Der verlorene Sohn

Und viele Unreine und Kranke folgten Jesu Worten und zogen an die Ufer der murmelnden Flüsse. Sie zogen ihre Schuhe und Kleider aus, sie fasteten, und sie boten ihre Leiber den Engeln der Luft, des Wassers und der Sonne dar. Und die Engel der Erdenmutter umarmten sie und erfüllten ihre Leiber innen und außen. Und alle sahen alle Übel, Sünden und Unsauberkeiten eiligst aus ihnen flüchten. Und der Atem von einigen wurde so stinkend wie der Wind, der aus Eingeweiden entweicht, und andere warfen Speichel aus und erbrachen. Alle diese Unsauberkeiten flossen aus Mund oder Nase, sogar aus Augen und Ohren. Und manche stießen über die ganze Haut einen widerlichen, abscheulichen Schweiß aus. Und an manchen Gliedern brachen große Beulen und Furunkel aus und entleerten stinkenden Schmutz, und der Harn floß in Strömen; und bei andern trocknete der Harn ein und wurde so dick wie Bienenhonig; wieder bei andern wurde er fast rot oder schwarz, und fast so hart wie der Sand der Flüsse. Und manche gaben Winde von sich, die stanken wie der Atem der Teufel. Und ihr Gestank wurde so groß, dass niemand ihn ertragen konnte.

Und wenn sie sich selber tauften, wenn der Wasserengel in ihre Leiber eintrat und alle Gräuel und Unsauberkeiten vergangener Sünden ausströmten, so brauste es wie ein stürzender Bergbach von der Fülle harter und weicher Kotreste. Und der Grund, auf den diese Wasser stürzten, wurde verseucht, und der Gestank wurde so groß, dass niemand dort bleiben konnte.

Und die Teufel verließen die Eingeweide in Form unzähliger Würmer, die sich im Schlamme des innern Schmutzes krümmten. Und sie wanden sich in ohnmächtiger Wut, da der Wasserengel sie aus den Leibern der Menschenkinder getrieben hatte. Und nun stießen die Kräfte des Sonnenengels auf sie hernieder, und bald lief unter dem zermalmenden Tritt des Todesengels das letzte Todeszucken durch sie. Und alle erzitterten vor Schrecken, wenn sie alle diese Satansgreuel erblickten, von denen die Engel sie erlöst hatten. Und sie dankten Gott, der ihnen seine Engel zu ihrer Befreiung gesandt hatte.

Und da waren auch einige, die von großen Schmerzen gequält wurden, die nicht von ihnen weichen wollten, und da sie nicht wußten, was sie tun sollten, entschlossen sie sich, jemanden zu Jesus zu senden; denn sie wünschten sehr, er möchte bei ihnen sein.

Und als zwei sich auf den Weg machten, sahen sie Jesus selber zum Flussufer kommen. Und ihre Herzen erfüllten sich mit Hoffnung und Freude, als sie seinen Gruß hörten: »Friede sei mit euch.« Und so viele Fragen wollten sie ihm stellen; doch in ihrer Verwunderung konnten sie nicht beginnen, nichts fiel ihnen ein. Da sagte Jesus zu ihnen: »Ich komme, weil ihr mich nötig habt.« Und einer rief: »Meister, wir brauchen dich wirklich, komm und erlöse uns aus unseren Qualen.«

