Bringt euren Leib als lebendiges Opfer dar

Paul Foster Case (1923)

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Römerbrief des Paulus, Kapitel 12, Verse 1 und 2
„So ermahne ich euch denn, Brüder, bei dem Erbarmen Gottes, bringt eure Leiber als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe dar, als euren angemessenen (Gottes-)dienst. Und gleicht euch nicht dem Trend dieser Welt an, sondern wandelt euch durch die Erneuerung eures Geistes, um zu erkennen, was nach dem Willen Gottes das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene ist.“

Dies ist wohl eine der am meisten verkannten Passagen der Paulusbriefe. Sie bildete oft den Predigttext über Abtötung und Vernachlässigung des Körpers, Angelpunkt der falschen Doktrin über die „Abtötung des Fleisches“ so manches Verdrehers des Tempels des Lebens.

Aber die richtigen von Paul benutzten Worte entsprechen solchen Interpretationen nicht. Ich werde euch auch keine neue Interpretation geben, wenn ihr als eine solche die Bedeutung versteht, einen Text so zu verdrehen, bis er mit der eigenen Meinung des Interpreten übereinstimmt. Ich erbitte lediglich eure Aufmerksamkeit um die exakte Bedeutung von Pauls Lehraussagen.

Erinnert euch daran, dass Paulus ein Jude war, der zu Füßen Gamaliels saß. Er beherrschte sowohl Griechisch, wie Hebräisch. Nachdem ihm der erste Blitz seines Höheren Bewusstseins auf dem Weg nach Damaskus getroffen hatte, verbrachte er Jahre in der Arabischen Wüste. Wie andere große Lehrer verbreitete er Wissen aus erster Hand und verfügte über beträchtliche intellektuelle Fähigkeiten.

Zuallererst solltet ihr die Motive hinter seinen Lehren in Betracht ziehen. Er ermahnt seine Brüder beim Erbarmen Gottes. Seine Worte sind die Früchte seiner Kontemplation des Aspekts der Lebenskraft am Baum der Lebendigen als die vierte Sephirah, Chesed, dem unerschöpflichen Schatzhaus des ewigen Ziels der Lebenskraft, sich selbst und all seiner Kräfte den persönlichen Ausdruckszentren mitzuteilen. Aber diese Sephirah wird auch die „Messende Intelligenz“ genannt, denn die Lebenskraft ist nicht verschwenderisch. Sie misst vielmehr ihre Gaben aus und wenn das Maß voll ist und überzulaufen droht, muss der Empfänger, den Preis dafür bezahlen, und dieser Preis ist seine Bereitschaft zu empfangen. Diese Bereitschaft kann nur auf eine Weise erreicht werden: indem man aus dem physischen Vehikel der Lebenskraft ein „lebendes Opfer“ macht. Das griechische Wort für Opfer ist thusia, das aus dem Verb thuo gebildet wird, mit der Hauptbedeutung tief atmen.

Nun passt auf, was gemeint ist, wenn wir Pauls Botschaft wörtlich nehmen: Die Atmung ist der Prozess, mittels dem das Blut mit Sauerstoff versorgt wird, durch das die abgestorbenen Zellen und andere Verunreinigungen des Blutstroms durch das atmosphärische Feuer verbrannt werden.

Tief einatmen bedeutet das Einbeziehen des Willens in den Akt des Atmens. Damit wird das von den meisten Menschen gewohnte flache und unwirtschaftliche Ein- und Ausatmen durch einen intensiveren und kräftiger kontrollierten Einsatz der Lungen ersetzt, der den gesamten Blutstrom reinigt. Diese Art der Reinigung ist in der Tat ein „lebendiges Opfer“. Es verbrennt, wörtlich genommen, die Abfallprodukte des Körpers und dient so der Reinigung des gesamten Tempels der Lebenskraft.

Auf diese Weise, so fährt Paul fort, wird der Körper heilig und gottgefällig gemacht. Wenn wir die theologischen Definitionen des Wortes „Gott“ außer Acht lassen und es als Synonym für das betrachten, was wir als Lebenskraft bezeichnen, können wir ersehen, dass Paul die Wahrheit spricht. Tiefes Atmen reinigt den gesamten Organismus, stimuliert den Stoffwechsel und dient damit dem Zellaufbau auf eine reine, ganzheitliche und perfekte (d.h. heiligen) Weise. Dadurch wird der Körper für die Lebenskraft akzeptabel gemacht. Die meisten Menschen verfügen über Körper, die zu nichts weiter als zur gröbsten und plumpsten Arbeit des Urwillens geeignet sind. Diese Körper, mit den über Jahre unbewussten Lebens angesammelten Abfallstoffen gleichen einem komplett verstimmten Musikinstrument. Sie müssen dem, zu dem sie ausersehen wurden annehmbar d.h. dem Zweck dienlich gemacht werden. Und da Paulus das Gesetz kannte, traf er die glückliche Auswahl von Worten, als er mit dem Ausdruck „thusia“ das beschrieb, was getan werden muss.

