und Theologie promoviert werden soll, wenn er nicht aus dem Brunnen des Aristoteles gründlich geschöpft habe.

ELITROPIO: Oh, ich will euch sagen, wie sie es gemacht haben, um nicht meineidig zu werden. Von drei Brunnen, die sich bei der Universität befinden, haben sie dem einen den Namen Brunnen des Aristoteles gegeben; den andern nennen sie Brunnen des Pythagoras, den dritten Brunnen des Plato. Da sie nun aus jenen drei Brunnen ihr Wasser entnehmen, um Bier und dergleichen zu machen, – mit demselben Wasser werden freilich auch die Ochsen und Pferde getränkt, – so gibt es natürlich keinen Menschen, der nicht, auch wenn er sich kaum drei oder vier Tage in jenen Studien- und Kollegienhäusern aufgehalten hat, mit dem Brunnen nicht nur des Aristoteles, sondern auch außerdem mit dem des Pythagoras und Plato reichlich durchtränkt worden wäre.

ARMESSO: Leider, was ihr sagt, ist nur allzu wahr! Daher kommt es, Teofilo, dass die Doktoren zu so billigen Preisen fortgehen wie die Sardellen. Wie man sie mit wenig Mühe kreiert, findet, fischt, so kauft man sie auch für ein Geringes. Da nun bei uns die Masse der Doktoren in dieser Zeit so beschaffen ist, – den Ruhm einiger durch Redegabe, Gelehrsamkeit, weltmännische Bildung ausgezeichneter Männer, wie ein Tobias Matthew, Culpeper und andere, die ich nicht zu nennen weiß, immer ausgenommen, – so fehlt viel daran, dass einer weil er sich Doktor nennt dafür gelte einen neuen Adelsrang zu haben; vielmehr ist er gerade der entgegengesetzten Natur und Beschaffenheit so lange verdächtig, als man nicht etwas von ihm besonders weiß. So kommt es, dass diejenigen, die von Geburt oder sonst adlig sind, auch wenn sie damit das schönste Teil des Adels, die gelehrte Bildung, verbinden, sich schämen, sich promovieren und zu Doktoren ernennen zu lassen, indem es ihnen genügt, dass sie Gelehrte sind. Und von solchen findet man eine größere Zahl an den Höfen, wie man Pedanten an der Universität findet.

FILOTEOFILO: Grämt euch nicht zu sehr darüber, Armesso! Denn überall, wo es Doktoren und Priester gibt, gibt es auch beide Arten von ihnen. Diejenigen, die wahrhafte Gelehrte und wahrhafte Priester sind, mögen sie auch aus niederem Stande emporgekommen sein, können nicht anders als gebildet und geadelt sein; denn die Wissenschaft ist der auserlesene Weg, um den menschlichen Geist zu erhabenem Streben zu entzünden. Jene anderen aber erscheinen uns umso roher, je mehr sie, mit dem Divûm pater oder mit dem Giganten Salmoneus »hochdonnernd«, gleich einem Satyr oder Faun im Purpurgewand mit Schrecken einflößendem und gebieterischem Pompe einherschreiten, nachdem sie auf dem Katheder des Schulobersten ausgemacht haben, – nach welcher Deklination hic et haec et hoc nihil geht.

ARMESSO: Wir wollen den Gegenstand fallen lassen. Was ist das für ein Buch, das ihr in der Hand habt?

FILOTEOFILO: Es sind Dialoge.

ARMESSO: Das Gastmahl?

FILOTEOFILO: Nein.

ARMESSO: Was denn?

FILOTEOFILO: Andere, im denen nach unserer Methode von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen gehandelt wird.

ARMESSO: Und die Personen? Haben wir vielleicht wieder so einen verteufelten Frulla oder Prudenzio, die uns von neuem in schlimme Gesellschaft bringen?

FILOTEOFILO: Fürchtet nichts! Einen ausgenommen, sind es lauter ruhige und höchst anständige Leute.

ARMESSO: So bliebe also doch wieder euren Worten nach etwas auch in diesen Dialogen auszumerzen?

FILOTEOFILO: Fürchtet nichts! Ihr werdet euch eher gekitzelt fühlen, wo es euch juckt, als gereizt, wo es euch weh tut.

ARMESSO: Wo es juckt?

