54. Das Verhör des Blindgeborenen – Die Jünger als geistiger Leib des Christus

1. Da führten sie zu den Pharisäern, den der früher blind war. Es war aber Sabbat, da Jesus den Lehm anrührte und seine Augen öffnete.

2. Da fragten ihn auch die Pharisäer, wie er sein Augenlicht erhalten hätte. Er aber sagte zu ihnen: „Er strich den Brei auf meine Augen, und ich wusch mich und bin nun sehend.“

3. Einige Pharisäer sagten: „Dieser Mann ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.“ Andere aber sagten: „Wie kann ein sündiger Mensch solche Wunder tun?“ Und es war Uneinigkeit unter ihnen.

4. Sie sagten wieder zu dem Blinden: „Was sagst du von ihm, der deine Augen aufgetan hat?“ Er sagte: „Er ist ein Prophet.“

5. Die Juden aber glaubten nicht von ihm, dass er blind gewesen und sehend geworden wäre, und sie riefen die Eltern des Sehend-Gewordenen.

6. Und sie fragten sie und sagten: „Ist das euer Sohn, von welchem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er denn nun sehend?“ Seine Eltern antworteten ihnen und sagten: „Wir wissen, dass dieser unser Sohn ist und dass er blind geboren ist; warum er aber nun sieht, wissen wir nicht; und wer ihm seine Augen aufgetan hat, wissen wir auch nicht. Er ist alt genug, fragt ihn, lasst ihn selbst für sich reden.“

7. Solches sagten seine Eltern, denn sie fürchteten sich vor den Juden; denn die Juden hatten schon vereinbart, wenn jemand ihn als den Christus bekenne, würde er aus der Synagoge ausgestoßen. Darum sagten seine Eltern: „Er ist mündig, fragt ihn selbst.“

8. Da riefen sie wieder den Mann, der blind gewesen war, und sagten zu ihm: „Gib Gott die Ehre: Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.“ Er antwortete und sagte: „Ob er ein Sünder ist oder nicht, weiß ich nicht; eines aber weiß ich, dass ich blind war und nun sehend.“

9. Da fragten sie ihn wieder: „Was tat er dir? Wie tat er deine Augen auf?“ Er antwortete ihnen: „Ich habe es euch schon gesagt, und ihr habt es nicht gehört. Was wollt ihr es abermals hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden?“

10. Da schmähten sie ihn und sagten: „Du bist sein Jünger; wir aber sind Moses Jünger. Wir wissen, dass Gott mit Moses geredet hat. Woher aber dieser ist, wissen wir nicht.“

11. Der Mann antwortete und sagte zu ihnen: „Sieh da, das ist erstaunlich, dass ihr nicht wisst, woher er sei, und er hat doch meine Augen aufgetan. Nun wissen wir doch, dass Gott die Sünder nicht erhört.

12. Sondern, so jemand gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den erhört er. Seit Anfang der Welt hat man noch nicht gehört, dass einem Blindgeborenen die Augen geöffnet wurden. Wäre dieser Mensch nicht von Gott, er könnte nichts tun.“

13. Sie antworteten und sagten zu ihm: „Du bist ganz in Sünden geboren, und du willst uns belehren?“ Und sie stießen ihn hinaus.

14. Jesus hörte, dass sie ihn ausgestoßen hatten; und da er ihn fand, sprach er zu ihm: „Glaubst du an den Sohn Gottes?“ Er antwortete und sprach: „Herr, welcher ist es, dass ich an ihn glaube?“

15. Jesus sprach zu ihm: „Du hast ihn zweimal gesehen, und er ist es, der mit dir redet.“ Und er sprach: „Herr, ich glaube.“ Und er betete ihn an.

16. Und Jesus sprach: „Ich bin zum Gerichte in diese Welt gekommen, auf dass die, welche nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden.“ Und einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten diese Worte und sagten zu ihm: „Sind wir denn auch blind?“

17. Jesus kam an einen Ort, wo sieben Palmbäume wuchsen, und versammelte seine Jünger um sich und gab einem jeden eine Zahl und einen Namen, welche nur der kannte, der sie empfing. Und er sprach zu ihnen: „Stehet wie Pfeiler in dem Hause Gottes und führet aus die Befehle gemäß den Ziffern, die ihr erhalten habt.“

18. Und sie standen rings um ihn, und sie bildeten ein Viereck und zählten die Ziffern; aber sie konnten es nicht. Und sie sagten: „Herr, wir können es nicht.“ Und Jesus sprach: „Lasset den, welcher der Größte unter euch ist, gleich sein dem Geringsten und das Zeichen des Ersten gleich dem Zeichen des Letzten.“

19. Und so taten sie, und in jeglicher Weise ward Gleichheit, und doch trug jeder eine andere Zahl, und die eine Seite war wie die andere, und die obere war wie die untere, und die innere war wie die äußere. Und der Herr sprach: „Es ist genug. So ist das Haus des weisen Baumeisters. Viereckig ist es und vollkommen. Der Räume sind viele, aber es ist nur ein Haus.

20. Betrachtet wieder den Leib des Menschen, welcher ein Tempel des Geistes ist. Denn der Leib ist eins mit dem Kopfe, und es ist ein Körper. Und er hat viele Glieder, doch alle sind zusammen ein Körper, und der Geist beherrscht und regiert alles. Ebenso ist es im Reiche Gottes.

21. Und der Kopf spricht nicht zu der Brust, ich brauche dich nicht, noch die rechte Hand zu der linken, ich brauche dich nicht, noch der linke Fuß zum rechten Fuß, ich brauche dich nicht; weder sprechen die Augen zu den Ohren, wir brauchen euch nicht, noch der Mund zu der Nase, ich brauche dich nicht. Denn Gott hat jegliches Glied dorthin gesetzt, wo es am besten taugt.

22. Wenn der Kopf das Ganze wäre, wo wäre die Brust? Wenn die Eingeweide das Wichtigste wären, wo wären die Füße? Ja, diese Glieder, welche etliche für weniger ehrenwert halten, hat Gott mit der meisten Ehre versehen.

23. Und jenen Teilen, welche manche für unschön halten, denen ist umso mehr Anmut gegeben worden, auf dass sie füreinander sorgten; so leiden alle Glieder, wenn auch nur eines von ihnen leidet, und wenn eines der Glieder geehrt wird, so erfreuen sich dessen alle andern Glieder.

24. Nun seid ihr mein Körper; und jeder von euch ist ein besonderes Glied von mir, und jedem von euch gebe ich seinen angemessenen Platz, einen Kopf über allen und ein Herz als Mittelpunkt von allen, auf dass nirgendwo eine Lücke sei, auf dass ebenso wie eure Körper, eure Seelen und euer Geist auch ihr preiset die All-Eltern durch den Heiligen Geist, der da wirket in allen und durch alle.“