47. Richtiges Verständnis der Gebote – Gleichnis vom reichen Manne und dem Bettler Lazarus

1. Und als sie vom Berg herabgekommen waren, fragte ihn einer seiner Jünger: „Meister, wird ein Mensch in das Leben eingehen, wenn er nicht alle Gebote hält?“ Und er sprach: „Das Gesetz ist gut dem Buchstaben nach, aber es ist noch besser dem Geiste nach. Denn der Buchstabe ohne den Geist ist tot, aber der Geist macht den Buchstaben lebendig.

2. Gebt acht, dass ihr im Herzen und im Geiste der Liebe alle Gebote befolgt, welche ich euch gegeben habe.

3. Es stehet geschrieben: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch, die da hassen und wünschen zu töten, sind schuldig am Gesetz. Ja, wenn sie unschuldigen Geschöpfen Schmerz und Qual bereiten, so sind sie schuldig. Aber wenn sie töten, nur um Leiden, die nicht geheilt werden können, ein Ende zu bereiten, so sind sie nicht schuldig, wenn sie es rasch und in Liebe tun.

4. Es wird gesagt, du sollst nicht stehlen. Ich aber sage euch, alle, welche nicht zufrieden sind mit dem, was sie haben, und wünschen und begehren das, was andere haben, oder welche dem Arbeiter vorenthalten, was ihm gebührt, diese haben bereits gestohlen in ihrem Herzen, und ihre Schuld ist größer als diejenige eines Menschen, welcher ein Laib Brot stiehlt aus Not, um seinen Hunger zu stillen.

5. Und Ich habe euch gesagt, ihr sollt nicht ehebrechen. Aber ich sage euch, wenn ein Mann und ein Weib sich in Ehe verbinden mit kranken Körpern und kranke Nachkommen zeugen, so sind sie schuldig, selbst wenn sie nicht ihres Nächsten Weib oder Mann genommen haben. Und auch solche, welche kein Weib genommen haben, das einem anderen angehört, aber es in ihrem Herzen wünschen und sie begehren, die haben bereits im Geiste die Ehe gebrochen.

6. Und Ich sage euch wiederum: Jeder, der den Körper irgendeines Geschöpfes zur Nahrung, zum Vergnügen oder zum Gewinn zu besitzen sucht, verunreinigt sich hierdurch.

7. Und wenn ein Mann seinem Nächsten die Wahrheit sagt in der Absicht, ihm zu schaden, so ist er schuldig, auch wenn es buchstäblich wahr ist.

8. Wandelt im Geiste, so werdet ihr das Gesetz erfüllen und reif für das Reich Gottes werden. Lasset das Gesetz lieber in euren Herzen sein denn auf Gedenktafeln, welches ihr nichtsdestoweniger tun sollt und nicht ungetan lassen. Denn das Gesetz, welches ich euch gegeben habe, ist heilig, gerecht und gut, und gesegnet seien alle, welche ihm gehorchen und in ihm wandeln.

9. Gott ist Geist, und welche Gott anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten zu allen Zeiten und an allen Orten.“

10. Und zu den Reichen sprach er dieses Gleichnis: „Es war ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und feinem Linnen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.

11. Es war aber auch ein Bettler mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Türe voller Schmerzen. Und er begehrte, sich zu sättigen von den Brotstücken, die von des Reichen Tische fielen. Doch kamen die Hunde und leckten ihm seine Schmerzen.

12. Es begab sich aber, dass der Bettler starb und von Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Der Reiche aber starb auch und ward mit großer Pracht begraben. Als er nun im Hades seine Augen aufhob in seinen Qualen, sah er Abraham in der Ferne und Lazarus in seinem Schoße.

13. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle; denn ich leide Pein an diesem Ort.

14. Abraham aber sprach: Bedenke, Sohn, dass du in deinem Leben dein Gutes empfangen hast, Lazarus dagegen hat Böses empfangen. Nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und so sind die Wechsel im Leben zur Läuterung der Seele. Und überdies ist zwischen uns und euch eine große Kluft gelegt, so dass, die da wollten von hier zu euch hinabkommen, es nicht können, und ebenso wenig von euch zu uns herüberkommen, bis sich ihre Zeit erfüllt hat.

15. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, damit er ihnen Zeugnis gebe, auf dass sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen.

16. Abraham sprach zu ihm: Sie haben Moses und die Propheten. Lass sie diese hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham; aber wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.

17. Abraham sprach zu ihm: Wenn sie Moses und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten auferstünde.