Der Meister

Franz Hartmann  (1888)

Franz Hartmann„Non sit alterius qui suus esse potest.“ (Paracelsus)

Franz Hartmann meint, dass es für einen wahren Meister  bedeutend sei, sein Selbst vollkommen loszulassen und für andere zu arbeiten. Laut Franz Hartmann soll diese Freiheit jedoch sinnbildlich nur durch den „Tod“ des Selbst erreicht werden können. Seiner Meinung nach muss das Selbst zuerst sterben, damit das Göttliche erwachen kann. Dies soll nur durch die Arbeit für andere, nur durch die wahre Tat, möglich sein. Franz Hartmann resümiert schließlich, dass so das Selbstbewusstsein der Unsterblichkeit erlangt werden soll.

Jehosua war er ein „Lehrling“, dann ein „Geselle“ aber noch kein Meister geworden. Der Lehrling arbeitet für sich selbst, damit er etwas lernt; der Geselle hilft seinem Meister, aber der Meister arbeitet für seine Kunden. Und wie im Äußeren so ist es im Innern. Viele wollen als Lehrer auftreten, die noch nicht dazu berufen sind, da sie noch nicht die Lehrlingsjahre durchgemacht haben; andere wollen für sich selbst arbeiten, ohne dem Meister behilflich zu sein; aber wer ein richtiger Meister ist, der arbeitet auch im Geistigen nicht für sich selbst, sondern für andere, und indem er für andere arbeitet, erwirbt er sich das Recht, ein Meister zu sein. Wie aber könnte derjenige aufhören, für sich selbst zu arbeiten, der noch an die Kette der Selbstheit gebunden ist? Solange das Selbst vorhanden ist, verlangt es seine Rechte. Jeder Besitz bringt Pflichten mit sich; wer mit dem Selbst verbunden ist muss für dasselbe sorgen. Deshalb kann niemand ein vollkommener Meister werden, als durch den Tod. Aber der Tod, von welchem wir reden, ist der mystische Tod, und nicht die Auflösung des irdischen Körpers. Wie niemand die Freiheit dadurch gewinnen kann, dass er sich das Haus über dem Kopfe abbrennt und damit zu Grunde geht, wohl aber dadurch, dass er das Haus verlässt, so kann auch die erkenntnislose Seele keine Erkenntnis gewinnen, indem ihre Behausung zerstört wird. Auch kann weder ein Mensch das Haus, noch die Seele den Körper entbehren, solange sie dessen bedürfen; der obdachlose Mensch sucht sich wieder ein Haus und die obdachlose Seele eine andere Inkarnation. Die ewigen Wahrheiten wurden in den ägyptischen Mysterien auf sinnbildliche Weise dargestellt. Der dritte Grad, der Grad des Meisters wurde Melanephores genannt, und der Eingang dazu war durch das „Tor des Todes“. Die Kammer, welche der Kandidat betrat, nachdem er durch das Tor des Todes gegangen war, war mit Leichen angefüllt, und in der Mitte desselben stand der Sarkophag des Osiris, mit Blut überströmt. Die Parakites, d.h. die Leute, welche die Körper der Toten öffneten, und die Heroi, welche das Einbalsamieren besorgten, waren bei ihrer Arbeit. Von dort ging es in ein anderes Gemach, wo die schwarzgekleideten Melanephores den Kandidaten empfingen und ihn vor den König brachten, welcher freundlich zu ihm sprach und ihm abriet, tiefer in die Mysterien eindringen zu wollen, ihm dagegen den Rat gab, mit dem, was er bereits erlangt hatte, zufrieden zu sein. Er lobte ihn wegen seines Mutes und seiner Tugend und sagte ihm, dass er jetzt seine Errungenschaften genießen und sich zur Ruhe setzen könne; dass er von allen von nun an hoch geehrt würde, und zum Zeichen seiner Hochachtung nahm der König seine eigene Krone uns setzte sie dem Kandidaten aufs Haupt. Wenn der Kandidat Weisheit genug besaß, um den Sinn dieser Ceremonie zu begreifen und die Probe zu bestehen, so warf er die Krone zu Boden und trat mit dem Fusse darauf, um anzudeuten, dass seine Weisheit und Tugenden nicht seinem eigenen Verdienste zuzuschreiben seien und nicht sein eigen wären, sondern dass alles Gute nur Gott im Menschen gehört.