Er fährt fort und sagt „Folgt nicht dem Trend dieser Welt“ (das griechische Wort „aion“ bedeutet Alter oder Zeitalter). Mit diesem Ausdruck wird klar, dass er einen Weg vorschlägt, der den Gepflogenheiten und Ansichten der ignoranten Mehrheit entgegenläuft. Er empfiehlt seinen Brüdern anders zu sein. Er warnt sie davor, sich vom Strom des vorherrschenden Rassenbewusstseins fortfegen zu lassen. Er weiß wohl, dass der Einfluss des Rassegedankens mächtig ist und der Tendenz folgt, die Frequenz des Lebens in den Körperzellen herabzusetzen. Seine Beeinflussung entspricht dem Trend externer Kräfte. Hier kommen wir mit einem Gesetz des subjektiven Bewusstseins in Berührung. Es ist, wie wir wissen, für Suggestionen stets offen und im Besitz telepathischer Kräfte. Solange wir noch nicht die komplette Meisterschaft erlangt haben und seine Aktionen leiten können, ist die mächtigste ihm vorliegende Suggestion die des Rassegedankens, des Rassegedankens der Ignoranz! So erlauben ihm die meisten von uns, ihren Körper gemäß dem vom subjektiven Bewusstsein telepathisch aufgenommenen unvollkommenen Mustern auszubilden, anstelle ihn aus den (Kräften) des Inneren zu formen. Unsere Körper entsprechen dadurch dem „Trend dieser Welt“. Bestenfalls drücken sie nichts weiter aus, als die durchschnittliche Intelligenz des Zeitalters, indem wir „zufälligerweise“ leben.

Paulus ermuntert uns, dies alles zu ändern, „um von der Erneuerung des Bewusstseins umgeformt“ zu werden. Dies ist ein äußerst interessanter Satz. Etwas zu erneuern bedeutet es wieder so herzustellen, wie es ursprünglich war, in seiner ursprünglichen Frische; und das Bewusstsein zu erneuern bedeutet, die Kräfte wiederherzustellen, deren Verschwinden man während Generationen der Ignoranz zusah. Paul rät uns, unser vergessenes Wissen neu zu beleben. Denkt daran, dass er unseren Körper meint, so dass es klar wird, dass die Erneuerung (von der er spricht) etwas mit der Kontrolle über die physischen Funktionen durch (die Kräfte) des Geistes zu tun hat. Zahlreiche Schulen metaphysischer Heilkunst haben dies zwar soweit gesehen. Wenige haben indes die tiefere Bedeutung dieser Lehren herausgearbeitet, weil nicht allzu viele metaphysisch orientierte Heilkundige verstehen, dass die Erneuerung (der Kräfte) des Geistes durch bestimmte physische Prozesse erreicht werden kann.

Um die physiologischen Funktionen wieder unter die Kontrolle der Kräfte des Geistes zu bringen (sie zu erneuern) und das Zellenbewusstsein unter die Führung des ICH BIN zu stellen und von der telepathischen Beeinflussung des Rassegedankens zu befreien, müssen wir deshalb etwas mehr tun, als nur an Gesundheit denken oder autosuggestive Methoden anwenden. Kabbalisten machen uns dies klar, wenn sie die „Erneuernde Intelligenz“ dem Buchstaben Ayin im 26. Pfad (des Lebensbaums) zuschreiben, der im Tarot vom Teufel dargestellt wird.

Es ist dies der Pfad des Tierkreiszeichens Steinbock, über das Saturn herrscht und im Mars erhöht wird. Physiologisch gesehen entspricht Mars der feurigen Schlange, der hinduistischen Schlangenkraft Kundalini. Er hat hauptsächlich zwei physische Ausdruckszentren: Er herrscht einmal über das Zeichen Skorpion, das seinerseits die Reproduktionsorgane der Spezies beherrscht und andererseits über das des Widders, der dem Gehirn zugeordnet ist. Das Gehirn beherbergt das höchste der sieben Zentren oder Chakren, in denen sich die Lebenskraft als Kosmisches Bewusstsein ausdrückt.