FILOTEOFILO: Ihr werdet hier erstens dem ehrenwerten Gelehrten, dem liebenswürdigen, wohlgebildeten Mann und treuen Freunde Alexander Dickson begegnen, den der Nolaner liebt wie seinen Augapfel und der zu der Verhandlung über den Gegenstand den Anlass gegeben hat. Er wird als derjenige eingeführt, der dem Teofilo den Stoff zu seinen Darlegungen bietet. Zweitens habt ihr da den Teofilo, nämlich mich, der je nach gegebenem Anlass den vorliegenden Gegenstand durch Distinktionen, Definitionen und Demonstrationen erläutert. Drittens ist da Gervasio, ein Mann, der nicht zur Zunft gehört, aber zum Zeitvertreib bei unseren Unterredungen dabei sein will, eine Person, die nicht wohl noch übel riecht, sich über die Manieren des Poliinnio köstlich amüsiert und ihm dann und wann Spielraum schafft, um seine Torheit auszulassen. Diesen gotteslästerlichen Pedanten habt ihr da zum vierten, einen jener gestrengen Tadler der Philosophie, der sich deshalb wie ein Momus vorkommt; äußerst eingenommen von seinem Schwarm von Scholastikern, weshalb er sich in sokratischer Liebe einen geschworenen Feind des weiblichen Geschlechtes nennt, und weil er kein Physiker ist, sich für Orpheus, Musäus, Tityrus und Amphion hält. Du kennst die Art. Wenn sie dir eine schöne Periode gemacht, ein elegantes Brieflein aufgesetzt, eine zierliche Phrase aus der ciceronianischen Garküche geschmarotzert haben: – da ist Demosthenes wiedererstanden, da blüht Tullius, da lebt Sallust; da ist ein Argus, der jeden Buchstaben, jede Silbe, jede Redensart erspäht; da Rhadamanthus »umbras vocat ille silentum«, da Minos, König von Creta, »urnam movet«. Sie zeigen die Sprüchlein und diskutieren über Phrasen: diese schmeckt nach dem Dichter, jene nach dem Komiker, die nach dem Redner; das ist würdevoll, das niedrig, das erhaben; jenes gehört dem humile dicendi genus an; diese Wendung ist rau; sie würde zart sein, wenn sie so gestaltet wäre; das ist ein Anfänger, der sich wenig um das Altertum kümmert, non redolet Arpinatem, desipit Latium; dieses Wort ist nicht toskanisch, wird nicht von Boccaccio, Petrarca und anderen gebraucht. Man schreibt nicht homo, sondern omo, nicht honore, sondern onore, nicht Polihimnio, sondern Poliinnio.

Darüber triumphiert er, ist er mit sich zufrieden; nichts gefällt ihm so wie seine eigenen Thaten. Er ist ein Jupiter, der von der hohen Warte »alta specula« das so vielen unnötigen Irrtümern, Unfällen, Nöten und Mühen ausgesetzte Leben der anderen Menschen beschaut und betrachtet. Nur er ist glücklich, er allein lebt ein himmlisches Leben, wenn er seine Göttlichkeit im Spiegel einer Blumenlese, eines Wörterbuchs, eines Calepino, eines Glossars, einer Cornucopia, eines Nizolius betrachtet. Mit solcher Überlegenheit ausgestattet ist er allein alles in allem, während sonst jeder nur eines ist. Lacht er, so nennt er sich Demokrit, weint er, Heraklit; disputiert er, so heißt er Chrysipp; forscht er, Aristoteles; tummelt er sich in Hirngespinsten, Plato; brüllt er ein paar Sätze her, so ist sein Name Demosthenes; wenn er den Vergilium analysiert, so ist er Maro. Nun hofmeistert er Achill, belobt Aeneas, tadelt Hector, deklamiert gegen Pyrrhus, trauert über Priamus, verklagt Turnus, entschuldigt Dido, preist Achates, und endlich, indem er verbum verbo reddit und wilde Synonymien auftürmt, nihil divinum a se alienum putat, ist er so aufgeblasen, wenn er vom Katheder heruntersteigt, als hätte er Himmelreiche geordnet, Senate geregelt, Heere gebändigt, Welten reformiert; ist er sicher, dass wenn nicht die Ungerechtigkeit der Zeit wäre, er in Wirklichkeit das tun würde, was er in seiner Meinung tut. O tempora, o mores! Wie selten sind diejenigen, welche die Natur der Participia, der Adverbia, der Conjunctiones verstehen! Wie viel Zeit hat es gekostet, bis die Art und der wahre Grund gefunden wurde, wie das Adjectivum mit dem Substantivum übereinstimmen, das Relativum sich nach dem richten muss, worauf es sich bezieht, und nach welcher Regel es jetzt vorn, jetzt hinter dem Satze steht, nach welchen Maßen, welchen Ordnungen die Interjectiones eingestreut werden, die, welche Trauer, die, welche Freude ausdrücken: heu, oh, ah, ach, hem, ohe, hui und andere Würzen, ohne welche alle menschliche Rede höchst fade sein würde.