Da brachen denn alle Anwesenden in einen Schrei der Entrüstung aus, und es fand eine andere Zeremonie statt, welche andeutet, dass das Selbst im Menschen gänzlich und auf Nimmerwiederkehr getötet werden muss, wenn Gott, der Herr seine Auferstehung in ihm feiern und ihm allein herrschen soll. Aus ähnlichen Gründen wurden auch von jener mystischen Gesellschaft, welche sich „Christen“ nannten, die Buchstaben (I.N.R.I.) über dem Symbol des Kreuzes angebracht, welche bedeuten: In Nobis Regnat Jesus; d.h.: „In uns herrscht Jesus“, das Licht der Welt. Wer dieses sagen kann, ohne damit eine Lüge auszusprechen, der ist ein Christ. Während der Kandidat durch das Tor des Todes schritt, stand sein ganzes vergangenes Leben mit allen seinen großen Ereignissen vor seiner Seele. Wie in einem Panorama lagen vor seinem Blick alle seine guten und bösen Handlungen und Unterlassungen. Über diesen Vorgang wissen Manche, die dem Ertrinken nahe waren und wieder zum Leben zurückgebracht wurden, aus Erfahrung zu berichten. Die Geister der Vergangenheit standen vor ihm auf, die anklagenden Geister, welche ihn aufforderten, wieder zur Erde zurückzukehren, um das Böse, welches er getan hatte, gut zu machen; die richtenden Geister, welche ihn zurückhielten, unter dem Vorwande, dass er nicht würdig sei, die Würde des Meisters zu empfangen, die rächenden Geister vergangener Missetaten, welche von ihm den noch nicht bezahlten Tribut verlangten. Wenn es ihm gelang, die Geister zu überwinden, dann erwachten die himmlischen Kräfte in seinem Innern und führten ihn in den Himmel der Seligkeit ein. Wem es aber nicht gelang, diese Geister zu überwinden, der musste während des Restes seines natürlichen Lebens in der Halle des Todes bleiben, und seine ganze Beschäftigung bestand darin, bei der Einbalsamierung und Bestattung der Toten tätig zu sein. Aber wir haben es hier nicht mit leeren Symbolen und lügenhaften Zeremonien zu tun, sondern mit der diesen Symbolen zu Grunde liegenden Wirklichkeit. Eine Zeremonie, welche äußerlich einen innerlichen Vorgang darstellt, ist nur eine Komödie, wenn man den innerlichen Vorgang, welchen sie vorstellen soll, gar nicht kennt. Es ist nicht viel damit gedient, zu glauben, dass irgend Jemand das Haupt der Medusa abschlagen, oder dass Herkules den vielköpfigen Cerberus überwunden hat, wenn der fromme Gläubige nicht selber das Haupt der schönen Medusa, welche die Selbstsucht ist, abhauen, und nicht durch die Kraft seines geistigen herkulischen Wollens selber das vielköpfige Tier, welches den Eigendünkel darstellt, überwältigen kann. Wie viele unserer modernen Kirchgänger wären gern bereit die Krone vom Haupte des Königs zu nehmen, und sich selber aufs Haupt zu setzten, bilden sie sich ja doch ein, gut und moralisch, gescheit, wohltätig, tugendhaft usw. gewesen zu sein, und können es nicht fassen, dass das Selbst an sich ein Nichts und wertlos ist und aus eigener Kraft gar nichts vollbringen kann, sondern dass alle seine scheinbaren guten Eigenschaften nur Offenbarungen der Kraft des Königs sind, dessen in Ewigkeit das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit ist. Der Mensch an sich besitzt nichts, das er sein eigen nennen kann, und hat kein Recht, auf seine vermeintlichen Besitztümer stolz zu sein; er hat sich nicht selber gemacht. Er kann ein großer Redner sein, aber er hat den Geist nicht erfunden oder verfertigt, der durch ihn spricht, noch sich selbst die Rednergabe gegeben. Alles, was er besitzt ist ihm von Gott und der Natur geliehen, er kann es gebrauchen oder missbrauchen, aber es gehört ihm nicht zu eigen, er muss es mit Zinsen wieder zurückgeben. Sein Leben gehört nicht ihm, es ist eine Offenbarung des Lebens der großen Natur in seiner individuellen Form, welche ohne dieses Leben nichts als eine leere Maske, eine Erscheinung ist, und so ist es mit allen seinen natürlichen Kräften, welche alle die Ausflüsse, Wirkungen oder Offenbarungen der Tätigkeit dieses Lebens in seinem nur kurze Zeit bestehenden Organismus sind. So ist es auch mit denjenigen Kräften, welche „übernatürlich“ genannt werden, weil sie aus einer höheren Quelle als der Zusammenwirkung physischer Naturkräfte entspringen. So ist z.B. die geistige Selbsterkenntnis kein Erzeugnis des Denkens, sondern eine Offenbarung der göttlichen Kraft der Weisheit, die im Denken des Menschen