Und Jesus sprach zu ihnen in Gleichnissen: »Ihr seid wie der verlorene Sohn, der viele Jahre aß und trank und seine Tage mit Freunden in liederlichem Leben verprasste. Jede Woche häufte er neue Schulden, ohne dass sein Vater es wusste, und alles verjubelte er in wenig Tagen. Und willig liehen ihm die Geldverleiher, weil sein Vater sehr große Güter besaß und immer geduldig die Schulden seines Sohnes bezahlte. Und vergeblich ermahnte er mit guten Worten seinen Sohn; denn dieser hörte nicht auf seinen Vater, der ihn umsonst flehentlich bat, doch sein ausschweifendes Leben endlich aufzugeben und auf den Feldern die Aufsicht über ihre Arbeiter zu führen. Und immer wieder versicherte der Sohn ihm, er werde alles tun, wenn der Vater nur noch dies letzte Mal seine Schulden bezahle; doch am nächsten Tage setzte er sein Lasterleben bedenkenlos fort. Das führte er mehr als sieben Jahre so weiter. Doch zuletzt verlor sein Vater die Geduld und zahlte den Geldverleihern die Schulden seines Sohnes nicht mehr.

»Zahle ich immer weiter«, sagte er, »so werden die Sünden meines Sohnes zu keinem Ende kommen.« Nun ergriffen die Geldverleiher in ihrer Wut den Sohn und machten ihn zum Sklaven, damit er durch tägliche Fron nach und nach alles geborgte Geld zurückbezahlte. Und nun hörten das reichliche Essen und Trinken und die täglichen Schlemmereien auf. Vom Morgen bis tief in die Nacht wässerte er im Schweiße seines Angesichtes die Felder, und alle seine Glieder schmerzten von der ungewohnten Arbeit. Und er lebte von trockenem Brot und hatte nichts als Tränen, um es zu benetzen. Und nachdem er drei Tage vor Hitze und Übermüdung gelitten hatte, sagte er zu seinem Herrn: »Ich kann nicht mehr arbeiten, denn alle meine Glieder schmerzen. Wie lange willst du mich derart quälen?« – »Bis zu dem Tage, da du mir durch deiner Hände Arbeit alle deine Schulden bezahlt hast, und hast du sieben Jahre hinter dir, so wirst du frei werden.« Und der verzweifelte Sohn antwortete weinend: »Doch ich kann es nicht einmal sieben Tage ertragen. Erbarme dich meiner, denn alle meine Glieder brennen und schmerzen.« und der böswillige Gläubiger rief: »Treibe deine Arbeit voran! Konntest du sieben Jahre deine Tage und Nächte liederlich verleben, so mußt du nun auch sieben Jahre arbeiten.

Ich werde dir nicht vergeben, es sei denn, du habest alle deine Schulden bis zur letzten Drachme zurückbezahlt.« Und der Sohn mit seinen schmerzgemarterten Gliedern, wankte verzweifelt in die Felder zurück an seine Arbeit. Vor Müdigkeit und Schmerzen konnte er kaum mehr auf seinen Füßen stehen, als der siebente Tag kam – der Sabbat, da niemand auf den Feldern arbeitete. Da raffte der Sohn den Rest seiner Kräfte zusammen und schwankte zum Hause seines Vaters. Dort warf er sich seinem Vater zu Füßen und sagte: »Vater, glaube mir nun zum letzten Mal und vergib mir alles, was ich dir angetan habe. Ich schwör dir, ich werde nie mehr liederlich leben und in allen Dingen dein folgsamer Sohn sein. Befreie mich aus den Händen meiner Peiniger. Vater, sieh mich und meine siechen Glieder an und verschließe mir dein Herz nicht.« Da kamen Tränen in die Augen des Vaters, und er nahm seinen Sohn in die Arme und sagte: »Last uns fröhlich sein; denn heute ist mir eine große Freude geschenkt worden. Ich habe meinen geliebten Sohn, der verloren war, wieder gefunden.« Und er kleidete ihn in auserlesene Gewänder, und festlich feierten sie den ganzen Tag. Und am nächsten Morgen gab der Vater seinem Sohn einen Beutel mit Silber, damit er seinen Gläubigern alle Schulden zurückbezahlen könne. Und als sein Sohn zurückkam, sagte er zu ihm: »Mein Sohn, siehst du nun, wie leicht es ist, durch ein liederlich Leben Schulden für sieben Jahre sich aufzubürden, wie schwer aber, sie durch sieben Jahre Zwangsarbeit wieder abzutragen?« – »Vater, es ist wirklich schwer, für sie zu zahlen, und sei es auch nur sieben Tage.« Und sein Vater ermahnte ihn: »Für diesmal sei dir noch erlaubt, deine Schulden statt in sieben Jahren in sieben Tagen zurückzuzahlen, und der Rest sei dir erlassen. Doch gib acht, dass du in Zukunft keine neuen Schulden mehr machst. Denn wahrlich sage ich dir, dass niemand anders als dein Vater dir deine Schulden vergibt, weil du sein Sohn bist. Denn bei allen andern hättest du sieben Jahre schwer zu arbeiten, wie es in unsern Gesetzen geschrieben steht.«