ELITROPIO: Sagt was ihr wollt, denkt wie es euch beliebt! Ich sage, dass es für das Glück des Lebens besser ist, sich Krösus zu dünken und arm zu sein, als sich arm zu dünken und Krösus zu sein. Ist es nicht zuträglicher für das Wohlbefinden, eine Vettel zu haben, die dir schön scheint und dich befriedigt, als eine Léda, eine Helena, die dich langweilt und dir zum Ekel wird? Was verschlägt es also jenen, dass sie geistlos und mit Wertlosem beschäftigt sind, wenn sie umso glücklicher sind, je mehr sie sich ganz allein gefallen? So gut tut frisches Gras dem Esel, Gerste dem Pferd, wie mit Dreck beschmiertes Brot dem Rebhuhn. So wohl ist der Sau bei Eicheln und Trank, wie einem Zeus bei Ambrosia und Nektar. Wollt ihr jene vielleicht aus ihrem süßen Wahn reißen, dass sie euch nachher für eure Bemühung den Hals brechen müssten? Überdies – wer weiß, ob dies oder jenes Narrheit ist? Ein Pyrrhonianer würde sagen: Wer weiß, ob unser Zustand der Tod und der Zustand derer die wir abgeschieden nennen, das Leben ist? So auch – wer weiß, ob nicht alles Glück und alle Seligkeit in der richtigen Verbindung und Aufeinanderfolge der Satzglieder besteht?

ARMESSO: So ist die Welt! Wir machen den Demokrit über die Pedanten und Sprachkünstler; die vielgeschäftigen Männer der Praxis machen den Demokrit über uns; die Mönche und Priester, die sich wenig mit Gedanken plagen, demokritisieren über alle. Und umgekehrt machen die Pedanten sich über uns, wir uns über die Männer von Welt, alle sich über die Mönche lustig, und schließlich, indem immer der eine der Narr des andern ist, möchte es sich zeigen, dass wir alle verschieden sind in specie, aber gleichartig in genere, numero et casu.

FILOTEOFILO: Verschieden sind deshalb die Gattungen und Arten der Bannstrahlen, mannigfaltig ihre Grade; aber die schärfsten, strengsten, schrecklichsten und entsetzlichsten werden von unseren Erzschulmeistern geschleudert. Darum lasst uns vor ihnen die Knie beugen, das Haupt neigen, die Augen verdrehen und die Hände emporheben, seufzen, weinen, schreien und um Gnade flehen. So wende ich mich denn an euch, die ihr den Heroldstab des Merkurs in Händen tragt, um die Kontroversen zu entscheiden, die Probleme zu determinieren, die unter Sterblichen und Göttern auftauchen. Euch empfehlen wir unsere Prosa, eurem Urteil unterwerfen wir unsere Musen, unsere Prämissen, Subsumptionen, Digressionen, Parenthesen, Applikationen, Klauseln, Perioden, Konstruktionen, Attribute und Epitheta. Oh, ihr lieblichsten Wassermänner, die ihr mit euren zierlichen Floskeln uns den Geist entrückt, das Herz fesselt, den Sinn bezaubert, haltet unseren Barbarismen die gute Absicht zugute, renkt unsere Sprachfehler wieder ein, beschneidet unsere Makrologien, flickt unsere Ellipsen aus, zäumt unsere Tautologien, mäßigt unsere Akribologien, verzeiht unsere Aeschrologien, entschuldigt unsre Pleonasmen, vergebt unsern Kakophaten! Ich beschwöre euch alle insgemein und dich insbesondere, du strenger, mürrischer und zornigster Magister Poliinnio, von der wilden Wut und dem frevlerischen Hass gegen das edle weibliche Geschlecht zu lassen und uns nicht das Schönste zu verscheuchen, was die Welt umfasst und der Himmel mit seinen tausend Augen erblickt! Kehrt um, kehrt um zu uns, besinnt euch, damit ihr seht, dass jener euer Groll nichts ist als ausgesprochener Wahnsinn und fanatische Raserei. Wer ist unsinniger und stumpfsinniger, als der, der das Licht selber nicht sieht? Welche Torheit kann verächtlicher sein, als um des Geschlechtes willen der Feind der Natur selber sein, gleich jenem barbarischen König von Sarza [Rodomonte], der weil er’s von euch gelernt sagt:

Natur kann nichts Vollkommenes gestalten,

Weil die Natur wird für ein Weib gehalten.

