81. Das Verhör vor Pilatus

1. Dann führten sie Jesus von Kaiphas vor die Gerichtshalle zu Pontius Pilatus, dem Statthalter. Es war frühe, und sie gingen nicht in die Gerichtshalle, auf dass sie nicht unrein würden, sondern das Fest halten könnten.

2. Deshalb ging Pilatus zu ihnen hinaus und sagte: „Was bringt ihr für eine Klage vor gegen diesen Mann?“ Sie antworteten und sagten zu ihm: „Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überbracht. Wir haben ein Gesetz, und nach unserem Gesetze muss er sterben; denn er möchte die Sitten und Gebräuche, die Moses uns befohlen hat, abschaffen, ja, er macht sich selbst zum Sohne Gottes.“

3. Da sagte Pilatus zu ihnen: „So nehmt ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz.“ Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.

4. Darauf sagten die Juden zu ihm: „Das Recht erlaubt uns nicht, dass wir jemand zum Tode verurteilen.“ So wurde das Wort Jesu erfüllt, der gesagt hatte, welchen Tod er sterben würde.

5. Und sie beschuldigten ihn weiter und sagten: „Wir fanden diesen Menschen, wie er das Volk aufwiegelte und ihm untersagte, dem Kaiser den Tribut zu zahlen, und dass er sagte von sich, er sei Christus, ein König.“

6. Da ging Pilatus wieder hinein in die Gerichtshalle und rief Jesus und fragte ihn: „Bist du der König der Juden?“ Jesus antwortete ihm: „Redest du das von dir selbst oder haben es dir andere von mir gesagt?“

7. Pilatus antwortete: „Bin ich ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohepriester haben dich mir überantwortet; was hast du getan?“ Jesus antwortete: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so würden meine Anhänger dafür kämpfen, dass ich den Juden nicht ausgeliefert würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier.“

8. Da fragte Pilatus: „So bist du doch ein König?“ Jesus antwortete: „Du sagst, dass ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“

9. Pilatus sagte zu ihm: „Was ist Wahrheit?“ Jesus sprach: „Die Wahrheit kommt vom Himmel.“ Pilatus sagte: „Dann ist die Wahrheit nicht auf Erden.“ Jesus sprach zu Pilatus: „Glaube es, die Wahrheit ist auf der Erde unter denen, die sie annehmen und ihr gehorchen. Die sind in der Wahrheit, die gerecht urteilen.“

10. Und als er dies gehört hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und sagte zu ihnen: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ Und als er von den Hohepriestern und Ältesten beschuldigt wurde, antwortete er ihnen nicht.

11. Da sagte Pilatus zu ihm: „Hörst du nicht, wie viel sie gegen dich vorbringen?“

12. Und er antwortete ihm nicht auf ein Wort mehr, also dass der Stadthalter sich sehr verwunderte. Und er sagte wieder zu ihnen: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.“

13. Da gerieten sie noch mehr in Zorn und riefen: „Er wiegelt das Volk auf und lehrt im ganzen jüdischen Land von Galiläa bis hierher.“ Da aber Pilatus den Namen Galiläa hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer wäre.

14. Und als er vernahm, dass er unter die Gerichtsbarkeit des Herodes gehöre, sandte er ihn zu Herodes, welcher zu dieser Zeit auch in Jerusalem war.

15. Da aber Herodes Jesus sah, war er sehr froh; denn er hätte ihn schon seit langem gerne gesehen; denn er hatte viel von ihm gehört und hoffte, er bekäme ein Wunder von ihm zu sehen.

16. Und er befragte ihn mit vielen Worten; aber er antwortete ihm nicht. Die Hohepriester und Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn heftig, und eine Menge falscher Zeugen erhob sich gegen ihn und beschuldigte ihn vieler Dinge, die er nicht kannte.

17. Und Herodes mit seinen Kriegern verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein prächtiges Gewand an und sandte ihn wieder zu Pilatus. Und an demselben Tage wurden Pilatus und Herodes Freunde; denn zuvor waren sie einander feind.

18. Und Pilatus ging wieder in die Gerichtshalle und fragte Jesus: „Woher bist du?“ Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sagte Pilatus zu ihm: „Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und die Macht, dich freizulassen?“

19. Jesus antwortete: „Du hättest keinerlei Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben wäre; darum hat der die größere Sünde, der mich dir ausgeliefert hat.“

20. Von da an trachtete Pilatus danach, wie er ihn losließe; die Juden aber schrien auf und riefen: „Lässt du diesen los, so bist du nicht des Kaisers Freund; denn wer sich zum König macht, der spricht gegen den Kaiser.“

21. Und Pilatus rief die Hohepriester und die Verantwortlichen des Volkes zusammen. Als er sich auf den Richterstuhl gesetzt hatte, sandte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: „Habe du nichts zu tun mit diesem gerechten Manne; denn ich habe heute Nacht im Traume viel gelitten wegen ihm.“

22. Und Pilatus sagte zu ihnen: „Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt, und siehe, ich habe ihn vor euch verhört, und ich habe keine Schuld an ihm gefunden wegen der Dinge, deren ihr ihn anklagt. Noch hat Herodes, zu dem ich ihn gesandt habe, etwas Todeswürdiges an ihm gefunden.

23. Ihr habt aber einen Brauch, dass ich euch einen zu Passah freigebe. Wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden freigebe?“

24. Da schrien sie wieder allesamt: „Nicht diesen, sondern Barabbas!“ Barabbas aber war ein Räuber, der wegen Aufwiegelung in der Stadt und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden war.

25. Pilatus aber wollte Jesus freilassen, und er fragte sie noch einmal: „Welchen von den beiden wollt ihr, dass ich losgebe? Barabbas oder Jesus, den man Christus nennt?“ Und sie riefen: „Barabbas!“

26. Pilatus sagte zu ihnen: „Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus?“ Da riefen sie alle zu ihm: „Lass ihn kreuzigen!“

27. Und der Stadthalter fragte: „Was hat er denn Böses getan?“ Doch sie schrien immer lauter: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“

28. Und Pilatus trat herzu und sagte zu ihnen: „Seht, ich bringe ihn wieder zu euch und sage euch, dass ich keine Schuld an ihm finde.“ Sie aber schrien wieder: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“

29. Und Pilatus fragte sie zum dritten Male: „Warum? Was hat er Böses getan? Ich habe keine Todesschuld an ihm gefunden: Ich will ihn stattdessen geißeln und ihn gehen lassen.“

30. Sie aber schrien anhaltend mit lauten Stimmen und forderten, dass er gekreuzigt werden solle. Und ihre Stimmen und die der Hohepriester übertönten alle.

31. Da nun Pilatus sah, dass er nicht die Oberhand behielt, sondern dass ein ziemlicher Tumult entstand, nahm er Wasser und wusch seine Hände vor dem Volke und sagte: „Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten: Sehet ihr zu!“

32. Da antwortete das ganze Volk und rief: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Und Pilatus gab Befehl, dass alles so geschehe, wie sie es forderten. Und er lieferte ihnen Jesus aus nach ihrem Willen.