»Mein Vater, von nun an werde ich dein liebender und folgsamer Sohn sein, und ich werde keine neuen Schulden mehr machen; denn ich weiß nun, wie schwer es ist, sie zurückzuzahlen.«

Und er ging auf seines Vaters Felder und überwachte jeden Tag die Arbeit der Knechte seines Vaters. Und nie bürdete er ihnen schwere Lasten auf; denn er erinnerte sich seiner eigenen Fronarbeit. Und die Jahre vergingen, und seines Vaters Güter gediehen immer besser unter seinen Händen; denn der Segen seines Vaters ruhte auf seinem Werke. Und nach und nach gab er seinem Vater zehnfältig alles zurück, was er in den sieben Jahren verschwendet hatte.

Und als sein Vater sah, dass sein Sohn so wohl mit seinen Dienern und all seinem Besitze umzugehen gelernt hatte, sagte er zu ihm: »Mein Sohn, ich sehe, dass meine Güter in guten Händen sind. Nun übergebe ich dir all mein Vieh, mein Haus, meine Ländereien und meine Schätze. Laß all dies dein Erbe sein, und fahre fort, es zu mehren, damit es dir zur Freude werde.« Und da sein Sohn von seinem Vater dies Erbe empfangen hatte, schenkte er all seinen Schuldnern, die ihn nicht bezahlen konnten, ihre Schulden; denn er hatte nicht vergessen, dass auch seine Schuld ihm geschenkt worden war, als er sie nicht bezahlen konnte. Und Gott segnete ihn durch ein langes Leben, durch viele Kinder und Reichtümer, weil er zu all seinen Dienstboten und zu all seinem Vieh gütig war.«

Nun wandte sich Jesus zu den kranken Leuten und sagte: »Ich rede zu euch in Gleichnissen, damit ihr Gottes Wort besser verstehet. Die sieben Jahre reichlichen Essens und Trinkens und liederlichen Lebens sind die Sünden, die hinter euch liegen. Der böswillige Gläubiger ist Satan.

Die Schulden sind Krankheiten. Die Zwangs arbeit sind die Schmerzen. Der verlorene Sohn, das seid ihr selber. Die Rückzahlung der Schulden besteht im Austreiben der Teufel und Krankheiten, in der Heilung eures Leibes. Der Beutel mit Silber, den der Vater dem Sohne reicht, ist die befreiende Kraft der Engel. Der Vater ist Gott. Die Diener des Vaters sind die Engel. Die Felder des Vaters sind die Welt, die in das Himmelreich umgewandelt wird, wenn die Menschenkinder in ihr zusammen mit den Engeln des Himmelvaters arbeiten. Denn ich sage euch, es ist besser, der Sohn gehorche seinem Vater und überwache seines Vaters Diener auf den Feldern, statt dass er der Schuldner des böswilligen Gläubigers werde, und in Leibeigenschaft sich abmühen und schwitzen muß, um alle seine Schulden zurückzuzahlen.