offenbar wird, indem sie seinen Verstand durchdringt und erleuchtet. Der gelehrte Dummkopf hat heutzutage ein blödsinniges Lächeln bereit, wenn von „Magie“ die Rede ist, und dennoch lebt er selbst in einer Welt, die durch den magischen Zauber des Willens in der Natur fortwährend aus dem Nichtoffenbaren in die Erscheinung tritt, und er selbst ist ein Produkt dieses Willens. Was wäre die Welt ohne die magische Kraft der Liebe, welche die Sonnen verbindet, ohne die magische Gewalt der Gerechtigkeit, welche die Welt in Ordnung erhält und von welcher sich sogar die „Wissenschaft“ beugen muss? Aber auch die geistigen Kräfte sind nicht die Erzeugnisse des Menschen und nicht sein Eigentum; sie sind die Offenbarungen des Geist Gottes im Weltall, welche im einzelnen Menschen zu Bewusstsein gelangen, und sie gehören nicht der individuellen Erscheinung, sondern dem allgegenwärtigen Geiste an, ähnlich wie das Sonnenlicht nicht dem Glase angehört, durch welches es scheint, wohl aber das Glas seine Helle durch da Licht der Sonne erhält. Wer ein richtiger Meister werden will, muss sich nicht einbilden dass er ein Meister sei, sondern er muss den Meister in seinem Inneren erkennen. Wird der Meister in ihm groß und nimmt der Meister den Schüler ganz in Besitz, dann verschwindet der Schüler im Meister; dann gibt es keinen Schüler oder Gesellen mehr; dann ist der Geselle ganz zum Meister geworden. Wo der Mensch mit seinem Eigendünkel aufhört, da fängt Gott an; wo das eigene Dasein aufhört da beginnt das Allgegenwärtige Dasein Gottes; wo das beschränkte Selbstbewusstsein des Menschen Eins mit dem Allbewusstsein des Unendlichen wird da gibt es keine an den Selbstwahn gebundene Unwissenheit mehr, da geht der Mensch auf im Lichte der Freiheit und Allwissenheit. Gott ist das Licht und die Selbstheit in den Erscheinungen. Im Lichte ist Ruhe, aber die Schatten bekämpfen sich. Wer zum Lichte kommen will, der muss vor allem seinen eigenen Schatten überwinden und er überwindet ihn nur dadurch, dass das Licht in ihm offenbar wird. An dem Eingange zum Tempel des Lichtes steht der Hüter der Schwelle, der Schatten, welcher das Überbleibsel vorgehender Vorstellungen und Handlungen ist; er ist das illusorische Selbst, welches in der Vergangenheit gebildet wurde; ein Erzeugnis des Irrtums und der Sünde. Seine Heimat ist die Unterwelt, das Reich der Nacht, der Unwissenheit und selbstgeschaffenen Qual; seine Umgebung sind die Ausgeburten der tierischen Kräfte, welche durch seine Phantasie Form und Gestalt und durch seinen Willen Leben erhielten. Man sagt sie seien nicht „wirklich“, sondern nur Gebilde der Vorstellung; aber in demselben Sinne ist alles, was wir von der Welt wissen, nicht “wirklich“, sondern nur in unserer eigenen Vorstellung enthalten. Es gibt nur eine einzige Wirklichkeit, nämlich die Wahrheit; alles, was nicht wahr ist, ist auch nicht wirklich, und in diesem Sinne ist auch unser eigenes persönliches Dasein nicht wirklich, sondern nur ein Gebilde der Phantasie; aber solange wir selbst das Phantasiegebilde sind, erscheinen uns auch die uns umgebenden Phantasiegebilde als Wirklichkeit; Gott allein ist die Wahrheit und kann die Wahrheit erkennen. Der moderne aufgeklärte Theologe spricht „ein großes Wort gelassen aus“, wenn er sagt, dass es keine Hölle gäbe und die Hölle nur in unserem eigenen Innern existiere. Allerdings existiert nicht bloß die Hölle, sondern alles, was wir von der Welt wissen, nur in unserer eigenen Vorstellung und Empfindung, ist aber deshalb nichtsdestoweniger für uns wirklich vorhanden. Die Kräfte, welche in uns wirken, wirken nach außen und bringen im Innern lebendige Bilder hervor, welche sich der Seele objektiv darstellen und für die Seele ebenso wirklich vorhanden sind, als die physischen Erscheinungen in der Natur für die sinnliche Wahrnehmung. Die Teufel sowohl auch die Engel, welche der Mensch sich schafft, sind für die Seele wirklich vorhanden, nur für den Geist Gottes sind sie ein Nichts. Das Selbst kann durch keine theoretische Auseinandersetzung und durch keine bloße Zeremonie überwunden werden, sondern nur durch die Tat. Deshalb konnte auch Jehosua durch keine äußerliche Einweihung zu einem Meister gemacht werden, sondern er musste erst für Andere arbeiten lernen, ehe er das Passwort erlangen konnte, welche das Selbstbewusstsein der Unsterblichkeit ist.