Betrachtet einmal die Wahrheit, erhebt das Auge zum Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen; seht den Widerspruch und den Gegensatz zwischen beiden und schaut, was Mann, was Weib ist. Hier der Körper, euer Freund, ein Mann; dort die Seele, eure Feindin, ein Weib! Hier der Wirrwarr männlich, dort die Ordnung weiblich; hier der Schlaf, dort die Wachsamkeit; hier der Stumpfsinn, dort die Erinnerung; hier der Hass, dort die Liebe; hier der Irrtum, dort die Wahrheit; hier der Mangel, dort die Fülle; hier der Orcus, dort die Seligkeit; hier der Pedant Poliinnio, dort die Muse Polyhymnia: kurz, alle Laster, Fehler und Verbrechen sind männlich, alle Tugenden, Vorzüge, Verdienste weiblich. Daher werden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Schönheit, Erhabenheit, Würde, Gottheit, weiblich benannt, so vorgestellt, so geschildert, so gemalt, und so sind sie auch. Und um diese theoretischen, begrifflichen und grammatikalischen Gründe, wie sie eurer Manier entsprechen, zu lassen, und zu den der Natur, der Wirklichkeit und Praxis entnommenen zu gelangen, muss nicht, um dir den Mund zu stopfen, dieses eine Beispiel genügen, welches dich mit deinen sämtlichen Genossen widerlegt? So finde doch einen Mann, der tüchtiger wäre als die göttliche Elisabeth, die in England regiert! So reich ist sie begabt, so hoch erhaben, so vom Himmel begünstigt, verteidigt und beschützt, dass alle Worte und Gewalten vergebens sich bemühen, sie zu schädigen. Im ganzen Königreich ist niemand würdiger, niemand heldenmütiger unter den Edlen, niemand gelehrter unter den Würdenträgern, niemand weiser unter den Staatsmännern. Was sind im Vergleich mit ihr in Rücksicht auf Schönheit, auf Kenntnis der Volks, wie der gelehrten Sprachen, auf Vertrautheit mit Wissenschaften und Künsten, auf Klugheit im Regiment, auf das Glück eines hohen und weit geltenden Ansehens, auf alle anderen Tugenden der Gesittung und Natur die Sophonisben, Faustinen, Semiramis, Dido, Cleopatra und alle anderen, deren sich Italien, Griechenland, Ägypten und andere Länder Europas und Asiens aus vergangenen Zeiten rühmen können! Beweise liefert mir was sie ausgerichtet hat, die glänzenden Erfolge, die das gegenwärtige Jahrhundert nicht ohne edles Staunen anschaut. Über Europas Fluren hin flutet der Tiber zürnend, der Po drohend, die Rhone gewalttätig, die Seine blutig, die Garonne stürmisch; der Ebro rast, der Tajo wütet; die Maas strömt ermattet, die Donau unruhig. Sie aber hat durch den Glanz ihrer Augen fünf und mehr Lustren hindurch den großen Ozean zur Ruhe gebracht, der in beständiger Ebbe und Flut fröhlich und still in seinen weiten Schoss seine geliebte Themse aufnimmt, die furchtlos und friedlich, sicher und fröhlich ihres Weges zieht und sich durch die wiesenreichen Gestade schlängelt! Um also noch einmal von vorn anzufangen, wie…

ARMESSO: Schweig, schweig, Filoteo! Bemüh dich nicht, Wasser in unsern Ozean und Licht in unsere Sonne zu tragen! Lass ab, verzückt, um nichts Schlimmeres zu sagen, zu erscheinen, indem du mit den Poliinnios disputierst, die gar nicht da sind. Teile uns lieber ein wenig mit von den Gesprächen, die du da bei dir hast, damit wir diesen Tag und diese Stunde nicht müßig verbringen!

FILOTEOFILO: Nehmet hin und leset!

 
02. Zweiter Dialog