Ebenso ist besser, wenn die Menschenkinder die Gesetze ihres Himmelvaters befolgen und mit seinen Engeln in seinem Reiche arbeiten, statt dass sie Schuldner des Satans werden, des Herrn des Todes, aller Sünden und Krankheiten, und dass sie Schmerzen leiden und schwitzen, bis sie alle ihr Sünden beglichen haben. Ich sage euch wahrlich, groß und zahlreich sind eure Sünden. Viele Jahre habt ihr Satans Verlockungen nachgegeben. Ihr habt geschlemmt, gezecht, gehurt, und eure Schulden aus der Vergangenheit haben sich vervielfacht. Und nun müßt ihr sie zurückzahlen, und zu bezahlen ist hart und schwer. Seid daher nicht schon nach dem dritten Tage ungeduldig, wie der verlorene Sohn, sondern wartet geduldig den siebenten Tag ab, der durch Gott geheiligt ist, und dann geht mit demütigem und folgsamem Herzen vor das Antlitz eures Himmelvaters, damit er euch all eure Sünden und all eure Schulden erlassen möge. Ich sage euch wahrlich, euer Himmelvater liebt euch ohne Ende; denn auch er erlaubt euch, in sieben Tagen die Schulden von sieben Jahren zurückzuzahlen. Wer die Sünden und Krankheiten von sieben Jahren schuldet, doch ehrlich und beharrlich bis zum siebenten Tage zurückzahlt, dem wird unser Himmelvater die Schulden der ganzen sieben Jahre erlassen.«

»Und wenn wir sieben mal sieben Jahre gesündigt haben?« fragte ein Kranker, der schrecklich litt.

»Selbst in diesem Falle vergibt euch der Himmelvater all eure Schulden in sieben und sieben Tagen.«

»Selig sind alle, die bis zum Ende durchhalten; denn Satans Teufel zeichnen alle eure üblen Taten in einem Buche auf, im Buche eures Leibes, und eures Geistes. Ich sage euch wahrlich, es gibt nicht eine sündige Tat, die nicht aufgezeichnet wäre, selbst vom Beginne der Welt an, vor unserm Himmelvater. Denn den Gesetzen, die Könige gemacht haben, mögt ihr entschlüpfen, doch niemals den Gesetzen eures Gottes. Und kommt ihr vor Gottes Angesicht, so werden die Teufel des Satans gegen euch zeugen durch eure Taten, und Gott sieht eure Sünden im Buche eures Leibes und eures Geistes aufgezeichnet und wird traurig bis ins Herz hinein. Doch wenn ihr eure Sünden bereut und durch Fasten und Beten die Engel Gottes sucht, dann löschen Gottes Engel jeden Tag, den ihr mit Fasten und Beten fortfahrt, ein Jahr eurer üblen Taten aus dem Buche eures Leibes und eures Geistes. Und ist dereinst die letzte Seite ausgelöscht und von all euren Sünden gereinigt, so steht ihr vor Gottes Angesicht, und Gott freut sich tief in sein Herz hinein und vergibt euch alle eure Sünden. Er befreit euch aus den Krallen Satans und vom Leiden; er nimmt euch in sein Haus und gebietet all seinen Dienern, all seinen Engeln, euch zu dienen; er gibt euch ein langes Leben, und Krankheiten werdet ihr nicht sehen. Und wenn ihr von da an statt zu sündigen eure Tage mit guten Taten verbringt, so werden die Engel Gottes alle eure guten Taten in das Buch eures Leibes und eures Geistes aufzeichnen. Ich sage euch wahrlich, keine gute Tat bleibt vor Gott unaufgezeichnet, selbst vom Beginne der Welt an. Bei euren Königen und Herrschern mögt ihr vergeblich auf euren Lohn warten; doch niemals werden eure guten Taten den Gotteslohn zu vermissen haben.

Kommt ihr vor Gottes Angesicht, so werden seine Engel mit euren guten Taten für euch zeugen.