Das Tierkreiszeichen Steinbock entspricht und herrscht spezifisch über das unterste der sieben Chakren, dem Muladhara, in dem, gemäß der Hindulehre, die feurige Schlange zusammengerollt liegt. Es ist der sakrale Plexus an der Basis des Rückgrats, von wo aus die Nerven von den reproduktiven Zentren mit Energie versorgt werden. Das Problem des Okkultisten besteht nun darin, die im Sakralen Plexus gespeicherte Energie von seinen normalen physiologischen Ausdrucksformen abzulenken, damit sie zu den sieben Zentren aufsteigt, bis sie die höchste im Gehirn erreicht. Was auch immer einige Menschen denken mögen und wie oft ihr auch lesen mögt, dass dies nur durch Meditation erreicht werden kann, ist es doch eine Tatsache, dass, bevor man überhaupt mit der Meditation beginnen kann oder mittels geistiger Befehle die physiologischen Prozesse beeinflussen kann, als eine Voraussetzung die Kontrolle über das Zellbewusstsein wiedergewonnen werden muss.

Der einfachste Einstiegspunkt ist, Kontrolle über die Funktionen des Atmens zu erlangen, die nur teilweise automatisch ablaufen. Tiefes, vom Willen kontrolliertes rhythmisches Atmen unterstellt viele Zellgruppen unter die Kontrolle des Geistes. Eine rechte Nahrungsauswahl, Aufmerksamkeit um dem Körper genügend Wasser bereitzustellen und willentliche Beobachtung anderer Hygieneregeln hilft ebenso die geistige Kontrolle über physikalische Funktionen zu erneuern. Aber es wird noch mehr benötigt! Der astrologische Herrscher über diesen Pfad der Erneuernden Intelligenz ist Saturn, und die Aufgabe Saturns ist die der Begrenzung. Der schnellste Weg Kontrolle über den Körper zu erlangen ist seine Aktivitäten zu begrenzen und in diesem Sinne wurden in Indien schon vor langer Zeit besondere Übungen ersonnen.

Diese Übungen wurden oft missverstanden und von Lehrern orientalischer Metaphysik schwerwiegend falsch interpretiert. Diese Arbeit wird im Sanskrit mit Hatha-Yoga bezeichnet und vor allem theosophische Autoren machten sich der weitreichenden falschen Lehren über die Praxis der physischen Kontrolle schuldig. Einige gingen dabei soweit, sie in die Schwarze Magie einzureihen und zu versichern, dass die Atemtechnik und die bestimmter Körperhaltungen falsch seien, da sie das physische Bewusstsein intensiviere. Ihre Argumentierung geht dahin, dass physisches Bewusstsein das sei, dem wir zu entrinnen versuchen und dass der Versuch der Kontrolle über physische Funktionen zu gewinnen den Abstieg und nicht den Aufstieg auf dem Pfad der Befreiung bedeute.

Das ist einfach Nonsens! Die Probleme, denen wir begegnen beruhen fast ausnahmslos auf der Tatsache, dass sich unser Zellbewusstsein wie ein entlaufener Gaul mit dem Geschirr im Gebiss verhält. Solange wir das scheue Tier nicht gebändigt haben, können wir das Höhere Bewusstsein nicht in eine praktische oder nützliche Beziehung mit unserem Tagesablauf bringen. Menschen, die die Gesetze des Körpers ignorieren und ihre gesamte Zeit nur mehr der Meditation und dem, was sie spirituelle Dinge nennen, widmen, gleichen einem Menschen, der sein Leben durch Weglaufen retten könnte, aber stattdessen über die Gnade Gottes meditiert. Was zu tun ist, ist die Domptur des Pferdes auf eine Weise, dass es sich keinen weiteren Freiraum mehr aneignen kann.

Sogar Swami Vivekananda zeigt sich dem Hatha-Yoga gegenüber nicht ganz fair, wenn er es im Glossar seines Buchs „Raja Yoga“ folgendermaßen definiert: „Raja-Yoga ist die Lehre Körper und Geist zu beherrschen, aber nicht im Hinblick auf die Spiritualität; die körperliche Perfektion ist das einzige Ziel.“

Dies ist einfach nicht richtig. Eines der wichtigsten Werke über das Hatha-Yoga, das „Gheranda Sanhita“ beginnt mit folgendem Gruß:

„Ich grüße diesen Adisvara (den Obersten Herrn), der als erster die Lehre des Hatha-Yoga verkündete. Es ist die Leiter um zu den weiteren Höhen des Raja-Yoga zu gelangen.“

