56. Die Auferweckung des Lazarus

1. In Bethanien, dem Ort Marias und ihrer Schwester Martha, lag ein Kranker, mit Namen Lazarus. Maria aber war die, welche den Herrn gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hat.

2. Deshalb sandten seine Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: „Herr, siehe, den du lieb hast, der liegt krank.“ Da Jesus das hörte, sprach er: „Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern dass Gottes Herrlichkeit in ihm sichtbar werde.“ Jesus aber hatte Maria und ihre Schwester und Lazarus lieb.

3. Obwohl er hörte, dass er krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Orte, an dem er sich gerade aufhielt. Danach sprach er zu seinen Jüngern: „Lasset uns wieder nach Judäa ziehen.“

4. Seine Jünger sagten zu ihm: „Meister, das letzte Mal wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dahin gehen?“ Jesus antwortete: „Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wer am Tage wandelt, der strauchelt nicht; denn er sieht das Licht dieser Welt.

5. Wer aber des Nachts wandelt, der strauchelt, denn es ist kein Licht in ihm.“ Solches sagte er, und danach sprach er zu ihnen: „Unser Freund Lazarus schläft; aber ich gehe hin, dass ich ihn aus seinem Schlaf aufwecke.“

6. Da sagten seine Jünger: „Herr, wenn er schläft, so wird es gut mit ihm.“ Aber ein Bote kam zu ihm und sprach: „Lazarus ist gestorben.“

7. Und als Jesus ankam, erfuhr er, dass er schon vier Tage im Grabe gelegen hatte (Bethanien war nahe bei Jerusalem, etwa eine Wegstunde). Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, um sie zu trösten wegen ihres Bruders.

8. Sowie Martha hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb daheim noch sitzen. Da sagte Martha zu Jesus: „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber ich weiß auch, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.“

9. Jesus spricht zu ihr: „Dein Bruder schläft, und er soll auferstehen.“ Martha sagt zu ihm: „Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage.“

10. Jesus spricht zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“

11. Sie sagt zu ihm: „Ja, Herr, ich glaube, dass du Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ Und da sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach: „Der Meister ist da und rufet nach dir.“ Als jene das hörte, stand sie eilends auf und kam zu ihm.

12. Denn Jesus war noch nicht in dem Ort, sondern war noch an der Stelle, an der Martha ihn getroffen hatte. Die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen Maria eilends aufstehen und hinausgehen. Sie folgten ihr nach und sagten: „Sie geht hin zum Grabe, um zu weinen.“

13. Als nun Maria Jesus sah und zu ihm kam, fiel sie zu seinen Füßen nieder und sagte zu ihm: „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Als Jesus sie und auch die Juden, die mit ihr kamen, weinen sah, seufzte er im Geiste und war bekümmert. Und er sprach: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Sie sagten zu ihm: „Herr, komm‘ und sieh‘ es!“ Und Jesus weinte.

14. Da sagten die Juden: „Siehe, wie er ihn so lieb gehabt hat!“ Etliche unter ihnen aber sagten: „Konnte er, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht bewirken, dass auch dieser Mann nicht hätte sterben müssen?“ Da seufzte Jesus abermals und kam zum Grabe. Es war eine Höhle, und ein Stein lag davor.

15. Jesus sprach: „Nehmt den Stein weg!“ Martha, seine Schwester, hielt ihn für tot und sagte: „Herr, jetzt stinkt er schon; denn er ist schon vier Tage tot.“ Jesus spricht zu ihr: „Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?“ Da hoben sie den Stein hinweg, da Lazarus lag.

16. Und Jesus hob seine Augen empor und rief singend den großen Namen an und sprach: „Mein Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Doch ich weiß, dass du mich allezeit hörest, aber um des Volkes willen, das umhersteht, rufe ich dich an; dass sie glauben, dass du mich gesandt hast.“ Und da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm‘ heraus!“

17. Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Händen und Füßen, und sein Angesicht verhüllt mit einem Schweißtuch.

18. Jesus spricht zu ihnen: „Bindet ihn auf und lasset ihn gehen. Wenn der Lebensfaden durchschnitten ist, so kommt das Leben nicht wieder; doch wenn er noch ganz ist, so ist noch Hoffnung.“ Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.