Gott sieht eure guten Taten in euren Leibern und in eurem Geiste aufgezeichnet, und das erfreut sein Herz. Er segnet euren Leib und euren Geist und alle eure guten Taten und gibt euch als Erbe sein irdisches und himmlisches Reich, damit ihr ewig in ihm leben könnt. Selig ist, wer ins Reich Gottes eintritt; denn nie wird er den Tod sehen.«

Und eine große Stille folgte diesen Worten. Und die Entmutigten schöpften neue Kraft aus seinen Worten und setzten ihr Fasten und Beten fort. Und der zuerst gesprochen hatte, sagte zu ihm. .Ich will bis zum siebenten Tage durchhalten.« Und auch der zweite sagte zu ihm: »Auch ich will bis zum sieben mal siebenten Tage durchhalten.«

Jesus antwortete ihnen: »Selig sind alle, die bis zum Ende durchhalten; denn sie werden das Erdreich besitzen.«

Und da waren viele Kranke unter ihnen, die von schmerzhaften Leiden gemartert wurden und die Jesus kaum vor die Füße zu kriechen vermochten. Denn sie konnten nicht mehr aufrecht gehen. Sie sagten: »Meister, uns quälen drückende Schmerzen; sage uns, was wir tun sollen.«

Und sie zeigten Jesus ihre Füße, deren Knochen verkrümmt und knotig waren und sagten: »Weder der Engel der Luft, noch der des Wassers, noch der der Sonne haben unsere Schmerzen gestillt, obgleich wir uns getauft haben und fasten und beten und deine Worte in allem befolgen.«

»Ich sage euch wahrlich, eure Knochen werden heilen. Seid nicht entmutigt, sondern bettet euch zur Heilung eng an den Erdengel. Denn eure Knochen werden dorthin zurückkehren, wo sie genommen wurden.«

Und er deutete mit seiner Hand auf eine Stelle, wo das fließende Wasser und die heiße Sonne am Ufer den Lehm der Erde aufgeweicht hatten. »Senkt eure Füße in diesen Schlamm, damit die Umarmung des Erdengels allen Schmutz und alle Krankheit aus euren Knochen ziehen kann. Und ihr werdet sehen, wie Satan und eure Schmerzen der Umarmung des Erdengels entfliehen werden. Und die Knoten eurer Knochen werden dahinschwinden, und diese werden sich strecken, und alle eure Schmerzen werden von euch gehen.« Und die Kranken folgten seinen Worten; denn sie wussten, dass sie geheilt werden würden.

Und da waren auch andere Kranke, die große Schmerzen litten, obgleich sie weiterfasteten.

Und ihre Kräfte waren verbraucht, und große Hitze marterte sie. Und als sie sich erheben wollten, um zu Jesus zu gehen, da wurden sie schwindlig, als ob ein Windstoß sie schüttelte, und so oft sie aufzustehen versuchten, fielen sie zurück auf die Erde. Nun trat Jesus zu ihnen und sagte: »Ihr leidet; denn Satan und seine Krankheiten martern euren Leib. Doch fürchtet euch nicht, ihre Macht über euch wird bald enden. Denn Satan ist wie ein böser Nachbar, der in seines abwesenden Nachbars Haus eindrang, um ihm alle Güter wegzunehmen und in sein eigen Haus zu schaffen. Doch jemand meldete dem Beraubten, sein Feind tobe in seinem Hause, und er lief zurück zu seinem Heim. Und da der böse Nachbar, der alles zusammengerafft hatte, was ihm gefiel, den Herrn des Hauses von ferne zurückeilen sah, da wurde er sehr wütend, weil er nicht alles wegschleppen konnte und begann nun, alles zu zerstampfen und zu zerstören, damit der Nachbar auch das nicht mehr gebrauchen könne, was er ihm zurücklassen müsse. Doch unverzüglich drang der Hausherr ein, und ehe der böse Nachbar sein Vorhaben ausführen konnte, ergriff er ihn und warf ihn aus dem Hause. Ich sage euch wahrlich, genauso drang Satan in eure Leiber ein, die Gottes Wohnstätten sind. Und alles reißt er an sich, was er zu stehlen wünschte: euren Atem, euer Blut, eure Knochen, euer Fleisch, eure Eingeweide, eure Augen und eure Ohren. Doch durch euer Fasten und Beten habt ihr den Herrn eures Leibes und seine Engel zurückgerufen. Und nun sieht Satan, dass der wahre Herr eures Leibes zurückkehrt und dass seine Macht nun ein Ende nimmt. Nun sammelt er noch einmal seine Kräfte, um euren Leib zu zerstören, ehe der Herr da ist. Daher quält Satan euch so schrecklich, weil er sein Ende kommen fühlt. Doch lasst eure Herzen nicht erzittern; denn bald werden Gottes Engel erscheinen, um ihre Wohnungen wieder zu beziehen und sie wieder zu Tempeln Gottes zu machen. Und sie werden Satan ergreifen und ihn samt all seinen Krankheiten und all seinem Schmutz aus eurem Leibe werfen. Und selig werdet ihr sein; denn der Lohn für eure Standhaftigkeit wird euch zukommen, und ihr werdet nie mehr krank werden.«