Raja-Yoga wird von Vivekananda als die „Lehre der Meisterung des Inneren“ (d.h. des subjektiven Bewusstseins) bezeichnet, um sich das Göttliche im Innern bewusst zu machen. Das so despektierlich eingeschätzte Hatha-Yoga hat natürlich als „Leiter zu den weiteren Höhen des Raja-Yoga“ dasselbe Ziel vor Augen. Es zieht lediglich Naturgesetze in Betracht; nämlich die Weiterentwicklung des wahren Wissens der Weisen, dass zur Meisterung des Inneren bei dessen äußerster Manifestation, beim physischen Körper begonnen werden muss.

Die Meisterung hat als Ziel die Wiederherstellung der verlorengegangenen Kraft der Kontrolle über das Zellbewusstsein. Zu diesem Zweck veranlassen wir bedachtsam unsere Körperzellen Funktionen einzunehmen, die sie nicht gewohnt sind. Anstelle dem Körper zu erlauben, ständig seine Position zu verändern, wählen wir eine Stellung aus und üben uns solange darin, bis wir sie über Stunden perfekt halten können. Wir führen regelmäßig ein Übungssystem durch, das alle Zellen des gesamten Organismus dem zentralen Bewusstsein empfangsbereit macht.

Zu Beginn dieser Arbeit gibt es eine Menge von Widerständen zu überwinden, denn die Zellen, die die Fehler des Rassenbewusstseins beherbergen, protestieren bitterlich gegen jeden Gehorsam. Sie protestieren, denn der Gehorsam bedeutet für sie gewissermaßen den Tod. Solltest du z.B. zu den Menschen gehören, die mit durchgestreckten Knien mit ihren Fingerspitzen den Boden nicht berühren können, wird jeder Versuch dies zu tun mehr oder weniger mit Schmerzen verbunden sein. Der Schmerz ist der Protest der Zellen, die du als Opfer der Lebenskraft schenkst, mit dem Entschluss, deinen Körper zu einem heiligen und wohlgefälligen Instrument des Universalen Geistes umzugestalten. Aber wenn du unbeirrt mit deinen Übungen fortfährst, wird die Zeit kommen, wo du den Boden sogar mit deinen Handflächen berühren kannst, ohne dass es schmerzt, weil die alten Zellen von den ersten Versuchen überwältigt und durch andere ersetzt wurden, die deinen geistigen Vorstellungen besser folgen können; nichts gleicht der Aufgabe eines Zellverbandes!

Beachte bitte, dass Paulus dies als einen angemessenen (Gottes-) Dienst bezeichnet. Was als „angemessen“ übersetzt wurde, bedeutet im Urtext „logisch“. Der Dienst wird nicht im blinden Glauben ausgeführt. Wir geben ihm vielmehr den logischen Gedanken der Gesetze der Selbstdarstellung der Lebenskraft mit. Das Beste von ihr kann sie aber in einem durch Verweigerungen verstopften und verstimmten Körper nicht zum Ausdruck bringen, so wie selbst ein Paderewski keine gute Musik auf einem blechernen Piano zum Erklingen bringt. Wir mögen unentwegt meditieren und unsere Gedanken von morgens bis abends mit frommen Gedanken beschäftigen, solange diese Gedanken nicht dazu führen, unseren Körper fit, als Tempel des lebendigen Gottes zu erhalten, solange beteiligen wir uns nicht am Großen Werk.

Schließlich lasst uns überdenken, warum wir das alles tun sollen. Es dient dazu, den Willen Gottes unter Beweis zu stellen. Beweisen heißt testen, experimentell erproben, heißt Laborarbeit. Und der Wille Gottes ist der Urwille der Lebenskraft, der Drang, der die gesamte Schöpfung erfüllt, die Absicht, deren Ziel die Manifestation der Schönheit auf jeder Ebene ist, wie uns der Lebensbaum lehrt.

In einem hässlichen, ungestalteten Körper, mit unreiner Haut und Poren, die zu atmen vergessen haben und einem mit giftigen Abfällen gefüllten Magen und Darmtrakt, bringen wir Gottes Willen nicht zum Ausdruck. Genauso wenig wird uns nur der Gedanke an Gesundheit und Schönheit unseren Körper erneuern. Wir müssen deshalb die Kontrolle über unser Zellbewusstsein übernehmen.

-> ein weiterer empfehlenswerter Text der Kabbalah: Elias Rubenstein – Der Baum des Lebens