Und da war einer unter den Kranken, der von Satan mehr als alle andern gemartert wurde. Und sein Leib war ausgedörrt wie ein Skelett und seine Haut gelb wie ein fallend Blatt. Er war bereits so schwach, dass er nicht einmal mehr kriechen konnte und rief Jesus von ferne zu: »Meister erbarme dich meiner; denn nie noch seit Beginn der Welt litt ein Mensch so wie ich. Ich weiß, dass du wahrlich von Gott gesandt bist, und ich weiß, dass du Satan unverzüglich aus meinem Leibe treiben kannst, wenn du es willst.

Die Engel Gottes gehorchen doch dem Boten Gottes! Komm, Meister, und treibe Satan aus mir; denn er wütet in mir und quält mich furchtbar.«

Und Jesus antwortete: »Satan martert dich so sehr, weil du bereits so viele Tage gefastet hast und du ihm keinen Tribut mehr bezahlst. Du fütterst ihn nicht mehr mit all den Gräueln, mit denen du bisher den Tempel deines Geistes beschmutzt hast. Du quälst Satan durch Hunger, und in seinem Zorn martert er nun auch dich. Fürchte dich nicht; denn ich sage dir, Satan wird zerstört werden, ehe noch dein Leib zerstört sein wird; denn während du fastest und betest, beschützen Gottes Engel deinen Leib, damit Satans Macht ihn nicht zerstören kann. Und Satans Wut ist machtlos gegen die Engel Gottes.«

Nun kamen alle zu Jesus und flehten ihn mit lauten Rufen an: »Meister, erbarme dich seiner; denn er leidet mehr als wir andern alle, und wenn du Satan jetzt nicht gleich aus ihm treibst, so fürchten wir, unser Kamerad werde den Morgen nicht mehr erleben.«

Und Jesus sagte: »Groß ist euer Glaube. So sei denn euer Glaube gerechtfertigt, und bald werdet ihr, von Angesicht zu Angesicht, Satans schreckliche Gestalt und die Macht des Menschensohnes sehen. Ich werde nun durch die Kraft des unschuldigen Lammes Gottes, seines schwächsten Geschöpfes, den mächtigen Satan aus dir treiben. Denn Gottes heiliger Geist gibt dem Schwächsten mehr Macht als dem Stärksten.«

Und Jesus molk ein Mutterschaf, das im Grase weidete. Und er schüttete die Milch in den Sand, der von Sonne heiß war, und sagte: »Sehet, die Kraft des Wasserengels ist schon in der Milch.

Und nun wird auch die Kraft des Sonnenengels in sie eintreten.«

Und da wurde die Milch heiß durch die Kraft der Sonne. »Und nun werden sich die Engel des Wassers mit dem Luftengel verbinden.« Und siehe, der Dampf der heißen Milch begann sachte in die Luft aufzusteigen.

»Komm nun und atme durch deinen Mund die Kraft der Engel des Wassers, der Sonne und der Luft ein in deinen Leib, damit sie den Satan austreiben können!«

Und der kranke, von Satan gepeinigte Mann atmete in tiefen Zügen den aufsteigenden weißlichen Dampf ein.

»Gleich wird der Satan deinen Leib verlassen! Denn seit drei Tagen hungert er und findet in dir keine Nahrung mehr. Er wird nun deinen Leib verlassen, um seinen Hunger mit der heißen dampfenden Milch, die er gerne mag, zu stillen. Er wird ihren Duft riechen und dem Hunger, der ihn schon drei Tage quält, nicht widerstehen können. Doch der Menschensohn wird seinen Leib zerstören, damit er niemanden mehr zu Quälen vermag.«

Nun wurde der Leib des Kranken vom Fieber geschüttelt, und er reckte sich, als wollte er sich erbrechen, konnte es aber nicht. Und er rang nach Luft; doch sein Atem erlöschte. Und er sank in Jesu Schoß in Ohnmacht.

»Nun verlässt Satan seinen Leib, schaut ihn an!« und Jesus deutete auf den offenen Mund des Kranken.

Und nun sahen alle mit Staunen und Schrecken Satan in Gestalt eines gräulichen Wurmes aus dem Munde kommen, geradewegs auf die dampfende Milch zu. Und Jesus ergriff zwei scharfe Steine und zerquetschte Satans Kopf und zog das ganze Ungeheuer aus dem Leibe des Kranken, und es war fast so lang wie ein Mensch. Als der grässliche Wurm die Kehle des Kranken verlassen hatte, kam sogleich dessen Atem zurück, und alle seine Schmerzen waren vorbei. Und die andern starrten mit Schrecken auf Satans gräulichen Leib. »Siehe, welch Ungetier hast du nun jahrelang in deinem Leibe getragen und gefüttert! Nun habe ich es ausgetrieben und getötet, damit es dich nie mehr quälen könne. Danke Gott und seinen Engeln, dass sie dich erlöst haben, und sündige fortan nicht mehr, damit Satan nicht wieder in dir einkehren kann. Lasse deinen Leib von nun an einen Tempel sein, der deinem Gotte geweiht ist.«

Und alle staunten ob seinen Worten und ob seiner Macht. Und sie sagten: »Meister, du bist wahrlich Gottes Bote und kennst alle Geheimnisse.«

»Und ihr«, antwortete Jesus, »seid nun wahre Kinder Gottes, damit ihr an seiner Macht und seinem Wissen aller Geheimnisse auch teilhaben könnt. Denn Weisheit und Kraft können nur aus Gottes Liebe kommen. Liebet daher euren Himmelvater und eure Erdenmutter aus ganzem Herzen und mit ganzem Gemüt. Und dient ihnen, auf dass ihre Engel euch dienen mögen. Weiht alle eure Taten Gott. Und gebt Satan kein Futter mehr; denn der Tod ist der Sünde Lohn. Bei Gott aber ruht die Vergeltung des Guten, seine Liebe, die Weisheit und Macht des ewigen Lebens ist.«

Und sie alle knieten nieder, um Gott für seine Liebe zu danken.

Und Jesus ging von ihnen, mit den Worten: »Ich werde wiederkommen, zu allen, die bis zum siebenten Tage mit Fasten und Beten ausharren. Friede sei mit euch.«

Und der kranke Mann, dem Jesus den Teufel ausgetrieben hatte, erhob sich; denn die Lebenskraft war in ihn zurückgekehrt. Er atmete tief, und seine Augen wurden klar; denn jeglicher Schmerz hatte ihn verlassen. Und er warf sich nieder auf die Erde, da Jesus gestanden, und küsste seine Fußspuren und weinte.